Heinz-Walter Hoetter

Der Mann aus der Welt von der anderen Straßenseite

Ich saß notgedrungen an einer Bar und hatte mir ein kühles Bier bestellt. Überall im Raum der stark verrauchten Kneipe war es warm, ja fast zu warm für meinen Geschmack gewesen und so richtig wohl fühlte ich mich in dieser Umgebung auch nicht. Auf gar keinen Fall wollte ich hier länger als nötig bleiben, aber da draußen war ganz plötzlich ein seltsamer Nebel über die gesamte Stadt hereingebrochen, hatte sich rasend schnell wie ein riesiges graues Leichentuch über sie gelegt und viele Menschen regelrecht in Panik versetzt.

Dieses gespenstisch aussehende, grauweiße Gemisch kroch wabbernd durch alle Straßen, drängte unaufhörlich und zäh immer weiter in die tiefen Häuserschluchten vor und schon nach kurzer Zeit hatte es jeden freien Zentimeter der Luft so dicht ausgefüllt, dass man schließlich seine eigenen Hände nicht mehr vor den Augen sehen konnte.

Ich war in dieser schier undurchdringlichen Nebelsuppe fast eine Stunde lang orientierungslos herumgeirrt, bevor ich die Suche nach meinem Wagen genervt aufgeben musste. Den ganzen Tag über hatte ich als Angestellter im Büro eines Esoterik-Buchverlages gesessen und jetzt diese Bescherung. Die langsam hereinbrechende Nacht verschlimmerte den allgemeinen Zustand draußen noch weiter. Selbst die sonst so hellen Neonlichter der Straßenbeleuchtungen waren nur noch als schwache, schemenhafte Leuchtpunkte zu erkennen.

Dann war ich auf einmal in diese schäbige Spelunke hinein geraten, die ich nur widerwillig betreten hatte, weil zu viele Gäste in ihr waren. Offensichtlich war es einigen Leuten genauso ergangen wie mir, die sich so schnell wie möglich vor dem Chaos da draußen einfach nur in Sicherheit bringen wollten. Der Nebel hatte sich mittlerweile wie eine schmutzig aussehende, grauweiße Watte um jedes Gebäude der Stadt gelegt. Einzig und allein die flachen Dächer einiger Hochhäuser ragten wie kleine Insel aus dem düster daliegenden Nebelmeer heraus.

Jedes mal, wenn ein Gast die Tür des Lokals öffnete, stießen von draußen feuchtkalte Nebelschwaden herein, die sich aber schnell wieder verflüchtigten, da sie gegen die stickig warme Luft des verqualmten Kneipenraumes keine Chance hatten.

Ich schaute zum großen Fenster des Lokals hinüber. Ab und zu rollte im Schneckentempo ein Auto vorbei und man hatte den seltsamen Eindruck, dass die grell leuchtenden Nebelscheinwerfer allein daher kamen.

Die Autofahrer taten mir irgendwie leid, denn in Wirklichkeit fuhren sie wie blind durch die Gegend, stets angestrengt nach vorne blickend, gewissermaßen jederzeit bremsbereit, um bloß nicht die roten Rück- oder eventuell aufleuchtenden Bremslichter des voraus fahrenden Fahrzeuges aus den Augen zu verlieren. Diese Nebelküche da draußen war der reinste Wahnsinn.

Trotzdem hatte ich überhaupt keine große Lust mehr dazu, meinen kurzen Feierabend weiterhin in dieser miesen Pinte zu verbringen, denn Lokalitäten dieser Art lagen mir einfach nicht. Auf jeden Fall riefen sie bei mir keine allzu große Begeisterungsstürme hervor. Ziemlich gelangweilt nippte ich deshalb an meinem Bierglas herum und beobachtete aufmerksam die Arbeit der beiden flinken Kellner, die wegen des unerwartet großen Andrangs an Gästen jetzt alle Hände voll zu tun hatten.

„Ein verschwendeter Abend“, sagte ich halblaut zu mir selbst, trank mein Glas leer und stellte es auf die glatt polierte Theke zurück. Dann rief ich nach einem der Kellner und wollte zahlen.

„Ich glaube nicht, dass Sie schon gehen sollten. Warten Sie lieber, bis sich der Nebel aufgelöst hat!“ sagte plötzlich der Mann neben mir auf dem Barhocker.

