Heinz-Walter Hoetter

Der unsterbliche Geist der Psianer von Thule

Der junge Planetenforscher Lex Ashton schob die Kapuze seines synthetischen Anoraks zurück, um nach der fremden Sonne zu sehen, die jetzt eine goldgelbe Scheibe am fernen Horizont eines dunkelblauen Himmels war. Er schloss aus ihrer Position, dass die Nacht bald auf dem Planeten Thule hereinbrechen würde.

 

Ohne irgendein Geräusch zu verursachen stellte der Forscher seinen kochenden Topf von der knisternden Feuerstelle und kroch vorsichtig auf die Anhöhe eines kleinen felsigen Hügels. Der kalte Wind war scheußlich unangenehm und Ashton fror ein wenig, trotz der warmen Bekleidung.

 

Auf dem Bauch liegend robbte sich der junge Forscher weiter und erreichte bald den höchsten Punkt des schroffen Hügels. Dann erblickte er auf der anderen Seite eine unübersehbare mit kargem Moos und Gras bewachsene Landschaft. Sein suchender Blick wanderte langsam über die weite Ebene. Dann sah er sie, die menschenähnlich wirkenden Psianer, die wie zottelige Riesenbären aussahen.

 

Mehr als zwei Wochen war es her, dass Lex Ashton zufällig auf sie gestoßen war, als er sein flugunfähig gewordenes Kettenfahrzeug wegen einer kleinen Verschnaufpause verlassen hatte, um etwas frische Luft zu schnappen. Bald darauf musste er das defekte Fahrzeug zurücklassen, weil die E-Batterien nicht mehr über genug Strom verfügten. Die externen Solarzellen waren bei der Bruchlandung mit seinem Beiboot beschädigt worden und luden die Batterien nicht mehr genügend auf. Er machte sich schließlich zu Fuß weiter auf den Weg, um die Pelzwesen zu suchen, deren Hilfe er dringend benötigte.

 

Dem jungen Forscher zitterten plötzlich die Hände. Sein Herz begann rascher zu schlagen. Eine unbestimmte Angst kroch in ihm hoch. Nicht so sehr vor den intelligenten Bären ähnlichen Pelzwesen, die ihm gegenüber mit Sicherheit friedlich gesonnen waren, sondern wegen seiner verzweifelten Lage auf diesem Planeten, in die er aus Leichtsinn und Übermut geraten war. Er bereute es jetzt, dass er auf eigene Faust und aus völlig egoistischen Gründen losgeflogen war, ohne Rücksicht auf sein Team, das er auf der Sternen-Station Asteran IV einfach zurückließ. Die Situation war mittlerweile für ihn lebensgefährlich geworden und verschlimmerte sich zusehends, weil sein Proviant mehr und mehr zur Neige ging.

 

Die weite, fast baumlose Landschaft reichte bis zum Horizont. Der kalte Wind heulte darüber hinweg, und in welche Richtung der junge Forscher auch blickte, immer zeigte sich ihm fast das gleiche Bild.

 

Irgendwo in diesem von Gras und Moos bewachsenen Universum war er, der junge Planetenforscher Lex Ashton; und sein ganzes Überleben hing jetzt nur noch von diesen seltsamen Pelzwesen ab, die sich dort unten vor ihm in dieser unendlich weiten Gras- und Mooslandschaft im dicht zusammengerückten Rudel aufhielten. Dabei war er sich aber nicht einmal sicher, ob sie ihm tatsächlich helfen würden, denn es waren sehr eigenwillige Kreaturen, wie man wusste.

 

Schließlich richtete sich der junge Forscher auf und stapfte mit festen Schritten den Hügel auf der anderen Seite hinunter. Vorsichtig näherte er sich den zotteligen Pelzwesen und ging auf einen von ihnen zu, von dem er meinte, dass er der Anführer sei. Man konnte mit dieser seltsam aussehenden Kreatur reden, die auch Ashtons Sprache verstand. Er schätzte ihre Körpergröße auf mehr als drei Meter. Es waren imponierende Geschöpfe, die wie erstarrte Figuren in der Landschaft dicht gedrängt und wortlos zusammenstanden.

 

Minuten vergingen. Die intelligenten Pelzwesen blickten kein einziges Mal zu ihm herüber. Sie taten so, als sei er gar nicht da.

 

Lex Ashton verhielt sich ruhig. Er wollte vorläufig erst einmal abwarten, obwohl er die ganze Zeit seine Angst hinunter würgen musste. Er kam sich diesen Pelz behaarten Zottelwesen gegenüber vor wie ein unscheinbarer Zwerg.

 

Ein grauhaariges Pelzwesen verließ schließlich nach einer Weile das ruhig da stehende Rudel und trottete behäbig auf den geduldig wartenden Forscher zu.

