Tim Herrmann

Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam

Es war einmal ein Löwe, der hatte von Geburt an eine sehr sehr lange Nase. Und damit war er überhaupt nicht glücklich. Wenn er lief oder herum springen wollte, trat er sich ständig auf seine riesige Nase, was kein Vergnügen war, denn das tat dem Löwen sehr weh. Um es auf den Punkt zu bringen, der Löwe war mit seiner Nase sehr unglücklich und traurig. Und so verbrachte der Löwe die meiste Zeit damit im Gras zu liegen und den anderen Tieren beim Laufen und springen zu zusehen.
Im gleichen Dschungel lebte auch ein großer, grauer Elefant mit riesigen Ohren, aber einer sehr kleinen Nase. Das sah sehr lustig aus und die anderen Tiere im Dschungel machten sich ständig über den Elefanten lustig. Das war aber nicht das Schlimmste für den Elefanten. Schlimmer war es für ihn, dass er von da oben nicht an den Blumen riechen konnte, die er über alles liebte. Generell war da oben bei ihm die Geruchswelt sehr eintönig. Und der Elefant wünschte sich nichts sehnlichster, als eine Nase die groß genug war, um von oben die vielen schönen und duftenden Blumen riechen zu können. Somit verbrachte der Elefant die meiste Zeit damit sich an Bäumen den Popo zu schubbern, denn das machte den Elefanten wenigstens ein bisschen glücklicher.
Ein alter Affe, der sich jeden Tag im Dschungel durch die Bäume hangelte, sah den Löwen, wie er so im Gras lag und traurig den anderen beim springen zu sah. "Hey Löwe“, rief der alte Affe, „wieso liegst du da im Gras, anstatt durch den Dschungel zu laufen und zu springen?“ Ohne den Affen auch nur anzusehen, sagte der Löwe:" Wie soll ich denn? Guck dir mal meine Nase an, die ist zu groß zum Laufen, da trete ich doch immer drauf. Und das tut mir sehr weh." Der Affe machte einen großen Satz vom Baum und landete genau vor dem Löwen. Er betrachte den Löwen und seine Nase sehr lange und kam denn zu dem Schluss, dass er dem Armen helfen musste.
"Hör zu Löwe!“, flüsterte der Affe. "Ich erzähle dir ein Geheimnis. Tief im Dschungel, wo einst das Menschendorf war, gibt es einen magischen Baum. Ich wette der kann dir helfen. Das Einzige, was du brauchst, ist jemanden mit dem Du tauschen kannst."
Den Löwen hielt es kaum noch im Gras, er sprang auf, trat sich dabei auf seine große Nase und brüllte so laut auf, dass alle Tiere in der Nähe Angst bekamen und davon liefen. Der Affe hatte eine tolle Idee und wickelte dem Löwen die Nase wie einen Schal um den Hals. Der Löwe machte sich daraufhin auf in den Dschungel um das verlassene Menschendorf zu finden.
Der Elefant war gerade dabei den Versuch zu starten, um an einer Blume zu riechen, wobei er sein Gleichgewicht verlor und auf die Seite fiel. Was so doll rumste, dass selbst die kleinste Spinne im Baum vor Schreck vom Blatt fiel. Der Löwe, der gerade in der Nähe auf dem Weg zu dem Menschendorf war, hörte das laute Poltern und wollte nachsehen, was da denn die Erde so zum Beben brachte. Als er zur Lichtung kam und den Elefanten dort zappeln sah, musste sich der Löwe schon etwas das Lachen verkneifen, denn der Elefant lag auf dem Rücken und ruderte mit seinen Beinen wie eine Schildkröte in der Luft. Der Löwe bekam Mitleid und beschloss dem armen Elefanten wieder auf die Beine zu helfen. Er kletterte auf einen großen Baum und biss in eine Liane, die dort hing, solange bis sie zu Boden fiel. Dann warf er die Liane über einem Ast und lief mit dem Ende im Maul zum Elefanten. "Hier mein Großer, nimm das Ende in dein Maul und halte es gut fest“, sagte der Löwe zum Dickhäuter.  „Ich werde dir helfen, wieder auf die Beine zu kommen.“ Der Elefant biss so fest er nur konnte auf die Liane und der Löwe zog mit aller Löwenkraft an dem anderen Ende.

