Angie Pfeiffer

Was wollen sie denn in Dänemark?

Alles hatte damit angefangen, dass Alan den Satz äußerte. Hätte er es gelassen, so wäre uns einiges erspart geblieben:

Wir saßen, wie so oft, gemütlich in der Küche; ich lesend, Alan computernd. Plötzlich drang der Satz in mein Bewusstsein, ließ mich aufhorchen. „Ich möchte gern eine Woche wegfahren, einfach entspannen.“ Das ließ meine bessere Hälfte so nebenbei fallen. Dabei hatten wir beschlossen, in diesem Jahr auf den Urlaub zu verzichten und lieber alle dringend erforderliche Reparaturen am Haus machen zu lassen. Ich ließ mein Buch sinken und schaute meinen Verführer prüfend an.
„Guck nicht so über den Brillenrand, ich meine ja nur …“, murmelte dieser in seinen Laptop. „Es muss kein teurer Urlaub sein. Eine Woche mit den Dackeln im Ferienhaus.“
„Mein lieber Mann, wie ich dich kenne, bist du auch gerade zufällig auf ein entsprechendes Angebot gestoßen.“

Jetzt grinste er breit. „Eben, ich habe gerade ein schnuckeliges Ferienhaus in Dänemark auf dem Bildschirm. Kannst es dir ja mal anschauen.“ Neugierig geworden schaute ich ihm über die Schulter. Wirklich, hier wurde ein nettes kleines Ferienhaus direkt am Wasser angeboten, das einen hübschen blauen Anstrich hatte. Die Fotos waren ansprechend und die Einrichtung sah nagelneu aus. Zu dem Häuschen gehörte ein riesiges, gepflegtes Grundstück, sodass die Hunde dort problemlos herumtollen konnten. „Das sieht ja fabelhaft aus, bestimmt ist es ziemlich teuer.“
„Nein, eben nicht. Es ist spottbillig. Wir wären schön dumm, wenn wir das Häuschen nicht mieten würden.“
„Alan, das kann ich mir nicht vorstellen, irgendwo ist da ein Haken. Das ist einfach zu billig für ein so schönes Feriendomizil.“ Alan nahm mich in den Arm und so war ich schon von vornherein überstimmt. „Du musst nicht alles so schwarz sehen, Kleine. Vielleicht haben wir einfach Glück. Ich buche das jetzt.“ Er gab mir einen Kuss auf die Nase und wandte sich seinem Laptop zu, um die Buchung zu tätigen.
Bis zum Urlaubsbeginn gab es noch einiges zu tun. Vor allem musste auf die Schnelle eine Bleibe für unsere Katze gefunden werden, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. „Warum gibst du die Katze nicht im örtlichen Tierheim in Pension?“, riet mir eine Arbeitskollegin. „Ich habe unseren Kater mehrfach dort untergebracht und war immer sehr zufrieden.“ Also schauten wir uns die Unterbringungsmöglichkeiten im Tierheim an und waren angenehm überrascht. Einem einwöchigen Aufenthalt für unsere Lisa stand nichts im Wege.

Mit diesen und anderen Problemen verging die Zeit wie im Flug. Schon standen wir, mit dem Katzenkorb bewaffnet, vor unserem misstrauischen Leisetreter. Denn eines hatte das Tier sofort begriffen: Es bedeutet nichts Gutes, wenn Herrchen und Frauchen so demonstrativ freundlich waren und versuchten den kleinen Behälter, in den sie ab und zu gesteckt wurde zu verbergen. „Du lockst sie mit dem Katzensnack an, ich packe sie und stecke sie in den Korb“, raunte Alan mir zu. „Viel Vergnügen“, murmelte ich zurück, wobei ich demonstrativ mit dem Leckerchen wedelte, um Lisas Aufmerksamkeit von dem sich anschleichenden Katzenfänger abzulenken. Das gelang mir nur bedingt. Das Tier, süchtig nach Geflügelsnacks, näherte sich zwar begehrlich, bemerkte aber im letzten Moment Alan und versuchte seinen zupackenden Händen zu entkommen. „Verdammt, aua“, fluchte der lautstark, denn Lisa hatte sich für diese unfaire Attacke mit einem tüchtigen Hieb revanchierte. Trotz der Blessur hielt Alan das zappelnde, entrüstet maunzende und um sich kratzende Raubtier eisern fest, während ich versuchte, den Katzenkorb in Position zu bringen. Nach einigem hin und her hatten wir es tatsächlich geschafft: Lisa saß im Katzenkorb und gab jammernde Laute von sich. Verzweifelt schaute Alan mich an. „Hör bloß mal, wie die Kleine jammert!“ In diesem Fall kannte ich kein Erbarmen. „Du bist vielleicht lustig, erst buchst du den Urlaub, dann zappeln wir uns ab, um noch einen Platz für die Katze zu finden und jetzt kriegst du Skrupel!“ Alan brachte es fertig wie ein gescholtener Junge zu gucken, während er sich ein riesengroßes Pflaster auf den kleinen Kratzer klebte, den ihm die erboste Katze verpasst hatte.

