Horst Fleitmann

Angenehme Fahrt - Neues aus der U-Bahn -

Es ist spät. Bereits 23:30 Uhr.  Der alte Mann steigt in die U‐Bahn an den Landungsbrücken in Hamburg und will nur zum Hauptbahnhof… von dort sind es noch 10 Minuten zu Fuß zum Hotel. Es war ein schöner Abend. Das Musical, das Essen vorher auf dem „Rickmer Rickmers“ Museumsschiff, der Tag in der Speicherstadt… und nun noch einen Absacker an der Hotelbar… dann ab in die Koje. Er war zufrieden und findet beim Einsteigen den einzigen freien Sitzplatz. Es sind zwar nur 7 Minuten bis zum Bahnhof, aber ein Sitzplatz tut schon gut.

Gegenüber sieht er eine nette Reklame an der Wand der Haltestelle die hier noch überirdisch ist. Zwischen zwei Halbwüchsigen hindurch, erkennt er die Werbung für Tarzan, das Musical das er als Nächstes besuchen möchte. Nicht mehr in diesen Tagen, aber im Herbst, wenn er wieder in Hamburg weilt.

Die Halbwüchsigen, zwischen 14 und 16 Jahren alt,  scheinen betrunken zu sein. Er schaut sie kurz an, schüttelt den Kopf und blickt nochmal ins Dunkel der Nacht um die vielen Lichter auf der Elbe zu sehen, die jetzt ein herrliches Bild abgeben.

„EY OPFER"  hört er ein lautes lallendes Gekreische an seinem Ohr.  "Kuck mich nich so an sonst krichs mein Messer inne Rippen.“
„Ey nee ey,“  versuchte der andere, wohl türkische Jugendliche auf dem ganz offensichtlich deutschen Jungen einzuwirken.  „Lass Dein Messer inne Tasche,  hier sind so viele Leute weiße.“
„Was iss,  Du Hackfresse, wurde der andere nun gegen seinen Freund aggressiv.  Willsse   mich anmachen odda wat?“
„Ne Alter, hass ja Recht aber ich muss morgen inne Schule. Mach jetze keinen Ärger hier.“ Sagte der junge Türke kleinlaut.
„Ey pass auf Ali,“ raunt nun, noch aggressiver,  der etwas zu fett geratene Deutsche Junge in seinen Schlabberhosen, „ich mach wat  isch will iss das klaa?“...
Inzwischen hatte der ältere Herr sich erhoben und ging möglichst unauffällig zur Tür der U‐Bahn. Nächste Haltestelle Mönckebergstraße hörte man aus dem Lautsprecher Krächzen.
„Ja, is gut ey.“  Meinte Ali,  „abba wir sind beide besoffen weiß du, komm lass den Scheiß.“
Der kleine deutsche Fettsack stand auf und trat mit aller Wucht gegen die Plastikscheibe der U-Bahn  Kein Mensch rundherum wagte etwas zu unternehmen, geschweige denn sich zu äußern.  dieser Junge schien unberechenbar. Dann tönte er: „Meine Mudda hat kein Geld. Sie hat mich heute nix gegeben. Sie iss  krank und kann nich  arbeiten. Sonne Scheiße. Wenn Die nich gesund wird, hau ich ne Omma um. Ich brauch nen Zwanni. Unbedingt weisse.“ 

Er schaute sich in der Straßenbahn um und sein Blick fiel auf eine kleine, kaum 1,60 große ältere aber im Kopf wohl sehr helle, drahtige Frau, die offensichtlich in ihrer Handtasche etwas mehr Geld zu haben schien, als er benötigte.  Die Frau bemerkte seinen Blick, zögerte einen Moment. Nun stand sie auf, stellte sich vor den Chaoten mit seiner halb in den Knien hängenden Trainingshose und sagte in forschem Tonfall, den man von dieser Frau ganz sicher nicht erwartete:

„Ey Du, was guckst Du mich so an? Hast Du keine Eier in der Hose um zu arbeiten?.... Muss Deine Mutter für Dich Blödmann arbeiten gehen?  Bist Du zu dumm für die Schule? Oder zu faul zum Arbeiten?    Komm, stich mir dein Messer in die Rippen und dann klau Dir 20 Euro aus meiner Tasche. Komm mach schon Du Weichei oder soll ich Dir was auf die Fresse geben?“

Der pummelige deutsche schluckte, sah sich in der U‐Bahn um. Er blickte nur in Gesichter, die wahrscheinlich genauso perplex und betreten dreinschauten wie er selbst.

Er stammelte nur etwas von „äähh wieso, ich hab doch nicht,  ich wollte doch“…. In diesem Moment hielt die U‐Bahn an der Haltestelle Mönckebergstraße. Beide Jugendlichen rannten aus der U‐Bahn, wo sie noch den älteren Herrn, der sich zum Ausgang begeben hatte um selbst auszusteigen und die nächste Bahn zu nehmen, fast umstießen. Die Bahn setzte sich wieder in Bewegung und der kleine Fettsack auf dem Bahnsteig ballte die Faust zusammen um sie drohend in Richtung U-Bahn zu erheben.

Nun klatschten die Umstehenden der Dame Beifall, der jedoch sofort und beschämt verstummte, als die kleine schmächtige Frau alle Klatschenden unverständlich anschaute.  Sie stammelte nur ein kaum hörbares „Unbegreiflich“,   das wohl weniger den beiden Chaoten, als vielmehr den umherstehenden jungen Männern und Frauen galt, denen dieser ganze Vorfall aufgrund ihres eigenen passiven Verhaltensjetzt doch sehr peinlich erschien.

Ein etwa 50 jähriger Schwarzer stand auf, ging zur Dame und lud sie zu einem Glas Wein ein. Dankend lehnte sie mit einem freundlichen Lächeln ab und sagte, so dass es wohl alle hören konnten: „ich möchte Sie nicht in Schwierigkeiten bringen junger Mann“….
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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