Eleonore Görges

Il Sogno ... der Traum

Als sie erwacht an diesem warmen Sommermorgen und in den sonnendurchfluteten Raum schaut, überkommt sie ein ebenso warmes Gefühl, ganz tief aus ihrem Innern. Im gleichen Moment erinnert sie sich, dass sie wieder von Messina geträumt hat, von Natale und seiner so liebenswerten Familie.
Mein Gott, wie lange ist das schon her? Sie rechnet kurz, es sind nun genau 50 Jahre vergangen, seit sie als junges, 16 jähriges Mädchen, Schutz bei dieser Familie gefunden hatte, Schutz und Heimat für ein paar Wochen.
Julia war damals, noch 15 jährig, von zu Hause ausgerissen, weil die Familienverhältnisse sie dazu gebracht haben.
Ihre lange Reise führte sie nach Messina auf Sizilien, eine Reise mit der Bahn, an die 2.000 km von zu Hause entfernt. Sie war 15, hatte kaum Geld dabei. Nachdem sie die Fahrkarte bezahlt hatte, blieb ihr nicht mehr viel, nur noch 150 DM in der damaligen Währung. Aber sie machte sich keine Gedanken darüber, sie wollte im Ausland arbeiten und ihren Eltern beweisen, dass sie mehr kann, als diese von ihr dachten. Sie verließ ihr Elternhaus in dem festen Glauben, die Eltern seien froh, wenn sie nicht mehr da ist.
Julia wusste ja nicht, dass zur damaligen Zeit ein junges Mädchen keine Chance hatte, auf Sizilien einer Arbeit nachzugehen, ganz ohne familiären Hinterhalt. Mit 15 ist man noch blauäugig, damals war man das jedenfalls.

Nun träumt sie schon ein paar Nächte immer wieder diesen Traum, von Natale, in den sie sich verliebt hatte, von seinen Eltern und Geschwistern. Jetzt weiß sie auch, warum sie nach so langer Zeit so intensiv daran denkt - es sind 50 Jahre vergangen, ein halbes Jahrhundert. Intuitiv scheint ihr Herz diese Möglichkeit gefunden zu haben, um sie endlich auf den Weg zu bringen.
Julia hat schon viele Jahre vor, diese Familie noch einmal zu besuchen, ihnen zu danken für ihre Fürsorge und Liebe, die sie ihr entgegen gebracht haben. Irgendwie war aber nie der richtige Zeitpunkt, sie hat es immer wieder verschoben. Auch ihr verstorbener Mann wusste von dieser Geschichte, er wäre sogar mitgereist, sie hat es nie wahr gemacht.
Diese Träume aber bringen ihr die Gefühle von damals wieder sehr nah und das Verlangen in ihr erwacht erneut, nach Messina zu fahren, diese Menschen wieder zu sehen.
Ob sie noch alle leben? Nein, das kann nicht sein. Die Eltern von Natale waren damals in den Fünfzigern, sie müssten also über 100 sein, nein, das ist unmöglich. Aber die Kinder und die beiden Enkel von ihnen, vielleicht würde sie die noch antreffen, wenigstens einer wird doch das kleine Haus übernommen haben und sich noch an sie erinnern.
Wie oft hat sie schon darüber nachgedacht, sogar versucht, sie im Internet ausfindig zu machen. Die Adresse hat sie seit über 50 Jahren komplett im Kopf, hat auch schon auf Google Maps nachgesehen, aber es scheint dieses Viertel nicht mehr so zu geben, wie es damals war. Es war ein Viertel für arme Leute, mit vielen kleinen Straßen und kleinen Häusern.
Camaro Inferiore heißt das Viertel, das kann sie auch noch finden im Internet, aber nicht die Straße. Via Studoriano 14 war die Adresse...

Julia liegt noch immer in ihrem Bett, nichts treibt sie, sie lebt alleine, muss sich um niemanden kümmern. Die Gardinen wehen leicht im warmen Wind des jungen Morgens. Sie hat über Nacht das Fenster offen gelassen, da es zur Zeit Hochsommer ist und ihr Schlafzimmer ihr zu warm zum Schlafen erschien.
So schaut sie den Gardinen zu, wie sie hin und her wehen, ein beruhigendes Schauspiel - und dazu singen die Vögel im Garten, dass es eine wahre Pracht ist. So träumt sie weiter von Messina und der Zeit bei den Ortando´s.

