Heinz-Walter Hoetter

Moderner Strafvollzug

Wasser ist unentbehrlich. Es ist das Elixier des Lebens und ohne Wasser würde er verdursten, dachte sich Freddy Stanton.

 

Mit seltener Klarheit wurde er sich dieser Tatsache bewusst, als er auf die endlose Weite der vor Hitze flimmernden Wüste hinausblickte, wobei er sich die erhobene rechte Hand schützend vor die halb zugekniffenen Augen hielt.

 

Das grelle Licht der hoch am Himmel stehenden Sonne wurde langsam unerträglich, und die mörderische Hitze legte sich wie ein alles versengender Feuermantel über die von Dürre und Trockenheit gemarterte Landschaft. Auch Stantons eigener Körper war heiß und ausgetrocknet. Seine verbrannte Haut fühlte sich wie brüchiges Pergamentpapier an. Er versuchte seine angeschwollene Zunge über die rissigen Lippen zu zwängen, um sie mit dem letzten Rest Speichel anzufeuchten.

 

Vergeblich.

 

Sie klebte wie ein fremdes Stück Gewebe an seinem kratzigen Gaumen, der bei jeder Schluckbewegung schmerzte.

 

Freddy Stanton griff in die tiefe Ledertasche an seinem breiten Hosengürtel und fingerte in ihr herum. Irgendwo musste noch eine dieser lebensrettenden Hydrokugel sein, die randvoll mit Wasser gefüllt war.

 

Endlich wurde er fündig.

 

Die Berührung mit der kühlen Oberfläche des kugelförmigen Wasserspeichers aus hochwertigem Spezialkunststoff rief eine verloren geglaubte Hoffnung in ihm wach, die den Gedanken an den Tod vorübergehend verdrängte. Freddy Stanton wusste nur zu gut, dass er mit dem Inhalt des Wasserbehälters sein Leben für zwei oder drei, höchstens jedoch vier Tage verlängern konnte. Mehr nicht. Aber das würde reichen.

 

Seine Hand fuhr ein zweites Mal über die glatte Kunststoffhaut der kühlen Wasserkugel in seiner Tasche. – Stanton befand sich in einem Zwiespalt. Die aufkommenden Todesgedanken, die er vorher unterdrückt hatte, berührten nun immer stärker die Oberfläche seines Bewusstseins.

 

„Hey Freddy, ich kann nicht mehr. Ich verdurste, wenn ich kein Wasser bekomme…“, sagte eine raue Stimme hinter ihm.

 

Stanton drehte sich langsam herum. Nur wenige Meter hinter ihm lag eine männliche Gestalt im glutheißen Sand der Wüste; krank, ausgemergelt, von der Sonne am ganzen Körper verbrannt und mit schrecklich aufgerissenen Lippen, die sich nur schwach bewegten.

 

„Wasser…, bitte!“ krächzte der Mann, dessen Überlebenswille sich noch einmal aufzubäumen schien.

 

Stanton torkelte zu seinem Gefährten Doc Hamilton hinüber, dessen entzündete Augen geschlossen waren. Dann kniete er sich direkt neben sein Gesicht, packte die Schulter seines Kameraden und riss ihn mit einer heftigen Bewegung herum, bis dieser endlich auf dem Rücken lag. Keuchend vor Anstrengung ließ sich Stanton ebenfalls in den feinen, rötlich gelben Wüstensand fallen, der durch den Aufprall seines Körpers in hohen Fontänen aufwirbelte und jetzt wieder langsam zu Boden sank.

 

Hamilton öffnete im gleichen Moment seine aufgequollenen Augen, die von der Hitze stark gerötet waren. Sein völlig entstelltes Gesicht wurde von spröden Linien und tiefen Falten durchzogen.

 

„Wasser…, Freddy! Du hast noch welches bei dir. Gib mir nur einen Schluck davon, bitte!“ murmelte Hamilton heiser.

 

Stanton nestelte nach der Wasserkugel in seiner Ledertasche und hielt sie schließlich in der Hand. Das gleißend helle Licht der Wüstensonne brach sich darin und funkelte in winzigen Lichtperlen, die aussahen wie kleine Regenbogen.

 

Freddy Stanton schaute über die unendliche Weite der vor ihm liegenden Wüstenlandschaft, die in der heiß flimmernden Luft bis zum Horizont reichte. Er wusste: Irgendwo dahinter lag das Ziel, dass seine Rettung versprach.