Im Tierheim angekommen erwartete uns eine freundliche Dame mittleren Alters. „Ist Lisa eine selbstbewusste Katze?“, war ihre erste Frage nach der Begrüßung. „Ich würde sie gerne zu Felix geben, aber der ist ein ziemlich dominanter Kater.“
„Lisa ist unheimlich anpassungsfähig, schließlich lebt sie mit zwei Dackeln zusammen – und mit uns“, erklärte Alan trocken.
So folgten wir der Dame in ein freundliches und geräumiges Katzenzimmer, in dem uns ein pechschwarzer Kater erwartete. „Wir hätten Felix schon so oft vermitteln können, aber er ist ein solcher Teufel. Immer will er die erste Geige spielen“, erklärte die Dame. Felix schien das Gegenteil beweisen zu wollen, denn er benahm sich ausgesprochen gut. Er strich uns schmeichelnd um die Beine und lugte vorsichtig in den geöffneten Katzenkorb. Lisa, neugierig geworden, streckte ihren Kopf vor. Sie tastete sich Schritt für Schritt aus dem ärgerlichen Gefängnis. Felix musterte sie interessiert, stupste sie zärtlich mit der Nase an. Lisa erwiderte sein Freundschaftsangebot, was die Mitarbeiterin des Tierheims dazu veranlasste, staunend den Kopf zu schütteln. „Das ist ja unglaublich. Die beiden scheinen sich auf Anhieb zu verstehen.“ Warnend schaute ich Alan an, denn ich ahnte, was jetzt kommen würde. „Wenn die beiden sich so gut verstehen, dann könnten wir uns überlegen, ob wir Felix nicht nach unserem Urlaub zu uns nehmen.“
„Jetzt fahren wir erst einmal für eine Woche weg und dann schauen wir weiter“, warf ich hastig ein. Dieser Mann brachte es fertig, den Kater sofort zu adoptieren.
„Dann wünsche ich einen schönen Urlaub. Wo soll´s denn hingehen?“, erkundigte sich die nette Dame.
„Wir haben für ein paar Tage ein Ferienhaus in Dänemark an der Ostseeküste angemietet.“
„Na dann packen sie sich warme Sachen ein, denn es kann dort um diese Zeit schön kalt werden.“

„Da vorne muss es sein, Alan!“ Ich wies auf die Tankstelle, die ein paar Meter vor uns lag. Hier sollten wir den Schlüssel zu unserem schnuckeligen Ferienhaus abholen. Alan parkte den Wagen. „Ich hole den Schlüssel eben ab, du bleibst besser im Auto bei den Hunden“, meinte er und war auch schon ausgestiegen. Wenig später kam er grinsend mit einem Schlüsselbund in der Hand zurück. „Das war unkompliziert. Allerdings hat die Frau die mir den Schlüssel gegeben hat weder englisch, noch deutsch gesprochen und dänisch kann ich ja leider nicht. Ich habe ihr die Reisebestätigung gezeigt. Daraufhin sie hat mir einfach den Schlüssel in die Hand gedrückt und sich nicht weiter um mich gekümmert.“ Er startete den Motor. „Auf in den Endspurt.“

