Wolfgang Küssner

Aus dem Amtsgericht Teil 1 - Der Angeklagte

Der Angeklagte

Ganz oben, in der norddeutschen Tiefebene, ist das Land flach. Sehr flach. Man könnte montags bereits den Besuch des folgenden Wochenendes kommen sehen. Hier, an der Nordsee, liegt Nordfriesland mit der Stadt Husum. Die graue Stadt am Meer hat viele Krabben, viele Krokusse, aber nur ein Amtsgericht. Es ist Dienstag, zehn Uhr dreißig. Strafsache Petersen. Im Sitzungssaal befinden sich der Richter, der Angeklagte, die Staatsanwältin, der Verteidiger und ein paar andere, hier ungenannt bleibende, Personen. Und natürlich Sie, lieber Leser, als Zuhörer. Da man bei Gericht sehr genau ist; Sie gar nicht zuhören können, sind Sie folglich – was diese Geschichte betrifft - ein Zuleser. Zwischen dem Richter und dem Angeklagten entsteht folgender Dialog (auf Tüddelchen unten und Tüddelchen oben wird hier verzichtet, vielleicht dient es ja zusätzlich der Wahrheitsfindung):

Herr Petersen, die Hauptverhandlung wurde kurz unterbrochen, denn wir möchten uns ein Bild von Ihnen machen. Ihr Name ist Jasper Petersen. Sie wurden 1981 in Witzwort geboren, leben jetzt in Husum, Theodor-Storm-Straße. Ist das soweit richtig? Ja, Herr richtig, äh, Richter. Gleich um die Ecke. Sie sind somit 36 Jahre alt? Noch nicht, Herr Richter. Ich habe erst am 30. September Geburtstag. Sie sind nicht vorbestraft. Ihre Eltern leben getrennt, aber nicht geschieden voneinander. Richtig? Jau, mien Vadder hatte sehr dem Alkohol zugesprochen und da bin ich mit mien Moder nach Husum. Sie wohnen auch jetzt noch bei der Mutter? Jau, dat is so. Erzählen Sie uns, was Sie in ihrem Leben bisher gemacht haben?

Wie meinen Sie das? Naja, Schule, Ausbildung, Beruf, Heirat. Och, da givt dat nich veel to vertellen, Herr Vorsitzender. Richter reicht. Herr richtig, äh Richter. Ich habe hier in Husum mein Abitur gemacht und dann sechs Silvester studiert. Sie meinten sicherlich Semester? As Sie menen. Was und wo haben Sie studiert? In Hamburg war das. Kommunionswissenschaft und Romantik. Wie darf ich das verstehen? Also wie wir miteinander reden, kombinieren und was aus dem Lateinischen sprachlich erwachsen ist. Sie meinten also Kommunikationswissenschaft und Romanistik? As Sie menen. Haben Sie leichte logopädische Probleme? Nein, mir nicht bekannt. Logisch wollte ich Pädagoge werden, doch dann... ja, da gab es ein Problem. Sie haben das Studium somit nicht abgeschlossen? Doch, doch, klar Herr Richter, sogar mit nem Bacchus. Wie bitte, Bacchus? Sie meinten vermutlich einem Bachelor? As Sie menen.

Eigentlich wollte ich ja noch zum Doktor proklamieren.... Wie? Sie wollten promovieren? As Sie menen. Aber dann kam plötzlich das Problem, mien Moder würd sehr krank. Sie litt an Osterode und war permanent auf Hilfe angewiesen. Was hat das bitte mit Osterode im Harz zu tun, Herr Petersen? Na, Sie als Studierter sollten diese Art der Knochenerkrankung eigentlich kennen. Gehe ich richtig in den Annahme, Sie wollten Osteoporose sagen? As Sie menen. Ich mußte das Studium beenden, denn die fehlenden finanziellen Mittel waren eine Barkarriere. Sie haben dann in einer Bar Karriere gemacht? Nein, da war eine unüberwindbare Hürde. Ach, Sie meinten Barriere. As Sie menen. Mein Professor bat mich zwar dringend, weiterzumachen, doch.... Sie können ihn gern fragen, wenn Sie mir nicht glauben sollten. Er ist allerdings erigiert. Das Thema Erektion wird uns wohl später beschäftigen, hier meinten Sie sicherlich, daß der Professor emeritiert sei, oder? As Sie menen. Naja, meine akademische Hysterie war jedenfalls schnell zu Ende. Ich möchte Sie ungern verbessern, es sollte vermutlich Historie heißen? As Sie menen.