Natale lernte sie im Zug kennen, er fuhr für das Weihnachtsfest nach Hause, wollte den Winter auf Sizilien bei seiner Familie verbringen und später wieder zurück nach Deutschland fahren, wo er bei seiner Schwester lebte und arbeitete.
Er sprach sie im Zugabteil an und fragte, wohin sie wolle. Sie sagte ihm, weil ihr nichts besseres einfiel, sie würde Urlaub auf Sizilien machen. Ob sie schon ein Hotel hätte, wollte er wissen. "Nein, ich muss mir noch eines suchen!"
"Dann komm doch erst mal mit zu meinen Eltern, sie werden sich freuen." Das konnte Julia zwar nicht verstehen - wieso sollten seine Eltern sich freuen, wenn sie mitkäme? - aber er ließ nicht mehr locker, sodass sie schließlich tatsächlich mit Natale nach Hause fuhr - und sechs Wochen bei seiner Familie blieb.
In diese sechs Wochen fiel ihr 16. Geburtstag (natürlich wusste die Familie nichts davon, denn ihnen sagte sie, sie sei schon 18), Weihnachten und Silvester.

Die Familie Ortando lebte in einem kleinen Haus, mit einem schönen Garten, in dem Zitronen- und Orangenbäume standen, natürlich auch ein knorriger Olivenbaum. Im Nachbarhaus, welches durch den Hinterhof mit ihrem Haus verbunden war, lebte der Bruder Ortando mit seiner Familie. Seine Tochter Cettina war auch 15 und konnte, wie ihr Vater, einigermaßen gut deutsch reden, weil die Familie einige Jahre in Deutschland gelebt hatte.
Julia wurde sehr freundlich aufgenommen von Natale's Familie, sie boten ihr sogar an, dass sie den Urlaub über bei ihnen bleiben kann. Julia war sehr erstaunt, aber es war ihr recht, denn mit ihrem bisschen Geld hätte sie nur ein paar Tage überleben können.
Natürlich gab es kein Fremdenzimmer, aber die Familie räumte das Sofa in der Küche, auf dem zuvor die beiden Enkelkinder geschlafen haben, für sie. Für die beiden Enkelkinder wurden im Wohnzimmer jeden Abend kurzerhand vier Stühle zusammen gestellt, auf die eine Matratze gelegt wurde, somit hatten sie ihr Bett zum Schlafen. Es war eine Selbstverständlichkeit, genau so, wie Julia im kompletten Familienleben mit eingeschlossen wurde.
Es herrschte eine große Warmherzigkeit bei den Ortando's, sehr liebevoll wurde mit den Enkelkindern umgegangen, auch mit den erwachsenen Kindern. Da waren Natale, seine Brüder Giuseppe und Domenico und die jüngere Schwester Franca. Eine weitere Tochter lebte mit ihrem Mann in Deutschland, ihre beiden Kinder, also die Enkelkinder, wurden von den Großeltern erzogen, damit sie in Messina die Schule besuchen konnten.
Julia wurde eine von ihnen, so fühlte sie sich jedenfalls, es wurde ihr Liebe geschenkt und Aufmerksamkeit, es schien selbstverständlich zu sein, dass sie da war.
Ganz schnell machte sie aber auch die Erfahrung, dass ein junges Mädchen nicht alleine auf Arbeitssuche gehen konnte, nicht einmal alleine in die Stadt durfte sie. Die Gefahren sind zu groß, außerdem gehört sich das nicht, wurde ihr gesagt. Sobald sie in die Stadt wollte, mussten Natale, oder einer seiner Brüder mitgehen. Also gab sie die Arbeitssuche auf und ließ den Dingen einfach ihren Lauf. Sie machte sich nützlich, wo sie nur konnte und wurde wie ein weiteres Kind von Mama und Papa Ortando behandelt.

