Robert Zabek

WENN DAS JEDER MACHEN WÜRDE ! ( madness part II)


was hier bei uns in österreich "krapfen" heisst, das nennt man in deutschland "berliner". eine feine sache, besonders mit einem glas kalter milch. gleichermaßen verwendet der österreicher das wort "krapfen" gern als synonym für "hässliche frau". daran musste ich kürzlich unweigerlich denken, als ich meinen fernseher einschaltete und jemanden, im kontext einer doku, welche in schwarz-weiss ausgestrahlt wurde, sagen hörte: "ich bin ein berliner!"...J.F.K, der erste metrosexuelle mit gesunder selbsteinschätzung? natürlich nicht, aber was soll's. ich möchte euch ja eigentlich von einer ganz anderen begebenheit erzählen.
ich war gestern in einem park. jener befindet sich unweit von meinem wohnblock und gerade im sommer ist es dort sehr angenehm. zwitschernde vögel, das plätschern des trinkwasserbrunnens, die lauhe sommerluft, durchtränkt vom geruch frisch zubereiteter speisen, kredenzt von bauern aus der region, die sich hier mit selbst gestalteten verkaufsständen ein bisschen was dazu verdienen, hie und da eine kühle brise und wenn man es sich dort im schatten, auf einer der vielen grünflächen, gemütlich macht, kann man das hektische treiben, welches einen in dieser stadt überall und permanent umgibt, wenigstens für eine weile, gänzlich ausblenden. manchmal klappt dies allerdings leider nicht wie ursprünglich geplant. so wie gestern zum beispiel. ich hatte auf einer parkbank platz genommen und mein smartphone in der hand. ich ging online, hörte musik, recherchierte die unterschiedlichsten sachen und nach gefühlten 2 stunden fiel mir auf, dass ich es zwar war, der sein smartphone in händen hielt, aber eigentlich war es mein smartphone, welches mich im griff hatte. auch so eine sache. ungefähr eine nanosekunde nach dieser erkenntnis realisierte ich, dass jemand neben mir stand. ich blickte auf und sah einen, etwas herunter gekommen wirkenden mann, mit hut. ich begrüsste ihn: "hallo...na....alles klar?". er hatte meinen blick etwas latent erwidert, denn hinter mir befand sich eine art gebüsch, welchem seine aufmerksamkeit wohl eigentlich zu gelten schien. "grüsse", erwiderte er. "ich wollte hier jetzt eigentlich ur-i-nier-en....haha". 
"aha...und was genau meinen sie bitte mit 'hier'?", sagte ich zu ihm. "na, das gebüsch hier..." meinte er.
"wäre fein, wenn sie sich einen etwas weiter entfernten ort suchen würden, denn, ich habe keine lust auf jedwede geruchsbelästigung, und dieser busch, dort, ist mir ehrlich gesagt etwas zu nah an meinem sitzplatz, wenn sie verstehen." 

"Ja..nee..is klar".

die grünfläche hinter mir befand sich auf einer art plateau, ungefähr kniehoch. leicht wankenden schrittes näherte er sich besagter anhöhe, hüpfte hinauf und...ging nicht zu dem ersten busch, dafür aber zum zweiten. na toll. die distanz meiner pankbank zum stillen örtchen seiner wahl erschien mir jedoch letztendlich doch durchaus adäquat und genehm, also drehte ich mich wieder um und wandte mich ein weiteres mal meinem handy zu....hinter mir, kein geräusch...nichts. dann, nach etwa einer halben minute ging es los. hätte man in dem film "downsizing" die niagarafälle geschrumpft, hätten sie sich wohl in etwa so angehört. ich konnte die erleichterung, die er gerade verspürt haben musste, sehr gut nachvollziehen, dennoch dauerte es keine 10 sekunden bis er in seinem element unsanft gestört wurde und sein strahl abrupt ins stocken geriet.

"NA, DAS GEHT ABER JETZT NICHT!" 

eine frauenstimme erhob sich von schräg vis-a-vis, quasi aus dem nichts, und der leicht angetrunkene mann mit hut erwiderte, sichtlich eingeschüchert: "ja was soll ich denn machen? hier gibt es kein klo."
"was reden sie denn da?! ein stück weiter hinten gibt es eine öffentliche toilette."
"ja, aber die ist geschlossen."
"nein, ist sie nicht. bis 22 uhr sind alle toiletten hier am markt geöffnet!"
die kirchenglocke ertönte. es hatte soeben 16 uhr geschlagen. etwas spät für high noon, aber dennoch: es schien, als hätte sheriff brunzkachel nicht vor, den schluckspecht zu begnadigen.
die augenscheinlich von sich selbst sehr überzeugte dame musste so um die 60 jahre alt gewesen sein. adrett gekleidet, relativ erhaben in ihrer wortwahl und dennoch...dem klang ihrer stimme nach zu urteilen, verbuchte ich sie intuitiv als pensionierte akademikerin, die im kern aber wahrscheinlich dennoch nie wirklich gewusst hatte, wer sie eigentlich war und darüber hinaus wohl auch noch heute des öfteren nicht wirklich weiss, was sie wann, wie und warum eigentlich sagt. sie kam näher und blieb knapp einen halben meter von mir entfernt stehen. und dann sagte sie es. schon zu oft habe ich diese worte gehört. fast immer in selbigem oder ähnlichem kontext, jedenfalls, blieben mir diese worte auch an diesem tag nicht erspart:

