Ali Yüce

Karga

Die Berge starben. Grau und leer in jede Richtung, bis zum flimmernden Horizont. Trockene, felsige Krallen verscheuchten, was sie nicht töten konnten. Den letzten Adler hatte Kazim vor fünfzehn Jahren nach Westen fliegen sehen. Danach hatten sich nur Krähen hierher verirrt.

 


Es hatte niemand gemerkt, in welcher Hölle sie bisher gelebt hatten, bis der erste Fernseher im Dorf auftauchte und mit Bildern von grünen Wäldern lockte. Wer der Versuchung nicht widerstehen konnte, kam einem Wald nicht einmal nahe genug, um harzige Rinde oder gar saftige Blätter riechen zu können. Nur in großen Städten war genug Platz für jene, die aus dem Grau kamen. Und heute kehrten sie zurück, um hier Urlaub zu machen. Wie wertvoll diese brennende Bergluft ihnen plötzlich geworden war. Urlauber! Kazim verabscheute sie alle.

 


Wo vor zwölf Jahren Kinder die Beine ins kühle Wasser baumeln ließen, umzäunte inzwischen dorniges und blattloses Gestrüpp wie Stacheldraht den rissigen Boden der Bachläufe. Wenn sich im März geschmolzener Schnee in ihnen sammelte, kam er nur diesen bezahnten Sträuchern zugute, die jeden Tropfen für sich beanspruchten. Und ab Mai füllten sich die Bäche mit Staub. Viel Grün hatte es hier nie gegeben. Bis zum Spätherbst bedeckte roter Sandstaub alle Pflanzen, und wenn eine der seltenen Brisen ihn in die Luft hob, offenbarte sich darunter fleckiges Grau.

 

Kazim gehörte zu den wenigen, die trotz allem geblieben waren. Er wusste keinen Grund dafür. Zum Bleiben braucht niemand Gründe. Die braucht man erst, wenn man gehen will. Du willst dein Glück versuchen in der großen weiten Welt? Schön. Verpiss dich. Und sie verpissten sich scharenweise. Was für ein habsüchtiges und gieriges Land das hier doch war. Nie gab es mehr her, als den Menschen gerade noch zum Überleben reichte. Sie gingen, die Quellen versiegten und die Ziegen fraßen die letzten Weiden tot. Muzaffer, der erste, der zurück kam, brachte den Fernseher mit. Schaut, hatte er vielleicht rufen wollen, schaut, so schön ist die Welt. Er hatte nichts gesagt. Sein Schweigen sagte genug: schaut, schaut, wie reich ich bin. Und der Fernseher sagte den Rest. Manchmal saß Kazim im Schatten seiner Hütte und zerbiss in unterdrückter Wut ein Stück Holz. Wenn er aufstand spuckte er die klebrigen Späne in den ausgetrockneten Bachlauf.

 


Als Kind hatte er schon erkannt, was für eine Zeitverschwendung es war, in dieser Gegend etwas anzubauen. Und für eine Tierzucht gab es kaum genug Wasser. Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr hatte er als Hirte für die umliegenden Dörfer gearbeitet. Kein Dutzend Ziegen, Schafe, Rinder. Sein Verdienst bestand aus einem Mittagessen und wenig Geld. Nach drei Jahren hatte er von diesem Geld, das er seinem Vater geben musste, insgeheim genug abgezweigt, um eine Fahrkarte nach Istanbul kaufen zu können. Ohne jemandem ein Wort davon zu sagen und mit nur einigen Münzen in der Faust als Gepäck, verschwand er aus dem Dorf. Er irrte zwei Tage umher, bis er einen Bus fand, der einen Platz frei hatte.

 

Als der Busfahrer ihn nach seinem Ziel fragte, sagte Kazim: “Istanbul.“


“Wir fahren nach Ankara.“


“Können wir nicht einen kleinen Umweg machen?“


Niemand lachte, so ernst klang seine Stimme. Drei Tage später sah er die sechs Minarette der Sultan-Ahmed-Moschee, nach zwei Monaten hatte er, was er wollte, und fuhr er mit einem geklauten Kleinbus alleine ins Dorf zurück. Die Ohrfeige seines Vaters riss ihn auf die Knie, seine Mutter weinte Freudentränen.

 


Der Vater schüttelte ihn, prügelte ihn, aber Kazim konnte nicht sagen, wem der Bus gehörte. Er wusste es selber nicht. Gemeinsam gingen sie in die nächste Stadt, um die Sache bei der Polizei zu bereinigen. Sie gerieten in eine Demonstration und wurden mit dreizehn Demonstranten in eine Gefängniszelle geworfen. Kazims Vater weinte aus Scham. Beim Verhör tischte er den Polizisten eine Lüge von einer kranken Tante auf, die dringend Medizin brauchte. Es war nicht die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte, die sie beide vor mehr Ärger bewahrte. Es war sein ländlicher Dialekt und seine unterwürfige Art den Beamten gegenüber. Während er versuchte, so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu kommen, brüllten die Demonstranten in der Zelle Parolen von Freiheit und Revolution.

 


Auf dem Rückweg redeten sie kein Wort. Als sie vor ihrem Zuhause standen, murmelte Kazim eine Entschuldigung, weil er unbedingt das Schweigen brechen und einen Weg finden wollte, mit dem Geschehenen umzugehen. "Es ist nichts passiert", hatte sein Vater gesagt. "Du hast nichts gestohlen und wir sind auch nicht verhaftet worden." Also war alles geblieben, wie es war. Es war alles schief- aber gerade noch gut genug gegangen, um es ignorieren zu können.