In Natale verliebte sie sich erst etwas später, denn er war nicht wirklich ihr Typ. Er war einfach immer da, kümmerte sich um sie und mit ihm konnte sie auch in ihrer Sprache reden. So blieb es nicht aus, eines Tages wurden sie ein Liebespaar, den Eltern schien es recht zu sein.
Irgendwann schöpfte der Vater Verdacht, weil Julia keine Anzeichen einer Heimreise machte, denn ein Urlaub muss ja schließlich einmal zu Ende gehen. So fragte Papa Ortando sie, wann sie denn nach Hause fahren würde.
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Wahrheit einzugestehen, zu erzählen, dass sie von zu Hause ausgerissen sei und übrigens auch erst 16 Jahre alt. Daraufhin verlangte Papa Ortando von ihr, dass sie ihre Eltern anrief, damit diese nach fünf Wochen das erste Lebenszeichen von ihrer Tochter erhielten.
Danach ging alles recht schnell. Nach einer Woche schon reiste sie nach Hause, nachdem die Eltern ihr Geld geschickt haben, um die Fahrkarte für die Zugfahrt kaufen zu können. Natale reiste einfach mit und überraschte sie damit.
"Ich liebe dich und möchte bei dir sein", meinte er zu ihr - und wollte mitkommen nach Deutschland, zu ihrer Familie. Er dachte wohl, er würde von ihren Eltern genauso gerne und liebevoll aufgenommen, wie Julia bei den Ortando's - aber damit lag er ganz falsch.

Als ihre Eltern sie an der Grenze Österreich/Deutschland abholten, durfte Natale natürlich nicht mit. Ihr Vater war total entsetzt, als er ihn sah und erfuhr, dass er der Freund und Liebhaber seiner Tochter ist. Er gab ihm etwas Geld, damit er sich eine Fahrkarte zu seiner Schwester kaufen konnte, die in Deutschland lebte.
Julia war zutiefst entsetzt, hatten die Ortando's doch alles für sie getan - und nun schickte ihr Vater Natale einfach weg, als sei er ein Nichts.
Diese Wärme seiner Familie empfand sie nun umso mehr, sie stand im Gegensatz zu der Kälte, die hier herrschte, mit der Natale abserviert wurde.
Was sollten sie tun, sie mussten sich fügen, versprachen sich aber die ewige Liebe - und trennten sich schweren Herzens.

Danach blieben nur noch viele geschriebene Briefe, die mit der Zeit immer weniger wurden und irgendwann war auch das vorbei. Aus der ewigen Liebe wurde nichts.
Julia brach es jedoch nicht das Herz, Natale war wohl doch nicht ihre große Liebe, sie war zu jung, war fremd damals und froh um seine Fürsorge. Auch ihm schien es nicht anders zu gehen.

In den Jahren danach wurde Julia langsam bewusst, wie dankbar sie den Ortando's sein musste und sie wurde sich immer sicherer, dass diese sie vor einem schlimmen Schicksal bewahrt haben.
Ein junges Mädchen damals auf Sizilien, ohne Familie, ohne Geld, wäre verloren gewesen, nicht auszumalen, was ihr hätte passieren können. Gut wäre das bestimmt nicht ausgegangen.
So wuchs im Laufe der Jahre die Dankbarkeit in ihr immer mehr, wurde immer tiefer und sie nahm sich vor, die Familie eines Tages noch einmal zu besuchen, was ihr bis heute jedoch nicht gelungen ist.
Einmal, vor vielen Jahren, schrieb sie ihnen einen Brief und bedankte sich bei ihnen, das war ihr ein Herzensbedürfnis. Sie schrieb keinen Absender auf diesen Brief, unterzeichnete nur mit Julia. So war sie sehr überrascht, als nach ein paar Wochen ein Brief zurück kam, versehen mit der Adresse, die sie damals hatte. Also haben Mama und Papa Ortando all die Jahre meine Adresse aufbewahrt, freute sie sich und sie spürte noch einmal die Wärme dieser Familie.
Sie luden sie sogar ein, sie doch noch einmal zu besuchen, sie würden sich sehr freuen. Julia beantwortete diesen Brief nicht mehr, nahm somit auch die Einladung nicht an.
Warum nur? Sie weiß es nicht!
Nun ist es zu spät, Mama und Papa Ortando wird es nicht mehr geben. Eine Trauer kommt in Julia hoch und gleichzeitig schämt sie sich wieder einmal, dass sie so undankbar war und ist.