„Dem Navi nach müssten wir gleich da sein, die Straße stimmt. Schau doch mal, ob du die Hausnummer Drei findest“, sagte er wenig später. Von wegen Straße, wir fuhren einen Schotterweg entlang, an dem sich die verschiedensten Ferienhäuser befanden. Alles war vertreten: reetgedeckte Villen, hübsche bunte Holzhäuschen, baufällige Kotten und bessere Geräteschuppen. Hier sollte also unsere Bleibe für die nächste Woche sein. Interessiert schaute ich mich um, ohne allerdings das Haus Nummer Drei zu sichten. Doch etwas anderes fiel mir auf: „Sag mal, Alan, sollte das Haus nicht direkt am Meer liegen? Ich sehe überhaupt kein Wasser, außer dem, welches gerade vom Himmel schüttet natürlich.“ Es regnete in Strömen.
„Bleib cool, Dear“, murmelte mein notorischer Optimist beruhigend. „Sicher finden wir das Haus gleich und dahinter siehst du dann das blaue Meer.“
„Klasse, bei dem ollen Regenwetter wird mich das Meer bestimmt blau anblinken. Das sehe ich ganz genau so.“ Sagte ich bereits, dass ich keine notorische Optimistin bin?
„Hier ist der Weg zu Ende, ich wende den Wagen. Bestimmt haben wir das Häuschen übersehen“, Alan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wendete den Wagen und wir fuhren die Strecke noch einmal ab, ohne das auf dem Foto abgebildete Haus zu finden. Beim dritten Versuch konzentrierte ich mich nur auf die Hausnummern und wurde endlich fündig. Von einem klapperigen Briefkasten, der vor einer verwahrlosten Grundstückseinfahrt stand, blätterte die Nummer Drei ab. „Stopp, ich glaube hier ist es.“
Alan musterte die Einfahrt. „Hier war schon länger kein Gärtner mehr, glaube ich. Aber das Häuschen ist dafür um so toller.“ Ich schaute ihn zweifelnd an, verkniff mir aber jede Bemerkung. Wir fuhren auf das Grundstück und standen zunächst erst einmal vor einem riesigen Dschungel aus Wildkräutern, hinter dem wir im Regen ein düsterschwarzes Haus ausmachen konnten.
„Hier war auch schon länger kein Gärtner mehr, was!“ Diese Bemerkung konnte ich mir nicht verkneifen. Die Wildkräuter hatten den Vorgarten völlig überwuchert, trotzdem fuhr Alan auf den dunkel zu erahnenden Standplatz. Zögernd stieg ich aus dem Auto und schaute mir das Haus genauer an. Die Konturen stimmten einigermaßen, aber das Haus auf dem Foto war lustig blau gewesen und nicht pechschwarz. Außerdem war diese Behausung genauso heruntergekommen und verwahrlost wie der Rest des Grundstücks. Allerdings erahnte man dort, wo die schwarze Farbe abblätterte, den blauen Anstrich. Alan ging entschlossenen Schrittes in Richtung Eingangstür. „Du wirst sehen, von innen ist das ein klasse Ferienhaus.“ Er kann unerträglich optimistisch sein. Ich folgte ihm verzagt. Nachdem er nach einigem Bummern und Rütteln die Tür geöffnet hatte, standen wir in unserem ‚Traumhaus’. Zuerst stieg mir der muffige Geruch nach ungeheizten, feuchten Räumen und ungelüftetem Bettzeug in die Nase. Auch hier erahnte man, dass es sich um das angebotene Ferienhaus handelte, allerdings war die Einrichtung alles andere als neu, die elektrischen Leitungen einfach an den Wänden festgenagelt, die Heizkörper verrostet.
„Ich verstehe das nicht. Wer hier die Fotos gemacht hat, verdient den ersten Preis beim Wettbewerb ‚Das Schummelfoto des Jahres‘!“ Entgeistert setzte ich mich auf das Sofa, welches entrüstet aufknarzte und eine Feder in meinen Allerwertesten piekte. Schnell stand ich wieder auf. Alan schaute mich kurz an. „Ich hole die Hunde aus dem Auto, die sind froh nach der langen Fahrt raus zu kommen. Anschließend schauen wir uns die oberen Räume an.“ Sprach’s und war blitzartig zur Tür hinaus. Er ließ sich reichlich Zeit, sodass ich Gelegenheit hatte, mir die Küche anzusehen. Auch hier war das spärlich vorhandene Mobiliar alt und abgenutzt. Gleich neben der Küche ging es ins Badezimmer. Ich öffnete die Tür und stand da wie vom Donner gerührt. Neben der Toilette befand sich ein kleines Spülbecken, das einige Risse aufwies. Wo normalerweise die Armaturen angebracht sind, hatte dieses Teil ein Loch. Die Wand hinter dem Becken verzierten malerische braune Rostflecken. Darüber gab es einen Wasserhahn, der an zwei alten Metallrohren hing. Zwei Rohre! Offensichtlich kaltes UND warmes Wasser! Ein Glücksfall also. Über dieser Luxusarmatur tröpfelte traurig ein popliger Duschkopf vor sich hin. Mitten im Boden befand sich ein Gully und in einer Ecke lehne ein Abzieher für Zwerge denn das Ding hatte einen Stiel von höchstens 40 cm Länge. Einige schäbige Holzregale komplettierten das Luxusbad.
Inzwischen war meine bessere Hälfte mit den Dackeln im Schlepptau aufgetaucht und verbreitete gute Laune. „Murphy und Emma gefällt es hier.“ Wirklich schnüffelten die beiden interessiert in jeder Ecke herum.
„Kein Wunder, in dieser stinkenden Bruchbude fühlt sich so ein Dackel sauwohl. Hast du gesehen, wie verrostet die Heizkörper sind? Riechst du den Mief von tausend Übernachtungen? Und vor allem, bitte schau dir das Bad an!“ Demonstrativ riss ich die Tür zum Badezimmer auf. Alan steckte den Kopf in den Raum und schaute sich interessiert um. „Jaa, hmm“, brummelte er.
„Was, jahm?“
„Ich habe schon schlechter geschlafen und die Vorrichtung hier erinnert mich stark an eine Campingdusche. Wir lüften einmal tüchtig durch, dann riecht es nicht mehr. Du musst zugeben, dass die Einrichtung zwar ein wenig abgenutzt, das Haus aber tadellos sauber ist. Hast du den tollen Kanonenofen bemerkt? Übrigens: der Blick aus dem Schlafzimmerfenster ist toll, man kann das Meer sehen.“ Ungläubig schaute ich meinen verrückten Ehemann an. „Du willst wirklich hier bleiben“, stellte ich konsterniert fest.
Alan nickte. „Mir bleibt gar nichts anderes übrig. Ich habe zwei Termine mit Kunden gemacht. Wo wir sowieso in der Ecke hier sind, war das naheliegend. Ich habe dir das noch sagen wollen. Ich konnte wirklich nicht ahnen, dass sich unser hübsches Ferienhaus als olle Bruchbude entpuppt.“ Er nahm mich in den Arm. „So schnell lässt sich keine andere Bleibe organisieren. Ich fürchte wir sitzen hier fest und das ist meine Schuld.“ Eigentlich sollte ich stocksauer auf ihn sein, aber irgendwie konnte ich das jetzt auch nicht. Er hatte nicht ahnen können, was uns hier erwartete. Also kuschelte ich mich in seinen Arm.

