Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 27

– 11 –

Nobeline hatte die Nase voll. Nicht nur, daß man sie bei ihrem Debütauftritt in Schrottingham einfach vor die Tür gesetzt hatte, was allein schon demütigend genug gewesen war, nein, nun war ihr auch noch die gesamte Reisetruppe abhanden gekommen. Gestern abend noch hatte sie sich in Begleitung eines guten Dutzend Reisender auf dem Weg nach Versmas befunden und ihnen nach dem Abendessen die Gunst gewährt, ihr gesamtes Repertoire an Gedichten und musischer Kunst zu genießen. Und was war der Dank?

Am nächsten Morgen war sie alleine mitten im Wald aufgewacht. Nur ihr Pferd, das einen höchst unglücklichen Eindruck gemacht hatte, war ihr geblieben.

Banausen!

Nobeline schnaubte vor Empörung während sie ihren sanftmütigen Wallach zu einer schnelleren Gangart antrieb. Für ihren Geschmack hatte sie in letzter Zeit genug Wald gesehen. Der, den sie jetzt durchritt war keinen Deut besser als der, in dem sie die Halunken des Sheriffs aufgegriffen hatten. Und dabei hatte sie sich den Wald immer so romantisch vorgestellt. In sämtlichen Dichtungen und Geschichten war von lauschigen Plätzen, zwitschernden Vögeln, einer himmlischen Stille und der Erhabenheit des Waldes die Rede. Und wie sah die Realität aus?

Mücken, Unterholz und eine unheimliche Atmosphäre, die einem aufs Gemüt schlug, war alles, was einen im Waldesinneren erwartete und, wenn man Pech hatte, noch ein paar hungrige Kreaturen dazu. Das gab Anlaß zu verschiedenen Vermutungen, sinnierte Nobeline, während sie sich bückte, um nicht von einem niedrig hängenden Ast vom Pferd gefegt zu werden. Entweder litten alle Dichter an extremer Kurzsichtigkeit, hatten nie das Innere eines Waldes gesehen oder – was sie für am wahrscheinlichsten hielt – hatten einen diebischen Spaß daran gehabt, Gutgläubigen einen Waldurlaub schmackhaft zu machen, vornehmlich Kritikern, von denen man nie wieder etwas hören würde.

Ein unheimliches Heulen aus den Tiefen des Waldes erinnerte sie daran, daß man eventuell auch von ihr nie wieder etwas hören würde. Und das, wo sie gerade eine so brillante Karriere vor sich hatte! Aber Nobeline wäre nicht Nobeline, wenn sie sich von ein wenig Heulen ins Bockshorn jagen lassen würde.

Nein!

Aus purem Trotz gab sie lauthals quietschend ihre kürzlich komponierte Arie vom tumben Taumel liebeskranker Schmetterlinge zum Besten, bis das qualvolle Wiehern ihres Pferdes sie zwang, aufzuhören. „Du bist auch so ein Ignorant“, fauchte sie verärgert, als das Pferd nach dem Abbruch ihrer Arie dankbar schnaubte und den Kopf schüttelte, als wolle es auch noch die letzten schiefen Töne aus den malträtierten Ohren entfernen.

„Undankbar wie alle Kunstbanausen“, grollte sie und stellte fest, daß auch das Heulen in der Tiefe des Waldes verklungen war. Es war eine Schande. Anstatt von darbenden Fans umgeben zu sein, die an ihren Lippen hingen und ihre Lesungen stürmten, kämpfte sie sich auf einem unmusikalischem Roß durch die abgelegenste Ecke dieses Planeten und mußte gegen die jaulenden Kreaturen des Waldes ansingen. Es war zum wahnsinnig werden. Irgendwie lief alles völlig aus dem Ruder, was nach Nobelines Ansicht nur damit zusammenhing, daß sie es in letzter Zeit ausschließlich mit Ignoranten zu tun gehabt hatte. Selbst ihr eigener Vater bildete da keine Ausnahme, hatte er doch tatsächlich geglaubt, sie an irgend so einen Waldbarbaren verschachern zu können, nur weil in der Kasse gerade mal Ebbe war.

Aber da hatte er sich in den Finger geschnitten!

