Wolfgang Küssner

Aus dem Amtsgericht Teil 2 - Die Straftat

Ganz oben, in der norddeutschen Tiefebene, ist das Land flach. Sehr flach. Man könnte montags bereits den Besuch vom folgenden Wochenende kommen sehen. Hier, an der Nordsee, liegt Nordfriesland mit der Stadt Husum. Die graue Stadt am Meer hat viele Krabben, viele Krokusse, aber nur ein Amtsgericht. Es ist Dienstag, mittlerweile zehn Uhr fünfzig. Strafsache Petersen. Im Sitzungssaal befinden sich Richter, Angeklagter, Staatsanwältin, Verteidiger und ein paar andere, hier ungenannt bleibende, Personen; und natürlich Sie, als Zuleser. Bei Gericht ist man sehr genau. Zwischen dem Richter und dem Angeklagten entsteht folgender Dialog (auf Tüddelchen unten und Tüddelchen oben wird hier verzichtet.... Sie kennen es von Teil 1):

Wir setzten die Hauptverhandlung in der Strafsache Petersen fort. Herr Petersen, Sie haben die Anklage der Staatsanwältin gehört. Ja, ich habe gehört, was die Staranwältin vorgelesen hat. Ich muß Sie korrigieren: Es ist die Staatsanwältin. Sie werden in dem Schriftsatz beschuldigt, mehrfach wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gegen den Paragraphen 183 StGB verstoßen zu haben. Drei Fälle von exhibitionistischer Handlung werden Ihnen zur Last gelegt. Ich kann mich an die mir zur Lust gelegten Fälle nicht erinnern. Last, Herr Petersen, auch wenn es für Sie vielleicht eine Lust war. Sind Sie Alkoholiker? Laut Anklageschrift hatten Sie keinen Alkohol im Blut. Nee, ich bin Analalkoholiker. Wie bitte? Sie meinen Antialkoholiker. As Sie menen. Konsumieren Sie Drogen: Amphetamine, Hasch? Nee, Vitamine nehme ich nicht zu mir. Gut, lassen wir es dabei.

Sie können sich also nicht an die Straftaten erinnern. Helfen wir Ihnen also auf die Sprünge. Am 23. März wurde die Polizei bei einsetzender Dämmerung an den Strand gerufen. Man traf Sie nur mit Schuhen und einer Pelerine bekleidet an. Was wollten Sie dort? Ich wollte schwimmen gehen. Bei Dämmerung? Im März? In der Nordsee? Machen Sie so etwas zu der Jahreszeit häufiger? Nee, das war ein erster Versuch. Und ich vermute, Sie haben die Pelerine benutzt, um sich darunter umkleiden zu können? Richtig, Herr Richtig. Nur zufällig waren ein paar jungen Frauen in der Nähe und wie es der Zufall weiter wollte, hatten Sie beim Umkleiden eine Erektion. Da ich nicht allein war, habe ich ja die Pelerine benutzt. Und Sie haben sich den jungen Frauen nicht weiter genähert, gar den Inhalt Ihrer Pelerine präsentiert? As Sie menen. Nun gut, wir werden die Zeugin später dazu befragen.

Drei Tage später, am 26. März, wurde die Polizei von Besuchern der Stadt in den Schloßpark gerufen. Erneut wurden Sie, nur mit der schon erwähnten Pelerine bekleidet, angetroffen. Was haben Sie dort gemacht? Ich wollte ein wenig spazieren gehen. Es war mein freier Tag. Um 21 Uhr 10, bei 12 Grad, nur mit einer Pelerine und Schuhen bekleidet? Gibt es für den Park etwa Bekleidungs-Vorschriften? Die gibt es nicht Herr Petersen. Aber auch im Park ist die Erregung öffentlichen Ärgernisses eine Straftat. Ich bin ja nur spazieren gegangen. Richtig. Nur nicht auf den sonst üblichen Wegen, sondern von Baum zu Baum sind Sie gehuscht und haben dabei mehrfach ihren Umhang geöffnet und ihren nackten Körper mit erigiertem Penis zur Schau gestellt. Nee, nee, das können Sie mir jetzt nicht anhängen, Herr Richter, auch wenn die asthmatisch aussehende Frau das behauptet. Sie meinten vermutlich die asiatisch aussehende Frau. As Sie menen. Zu der Zeit war es dunkel und die Wege schwer auszumachen. Da kann man schon mal vom Weg abkommen. Außerdem, die Frau war zwar kurz erschrocken, hat dann aber gelacht und gejucht. Wir werden sie dazu hören.

Und gegen 22 Uhr 30 wurden Sie am 1. April erneut von den Beamten der Polizei in Gewahrsam genommen. Diesmal hatten Sie Ihr Unwesen in der Schloßpassage getrieben. Abermals nur mit der Pelerine bekleidet. Sie haben die Schuhe vergessen, Herr Richter. Okay. Und dort haben Sie zum dritten Mal in kurzer Zeit exibitionistische Handlungen vorgenommen, diesmal gegenüber einer älteren Frau mit Hund. Nein, Herr Richter, das können Sie mir nicht anhängen. Ich war zu Hause gewesen, wollte eigentlich schon schlafen gehen, hatte mich bereits bettfein gemacht. Da merkte ich plötzlich, daß ich mein Schlüsselbund im Brauhaus vergessen hatte. Da habe ich mir schnell die Pelerine über die Schulter geworfen und bin zum Brauhaus gelaufen. Ist ja gleich um die Ecke. In der Passage war es recht zugig und da habe ich den Umhang etwas enger an den Körper gelegt. Wenn ich das mal dekorieren darf? Sie wollen Ihre Handlung demonstrieren? Ja. Dann zeigen Sie mal. (Petersen breitet die Arme zunächst auseinander, hält seinen jetzt imaginären Umhang in den Händen, schlägt die Arme dann eng und über Kreuz an den Körper.) Das war sehr überzeugend, Herr Petersen. Mal sehen, was unsere Zeugin dazu beitragen kann, ob sie das auch so interpretiert. As Sie menen.

Eine Frage noch Herr Petersen: Woher hatten Sie eigentlich die Pelerine? Haben nicht alle Männer eine Pelerine? Ich meinte den Umhang, Petersen. Ach, und ich hatte an Pill.... gedacht. Es ist schon eine Lust, die einem da aufgetragen wird. Last, Last, Petersen. Ach – und noch etwas Petersen: Haben Sie eigentlich im Zusammenhang mit den drei Ereignissen eine sexuelle Befriedigung erfahren? Wie darf ich das verstehen? Na, haben Sie zum Beispiel onaniert? Nein, ich habe mich nicht anders orientiert. (Der Richter verdreht leicht genervt die Augen.)

Ein detailliertes Protokoll hätte mehrfach leichte Heiterkeit im Zuhörerraum verzeichnen können. Doch es gab ein solches Protokoll nicht. Es gab gar keinen Gerichtstermin. Diese Geschichte ist reine Erfindung. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder auch nicht mehr lebenden Personen wäre also rein zufällig. Im 3. Teil wird von den Zeugen zu lesen sein. Bleiben Sie also dran, lieber Leser, an der Geschichte aus dem Amtsgericht.

Juli 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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