 

Aber mit seinem Kumpel Hamilton würde er es nicht schaffen. Er war für ihn ein Klotz am Bein; eine lebensbedrohliche Last, die er unbedingt loswerden wollte.

 

Nachdenklich beobachtete er die große Plastikkugel mit dem sauberen Trinkwasser darin. Wie in Trance fing er an zu reden.

 

„Ich schaffe es nur, wenn ich das Wasser für mich behalte. Allein hätte ich noch eine Chance. Ich muss den Horizont erreichen. Dort liegt die Rettung für mich…“, murmelte Stanton vor sich hin.

 

„Ich werde draufgehen, wenn ich jetzt kein Wasser bekomme. Bitte…, nur einen kleinen Schluck, Freddy! Dann komme ich wieder auf die Füße. Nun mach’ schon!“ riss ihn die schwache Stimme Hamiltons plötzlich aus seinem Selbstgespräch.

 

Stanton hatte den Arm mit der Wasserkugel in der Hand bereits nach seinem Gefährten ausgestreckt, als er ihn plötzlich ruckartig wieder zurückzog und die lebensrettende Flüssigkeit an seine Brust drückte.

 

„Hamilton, du schaffst es nicht mehr. Was nützt dir also noch das Wasser? Du bist so gut wie tot. Ich dagegen habe noch eine Chance, das Ziel zu erreichen.“

 

Noch während er sprach, glitt sein trüber Blick zum Horizont hinüber, wo er sich an einen imaginären Punkt fest zu machen schien.

 

„Verdammt noch mal, Freddy. Du kannst mich doch jetzt nicht so einfach im Stich lassen. Ich kann nicht mehr. Gib mir nur einen Schluck Wasser, bitte! Es wird schon wieder. Glaub’ mir.“

 

„Nein, Hamilton! Was redest du da? Du bist fertig..., total fertig", schnauzte Stanton seinen Gefährten an.

 

„Wir haben es zusammen bis hier hin geschafft und werden es auch weiter zusammen schaffen, Freddy“, stöhnte Hamilton und umklammerte mit letzter Kraft und aufkommender Todesangst Stantons Handgelenk. Doch der riss sich los, als hätte er auf eine heiße Ofenplatte gegriffen.

 

Kraftlos sank darauf hin die Hand Hamiltons zurück in den heißen Wüstensand.

 

Freddy Stanton richtete sich mühsam und langsam Kopf schüttelnd auf. Dann verstaute er die Wasserkugel wieder in seiner Ledertasche, die an seinem Gürtel lose herunter hing.

 

Er hatte eine unwiderrufliche Entscheidung getroffen.

 

„Freddy, lass mich hier nicht verrecken… bitte! Ich will nicht sterben. Nicht hier“, schrie auf einmal Hamilton in höchster Todesangst. Seine Stimme hatte einen seltsam hohen Klang.

 

„Ich kann nicht anders, Doc. Ich muss es tun. – Es tut mir fürchterlich leid für dich, aber ich will überleben. Zusammen würden wir beide nie das Ziel erreichen und in der heißen Wüste elendig verdursten. So schafft es wenigstens einer von uns.“

 

Zwei riesige Schatten zogen plötzlich ihre Kreise auf dem ausgedörrten Sand. Ein Geierpärchen schwebte über den beiden Männern und wartete auf ihr Opfer. Hamilton wollte sich in seiner Verzweiflung noch einmal aufrichten, doch er schaffte es nicht. Sein kraftloser, sterbender Körper gehorchte nicht mehr seinem restlichen Willen zum Leben. Langsam schloss er seine Augen und wartete schicksalsergeben auf den nahen Tod.

 

Mittlerweile war Freddy Stanton, ohne auch nur einen Blick auf Hamilton zu werfen, davon getorkelt. Er orientierte sich nach dem kleinen Kompass, den er an einer dünnen Lederschnur um den Hals trug. Er würde ihn an den Punkt hinter dem Horizont führen, wo das Leben auf ihn wartete.

 

***

 

Am Rande der trockenen Wüste, etwa dreißig oder vierzig Meilen entfernt von Freddy Stanton, stand ein einsames Gebäude unter riesigen, schattenspendenden Palmen.

 

Es war fensterlos und hatte einen beigefarbenen Anstrich.