Nach einigen versuchen stand der Elefant wieder auf seinen Beinen. "Danke mein Freund, sehr nett von dir mir zu helfen" bedankte er sich. Dabei fiel ihm auch sofort die große Nase des Löwen auf und er war hin und weg von diesem schönen Rüssel. "Oh man“, sagte der Elefant, „mit dieser tollen Nase muss dich ja jeder in deiner Umgebung beneiden“, fügte er noch hinzu. "Was? Diese Nase ist ein Fluch und nichts worüber ich mich freuen kann" erwiderte der Löwe etwas genervt. "Deine Nase finde ich gut, die wäre etwas für mich, damit könnte ich endlich herumrennen und springen und würde mir nie wieder auf die Nase treten."
Der Elefant war sehr erstaunt darüber, dass es jemanden gab, der die Nase des Elefanten schöner fand als seine eigene.
"Wenn ich könnte, würde ich sie sofort mit dir tauschen“, sagte der Elefant. Der Löwe bekam ein breites Grinsen und konnte sein Glück kaum fassen. Er hatte tatsächlich jemanden gefunden mit dem er die Nase tauschen könnte. Und so erzählte der Löwe dem Elefanten die Geschichte vom magischen Baum.
Ohne zu zögern, marschierte der Elefant los und rief zum Löwen:" Los, worauf wartest du? Komm trödel nicht, ich will so schnell wie möglich zu dem Baum und mit dir die Nasen tauschen."
Das ließ sich der Löwe nicht zweimal sagen und lief dem Elefanten hinterher. Da Elefanten bekanntlich ein sehr gutes Gedächtnis haben, erinnerte sich der Dickhäuter daran, dass er mal gehört hatte, wie sich zwei Vögel darüber unterhielten, dass es im Süden des Dschungels ganz leckere Beeren gab, die die Menschen damals angebaut hatten. Also liefen die beiden immer Richtung Süden, bis sie zu einer kleinen Brücke kamen. "Hier hinter der Brücke muss das Dorf liegen“, sagte der Elefant. Die beiden Vögel haben davon gesprochen, dass es hier die leckersten Beeren geben soll."
BEEREN dachte der Löwe. Mich interessiert doch nur der magische Baum. Nachdem sie die Brücke überquert hatten, standen die beiden vor einem großen alten Baum, deren Blätter in allen erdenklichen Farben leuchteten. So einen schönen Baum hatten sie zuvor noch nie gesehen. Seine Rinde fühlte sich an wie das Fell einer flauschigen Babykatze und er duftete nach den schönsten Leckereien, die man sich je erträumt hatte. "Was nun?", fragte der Elefant. "Was müssen wir jetzt machen? Sollen wir uns einfach etwas wünschen oder müssen wir den Baum streicheln wie eine Wunderlampe?"
"Keine Ahnung“, erwiderte der Löwe, „das hat der alte Affe mir nicht gesagt." Als die beiden nun da standen und rätselten, was sie zu tun hätten, hörten sie plötzlich eine kleine piepsige Stimme, die sagte: "Na Jungs, kann ich euch helfen oder bewundert ihr nur meinen Baum?" Der Elefant und der Löwe waren erstaunt, dass sie etwas hörten, aber nichts sahen. 
Zögerlich sagte der Elefant:" Entschuldigung aber wer spricht denn da? " 
"Na ich" antwortete die piepsige Stimme. "Hier unten bin ich." Und als das Duo nach unten blickte, sahen sie eine kleine weiße Maus mit einem langen Bart. "Das ist dein Baum?", fragte der Löwe. "Na klar oder siehst du hier noch jemanden?", antwortete die kleine Maus. "Was meint ihr was das für eine Arbeit ist so einen Zauberbaum zu hegen und zu pflegen und immer dafür zu sorgen, dass er in allen Farben leuchtet, gut duftet und sich so kuschelig anfühlt." 
"Und der Baum kann wirklich dafür sorgen, dass wir unsere Nasen tauschen können?", fragte der Elefant. "Na das will ich doch meinen“, erwiderte die Maus. „Nichts leichter als das. Ihr müsst nur eure Nasen an der Rinde reiben und den Baum bitten euren Wunsch zu erfüllen." Die Maus hatte kaum ausgesprochen, schon rieben die beiden ihren Nasen an dem Baum und sagten im Chor: „Bitte bitte lieber Baum, erfülle uns unseren Traum." Und ehe sie sich versahen, fing der Baum an noch heller und bunter zu leuchten. Die Nasen der beiden fingen an zu jucken und zu kitzeln, so sehr, dass sie anfingen zu kichern. Dann hörten sie das klingeln eines Glöckchen und das Wunder war vollbracht. Der Löwe hatte eine kleine feine Stupsnase und der Elefant endlich seinen lang ersehnten Rüssel. In der Nähe vom Baum fanden die beiden einen kleinen Teich in dem Sie direkt ihr Spiegelbild bewunderten. Der Elefant war von seiner neuen Nase so begeistert, dass er vor Freude ein lautes Töröööööööö aus dem Rüssel trötete. Das gefiel dem Elefanten. Dann rannte er zur nächsten Blumenwiese und roch an jeder Blume und das gefiel ihm so sehr, dass ihm eine kleine Träne über seine Wange lief. Der Löwe rannte und sprang durch die Gegend und kletterte auf den Bäumen herum. Wie schön es ist, endlich all das machen zu können, ohne sich auf die Nase zu treten, dachte er so bei sich.  Die Maus unterbrach die beiden und sagte: „So, das Wunder ist vollbracht, nun muss ich euch leider bitten wieder zugehen. Denn ich muss den Baum jetzt wieder hegen und pflegen, damit schon bald der nächste kommen kann, um sich seinen größten Wunsch zu erfüllen. Ich wünsche euch viel Spaß mit euren neuen Nasen. Also lebt wohl." Die Maus drehte sich um und verschwand in einem kleinen Loch unter dem Baum.
Der Löwe und der Elefant wollten sich noch verabschieden, aber die Maus war schon weg. Und so machten sich die beiden neuen Freunde glücklich und zufrieden auf dem Heimweg.

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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