Herr Petersen, sind Sie eigentlich liiert? Wie bitte? Ob ich lädiert bin? Nein, ich hatte nicht nach körperlicher Versehrheit gefragt. Ich wollte wissen, ob es da eine Beziehung in ihrem Leben gibt? Logisch, to mien Moder. Da gibt es keine weitere Person, keine Freundin, keinen Freund? Doch, da gibt es schon ein paar Personen. So, ein paar gleich? Paar in Versal oder kleingeschrieben. Wie darf ich das verstehen? Nee, Vasallen sind nicht dabei. Die Frage war, ob es zwei oder mehrere Personen gibt, mit denen Sie liiert sind? Ach so. Leben die Personen mit im Haushalt der Mutter. Nee, die Wohnung ist doch viel zu klein. Darf ich das so zusammenfassen: Sie haben eine Beziehung zu Ihrer Mutter aber darüber hinaus kein Verhältnis? As Sie menen.

Verraten Sie uns noch, was sie momentan beruflich machen, Herr Petersen. Tagsüber werde ich häufig vun mien Moder berufen, äh, gerufen, denn sie ist pergament auf Hilfe angewiesen. (Der Richter wirkt leicht genervt.) Permanent. Ja, so kann ich leider nur abends und nachts arbeiten gehen. Ich habe in einem Laden für Ehe-Hyänen gearbeitet. Wie bitte? Das muß wohl Ehe-Hygiene heißen? As Sie menen. Jetzt arbeite ich auf der Herren-Toilette im Brauhaus. Konnten Sie mit Ihrem Studienabschluß keine qualifiziertere Arbeit finden? Doch, ich hatte es als Taxi-Fahrer versucht, da ich sprachlich – wie Sie wissen - sehr begabt bin. Bei der Prüfung hat es leider nicht ganz klappen sollen. Woran sind Sie denn gescheitert? Ich konnte mir einfach die vielen Straßennamen nicht merken, zusätzlich hatte ich Probleme mit dem Orient. Oh, Sie wollten gar nicht in Husum Taxi fahren? Doch natürlich. Ach, ich ahne, es gab mit der Orientierung Problem bei Ihnen. Dabei bin ich mit meiner Ausbildung, meinen romantischen Sprachkenntnissen ein Genie. Wenn Sie denn meinen.

Ein detailliertes Protokoll hätte mehrfach leichte Heiterkeit im Zuhörerraum verzeichnen können. Doch es gab ein solches Protokoll nicht. Es gab gar keinen Gerichtstermin. Diese Geschichte ist reine Erfindung. Jede Ähnllichkeit mit lebenden oder auch nicht mehr lebenden Personen wäre also rein zufällig. Im 2. Teil wird von der Straftat zu lesen sein. Bleiben Sie also dran, lieber Leser, an der Geschichte aus dem Amtsgericht.

Juli 2017

© 2017

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Wie das Meer ist unsere Liebe von Anschi Wiegand



Wir alle wünschen uns einen Menschen, der uns liebt, dem wir vertrauen können und der da ist, wenn wir ihn brauchen - und für den auch wir da sein wollen, wenn er uns braucht. Dieser Wunsch scheint für viele unerreichbar, fast schon eine Illusion, doch für manche von uns ist er Wirklichkeit geworden. An dieser Wirklichkeit müssen wir jedoch immer wieder neu arbeiten, damit sie uns erhalten bleibt. Dieses Büchlein soll den Leser mitnehmen auf eine dankbare Gedankenreise, die deutlich macht: es ist möglich, Hand in Hand durchs Leben zu gehen, wenn dies wirklich beide Partner wollen. Es nimmt mit in erlebte Gefühle, die Liebe spürbar werden lassen. Und wenn wir dieses Büchlein weiter geben, ist es ein kleines DANKE an die, denen es mit uns gemeinsam gelungen ist, Liebe Hand in Hand zu erfahren... (Angela Gabel)

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Einunddreißig Kilo + Handgepäck von Wolfgang Küssner (Lebensgeschichten & Schicksale)
Ein Tag der besonderen Art von Susanne Kobrow (Wie das Leben so spielt)
Vom Engel, der Anders war von Anschi Wiegand (Gute Nacht Geschichten)