Olaf Lüken

Der ökonomische Fluch

Adam und Eva wurden einst vor das Paradiestor gesetzt. Seit der Vertreibung aus dem Garten Eden mussten Menschen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt  zu verdienen. Unsere Erdenbürger ernten Früchte und bewahren einen Teil dieser Ernte für den Winter auf. Sie sparen und sorgen vor. Sie pflanzen einige dieser Früchte in das Erdreich, damit neue wachsen. Es wird investiert. Homo sapiens tauscht nicht nur Waren gegen Waren, sondern Waren gegen Muscheln (Kauri), Edelsteine und wertvolle Münzen. Die Nachkommen Adams und Evas entdecken das Geld.Haben sie ausreichend  gespart, leihen sie einen Teil des Gesparten einem anderen, der damit investiert und einen Teil des Investitionserfolgs dem Geldverleiher wieder überlässt. So entstehen Kredit und Kreditzins. Anschließend nimmt jemand vom Sparer das Darlehen und übergibt die Darlehenssumme gegen einen höheren Zins dem Investor.
 

Die Bank tritt ins Leben der Menschen. Der Mensch benötigt Geld für Großaufgaben, die er allein nicht  bewältigen kann. Er will Eisenbahnen bauen, Telefonnetze schaffen, die Städte mit Strom versorgen und Autos bauen. Massenfabriken und ganze Fließbandtechniken werden ins Leben gerufen. Mehrere Menschen legen ihr Geld zusammen und gründen eine Kapitalgesellschaft. Sie werden Aktionäre. Die Finanzwirtschaft dient unmittelbar der Produktion von Wirtschaftsgütern. Ihre Aufgabe ? Die Vergabe von Geld für die Errichtung ausreichender Produktionsstätten und für die Anschaffung neuer Güter und Dienstleistungen.

Der moderne Finanzmarkt dagegen  gibt Geld gegen Geld und entfernt sich mehr und mehr von der Realwirtschaft nützlicher und konkreter Produktion. Der Mensch verliert das Maß für die Knappheit und damit für den Wert eines Wirtschaftsguts. Wer Schiffe oder Autos verkauft, weiß, dass er jedes Wirtschaftsgut nur einmal verkaufen kann. Der Markt ist durch die Knappheit seiner verfügbaren Güter gemäßigt. Heute kann der Mensch Geld selbst schaffen, aus dem Geldautomaten, mit Kreditkarte, mit einem Darlehen, zu dem ihn nicht nur die Verlockungen der Werbung, der Anlageberatung und der Steueranreize treiben. Aktien werden in Sekundenschnelle gehandelt, Geldforderungen werden verkauft, wiederverkauft, zur Sicherheit gegeben und zur Vollstreckung abgetreten. Das Problem ? An jedem dieser Wirtschaftsvorgänge gibt es einen, der verdienen will, sodass die Forderung teurer wird. Die Sicherheit der Forderung ist ungewiss, der Wert der Aktie schwankt ständig. Die Spekulation beginnt. Anleger setzen auf Wertsteigerungen oder Wertverluste, wetten auf eine Wertentwicklung. Aus dem seriösen Kreditinstitut droht eine Zockerfirma beziehungsweise. eine Spielbank zu werden.

Unser Finanzsystem leidet an der Vielfalt seiner Produkte, der Anonymität der Fonds, der Verflochtenheit und Abhängigkeit der Teilmärkte, der Anfälligkeit der einzelnen Bank und unter dem individuellen Anlageangebot, das kaum noch einer übersehen und verstehen  kann.  Die Spekulanten handeln anfangs nach Wahrscheinlichkeit, dann nach Vermutung, anschließend nach Hoffnung, und schließlich aus purer Verzweiflung. Das gesamte Finanzsystem droht in die Unverständlichkeit, Unkalkulierbarkeit und in die Unverantwortlichkeit abzudriften. Auch die öffentliche Hand forciert diese Entwicklung. Die Zentralbank bestimmt die Menge des Geldes und seinen Preis. Je mehr Geld auf dem Markt ist, desto weniger ist das Geld wert.

Die Staaten sind bereit, sich hoch, teilweise auch horrend zu verschulden um die Finanzlasten der Gegenwart aund Vergangenheit auf den zukünftigen Steuerzahler abzuschieben. Sie bieten Steueranreize und Subventionen, um die Menschen finanziell in Anlagen und Investitionen zu dirigieren, die ihnen als geschlossene Fonds eher unbekannt  sind und daher sehr gefährlich werden können. Vor allem dann, wenn der Anleger eher ein niedriges zu versteuerndes Einkommen hat.  Angelegt werden Gelder in den Schiffsbau, in Supermarktketten, in Luxus- bzw. Schrottimmobilien,die der Anleger für gewöhnlich nicht wählen würde. Staatlich provozierte Unvernunft wird zu einem Teil des Systems. Die Hauptprobleme unserer Ökonomie  heute ? Die Anonymität und  die Unverantwort- lichkeit.  Es handelt nicht der einzelne Anleger, der Anlageberater oder der Bankier. Es handelt der Markt, die Börse, der Fonds, das Finanzsystem.

Früher sagte man: Der Kapitän verlässt als Letzter das sinkende Schiff. Deshalb fährt er mit besonderer Vorsicht durch die Wellen und Stürme der Weltmeere. Allein aus diesem Grund sollten die Bankhäuser ihre Angebote in klare Abteilungen untergliedern: für Sparer, für Anleger, für Kredite, für Aktionäre, für Fonds, für Spiel und Wette. Die Aktiengesellschaft muss die Gewinnanteile und Gewinnbeteiligungen, die Ausschüttungen und Thesaurierungen transparenter machen, vor allem die Arbeitnehmer langfristig durch feste und gewinnabhängige Lohnbestandteile fair  belohnen. Auch die Zulässigkeit, dass Gläubiger mehrfach gewechselt werden können, ist auf seinen Ursprung zurückzunehmen. Der Staat sollte so wenig wie möglich intervenieren, aber streng dafür sorgen, dass der Sozialstaat nicht vor die Hunde geht. Maßvolle und konsequente Besteuerungen aller Finanztransaktionen gehören dazu.

(C) Olaf Lüken (2017)
Aus meinem Buch "Schöne neue Geldwelt" (2017)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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