Heinz-Walter Hoetter

Die Eiche

 


Es waren einmal zwei reife Eicheln, die im Herbst von einem großen Eichenbaum auf den weichen Boden einer grünen Wiese fielen.

Da sie nicht weit weg voneinander lagen, fingen sie bald eine Unterhaltung an.

Die erste Eichel dachte eine Weile nach, bis sie dann voller Zuversicht sagte: "Ich will einmal eine große und mächtige Eiche werden. Meine starken Wurzeln sollen tief in die Erde hinein wachsen, sodass mir kein noch so starker Sturm etwas anhaben kann. Außerdem will ich jedes Jahr im Herbst viele, viele kleine Kindereicheln haben, die sich genau so auf das Leben freuen, wie ich. Und wenn mich im Sommer die Menschen besuchen und bestaunen, dann sollen sie sich in meinem kühlen Schatten ausruhen können. Ja, das alles will ich."

Die andere Eichel hatte aufmerksam zugehört, aber zwischendurch immer wieder verständnislos den Kopf geschüttelt. Mit ängstlicher Stimme antwortete sie schließlich: "Ich weiß gar nicht, wo du so viel Mut und Zuversicht her nimmst. Ich jedenfalls fürchte mich irgendwie davor, meine Wurzeln in den Boden zu senken. Ich weiß ja gar nicht, was mich da unten in der Dunkelheit der Erde erwartet. Dort leben viele Tiere, die vielleicht an meinen empfindlichen Wurzeln herum knabbern könnten. Und wenn die mal beschädigt werden, dann wachse ich nicht mehr richtig und werde zu einer mickrigen Krüppel-Eiche. Außerdem weiß ich auch nicht, was mich beim Wachsen oben über der Erde alles so erwartet. Viele Gefahren lauern da. Hast du nicht gewusste, dass man sogar unsere Rinde frisst? Außerdem gibt es Menschen, die sehr, sehr böse sind. Wenn wir nämlich groß und kräftig genug sind, dann töten sie uns, weil wir aus einem besonders harten Holz sind. Warum tun sie uns so viel Leid an, wo wir ihnen doch reichlich Sauerstoff zum Leben schenken? Nein, ich will lieber noch etwas warten, bis ich irgendwo anders eine sichere Stelle zum Wachsen gefunden habe."

Die Zeit verging und beide Eicheln lagen noch lange so herum. Eines Tages aber fing die zuversichtliche Eichel an zu keimen, trieb ihre Wurzeln tief in den Boden und wuchs alsbald zu einem kräftigen Spross heran, der schnell größer wurde.

Die andere Eichel lag immer noch auf der Wiese und wartete darauf, dass sie irgendwann von einem starken Herbstwind an einen anderen Ort getragen würde.

Eines Morgens, kurz vor Sonnenaufgang, lief ein Eichhörnchen unter dem Eichenbaum herum. Es war auf der Suche nach Winterfutter für seine Vorratskammer.
Schon bald hatte es die Eichel entdeckt, die noch immer ängstlich auf der Wiese lag, weil sie einfach nicht keimen wollte.

Das quirlige Eichhörnchen kam flink herbei, griff sich die Eichel, nahm sie mit und versteckte das willkommene Futter in einer trockenen Baumhöhle, wo es schon eine Menge Wintervorrat hinein gelegt hatte.


Zufrieden machte sich das Eichhörnchen wieder daran, noch mehr Futter zu besorgen. Zurück blieb die ängstliche Eichel, die jetzt einsam und hilflos in einer dunklen Baumhöhle lag und keine Chance mehr dazu hatte, in dieser Dunkelheit keimen zu können. Nie würde sie eine große Eiche werden. Sie fing bitterlich an zu weinen, aber keiner hörte ihr Jammern und Klagen, noch nicht einmal der Wind, der draußen am Eingang der Baumhöhle vorbei wehte.

***

Ihr wollte wissen, woher ich diese kleine Geschichte kenne? Das kann ich euch sagen.

Ganz in der Nähe eines kleinen Dorfes steht an einem Wanderweg eine große, mächtige Eiche, die weit über einhundert Jahre alt ist. Direkt unter ihrer weit ausladenden Blattkrone befindet sich eine Bank. Ich sitze hier oft im kühlen Schatten ihrer Blätter und ruhe mich vom Wandern aus.


 

Irgendwann bin ich dann mal eingeschlafen.

Ich träumte, dass mir die mächtige Eiche genau diese kleine Geschichte erzählt hat, die ich hier für euch niedergeschrieben habe.


 

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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