Wir lüfteten das Haus erst einmal und befeuerten anschließend den, zugegebenermaßen, tollen Kanonenofen. In unmittelbarer Nähe des Hauses befand sich ein stattlicher Holzstapel, aus dem sich Alan bediente. „Das Holz gehört bestimmt hier zum Haus und ist ein Extraservice für die Feriengäste.“
In Sachen Ofenfeuerung nicht bewandert, stopfte er das Teil bis oben voll. Anzünder, Späne, Holz, der Ofen platzte fast aus allen Nähten. Anschließen steckte er das Ganze an und schloss schnell die Ofenklappe, sonst wäre ihm das Feuerungsmaterial auf die Füße gefallen. „Jetzt wird es gleich warm und gemütlich“, mit einem behaglichen Seufzer ließ er sich in einen Sessel plumpsen und sank prompt fast bis zum Fußboden ein.
Skeptisch setzte ich mich auf eine Sofakante, zum einen, weil die Stelle, an der mich die Sprungfeder gepiekst hatte noch immer wehtat, zum anderen, weil ich den Qualitäten meiner besseren Hälfte in dieser Hinsicht nicht traute, was sich als richtig herausstellte. Statt der versprochenen behaglichen Wärme erfüllten binnen kurzer Zeit dicke Qualmwolken das Zimmer. Hustend rissen wir die Fenster auf, um gleich den immer noch strömenden Regen um die Ohren gehauen zu bekommen. Was tun? Wir sahen uns ratlos an, denn die Ofentür zu öffnen schien unmöglich zu sein, da der Herd ja bis oben hin vollgestopft war.
Die Rettung nahte in Form eines Nachbarn, der in einem Regenmantel steckend und mit riesigen Gummistiefelschritten durch den Wildkräuterdschungel brach. Sichtlich erregt rief er etwas dänisches, wechselte aber, als er unsere ratlosen Gesichter bemerkte ins Deutsche über. „Brennt es? Kann ich helfen? Feuerwehr? Ihr seid doch Deutsche?“ Offensichtlich hatte er den Qualm bemerkt und war in helle Aufregung geraten, da er einen Hausbrand vermutete. Gott sei Dank rief er nicht gleich die Feuerwehr, sondern lief zunächst einmal zu uns hinüber, um sich von einem möglichen Brand zu überzeugen und schnell zu helfen. Ins Haus gebeten, bedachte er uns mit einem vernichtenden Blick und zog an einem Hebel, der sich über dem Ofen befand.„Abzugsklappe“, belehrte er uns. „Musst du immer erst ziehen, sonst qualmt`s.“ Abrupt drehte er sich um und stapfte über das Grundstück davon. Alan und ich sahen uns an. „Den haben wir ganz schön verärgert, was“, meinte Alan trocken, doch er irrte sich. Nachbar Knut, der Name eines großen dänischen König, wie er im Laufe des Abends mehrfach betonte, kam schon wieder zurück, tropfte in unser Wohnzimmer und zog eine Flasche Aquavit unter seinem Regenmantel hervor. „Willkommen im Königreich Dänemark“, mit diesen Worten komplettierte er die Grundausstattung mit den passenden Pinnchen.
Eine halbe Flasche Aquavit später, die Fenster waren geschlossen und die Sicht wieder klar, fragte König Knut, der inzwischen den Regenmantel und die Gummistiefel abgelegt hatte: „Was wollt ihr denn jetzt in Dänemark? Es ist kalt, stürmisch, regnerisch und überhaupt nichts los.“
„Komisch, das Gleiche haben meine dänischen Kunden auch gesagt.“ Klasse, das hätte Alan, der Pyromane, mir auch vorher erzählen können. „Och weißt du, Knuti, es ist doch trotzdem schön hier und jetzt, wo ich den Ofen im Griff habe auch richtig heimelig. Darauf sollen wir noch einen trinken.“
Das ließ sich Knut der Dänenkönig nicht zweimal sagen und goss die Gläser randvoll.