"WENN DAS JEDER MACHEN WÜRDE. JETZT STELLEN SIE SICH MAL VOR, WENN DAS JEDER MACHEN WÜRDE !"

der mann mit hut erschrak, hielt seinen strahl zurück und verharrte regungslos in dieser unfreiwilligen schockstarre. dann blickte sie mich an, riss einmal kurz die augen ganz weit auf, à la : "sehen sie guter mann, so macht man das!" und dann verliess sie erhobenen hauptes das geschehen. der mann mit hut beendete sein geschäft, tropfte ab und machte sich auf den weg zurück zur taverne, wo sich seine saufkumpanen wohl bereits gefragt hatten, wo er denn so lange blieb.

"wenn das jeder machen würde"

dieser satz hatte mich stutzig gemacht. und zwar das erste mal bereits vor etlichen jahren. er ist das paradebeispiel eines satzes, der überhaupt keinen sinn ergibt, aber in solchen situationen immer wieder irrsinnig gerne von menschen verwendet wird, die glauben, dass sie etwas sinnvolles zu sagen haben, obwohl das gegenteil der fall ist.

das wort "merkwürdig" hatte irgendwann ein ähnliches schicksal ereilt. man verwendet es gerne als synonym für "seltsam", im sinne von: "hast du gesehen, wie der mann, da bei dem haus, über die gartenmauer gesprungen ist? das ist aber merkwürdig...hier stimmt doch etwas nicht.". dabei ist das naturell des wortes "merkwürdig" eigentlich völlig neutral und impliziert keinesfalls eine reduktion auf einseitige verwendung. schenkt man der zusammensetzung des wortes ´merkwürdig´ beachtung, fällt auf, dass besagtes wort somit auch durchaus bei schöneren szenarien anwendbar ist:

"weisst du noch wie glücklich unsere tochter an ihrem 8. geburtstag war? das werde ich nie vergessen. es war eine freude ihr zuzusehen. das war absolut merkwürdig."

nur mal so als beispiel....

merk-würdig...nicht seltsam, sondern
einfach nur
des merkens würdig.

würdig, dass man sich es merkt.

back to the park:

ich hätte sie aufhalten und zur rede stellen sollen:

"gute frau, dass ihnen nicht klar ist, was sie hier soeben gesagt haben, liegt ja wohl auf der hand. leider nicht auf ihrer, sondern auf meiner. wäre ihnen klar gewesen, was die von ihnen gewählte phrase eigentlich bedeutet, hätten sie wohl hoffentlich darauf verzichtet, sich ihrer zu bedienen.

nehmen sie platz und leihen sie mir ihr ohr!
(auch eine u. U sehr gefährliche phrase, wie ich meine :-)

WENN DAS JEDER MACHEN WÜRDE

sie wollen damit sagen, dass sie nicht wollen, dass das jemand bzw. jeder macht, weil das ja in ihren augen, bzw., objektiv gesehen...gell...eine absolute katastrophe und frechheit wäre.

nun denn...denken wir die sache mal durch und reduzieren wir ihre aussage im rahmen dieser prozedur auf die drei wichtigsten punkte.
es gäbe im detail zwar noch mehr möglichkeiten, jedoch bleibt die conclusio immer dieselbe.

"WENN DAS JEDER MACHEN WÜRDE!"

option nr. 1:
-------------------

7.5 mrd menschen pilgern hierher zu uns in diesen park und verrichten JETZT ihr geschäft in dem gebüsch hinter mir.

...

genau dies wäre ihr

"WENN DAS JEDER MACHEN WÜRDE"

...das wird nicht passieren. das ist auf multiplen ebenen einfach komplett unmöglich.

Option Nr.2:
-------------------

7.5 mrd menschen pilgern hierher zu uns in diesen park und verrichten ZU UNTERSCHIEDLICHEN ZEITEN ihr geschäft in dem gebüsch hinter mir.

hierbei wären wohl die intervalle zw. den besuchen entscheidend dafür,  ob sich diese sache zu einer wahren krise auswachsen würde, oder eben nicht.

jedoch ist davon auszugehen, dass auch option nr. 2 niemals in die tat umgesetzt wird.