Der Mann war mir nicht bekannt, er sah schon etwas älter aus und besaß eine Vollglatze. Sein braungebranntes Gesicht war von tiefen Falten durchzogen und unrasiert. Beim näheren Hinsehen bemerkte ich zudem, dass seine Augenränder ziemlich gerötet waren. Auch schien er eine leichte Gehbehinderung zu haben, denn er humpelte auffällig auf dem rechten Bein, als er sich von dem Barhocker wegbewegte, um näher an mich heranzukommen. Einzig und allein sein langer, schwarz glänzender Ledermantel, den er in lässiger Manier offen trug, deutete an, dass es sich hierbei um jemanden handeln müsse, der nicht unbedingt zu den armen Leuten gehörte.

„Pardon, was sagten sie?“ wollte ich von ihm wissen.

„Vielleicht sollten Sie jetzt noch nicht gehen und lieber abwarten, bis der Nebel von selbst wieder verschwindet.“ fügte er abermals hinzu. Seine Stimme ging dabei fast im Gemurmel der übrigen Gäste unter.

„Und warum? Wissen Sie denn, wie lange die Waschküche da draußen noch anhält?“ bohrte ich etwas verärgert nach.

Der andere runzelte jetzt nachdenklich die Stirn, trank gemächlich ein Schluck Selterwasser aus seinem kleinen Glas, sah mich dabei aber dennoch unverhohlen mit musternden Blicken an und redete schließlich weiter.

„Haben Sie schon einmal etwas von der Theorie der multiplen Welten gehört? Wenn man dieser Theorie Glauben schenken will, dann gibt es unzählige Welten, in der Sie jedes Mal ein anderer sind – je nachdem, wie viele Möglichkeiten es gibt“, sagte er mit leicht erhobener Stimme zu mir.

Eigentlich fiel es mir nicht weiter schwer, eine unangenehme Unterhaltung mit einem Fremden zu beenden. Es würde dabei schon genügen, wenn man nur mit einem verständnislosen Blick antwortet oder sich einfach gelangweilt umdreht. Aber irgendwie fand ich die Idee der „multiplen Welten“ meines Gegenübers interessant, ja sogar unter den momentanen Umständen schon fast irgendwie spannend. Ich beschloss daher, ihm vorläufig weiter zu zuhören.

„Was ist das für eine Theorie, von der Sie da sprechen?“ fragte ich ihn schließlich neugierig.

„Ganz einfach! – Aber vorher möchte ich mich noch schnell bei Ihnen vorstellen. Ich heiße Robert Barkley und bin von Beruf Astrophysiker – oder zumindest, was davon übrig geblieben ist.“

Als ich seinen Namen hörte stutzte ich sofort und antwortete ihm dann spontan: „Na so was, das ist aber ein komischer Zufall, wir sind ja Namensvetter! Wir werden doch nicht etwa miteinander verwandt sein, oder? Mein Name ist
nämlich Frank Barkley“, gab ich ihm laut aber höflich lächelnd zu verstehen.

Mein Gegenüber machte eine kurze Gedankenpause, starrte dabei einige Sekunden ins Leere und fuhr plötzlich fort: „Ach wissen Sie, das kommt häufiger vor, als man denkt. Das ist nichts Besonderes. Menschen mit gleichen Familiennamen trifft man eigentlich überall an – fast in jeder Stadt, möchte ich meinen. Aber eigentlich wollte ich Ihnen was ganz anderes erzählen.“

Wieder hielt er für einen Augenblick inne, gerade so, als müsse er erst noch nach den richtigen Worten für seine weitere Rede suchen. Dann hob er den Kopf leicht an, schaute mir direkt in die Augen und sprach schließlich mit ruhiger Stimme weiter.

„Was wäre beispielsweise, wenn es, meiner geschilderten Theorie folgend, von der Erde in der Tat noch eine unbestimmte Anzahl von Parallelwelten geben würde? In jeder dieser eigenständig existierenden, völlig identisch aussehenden Welten müsste es dann logischerweise auch jedes Mal wieder einen Menschen wie Sie und mich geben. Nun ja, wenngleich sich diese Parallelwelten vielleicht rein äußerlich mehr oder weniger sehr ähnlich sein mögen, so bedeutet das noch lange nicht, dass sie sich damit auch schon untereinander im Ablauf ihrer jeweiligen Weltgeschichten gleichen müssen. Vielmehr treten immer wieder feine Unterschiede im Hergang der historischen Ereignisse und Geschehnisse auf, die jedes Mal zu ganz entscheidenden, epochalen Veränderungen innerhalb des Verlaufs der Geschichte der von mir geschilderten Parallel- oder Spiegelwelten führen müssten. Das weltgeschichtliche Resultat sähe somit in jeder einzelnen Parallelwelt anders aus. Hier ein Krieg, der auf einer anderen Parallelwelt möglicherweise eben doch nicht stattgefunden hat.“

Seine Ausführungen gingen weiter.