Am nächsten Morgen wurde ich von den Dackeln geweckt, die vorwurfsvoll neben mir auf dem Bett saßen und nach ihrem morgendlichen Spaziergang verlangten. Meine bessere Hälfte schnorchelte noch vor sich hin. Ich hatte mich von den Männern verabschiedet, als der hilfsbereite Nachbar sich aufmachte, um die zweite Flasche Aquavit zu holen. Irgendwann war Alan dann ins Schlafzimmer gekommen und ließ sich aufs Bett plumpsen. „Diese Dänen sind äußerst trinkfest“, lispelte er, „aber ich habe mein Vaterland tapfer verteidigt.“ Mit diesen heroischen Worten schlief er ein.
Ich zweifelte stark daran, dass er heute früh in der Lage wäre, das Vaterland alkoholtechnisch, oder sonst wie zu verteidigen. Also ließ ich den tapferen Kämpen erst einmal ausschlafen und ging unter die Dusche. Jedenfalls versuchte ich es. Der Duschkopf streute in alle Richtungen, sodass die komplette Badezimmereinrichtung kladder nass wurde, ich mich aber nur mit Müh und Not abduschen konnte. Insgeheim musste ich allerdings den Konstrukteuren dieser ausgeklügelten Großraumnasszelle meinen Respekt zollen, denn einzig das Toilettenpapier und die an den hierfür eingeschlagenen Nägeln aufgehängten Handtücher wurden nicht nass. Eine technische Meisterleistung also. Auch das anschließende Abflitschen mit dem Zwergenabzieher war mehr als mühsam.
Ich beschloss, erst einmal einen langen Spaziergang mit den Hunden zu machen. Wenigstens war es nur stürmisch und regnete nicht. Das Häuschen von König Knut lag noch im Tiefschlaf. Wahrscheinlich träumte der Dänenkönig von territorialen Eroberungen mit Hilfe von Aquavit und Gammeldansk. Wie von selber führte uns der Weg zum Meer, das in lauter kleinen Schaumwellen ans Ufer klatschte. Auf dem Rückweg kamen wir an einem winzigen Laden vorbei, in dem es alles für ein Frühstück zu besorgen gab. Na bitte, so sah die Welt doch schon wieder viel freundlicher aus.