Was soll sie abhalten, diese Reise jetzt anzutreten? Ein kurzer Trip von ein paar Tagen, ein Hotel und dann mit einem Taxi zu der ihr so wohl bekannten Adresse - das ist doch ohne Weiteres möglich.
"Heute bin ich 66 und kein junges Ding mehr, außerdem sind die Zeiten ganz andere, auch auf Sizilien. Wann soll ich es angehen, wenn nicht jetzt?" - spricht sie laut zu sich selbst.
Sie denkt den ganzen Tag darüber nach und ihr Entschluss festigt sich immer mehr, sie muss es jetzt tun!
Noch einmal will sie im Internet nach der Adresse in Messina suchen, obwohl sie es schon mehrere Male erfolglos versucht hat. Heute will sie so lange dran bleiben, bis sie Erfolg hat, ein intensiver Tatendrang überkommt sie.
So gibt sie die ihr wohlbekannte Adresse wieder ein, aber der Laptop sagt ihr, dass es diese Straße nicht gibt.
"Verdammt noch einmal, das kann doch nicht sein" ... und sie sucht weiter und weiter. Dann kommt ihr der Gedanke, das Viertel Camaro Inferiore einzugeben und dann dort jede Straße durchzugehen. Es muss doch zu finden sein!
So macht sie es dann auch und wird ganz schnell fündig. Ein winzig kleiner Fehler hat die Suche bisher vergebens gemacht, denn sie stellt fest, dass die Straße Via Studoriari heißt und nicht Via Studioriano! Dieses ri - diese zwei winzigen Buchstaben ließen sie immer vergebens suchen.
Nun schnell die Straßenansicht eingeschaltet... und... ja und da ist die ihr immer noch so vertraute Straße tatsächlich. Es ist so, als würde sie gerade jetzt - und doch auch vor über 50 Jahren - diese Straße entlang gehen. Sie findet sogar das Haus mit der Nr. 14, kann es sich von der Vorderseite aus ansehen und es kommt ihr sogleich wieder vertraut vor.
"Sechs Wochen habe ich in diesem Haus, in dieser Straße gelebt", sagt sie zu sich selbst und ihr wird ganz warm ums Herz. Viele Bilder tauchen plötzlich vor ihr auf.
Da ist auch noch die Mauer gegenüber des Hauses, auf dieser Mauer saßen sie oft und schwatzten und freuten sich ihres Lebens. Die Italiener leben einfach leichter, sie sind fröhlicher und viel herzlicher - das hat sie damals erfahren dürfen.
Sie schaut noch eine ganze Weile und kann nun nicht mehr warten, wieder dorthin zu kommen.

Am nächsten Tag schon geht sie in ein Reisebüro und macht die Reise klar, es soll nun nichts mehr dazwischen kommen. Schon in 10 Tagen ist es soweit.
Diese 10 Tage vergehen wie im Flug, Julia wird immer aufgeregter, je näher der Abreisetag kommt... 50 Jahre sind auf einmal wie weg gewischt, sie hat all die alten Bilder wieder vor Augen.

Nun steht sie vor dem Bahnhof in Messina und kommt sich erst einmal recht hilflos vor. Ein Gewimmel von Menschen, ein Sprachengewirr und typisch italienische Lautstärke auf der Straße irritieren sie. Italienisch versteht sie so gut wie nicht mehr, obwohl sie sich damals doch einigermaßen verständigen konnte. Alles klingt fremd für sie, auch erkennt sie den Bahnhofsvorplatz nicht mehr. Zudem ist es verdammt heiß, sie hätte lieber im Spätherbst fahren sollen, aber letztendlich ging es ihr nun nicht mehr schnell genug, hierher zu kommen.
Jetzt muss ich zuerst ein Taxi suchen, um in mein Hotel zu fahren, denkt sie sich und winkt eines herbei, welches gerade am Bahnhof vorfährt. Der Fahrer versteht leider kein Englisch, aber den Namen des Hotels versteht er, was er ihr mit einer horrenden Lautstärke, einem breiten Grinsen und vielen Gesten zu verstehen gibt. Wenigstens klappt das, denkt sie sich und freut sich auf die Entspannung im Hotel.
Unterwegs viel Gehupe auf den Straßen und auch viele fröhliche Menschen, die alle ständig irgendwie mit ihren Händen in der Luft fuchteln. Daran kann sie sich auch noch gut erinnern, die Gestik bei den Italienern ist sehr wichtig und nimmt einen Großteil ihrer Kommunikation an Anspruch. Das hat ihr damals schon gefallen, auch heute noch, alles wirkt so lebendig. Sie muss lächeln.
Aber alles erscheint ihr doch fremd, so als sei sie nie diese sechs Wochen hier gewesen. Nun, in 50 Jahren verändert sich eben vieles, man vergisst auch etliches, besonders die weniger wichtigen Dinge.
Recht schnell sind sie am Hotel Emme, dort wird sie die nächsten drei Nächte verbringen, bevor sie wieder nach Hause fliegt. Das Hotel liegt recht zentral, sodass sie auch die Stadt etwas erkunden kann, in der Hoffnung, doch die ein oder andere Ecke wieder zu erkennen.
Nachdem sie den Taxifahrer bezahlt hat und der sich überschwänglich und freudig für das Trinkgeld bedankt hat, geht sie ins Hotel und bezieht auch gleich ihr Zimmer. Nun ist erst einmal Ausruhen angesagt, den kleinen Koffer auspacken und frisch machen. Danach geht sie zum Abendessen in das Hotelrestaurant, um dann, nach zwei Gläsern Rotwein, die Nacht gut zu verbringen.