„Einmal angenommen..., dem wäre so, dann müsste das doch sicherlich ebenso auf alles andere zutreffen, wie zum Beispiel auch auf das jeweilige Leben oder auf das ganz persönliche, individuelle Schicksal eines Menschen. Auf Grund dieser Annahme könnte es ohne weiteres tatsächlich möglich sein, dass Sie in einer Parallelwelt mal als armer Bettler, in jener wiederum als reicher Mann und in einer weiteren vielleicht sogar als Mathematikgenie existieren würden. Alles wäre denkbar, alles wäre möglich.“

„Mhm“, schmunzelte ich jetzt, denn der Gedanke daran gefiel mir irgendwie, dass es mich möglicherweise noch unzählige Male geben könnte.

Nachdem mein Gegenüber abermals einen tiefen Schluck Selterwasser aus seinem Glas getrunken hatte, fuhr er mit seinen Erklärungen fort.

„Und wissen Sie, was eigentlich das Faszinierende an dieser Theorie ist? – So unglaublich es klingen mag, sie trifft zu, sie stimmt tatsächlich! Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das sogar beweisen, dass ich hier keinen absurden Quatsch erzählt habe.“

Der Mann vor mir war jetzt anscheinend völlig in seinem Element. Noch bevor ich überhaupt ein paar Fragen stellen konnte, redete er schon wieder weiter. Die Darstellungen seiner Theorie hörten sich für mich eher wie eine fantastische Erzählung aus dem Bereich der Science Fiktion an.

„Weiterhin entstehen Phasen begrenzter temporärer Verbindungen unter den Parallelwelten, die sich spiegelgleich auf einander zu bewegen, bis sie sich schließlich nicht nur berühren, sondern sogar gegenseitig völlig durchdringen. Danach entfernen sie sich wieder voneinander. Warum bemerken wir das gegenseitige Durchdringen dieser Parallelwelten untereinander nicht? Dafür kann es nur eine einzige Erklärung geben! Jede Parallelwelt existiert in einem eigenen Paralleluniversum und das wiederum existiert auf einer völlig anderen Zeitebene. Dort aber, wo sie sich berühren und durchdringen, ähnlich wie zwei identische Bildprojektionen, die jede für sich auf eine gemeinsame Leinwand treffen, kommt es zeitweilig zu ganz bestimmten, sich gegenseitig verstärkenden Reaktionen oder Resonanzen. An diesen Überschneidungen und Schnittpunkten, den so genannten Weltlinien, kommt es dann zu offenen Durch- und Übergängen, die man dazu nutzen kann, von einer Welt in die nächste zu wechseln.“

Jetzt fiel ich ihm aber doch ins Wort und fragte ihn spöttisch: „Und das soll ich Ihnen jetzt alles so ohne Wenn und Aber glauben? Sie können mir viel erzählen, guter Mann!“

Ich setzte dabei eine absichtlich ernste Miene auf, weil es mir sonst nicht gelungen wäre, mein aufkommendes Lachgefühl zu verbergen.

„Ja natürlich können Sie mir das glauben. Ich rede doch hier keinen Unsinn! Ich habe es schon weiß Gott einige Male selbst ausprobiert. Die Schwierigkeiten bestanden am Anfang meiner Wechselweltreisen eigentlich nur darin, immer den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort zu erwischen, um dann im entscheidenden Augenblick in die jeweils andere Welt gefahrlos übertreten zu können. Glücklicherweise handelt es sich aber hierbei um ein periodisches Ereignis, wie ich herausfinden konnte, das sich vor unseren Augen fast unbemerkt regelmäßig abspielt. Und nur dort, wo sich die beiden Welten-Linien überschneiden, sich sozusagen fließend überkreuzen, entstehen eben manchmal gewisse Naturphänomene, die sich mitunter auch in urplötzlich aufkommenden Nebel äußern können.“

Plötzlich schaute der Mann auf seine Uhr. Er wirkte etwas nervös und tat so, als wolle er sich von mir verabschieden. Mittlerweile war es schon fast Mitternacht geworden. Die Zeit war im Gespräch einfach wie im Flug vergangen.