 

„Bitte mach das Licht an, ich möchte ins Internet.“ Dieser im ersten Moment irritierende Ausspruch kam von meiner besseren Hälfte. Wie wir herausgefunden hatten, war nicht nur die sanitäre Einrichtung nach einem ausgeklügelten technischen System eingebaut worden, auch die Elektroinstallationen ließen jedem Heimwerker das Herz höher schlagen. Im Haus befanden sich in allen Ecken ganz unterschiedliche Lampen. Eines hatten alle Lichtquellen gemeinsam: Sie passten nicht zur Einrichtung. Von diesen Lampen führte jeweils ein Kabel bis zum Fußboden, wo sich ein Schalter und eine Steckdose befanden, die auf dem Fußboden befestigt waren. Wie wir schnell bemerkt hatten, funktionierte die Steckdose nur, wenn man den Schalter betätigte, was automatisch die Lampe leuchten ließ. Ich schaltete also das Licht ein und Alan seinen Laptop.
Nach einer Weile fluchte er laut. „Das hätte ich mir denken können, warum sollte hier auch irgendetwas klappen!“ Interessiert schaute ich ihm über die Schulter, während er mir den Grund seines Ärgers erläuterte. Er hatte einen USB-Stick für den mobilen Internetzugang, der nicht funktionierte. Alan war einigermaßen genervt, da er die Adresse des morgen zu besuchenden Kunden in seinem virtuellen Firmen Terminplaner notiert hatte. „Mist“, schimpfte er. „Jetzt ist es zu spät im Büro anzurufen um die Adresse zu bekommen, aber ich glaube bis zum Kunden sind es 30 km. Ich rufe halt morgen früh an und erfrage die genaue Anschrift, das dürfte kein Problem sein.“ Zu seinem Entsetzen erfuhr er am nächsten Tag, dass er nicht 30, sondern 130 km bis zum Zielort fahren musste. Während meine bessere Hälfte also über die dänische Autobahn jagte, um einigermaßen pünktlich zu seinem Termin zu erscheinen, bekam ich unerfreulichen Besuch.
Ich hatte es mir gerade mit einer Tasse Kaffee gemütlich gemacht, als es gegen die Eingangstür bubberte. Ein bulliger Typ mittleren Alters stand davor, sein Kopf ähnelte von der Farbe her einem Feuermelder. Er gestikulierte wild und zeigte immer wieder auf den Stapel mit Feuerholz, von dem wir uns seit ein paar Tagen bedient hatten und der bereits um einiges kleiner geworden war. Was er sagte, konnte ich nicht verstehen, kapierte aber durchaus, dass es sich um sein Feuerholz handelte, welches wir munter verheizten. Einigermaßen hilflos ließ ich den Mann schimpfen und war heilfroh, als sich Nachbar Knut sehen ließ. Wie ich richtig vermutet hatte, war das Feuerholz zwar bei uns eingelagert worden, stand aber noch lange nicht zur allgemeinen Verfügung parat.
Knut sah die ganze Sache gelassen. „Hast du wohl Holz geklaut, was?“, grinste er mich an. „Gib dem mal ein paar Kronen, dann hört er auf zu schreien.“

Also zückte ich mein Portemonnaie, froh die Sache so aus der Welt schaffen zu können. Der Mann zog zufrieden ab, hatte er doch einen Betrag bekommen, mit dem er seine Heizkosten für die nächste Zeit bezahlen konnte und auch Knut stapfte in Richtung Ferienhaus davon.

Am späten Nachmittag kam Alan erledigt zurück. Da er zu spät zu seinem ersten Kunden gekommen war, konnte er auch den zweiten Termin nur mit einer Verspätung einhalten. Mit einem schiefen Grinsen erzählte er mir, dass der zweite Kunde ihn gefragt hatte, wieso er denn bei der Kälte und dem Regenwetter in Dänemark Urlaub machen würde, was wir uns mittlerweile selbst fragten …

 

Nachtrag:
Wieder zu Hause holten wir unser Kätzchen Lisa aus dem Tierheim ab und mussten feststellen, dass sie und der ‚schwarze Teufel’ Felix ein Herz und eine Seele geworden waren. Was soll ich sagen: Alan nahm mich in den Arm, und wie ich bereits erwähnte, war ich somit schon überstimmt …
© by Angie

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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