Am nächsten Morgen wird Julia wach und ist sofort aufgeregt, als ihr bewusst wird, wo sie ist. Endlich hat sie es wahr gemacht!
Sie geht als Erstes hinaus auf den kleinen Balkon, um die warme Luft einzuatmen, die allerdings auch viele Abgase enthält, sie ziehen von der Straße, die recht belebt ist, herauf.
Es ist kurz nach 7 Uhr und schon sehr warm, die Sonne steht am knallblauen Himmel und gibt alles, was sie kann.
Heute will sie in das Viertel Camaro Inferiore fahren, in die Via Studoriari 14 - nach 50 Jahren!
Im Vorfeld hatte sie überlegt, ob sie besser vormittags, oder besser nachmittags dort hin fährt. Wer weiß, wann jemand zu Hause ist, wenn überhaupt noch jemand von den Ortando's dort lebt. Nun aber ist ihr alles egal, sie will nur noch los.
Also schnell duschen, frühstücken und ein Taxi bestellen lassen. Sie bittet um einem Fahrer, der Englisch spricht, damit er ihr etwas behilflich sein kann. Das klappt dann auch, das Taxi wird von einem jungen Mann gefahren, der vorzüglich Englisch spricht, viel besser als sie selbst. Ihm erklärt sie, wohin sie will und auch warum.
Der junge Mann stellt sich als Rosario vor und möchte gerne mehr von ihrer Geschichte wissen. In ganz groben Zügen erzählt sie das Wichtigste und er ist sofort hellauf begeistert. Er freut sich tatsächlich sehr, dass Julia damals von der Familie Ortando so herzlich aufgenommen wurde und dass sie noch einmal an diesen Ort zurück möchte. "Das kann ich sehr gut verstehen Signora, das ist eine Herzensangelegenheit" - sagt er in seinem hervorragenden Englisch. "Ich glaube, ich bin genauso gespannt wie sie auch, ob und wen sie dort noch antreffen!"
Nach kurzer Fahrt sagt er: "so, wir sind bereits in Camaro Inferiore, ich werde jetzt etwas langsamer fahren, vielleicht kennen sie sich ja noch etwas aus hier." - und er freut sich sichtlich, als er sie ansieht.

Julia hat schweißnasse Hände, vor lauter Aufregung. Wie oft hat sie sich das vorgestellt, hatte die Bilder vor ihrem geistigen Auge und nun...
Die Gegend erscheint ihr recht ärmlich, war sie damals schon, aber es ist mittlerweile doch wohl noch mehr an Bausubstanz verkommen. Einige Häuser, die zusammen gefallen sind, oder auch gerade abgerissen werden - aber auch wieder Neubauten.
Plötzlich biegt der Taxifahrer in eine kleine Straße ein, die ihr sofort bekannt vorkommt - das Straßenschild zeigt ihr Via Rosado an - diese kleine Straße kennt sie. Da sind sie früher immer lang gelaufen, wenn sie mit dem Bus aus der Stadt kamen und an der Hauptstraße aussteigen mussten. Sie erinnert sich an einen kleinen Lebensmittelladen, der dort war, Alimentari stand da dran und sie erinnert sich, dass sie lachen musste, als sie das damals zum ersten Mal las, weil es sie an Alimente erinnerte.
Julia wird es ganz warm ums Herz und eben dieses fängt an, wie wild zu pochen - und ihre Hände sind noch immer schweißnass vor Aufregung.
"Wissen sie, wo wir sind?" - fragt Rosario. "Oh ja, ich fühle mich gerade um 50 Jahre zurück versetzt."