Option Nr.3:
-------------------

7.5 mrd verrichten ihr geschäft outdoor und zwar an verschiedenen orten auf der welt und das zu unterschiedlichen zeiten bzw. manchmal/öfter wahrscheinlich sogar zur selben zeit.

gnädigste...die chancen stehen sehr gut, dass diese 3te mögliche interpretation schon immer realität war und auch heute noch so praktiziert wird.

soll heissen, ich gehe davon aus, dass fast jeder von den 7.5 mrd menschen, die momentan leben, so etwas schon einmal gemacht hat. irgendwann, irgendwo. und die, die noch zu klein sind, um es zu tun, werden's wohl auch mind. 1x in ihrem leben tun.

wir können also davon ausgehen, dass:

JEDER MENSCH SO ETWAS MAL MACHT

und nichts passiert. 

keine katastrophe, kein übel, unterm strich also:

kein grund zur aufregung

wir brauchen uns nicht fragen, was wäre, wenn das jeder machen würde, weil es wohl eh jeder macht bzw. eben nicht :)

und es ist okay.

somit hat es sich erledigt mit der sinnhaftigkeit ihrer phrase:

"wenn das jeder machen würde!"


zuerst denken und dann

weiter denken.


das ist ja noch schlimmer als:

"na du, was machst du denn?"
"ich bin im kino"

...

"ich wollte nicht wissen, wo du bist, sondern was du machst. im kino kann man warten, auf 'nen drink gehen, sich etwas zu essen kaufen, weil man auf den einlass zu einem film wartet, oder man ist grad am rausgehen. theoretisch kann man dort auch nach einer entführung aus der bewusstlosigkeit erwachen usw. und sofort....abgesehen davon weiss ich jetzt auch nur ungefähr wo du bist, weil besagtes kino ja auch in brasilien sein könnte, wo du vielleicht gerade urlaub machst."

auch gut ist das hier...und ich hab's hier vor mir, schwarz auf weiß.

eine art visitenkarte eines stadtbekannten amtes:

"telefonische voranmeldung am mittwoch um 9 uhr erforderlich"

um 9 uhr...nicht: zw. 9 uhr und 10 uhr....nicht: zw. 9 uhr und 9:30,
auch nicht zw. 9 uhr und 9:10 uhr oder 9:05 uhr sondern UM 9 uhr.

ein sehr stressiger gedanke, besonders wenn einem ein paar tage zuvor, dort vor ort, gesagt wird, dass man bitte wirklich pünktlich anrufen soll, weil da immer sehr viele leute anrufen!

pünktlich !....UM 9 uhr....ja, wann genau ist denn eigentlich ´um 9 uhr´ und vor allem: wie lange dauert es eigentlich?!

die tage vergehen. der wecker läutet. es ist mittwoch. endlich. 8 uhr. schnell noch ein paar tassen kaffee
und dann jaaaaaa keinen fehler machen!

ich rufe also an. 

und zwar sicherheitshalber um 8:56 (!)

antwort:

"termine werden erst um 9 uhr angeboten. sie müssen in 5(!) minuten noch einmal anrufen."

(auch: müssen ...)

ich lege auf und frage mich, wievielen menschen sie dort tage, wochen, oder monate zuvor gesagt hatten, an genau diesem mittwoch um exakt 9 uhr anzurufen. wieviele menschen werden anrufen? und haben die mitarbeiter in diesem amt dort mehr als nur eine leitung?! haben die dort überhaupt genügend personal, um sich um all die anrufer und deren anliegen zu kümmern?! ein bisschen beruhigt bin ich dennoch. sofern meiner telefonpartnerin aufgefallen war, dass mein anruf bei ihr um 8:56 eingegangen war, ist immerhin die frage "von wann bis wann kann man dort anrufen?", wenn auch etwas unscharf - meinte sie doch, ich soll in 5 minuten noch mal anrufen - beantwortet.
gleichermaßen wäre somit ein vermerk auf dieser visitenkarte á la "wenn sie um 9:01 uhr anrufen, ist es auch okay" nett gewesen.

wie auch immer: "UM 9 Uhr" ist und bleibt jedoch definitiv eine frechheit.

vielleicht war der angetrunkene mann mit hut, der im park sein geschäft verrichten wollte, genau einer jener menschen, denen all diese dinge, eines tages aufgefallen sind.

und vielleicht war die intervenierende dame zeit ihrer beruflichen laufbahn bei genau so einem amt angestellt.

who knows ...

nobody knows, and neither do i.

aber ich mach da nicht mit...weil....wenn das jeder machen würde...ui...ui...pfui.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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