Dann sah mich der alte Glatzkopf mit einem fast flehenden Blick an und sagte:

„Wissen Sie, wie ich schon sagte, der Nebel da draußen hat tatsächlich etwas mit den von mir erwähnten Übergängen zu tun. Ich bin hier nicht rein zufällig, wie Sie vielleicht glauben mögen. Nein! Ich war nur etwas zu früh zur Stelle. Aber lieber zu früh, als zu spät, wenn es um wichtige Vorhaben geht. Diese Stadt befindet sich nämlich genau auf den von mir beschriebenen Weltenlinien, die im Augenblick dabei sind, sich zu überschneiden. Ich werde deshalb jetzt gleich hinausgehen, weil ich den sich öffnenden Übergang nicht verpassen will. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie einfach mit! Sie werden sehen, dass ich keinen Unsinn geredet habe. Alles ist absolut real! Wir müssen nur die Straße vor dem Lokal überqueren und schon sind wir drüben in der anderen Welt. Nun, es stimmt sogar! Sie hat große Ähnlichkeit mit dieser Erde, ja, man kann ohne Einschränkung behaupten, dass sie ein echtes Ebenbild von ihr ist; nur mit dem kleinen, aber äußerst wichtigen Unterschied, dass sie sich auf einer anderen Ebene der Zeit befindet.“

Schnell sprach er weiter: „Ich habe es Ihnen schon gesagt, es sind Parallelwelten, die in einem eigenen Paralleluniversum existieren und jede dieser Parallelwelt hat darüber hinaus eine jeweils abweichende Geschichte entwickelt. Also, wenn Sie die neue Welt nicht verpassen wollen, müssen Sie sich jetzt gleich dazu entschließen mit mir zu gehen. – Nun, was ist?“

Ich sah zum Fenster hinüber und schüttelte ungläubig den Kopf. Vor einigen Stunden hätte ich mich da draußen noch fast im dichten Nebel verlaufen, weil ich nach meinem Auto suchen musste. Jetzt sollte ich auf einmal mit einem mir völlig unbekannten alten Mann in dieser nebligen Waschküche über die gleiche Straße gehen, dann auf der gegenüber liegenden Straßenseite so mir nichts dir nichts einfach in eine andere Welt hinüber wechseln können und schon wäre die ganze Sache erledigt. Ich müsste doch verrückt im Kopf sein, wenn ich das Gerede dieses seltsamen Mannes auch nur annähernd für wahr halten würde, dachte ich so für mich.

Wie gesagt, mir kam die ganze Situation einfach total abgefahren vor. Trotzdem reizte mich die Vorstellung ein wenig, das Spielchen bis zu einer gewissen Grenze mitzumachen, um herauszufinden, mit welch abgedrehten Idioten ich’s hier eigentlich zu tun hatte. Was könnte mir dabei schon passieren? Außerdem war mir der alte Kerl rein körperlich weit unterlegen, was mein Sicherheitsgefühl natürlich erheblich verstärkte.

Wieder hörte ich die fragende Stimme des Mannes vor mir: „Was ist, kommen Sie mit? Das ist Ihre erste und letzte Chance! Wir befinden uns in wenigen Minuten vor einem dieser unsichtbaren Übergänge. Meine Berechnungen sind erfahrungsgemäß immer richtig. Sie werden es auf jeden Fall nicht bereuen, Barkley! Inwieweit sich Ihr Leben in der anderen Welt vielleicht durch dieses hier unterscheiden wird, das kann ich Ihnen ehrlicherweise noch nicht sagen. Aber dieses Risiko sollte man ruhig auf sich nehmen. Wenn’s einem nicht gefällt, wartet man einfach den nächsten periodisch wiederkehrenden Übergang ab, tritt hinüber in eine andere Parallelwelt und beginnt dort ein neues Leben. - Was ist? Warum zögern Sie noch? Kommen Sie mit, warten Sie nicht länger!“

Meine Vernunft sagte mir warnend, ich solle hier in diesem Lokal an der Bar sitzen bleiben. Nichtsdestotrotz waren meine enorme Neugier und unterschwellige Abenteuerlust mittlerweile geweckt worden.