Sie biegen in die ebenso kleine Via Danelona... und Julia weiß, dass sie nun gleich die Via Studoriari erreichen werden. Sie möchte Rosario bitten anzuhalten, eine kleine Pause einzulegen, nur ein paar Sekunden - aber warum, wovor hat sie Angst, vielleicht vor ihrer eigenen Courage? Da zieht Rosario das Steuer auch schon nach links und sagt: "Signora wir sind da, wir sind in der Via Studoriari! Möchten sie aussteigen und den Rest des Weges zu Fuß gehen? Bis zur Nummer 14 ist es nicht weit, aber das wissen sie ja selbst." Er lacht sie an und man sieht ihm seine Freude ins Gesicht geschrieben.
"Ja, warum nicht? Ich habe nicht darüber nachgedacht, aber sie haben recht, ich werde den Rest zu Fuß gehen und all die Eindrücke in mich aufnehmen."
"Ich bin da und werde sofort kommen, wenn sie mir zuwinken Signora."
Julias Temperaturzustand wechselt im Sekundentakt, so kommt es ihr vor, einmal heiß, einmal kalt und ein leichtes Zittern überkommt sie. Sie steigt langsam aus, rückt ihre Kleidung zurecht, das macht sie übrigens ganz automatisch, denn Gedanken für ihre Kleidung hat sie im Moment nicht, hängt sich ihren kleinen Rucksack um, den sie immer als Handtasche benutzt - und geht nach über 50 Jahren ihre ersten Schritte über die Via Studoriari - in Richtung Haus Nummer 14.

Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt Julia, sie wird auf einmal ganz ruhig, die Temperaturschwankungen verschwinden, genauso das leichte Zittern. Auch die Hände hören auf zu schwitzen, sie ist wieder 16 Jahre alt und geht auf geliebten Spuren.
Alles kommt ihr so vertraut vor, es hat sich nicht sehr viel verändert, wie sie feststellt. Die kleinen Häuser sind zum Teil doch mehr oder weniger reparaturbedürftig, sehen teilweise auch etwas verwahrlost aus, aber all das sieht Julia nicht wirklich. Sie wird übermannt von zahllosen Gefühlen, es bricht so vieles in ihr auf, was doch tief verschüttet war, aber immer noch da ist. Sie fühlt sich tatsächlich um all die vielen Jahre zurück versetzt, sie ist die 16 jährige Julia, die hier immer Giulia genannt wurde - und doch hat sie heute graue Haare, und den 66. Geburtstag schon hinter sich.
So geht sie langsam die Via entlang, vorbei an den ersten Häusern und hat auch schon die Nr. 10, dann die Nr. 12 erreicht... steht also kurz vor dem Haus mit der Nr. 14, dem Haus von Mama und Papa Ortando.
Da überkommt sie ein unheimlich tiefes Gefühl, ein Gefühl von Liebe für diese beiden Menschen, die so gut zu ihr waren, die sie wie ein eigenes Kind behandelt haben damals - und sie kann ihre Tränen nicht mehr zurück halten. Wie eine Befreiung laufen die salzigen Wassertröpfchen über ihre Wangen, werden immer mehr - sie schämt sich nicht, sie fühlt sich erfüllt von Liebe für diese Menschen. Es sind Tränen der Liebe!

Sie geht ganz langsam zwei Schritte weiter, als aus dem Haus Nr. 14 eine Frau kommt, eine ältere Frau, ebenfalls grauhaarig, wie sie selbst. Die Frau sieht sie an und wundert sich über diese Fremde hier in ihrer kleinen Straße, ganz abseits von jeglichem Tourismus. Julia fällt auf hier, das hat sie schon vorher bemerkt, als Kinder aus einem Haus kamen und sie anstarrten - und als Gardinen sich bewegten.
Wer ist diese Frau, die gerade das Haus von Mama und Papa Ortando verlassen hat? Diese Frau sieht Julia freundlich an und sagt etwas zu ihr, aber Julia versteht sie nicht.
"Do you speak English?" - fragt Julia sie und die Fremde antwortet mit "no". Julia sucht in ihrem Gedächtnis nach italienischen Worten und ihr fällt doch tatsächlich non capisco (ich verstehe nicht) ein. Also sagt sie: "non capisco, mi scusi!"
Wo kommen plötzlich diese italienischen Worte her? Ich verstehe nicht, Entschuldigung - hat sie eben auf Italienisch gesagt... sie wundert sich selbst. "Parlare tedesco?" (sprechen sie Deutsch?) sprudelt aus ihr heraus und die Fremde antwortet mit: "si!"
"Sie sprechen Deutsch?" Damit hatte Julia jetzt nicht gerechnet, sie fragte nur, weil ihr diese Worte gerade einfielen.
Ich spreche bisschen Deutsch, ganz bisschen, bin e in Germania viele Jahra zurucke."
"Cettina!"... ruft Julia da, "Cettina, bist du das?"
Io Cettina, si - e tu?
Ich bin Julia aus Deutschland, Julia, die vor über 50 Jahren hier war, bei Mama und Papa Ortando, bei Natale und auch bei dir."
"Giulia, du Giulia?" - und sie spricht viel und schnell auf Italienisch, was Julia nicht versteht - und sie nimmt Julia in ihre Arme, drückt sie, hält sie von sich weg, um sie anzusehen, drückt sie wieder. Tränen treten auch in ihre Augen, beide Frauen halten sich nun in den Armen und weinen vor Freude.