Es hatte sie zwar etwas gewundert, daß ausgerechnet der schmierige Berater ihres Vaters sie verstanden hatte und ihrer Kunst so zugetan war, daß er sich stundenlang ihre Vorträge angehört hatte. Auf der anderen Seite hatte er mit seinem Bedauern, daß ein solches Talent nun zwangsverheiratet werden sollte, anstatt eine begnadete Karriere an einem Ort zu starten, wo die Leute Kunst noch zu würdigen wußten, ihren Entschluß, Finsterburg den Rücken zuzuwenden, nur gestärkt. Zu ihrer Freude hatte er sich spontan bereit erklärt, ihr bei der Flucht behilflich zu sein. Bei Nacht und Nebel war sie mit einem Führer nach Versmas aufgebrochen, bis sie von den Soldaten des Sheriffs aufgegriffen worden war. Der Rest war Geschichte. Die Zukunft hingegen hieß Versmas. Nobeline sehnte sich nach einem Ort, wo sie es an warmen Sommerabenden mit Gleichgesinnten bei einem Glas Wein zu tun hatte, die wahre Kunst zu schätzen wußten. Einstweilen sah es jedoch eher danach aus, als wenn ihr eine einsame Nacht im Wald bevorstand. Immerhin hing die Sonne schon verdächtig tief am Horizont, und vom Ende der grünen Hölle war meilenweit nichts zu sehen. Wie immer, versuchte Nobeline das Positive an der Situation zu sehen. Das Ganze bot den perfekten Stoff für eine düstere Arie. Einen Titel hatte sie auch schon parat:

Die Schöne und der Schrecken des Waldes.

Das klang vielversprechend! Vielleicht sollte sie heute Abend schon einmal ein paar Verse dichten und eine Melodie erproben. Allerdings erst, nachdem sie das Pferd sicher angebunden hatte, überlegte sie angesichts der Ignoranz des sanften Tieres gegenüber musischen Genüssen.

Eine passende Lichtung war bald gefunden. Im einsetzenden Dämmerlicht schwang Nobeline sich aus dem Sattel und band den Wallach an einen stabil wirkenden, jungen Baum fest. Dann beförderte sie die Satteltaschen vom Rücken des Pferdes und machte sich daran, sie nach etwas Eßbaren zu durchsuchen. Das Ergebnis war niederschmetternd, es sei denn, man stand auf Dörrfleisch und alten Käse. Wütend gab Nobeline der unschuldigen Satteltasche einen markigen Tritt und zitierte lautstark voller Selbstironie aus einem der Waldgedichte, die sie früher so geliebt hatte.

Ich stehe hier, mit breiter Brust,

das Herz, es schwillt, vor Waldeslust,

da kracht es.... ähh, was war das denn?“,

brach Nobeline ab, als ein Geräusch von brechendem Zweigen die nahende Ankunft von etwas höchst Lebendigen aus dem Unterholz verkündete. Nobeline bezweifelte, daß es sich dabei um einen glühenden Verehrer handeln könnte, auch wenn sie sich das klammheimlich wünschte. Das grunzende Etwas, das einen Augenblick später auf die Lichtung stürmte, war von einem glühenden Verehrer allerdings weiter entfernt, als Nobeline vom Mond. Inmitten der Lichtung blieb es stehen und fixierte Nobeline aus kleinen, dunklen Augen, die bösartig funkelten. Nobeline schluckte. Bisher hatte sie Wildschweine nur gut durchgebraten bei einem herben Glas Weißwein kennengelernt. Diese quicklebendige Ausführung hingegen war ihr bisher erspart geblieben.

„Los, verschwinde besser! Mein Proviant ist sowieso knapp, und ich hab‘ schon mehr als einen von deiner Sorte auf dem Teller gehabt“, fuhr sie das Wildschwein an, wobei sie sich fragte, ob es wohl klug war, es darüber zu informieren, daß sie etliche seiner Artgenossen in ihrem Leben verdaut hatte. Das Schwein jedenfalls schien nicht erfreut über diesen Umstand zu sein. Vielleicht mochte es einfach auch nur keine Gedichte zur Abendzeit. Wie auch immer, es grunzte kehlig, senkte angriffslustig den Kopf mit den gewaltigen Hauern und stürmte los.

Wird fortgesetzt.....

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