Ohne länger über mein Tun nachzudenken nickte ich dem Fremden zu. Wir gingen noch im gleichen Augenblick zur Tür hinüber, die ich kurz entschlossen öffnete, um zusammen mit dem anderen hinaus auf den gepflasterten Fußgängerweg zu treten, wo uns beide im nächsten Augenblick auch schon eine dichte, graue Nebelküche in Empfang nahm.


Als die Kneipentür mit einem lauten Geräusch hinter mir ins Schloss fiel, packte mich der glatzköpfige Mann
in dem schwarz glänzenden Ledermantel sofort energisch am rechten Ärmel meiner Jacke, denn die äußerst schlechten Sicht zwang uns dazu, dass wir so dicht wie möglich zusammen bleiben mussten. In dieser Haltung schließlich tasteten wir uns beide gemeinsam langsam und vorsichtig über die vor uns liegende Straße. Ich war irgendwie besorgt darüber, dass wir es vielleicht nicht schaffen würden, die eingeschlagene Richtung zu halten. Jederzeit musste man außerdem mit einem vorbeikommenden Fahrzeug rechnen. Kein Fahrer bekäme uns rechtzeitig zu sehen. Man würde uns einfach glatt überrollen. Allerdings stellte sich schon nach ein paar Schritten heraus, dass meine Befürchtungen offensichtlich völlig überflüssig waren, wie es den Anschein hatte. Denn der Alte schien den Weg über die neblige Straße genau zu kennen, gerade so, als könne er jedes Hindernis schon im Voraus erahnen.

Irgendwann sah ich plötzlich im dichten Nebel eine dunkle Gestalt direkt auf mich zukommen. Sie kam so dicht an mir vorbei, dass ich trotz des dichten Nebels für eine Sekunde lang in ihr Gesicht blicken konnte und dabei den flüchtigen Verdacht hatte, mein eigenes gesehen zu haben. „Blödsinn, so was gibt’s nicht!“ dachte ich und konzentrierte mich sofort wieder auf den vor mir liegenden Weg.

Wegen dieses Vorfalls trat ich unwillkürlich einen kleinen Schritt zur Seite. Aber genau das war mein Fehler gewesen. Noch im gleichen Moment stolperte ich über den hohen Bordstein einer kleinen Verkehrsinsel und fiel der Länge nach hin. Noch ganz benommen rappelte ich mich wieder auf. Seltsamerweise humpelte ich auf einmal und nahm deshalb an, dass ich mich beim Sturz auf die harte Straße wohl am rechten Bein verletzt hatte.

Kurze Zeit später beschlich mich irgendwie der komische Verdacht, dass ich wohl mutterseelenallein mitten auf der Straße im dichten Nebel stand. Wo war mein Vordermann geblieben? Hatte er mich ganz einfach aus den Augen verloren, als ich auf die Straße gestürzt bin? Konnte aber auch gut möglich sein, so dachte ich weiter, dass er sich bei dieser günstigen Gelegenheit eben doch elegant aus dem Staub gemacht hat, weil er sich mit mir nur einen üblen Scherz erlauben wollte.

Leichte Panik stieg trotzdem jetzt in mir hoch. Ich wollte runter von dieser Straße und humpelte zielstrebig in jene Richtung weiter, von der ich annahm, sie würde mich mit größter Wahrscheinlichkeit auf die andere Straßenseite hinüber führen.

Schlagartig riss ein heftiger Wind den dichten Nebel auseinander. Ganz plötzlich befand ich mich, von einer Sekunde auf die andere, mitten im schönsten Sonnenschein eines herrlichen Sommertages und musste zu meinem allergrößten Erstaunen feststellen, dass ich unmittelbar vor der Eingangstür jener Kneipe stand, von wo aus ich mit dem alten Glatzkopf meinen Weg über die Straße durch den Nebel begonnen hatte. Auf der gleichen Straße hinter mir strömte wie immer unablässig der laute Verkehr vorbei. Auf den breiten Gehwegen links und rechts der belebten Straße bewegte sich ein unablässiger Strom von Fußgängern in beide Richtungen.

Eigentlich war alles so wie immer.

Aber irgendwas war trotzdem anders. Ich spürte diese seltsame Veränderung auch an meinem Körper. Als ich wegen dieser schlechten Vorahnung vorsichtig an mir herunterschaute, hätte es mich beinahe vor Schreck umgeworfen. Jetzt erst bemerkte ich nämlich, dass ich mit dem schwarz glänzenden Ledermantel meines glatzköpfigen Bekannten, den ich an der verrauchten Bar kennen gelernt hatte, bekleidet war.