Cettina möchte viel erzählen, aber mit der deutschen Sprache kommt sie nicht sehr weit. Da winkt Julia Rosario zu, der auch sofort zu Fuß kommt. Das Taxi hat er einfach auf dem kleinen Platz an der Ecke geparkt, denn die Straße ist doch recht eng. Er fungiert als Dolmetscher zwischen den beiden, indem er Julia auf Englisch mitteilt, was Cettina ihm auf Italienisch sagt - und umgekehrt.
Cettina bittet Julia und auch Rosario in ihr Haus, das angebaute Nachbarhaus des Bruders von Papa Ortando. Sie lassen sich im Wohnzimmer nieder, welches man direkt betritt, wenn man zur Haustüre hinein kommt. So war das damals schon - und dahinter ist die Küche, dann noch ein Schlafzimmer und eine Art große Abstellkammer. Es ist die gleiche Aufteilung, wie bei den Ortando's. Die Einrichtung ist natürlich nicht mehr die von damals, das ist alles fremd, aber die Räumlichkeiten, daran kann Julia sich noch gut erinnern. Mit Cettina hat sie damals viel Zeit hier verbracht, weil sie sich mit ihr einigermaßen gut auf Deutsch unterhalten konnte.
Bei frischer Zitronenlimonade wird nun viel erzählt.
Julia fragt gleich, was aus Mama und Papa Ortando geworden ist und sie erfährt, dass beide schon vor Jahren verstorben sind. Das konnte ja auch nicht anders sein. Sie erfährt auch, dass beide ihre Giulia nie wirklich vergessen haben und das sie es bedauert haben, dass sie, Julia, ihnen damals auf ihre Einladung zum Kommen nicht mehr geantwortet hat. Das hätte sie traurig gemacht, meint Cettina.
"Wer wohnt jetzt in dem Haus von Mama und Papa Ortando, einer der Söhne?"
"Nein, die sind alle weggezogen, Franca hat das Haus übernommen, erinnerst du dich an Franca?"
"Aber natürlich erinnere ich mich an sie, sie muss doch auch schon an die 60 sein."
"Sie ist schon 61" - antwortet Cettina. "Komm, wir gehen rüber zu ihr, sie wird staunen!"
Rosario kommt mit dem Übersetzen kaum nach, manchmal kommen auch einige deutsche Worte über Cettina's Lippen, die klingen so niedlich.
Auch fallen Julia immer wieder ein paar italienische Worte ein, es ist doch noch nicht alles vergessen!