 

Dann richtete es sich vor Ashton in seiner vollen Größe auf und mustere ihn eine Zeit lang von oben bis unten mit argwöhnischen Blicken.

 

Dann begann es plötzlich mit knurrender Stimme zu sprechen.

 

Mein Name ist Larka Shonjax. Ich bin der Anführer der Psianer. Wir beobachten dich schon seit mehr als zwei Wochen. Was ist mit dir passiert? Bist du mit einem Raumschiff gekommen? Was führt dich zu uns? Bist du in Schwierigkeiten?“

 

Ja“, antwortete der junge Mann schüchtern und fuhr mit leiser, zurückhaltender Stimme fort: „Ich heiße Lex Ashton. Ich gehöre zum Team der Planetenforscher und komme von der Sternen-Station Asteran IV, die sich in eurem Sonnensystem befindet. Ich bin unerlaubter Weise auf eigene Faust mit meinem kleinen Raumschiff zu eurem Planeten geflogen, das sich seit meiner Ankunft in einer stationären Warteposition im Orbit befindet. Leider ist mein Beiboot bei der Landung zu Bruch gegangen, wobei die Energieversorgung der beiden Triebwerke total zerstört wurde. Auch die gesamte Stromanlage ist ausgefallen. Ich kann keine Verbindung mehr zu meinem Raumschiff aufnehmen, um Hilfe zu holen. Das Kettenfahrzeug ist zwar noch intakt, aber die Energiereserven schwinden langsam, weil die externen Solarzellen bei der Bruchlandung ebenfalls Schaden erlitten haben. Sie können die E-Batterien nicht mehr ausreichend mit Strom versorgen. Außerdem habe ich mich verirrt, und die Sonne geht bald unter. Ich kann nicht länger warten und muss irgendwie mein Raumschiff erreichen“, sagte der junge Forscher.

 

Larka Shonjax kämmte mit der Zunge über seine behaarten Pranken und blickte den jungen Forscher dabei nachdenklich an.

 

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mal einem Menschen von der Erde begegnen würde. Wir haben von euch schon viel gehört. Ihr habt euren Heimatplaneten verlassen und erforscht ferne Sternen- und Planetensysteme. Ihr seid neugierig wie kleine Kinder und setzt dabei euer Leben aufs Spiel. Das ist sehr mutig von euch. Doch wozu soll das gut sein? Was habt ihr davon? Wir bleiben lieber da, wo wir hingehören und genießen unsere unauffällige Abgeschiedenheit in diesem Teil des Universums. Wir wollen unsere Ruhe haben und nur deshalb werden wir dir helfen von hier wieder wegzukommen, Erdenmensch. Doch auch unter den jungen Psianern gibt es schon einige, die nur allzu gerne eure Sternen-Station besuchen würden. Unruhe macht sich in unserem Volk breit. Es wäre uns lieber, ihr würdet nicht mehr wiederkommen. Ich glaube aber, dass meine Worte nichts bewirken werden. Ihr Menschen werdet diesen Planeten erforschen wollen und auch du wirst nach deiner Rettung sicherlich zurückkommen. Euch Terraner kann man einfach nicht aufhalten. Wir sollten trotzdem gute Freunde werden, weil wir herausgefunden haben, dass unser Geist in Verbindung mit euren Erinnerungen real existierende Welten entstehen lassen kann. Das ist sehr ungewöhnlich. Wir waren sehr erstaunt über diese unglaubliche Kombination zweier doch so unterschiedlicher Lebewesen aus sehr weit entfernt liegenden Regionen des Universums. Und nun komm mit!“

 

Das Pelzwesen Larka Shonjax blickte jetzt ohne ein Wort zu sagen hinüber zu seinen stumm da stehenden Artgenossen, die plötzlich wie auf ein geheimes Kommando hin in stoischer Gemütlichkeit einen großen Kreis bildeten. Es waren wohl an die einhundert Psianer, die jetzt dicht an dicht im Rund zusammen standen. Dann wurde der junge Planetenforscher von Larka Shonjax dazu aufgefordert, sich in die Mitte des Kreises zu begeben. Er ermahnte ihn eindringlich dazu, sich ruhig und still hinzusetzen. Ashton tat, wozu man ihn aufforderte. Dann konzentrierten alle anwesenden Psianer ihren starren Blick auf den im Zentrum hockenden Forscher und summten dabei in einem eigenartigen Ton, der sich anhörte wie das Dauerbrummen einer Starkstromleitung. Kurz darauf fiel der junge Lex Ashton in eine tiefe Ohnmacht. Sein letzter Eindruck war der, dass sich die Umgebung um ihn herum kontinuierlich veränderte. Dann wurde es dunkel in seinem Bewusstsein.

 

***

 

Wie im Traum verging die Zeit.