Einigermaßen verwundert darüber fragte ich mich jetzt danach, wie es dazu überhaupt gekommen war, dass ich auf einmal diesen Mantel trug. Noch größer wurde mein Schreck allerdings, als ich durch Zufall im großen Schaufenster neben der Kneipentür mein eigenes Spiegelbild zu sehen bekam. Mit einem Schlag wurde mir klar: Ich war jetzt der alte, glatzköpfige Mann, der sich mit mir an der Bar unterhalten hatte! Ganz ohne Zweifel, da draußen mitten auf der Straße im dichten Nebel hatte sich anscheinend etwas Unglaubliches ereignet. Nur was genau, dass konnte ich mir im Moment auch nicht erklären, es sei denn, man käme auf den Gedanken, es gäbe so etwas wie die Seelenwanderung, wobei die Seele nur in einen anderen Körper schlüpft.

Für mich schienen die Schrecken einfach kein Ende zu nehmen. Langsam wurde mir schlecht und beinah hätte ich mich übergeben müssen. Immer wieder starrte ich wie hypnotisiert auf diese schrullige Gestalt im Schaufenster, die als Spiegelbild jede meiner Körperbewegungen mit machte. Es war einfach irre. Ich begriff nichts mehr. Ich war auch nicht am rechten Bein durch den Sturz auf das Straßenpflaster verletzt worden, sondern es war wirklich einfach nur um ein paar Zentimeter kürzer als das linke. Langsam dämmerte es in mir, dass mich der Alte auf irgendeine unerklärliche Art und Weise reingelegt haben muss.

Ich weiß nicht mehr so genau, wie lange ich da eigentlich vor dem Schaufenster gestanden bin und dabei fortwährend kopfschüttelnd mein eigenes Spiegelbild betrachtete, als ich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen heraus mit beiden Händen in den Seitentaschen des schwarzen Ledermantels herum zu wühlen begann. Es dauerte auch nicht lange, da hielt ich einen sorgfältig geschriebenen Brief in den Händen, den ich zitternd auseinander faltete. Dann las ich, was dort geschrieben stand.



Mein lieber Freund!

Wenn Du diesen Brief von mir gefunden hast und ihn zu lesen beginnst, so werde ich sicherlich schon lange im Besitz Deines Körpers sein (und umgekehrt). Meine Theorie der „multiplen Welten“ stimmt also, wie Du selbst am eigenen Leib erfahren konntest. Allerdings hat sie dennoch einige kleine Fehler, die ich Dir nicht verschweigen möchte. Ich will Dir natürlich verraten, was es mit diesen „Fehlern“ so auf sich hat.

Zwar ist es ebenso möglich mit seinem eigenen Körper in einer dieser Parallelwelten leben zu können. Das geht leider nur für eine gewisse Zeit gut. Denn, was ich vorher nicht wissen konnte ist die Tatsache, dass der eigene Körper in einer anderen Parallelwelt möglicherweise schneller altert, als in seiner eigenen, in der er also geboren wurde.

 

Mit welcher Geschwindigkeit der Alterungsprozess allerdings abläuft, das hängt von einigen anderen wichtigen Faktoren ab, die ich hier nicht näher erklären möchte. Manchmal findet er gar nicht statt, was aber nur sehr selten vorkommt. Man sollte sich daher nicht darauf verlassen, dass es einen nicht trifft. Das ist der eine Punkt.

Der zweite Punkt ist der (was ich allerdings erst viel später durch Zufall heraus bekommen habe), dass, wenn sich zwei Personen während des Überganges in eine andere Parallelwelt am Körper berühren, zuerst die Seelen getauscht werden, will sagen, dass sie dabei schlagartig die beiden Körper wechseln. In unserem Fall bedeutet das, dass Du jetzt meinen Körper hast und ich Deinen. Wenn Du willst, kannst Du das auch als Körpertausch bezeichnen, was sogar völlig korrekt wäre. Seelen können in jeder Zeit und auf jeder Zeitebene existieren, weil sie unsterblich sind.