Dann stehen sie auf, Cettina führt sie durch die Küche in den Garten hinter dem Haus - und da ist immer noch die Verbindung zu dem Haus der Ortando's. Hier im Hinterhof und im Garten hat sich nicht allzu viel verändert, auf jeden Fall erkennt Julia noch den großen Olivenbaum, er ist noch knorriger geworden.
Sie gehen um die niedrige Mauer herum und Julia wird es ganz warm, wieder fühlt sie sich zurück versetzt, wieder kommen liebevolle Gefühle in ihr hoch.
"Franca"... ruft Cettina - und eine hübsche Frau kommt aus der Küche in den Hinterhof, auch sie hat graue Haare.
Sie schaut Julia und Rosario an und begrüßt sie mit einem "buongiorno".
"Buongiorno" - sagt auch Julia und reicht ihr die Hand, die Franca auch sofort ergreift, aber mit ihr als Person natürlich nichts anfangen kann.
Cettina sprudelt über mit ihren Worten und auch mit ihren Gesten, als sie zu Franca spricht. Rosario braucht nicht zu übersetzen, denn schon stürmt Franca auf Julia zu, nimmt sie in die Arme und drückt sie ganz fest, begleitet von vielen italienischen Worten. Julia versteht nur immer wieder "Giulia, Giulia"...
Auch Franca treten Tränen in die Augen, Gefühle liegen bei Frauen nicht tief vergraben, ganz besonders Italiener sind Menschen, die ihre Gefühle gerne zeigen. Das hat Julia immer gefallen, denn sie ist ebenfalls ein sehr gefühlsbetonter Mensch.
Rosario steht daneben und freut sich sichtlich mit den drei Frauen, diese Szenen, dieses Wiedersehen nach dieser langen Zeit - das alles mitzuerleben ist ihm wichtiger, als sein Taxi zu bedienen. Um nichts in der Welt möchte er diesen Platz jetzt verlassen und in Gedanken malt er sich schon aus, wie er das später seinen Eltern erzählen wird.

Franca nimmt alle mit in ihr Haus und Julia ist endlich dort, wo sie so lange schon hin wollte, nur sind die wichtigsten Menschen nicht mehr da, die sie gerne noch einmal in die Arme genommen hätte.
Sie erkennt auch hier die Räumlichkeiten wieder, da hat sich ebenfalls nichts verändert, nur eben auch eine neue Einrichtung, gemütlich und sehr gepflegt.
Sie tritt in die Haustüre, um den Blick aufzunehmen, der ihr so bekannt ist, der Blick auf die Mauer, auf der sie oft saßen, der Blick auf die Orangenbäume, die unterhalb der Mauer stehen, obwohl nur noch ein paar da sind. Es wurde ein Haus gebaut, sodass der Blick nun auf eine höhere Mauer fällt.
Julia fühlt sich irgendwie angekommen, sie fühlt sich wieder jung - und doch auch in ihrem Alter, sie genießt das Hiersein aus vollem Herzen. Sie sieht und fühlt das alles anders, als damals, viel inniger, viel liebevoller, weil sie in all den Jahren die Dankbarkeit spürte, die nun ihren Platz gefunden hat.
Nach etwa einer Stunde, nach vielem Gerede, Arme streicheln, über die Wangen streicheln, wieder Tränen in den Augen haben und nach wahnsinnig intensiven Gefühlen fragt Julia, ob sie das Grab von Mama und Papa Ortando besuchen kann.

"Oh ja, das kannst du! Mama und Papa werden dich erkennen und sich sehr über deinen Besuch freuen" - antwortet Franca. "Sie haben dich nie vergessen!"
Tränen, schon wieder Tränen bei den drei Frauen - und auch in Rosario's Augen sieht Julia etwas glänzen.
Er holt sein Taxi, lädt die drei Frauen ein und sie fahren gemeinsam zum Friedhof. Alle gehen sie durch die Reihen, die aus lauter Wandgräbern bestehen, bestückt mit meist künstlichen Blumen. Bunt und fast schön sieht das aus, von der Sonne beschienen und sehr friedlich.
Julia hört, wie Franca etwas sagt, sie versteht nur die Worte Mama, Papa und Giulia. Sie sind an der Grabstelle von Mama und Papa Ortando angekommen. Kleine Bilder von den beiden lieben Menschen treffen Julia mitten ins Herz und das Weinen überkommt sie so schnell, dass sie schluchzen muss. Sie kann nicht mehr an sich halten, all die aufgestaute Dankbarkeit, die Liebe zu den beiden Menschen, die im Laufe der Jahre gewachsen ist, entlädt sich nun in einem vernehmbaren Heulen, das befreit.
Franca und Cettina nehmen sie in den Arm und trösten sie - und Rosario wischt sich die Augen.

Irgendwie hat selbst Julia das Gefühl, dass Mama und Papa Ortando sie sehen, vielleicht sogar spüren können, dass sie nun wissen, wie dankbar Julia ihnen ist. Sie müssen spüren, dass Julia sie liebt.
Als sie nach einer ganzen Weile den Friedhof wieder verlassen, weiß sie, dass sie nun in Erfüllung gebracht hat, was sie sich immer wünschte. Ein Herzensbedürfnis wurde gestillt.
Mama und Papa Ortando, sie wird sie auf ewig im Herzen tragen.

(c) Eleonore Görges

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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