 

Im Innern des Gebäudes gab es nur zwei große klimatisierte Räume, die mit elektronischen Geräten vollgestopft waren, an denen sich etwa neun oder zehn Techniker und einige Ingenieure in weißen Kitteln zu schaffen machten. Zwei weitere Männer, die sich von den übrigen durch eine schwarze Uniform unterschieden, standen sich in Raummitte gegenüber und tranken eine heiße Tasse Kaffee. Beide sprachen angeregt miteinander.

 

„Wieder nichts. Nummer 290-173 A hat auch diesmal Nummer 345-122 B im Stich gelassen“, sagte Richter Rudolph Howard zu seinem Gesprächspartner, dem Staatsanwalt Mr. Franklin Stone.

 

„In der Tat, mein Guter. Eigentlich habe ich auch nichts anderes erwartet“, gab Staatsanwalt Stone zur Antwort und seine blauen Augen sahen nur kurz über den Rand seiner Tasse Kaffee hinweg.

 

Richter Howard zuckte die Achseln.

 

„Nun ja, wenn dieser Freddy Stanton seinem Kumpel Doc Hamilton geholfen hätte, wären beide jetzt freie Männer. Aber so müssen sie wieder ein weiteres Jahr warten…, bis zur nächsten Bewährungsprobe.

 

Der Staatsanwalt stellte seine dampfende Tasse Kaffee auf einen Computertisch ab und drückte eine rote Sprechtaste. Dann gab er an die anwesenden Ingenieure und Techniker einen klaren Befehl durch.

 

„Alles herhören! Bergen sie bitte im Planquadrat 134 und 136 die beiden Verurteilten Strafgefangenen Freddy Stanton und Doc Hamilton. Wenn nötig Narkotisieren. Auf jeden Fall eine Gedächtnislöschung durchführen. Anschließend Übergabe an die Gefängnisärzte zur Wiederherstellung ihrer normalen Gesundheit. Danach Abtransport in ihre Zellen im Vollzugstrakt ALPHA. Das Strafmaß wird von heute ab auf ein weiteres Jahr Gefangenschaft festgelegt. Ende der Durchsage.“

 

Die Techniker drückten verschiedene Knöpfe an ihren Geräten und in einem riesigen Maschinenkomplex tief unter dem Gebäude ertönte plötzlich das Summen mächtiger, energieerzeugender Maschinen, deren Intensität sogar im Gebäude zu spüren war. Dann griff das Kraftfeld hinaus in die Wüste, erreichte die beiden total erschöpften Männer und veränderte für einen kurzen Augenblick das Raum-Zeit-Kontinuum.

 

Die beiden Strafgefangenen Stanton und Hamilton verschwanden noch im gleichen Augenblick von der Bildfläche, zurücklassend eine Wüste, deren gnadenlose Hitze sie beinahe umgebracht hätte.

 

Sie hatten ihre Bewährungsprobe nicht bestanden.

 

„Langsam gebe ich die Hoffnung auf, dass wir sie noch einmal hinbiegen“, sagte Richter Howard nachdenklich.

 

„Ach was. Beim nächsten Durchgang schaffen es beide“, gab Staatsanwalt Stone zur Antwort und nahm die Tasse Kaffee wieder in die Hand.

 

„Was macht dich da so sicher?“ fragte der Richter.

 

„Ich verlasse mich da ganz auf mein Gefühl“, erwiderte der Staatsanwalt und fuhr fort: „Es hat mich noch nie enttäuscht.“

 

„Wie wäre es mit einer Wette, Stone?“

 

„Ich bin nicht abgeneigt“, schmunzelte dieser.

 

„Also gut! Die Wette gilt“, sagte der Richter und hielt dem Staatsanwalt die rechte Hand hin. Der schlug ein und blinzelte verschlagen mit den Augen.

 

„Dann bis zum nächsten Mal, Rudolph! Alles Gute bis dahin!“

 

„Danke Franklin, Dir ebenso! Bleib gesund und munter und grüße Deine Frau von mir!“

 

„Danke Rudolph! Ich werd’s ausrichten.“

 

Danach verließen sie beide den Raum, verabschiedeten sich von den anwesenden Ingenieuren und Technikern und traten die Heimreise in ihren bereitgestellten Dienstfahrzeugen an, die von intelligenten Robotern gesteuert wurden.


 


ENDE

 

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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