Der dritte Punkt betrifft das Wohl Deines (bzw. meines ehemaligen) Körpers. In meiner Welt, in der Du jetzt mit Deiner Seele in meinem Körper lebst, war ich ein berühmter Astrophysiker. Leider hat man mich später als Spinner abgetan, weil meine Theorie der „multiplen Welten“ allgemein nicht verstanden oder akzeptiert wurde. Das war ehrlich gesagt auch weiter nicht so schlimm, weil ich persönlich ein ziemlich großes Geldvermögen besaß, das mir bis ans Lebensende ein sorgenfreies und unabhängiges Leben garantierte hätte. In der oberen linken Brusttasche des Ledermantels findest Du alle notwendigen Papiere, die es Dir ermöglichen, an dieses Vermögen heran zu kommen. Meine Unterschrift nachzumachen wird Dir sicherlich mit meinem Körper keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten. Er kennt seine Handbewegungen bestimmt noch. Aber ein paar Übungen vorher könnten nicht schaden.

Darüber hinaus habe ich Dir alle wichtigen Daten aus meinem Leben Punkt für Punkt aufgeschrieben. Da ich sehr zurückgezogen gelebt habe (oft auch wegen meiner Experimente), dürfte Dir somit Dein neues Leben in meinem Körper wohl keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten (auch wenn er zugegebenermaßen etwas älter ist als Deiner).

Solltest Du eventuell auf die Fortführung meines ehemaligen Lebens keinen großen Wert legen, dann versuche einfach etwas anderes. Meinen Segen dazu hast Du! Es steht Dir alles völlig frei! Die Leute hielten mich sowie für einen ausgemachten Spinner, dem seine wissenschaftlichen Theorien zu Kopfe gestiegen sind.

Tja, mein Lieber, so langsam komme ich zum Ende meiner Ausführungen. Solltest Du vielleicht mal Interesse daran zeigen, die Welt dennoch wieder wechseln zu wollen, habe ich eigens zu diesem Zweck für Dich einige dieser periodisch wiederkehrenden Koordinaten aufgeschrieben, die Du im Safe meines Landhauses finden wirst. Mach’ es einfach so wie ich! Such Dir rechtzeitig einen jüngeren Körper für ein Leben in der nächsten Welt! Zum Glück liegen die von mir aufgezeichneten Koordinaten (die ich sinnigerweise als „Treffpunkte der Parallelwelten“ bezeichnet habe) sehr dicht beieinander.

Wenn Du am Leben hängst, solltest Du bald damit anfangen, um jene Orte ausfindig zu machen, die ich anhand dieser Koordinaten auf einer eigens dafür angefertigten Weltkarte eingetragen habe. Dann liegt es nur noch an Deiner Überredungskunst jemanden zu finden, der bereit dazu ist, Deiner fantastischen Geschichte Glauben zu schenken und Dir ohne Wenn und Aber in den Nebel folgt. Natürlich kann es auch zu anderen Wettererscheinungen kommen (auch diese habe ich genau aufgezeichnet), aber in der Regel ist es ein äußerst dichter Nebel. Versuche aber auf gar keinen Fall die Person deiner Wahl etwa mit Gewalt in die andere Welt zu befördern. Das funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht, die ich hier aus Zeitnot einfach nicht näher erläutern möchte (hat was mit den Seelen zu tun).

Und was den Namen Barkley angeht, so kann ich nur dazu sagen, dass unsere Begegnung eigentlich kein Zufall war. Denk an meine Worte von den Parallelwelten! Sie sind zwar identisch miteinander, was beispielsweise die Existenz der belebten Natur betrifft usw., aber dennoch können gravierende Unterschiede vorkommen. So hatte ich einen jüngeren Bruder, der Dir sehr ähnlich war. Du aber hattest eben keinen älteren Bruder, sondern warst schlichtweg ein Einzelkind geblieben. Du und ich, wir sind alle Barkleys, jeder in seiner eigenen Welt.

Nun denn, mein lieber Freund, sei mir nicht nachtragend! Mach das Beste aus Deiner Situation, die so unangenehm doch gar nicht ist – oder? Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute in meinem Körper und in Deinem neuen Leben!


Robert Barkley
(Astrophysiker)

jetzt

Frank Barkley
(Angestellter)




Als ich den Brief durchgelesen hatte, faltete ich ihn wieder sorgfältig zusammen und steckte ihn zurück in die rechte Seitentasche meines schwarzen Ledermantels. Dann machte ich mich so schnell ich konnte auf den Weg zu meinem Landhaus. Ich wollte die Zeit nutzen. Es lag noch eine Menge Arbeit vor mir.

 


Ende


©Heinz-Walter Hoetter

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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