 

Der alte Planetenforscher Lex Ashton wurde schlagartig wach, als sich über ihm etwas bewegte. Eine Riesenlibelle schwirrte aufgeregt gerade davon.

 

Verwirrt und orientierungslos öffnete er die Augen. Dann fiel ihm wieder ein, wo er war.

 

Die Sonne stand schon recht hoch am Himmel von Thule; er musste bis weit in den Morgen hinein geschlafen haben. In Panik sprang er auf. Er konnte sich kaum an die Ereignisse des vergangenen Tages erinnern. Seine Sinne waren wie benebelt. Dann erinnerte er sich wieder an die Pelzwesen, die um ihn herum einen Kreis gebildet hatten und von einer Sekunde auf die andere verschwunden waren. Oder war er nur eingeschlafen? Lex Ashton dachte nicht weiter darüber nach, sondern schaute sich in der Gegend um. Wie war er hier ohne Raumschiff hingekommen?

 

Es blieb für ihn ein Rätsel.

 

Ein lautes Donnergrollen ließ ihn plötzlich zusammenfahren. Der alte Planetenforscher duckte sich instinktiv. Ein großes, eiförmiges Beiboot schoss haarscharf über seinen Kopf hinweg, beschrieb eine weite Landekurve und setzte wie ein überdimensioniertes Osterei erstaunlich sanft keine zwanzig Meter vor ihm in der Moos- und Graslandschaft auf. Das Grollen der starken Triebwerke versiegte zu einem leisen Säuseln, um dann alsbald völlig zu verstummen. Am hohen Bug des eiförmigen Kleinraumschiffes öffnete sich automatisch ein mannshohes Eingangsschott und eine kleine Treppe fuhr hydraulisch herunter bis auf den Boden. Aus der dahinter sichtbar werdenden, rötlichen Dämmerung trat ein junger, mit dichtem Pelz bewachsener Psianer hervor, der mit einem für seine Spezies ungewöhnlich forschen Schritt auf den wie versteinert dastehenden Lex Ashton zuzueilen begann. Einige Augenblicke später standen sie sich gegenüber.

 

Mein guter alter Freund Lex, ich freue mich so sehr, dich wiederzusehen! Geht es dir auch gut?“

 

Das fragst du mich, Bahryo? Was ist mit mir geschehen?“

 

Der junge Psianer beäugte mit liebevollem Interesse den greisen Planetenforscher und sagte dann mit bedächtiger Stimme: „Wir haben Dich überall gesucht und nirgendwo gefunden. Schließlich habe ich aus Verzweiflung über dein Verschwinden Kontakt mit dem Geist meines verstorbenen Großvaters, Larka Shonjax aufgenommen und von ihm erfahren, dass du auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise zum Ort meiner Vorfahren auf dem Planeten Thule zurückgekehrt bist, wo du vor mehr als siebzig Jahren nach einer Bruchlandung mit deinem Beiboot von unserem Volk gerettet worden bist. Was machst du bloß für Sachen, Lex? Ich glaube, wir müssen in Zukunft etwas besser auf dich aufpassen. Deine Erinnerungen haben starken Einfluss auf den Geist meines Großvaters. Wenn sie übermächtig werden, dann kehrst du zurück in die Vergangenheit. Deine Erinnerungen werden für dich zur Realität. Du durchlebst eine Zeitreise und findest dich später auf Thule wieder. Und wie du selbst weist, ist der Geist der Psianer nicht nur sehr stark, sondern auch unsterblich. Er ist dazu fähig, jede menschliche Erinnerung real werden zu lassen, selbst über den Tod hinaus. Du und mein Großvater ward durch eine tiefe Freundschaft miteinander verbunden. Daran wird es wohl liegen. Du hast ihn oft in seinem Leben besucht. Ich glaube, Freundschaften dieser Art überdauern den Tod. – Aber jetzt lass’ uns endlich zurück zur Sternen-Station Asteran IV fliegen, wo ein paar alte Teammitglieder bereits auf dich warten. Morgen ist Kameradentreffen. Viele sind extra von der Erde angereist, um dich wiederzusehen. Lass’ uns also gehen!“

 

Mit langsamen Schritten folgte der alte Planetenforscher Lex Ashton willig dem jungen Bahryo Shonjax, der den alten Mann fürsorglich an die Hand nahm und zum wartenden Raumschiff brachte.

 

Ganz in der Nähe, über einem kleinen schroffen Hügel in der Gras- und Mooslandschaft, schwebte der Geist des verstorbenen Pelzwesens Larka Shonjax wie eine transparente Gestalt sanft auf und ab und schaute voller Wehmut dem startenden Raumschiff hinterher.

 

Irgendwann würde er, sein Freund Ashton, für immer zurückkommen.

 

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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