 

 
Was in den Jahren darauf passierte, hatte für Kazim gar nicht besser laufen können. Er hatte den Bus behalten dürfen und bis heute hatte ihn noch nie ein Polizist nach seinen Papieren gefragt, obwohl - oder weil - inzwischen jeder wusste, wer er war. Er war der Fahrer aus Bozköy, der Sohn von Abdülkadir; er kaufte jede Woche die Läden leer und verkaufte, was er in die Finger bekam, in allen Dörfern, die er mit seinem Bus erreichte; er fuhr die Exil-Köylüler von der Stadt ins Dorf, weil Taxis zu teuer waren, und trotzdem verdiente er mehr als jeder Taxifahrer, ohne dabei auch nur an Steuern zu denken; ja, er war der Mann, der weiß, wie die Geschäfte laufen; ein Traumbräutigam für jede Schwiegermutter, unverheiratet und deshalb begehrt. Er hatte nie eine Schule besucht, aber, verdammt nochmal, er hatte Geld.

 


Und was stimmte nicht mit ihm? Warum lebte er noch immer in dieser selbstgebauten Hütte ohne Elektrizität und ohne fließendes Wasser? Warum verbrachte er sein Leben in dieser Hölle und genoss sein Leben nicht in Antalya am Strand? Und warum zum Teufel weigerte er sich zu heiraten?
Wenn ihn jemand danach fragte, antwortete er kopfschüttelnd: "Sie fliegen als Adler davon und kommen als Krähen wieder." Dann setzte er sich in den Schatten seiner Hütte und kaute auf Holz.

 

Sein guter Ruf wurde von Jahr zu Jahr ausgehöhlt. Das Getuschel, das er hinter sich her zog, erstreckte sich über mehrere Dörfer. So unverzichtbar wie er geworden war, für mindestens ebenso verrückt hielten ihn auch alle. Niemand traute sich, ihm anders entgegenzutreten als mit einem vorsichtig schleimigen Grinsen. So tat es auch Muzaffer, als er an einem Augustabend in Sivas zu Kazim in den Bus stieg. Drei riesige Koffer und zwei schwere, mannshohe Säcke hatte er mitgebracht.

 

“Ach!“ rief er voller Inbrunst. “Ach, Kazim, wenn du dir vorstellen könntest, wie ich dieses Land vermisst habe.“

 

“Gott behüte“, murmelte Kazim. “Es ist schon schwer genug, es nicht zu vermissen.“

 

“Sag das nicht. Manchmal wache ich nachts ohne Grund auf und fühle mich, als müsste ich vor Sehnsucht sterben.“

 

Kazim überholte einen Lastwagen und schlug dabei kurz auf die Hupe. “Und jetzt bist du hier. Geht es dir besser?“

 

“Was für eine Frage! Diese Luft zu Atmen, ist schon ein Segen.“ Muzaffer schnaubte und schlug sich mit der Handfläche kräftig gegen die Brust. “In Istanbul ist inzwischen sogar die Luft aus Beton.“

 

“Hier ist sie aus Feuer, Muzo, atme nicht zu tief ein.“

 

“Ich heiße Muzaffer, Kazim. Muzo nennt mich seit zwanzig Jahren niemand mehr.“

 

“Ich bin altmodisch, Muzo, du kennst mich doch.“

 

“Du bist nicht altmodisch, Kazim, du bist nur...“

 

“Ich bin was, Muzo?“

 

Der Ärger brannte in Muzaffers Augen und ließ seine Stimmbänder flattern. “Nichts, Kazim. Du sollst mich einfach nicht Muzo nennen.“

 

“Was hat Muzo in Istanbul denn zu Muzaffer werden lassen? Hat man Dich zum General gemacht?“

 

“Ich bin in Istanbul ein sehr angesehener Mann, Kazim. Und auch hier im Dorf. Muzaffer Bey nennen sie mich. Das hat seinen Grund. Ich habe Geld, ich habe Land. ich bin niemandem etwas schuldig und nichts kann mich jetzt noch erschüttern. Die Leute wissen das. Deswegen bin ich nicht mehr der Muzo, der altes Brot in anderer Leute ausgelöffelte Töpfte tunkt, um nicht ganz und gar zu vergessen, wie warmes Essen schmeckt.“

 

Kazim kicherte und bog auf die Landstraße ab. Auf der Gegenspur kam ihm jemand aus dem Nachbardorf auf einem beladenen Pferdewagen entgegen. Kazim hupte zur Begrüßung und winkte aus dem Fenster. Er sah Muzaffer noch einmal aus den Augenwinkeln an und kicherte wieder kopfschüttelnd.

 

“Was?“ sagte Muzaffer und reckte das Kinn vor. “Nur weil Dich alle den verrückten Kazim nennen, lasse ich mir von dir doch nicht alles gefallen!“

 

Kazim trat mit aller Kraft auf die Bremse. Die Ladung und das Gepäck polterten und krachten, während der unangeschnallte Muzaffer vom Sitz rutschte. Mit einem dumpfen Knall schlug seine Stirn gegen das Armaturenbrett. Halb kauernd halb liegend presste er sich beide Handflächen an den Schädel fing an zu wimmern.

 

“Lernt man in Istanbul nicht, dass es gefährlich ist, sich nicht anzuschnallen?“ sagte Kazim kalt. Muzaffer schien ihn nicht zu hören. Kazim öffnete die Tür und stieg aus. Ohne Eile zog er Muzaffers Gepäckstücke aus dem Bus und ließ sie auf die Straße fallen und sprach währenddessen im Plauderton weiter. “Erinnerst du dich? Ich hatte mal auf der Weide eine Schlange entdeckt, die an der Zitze einer Kuh hing und ihre Milch trank. Wie alt war ich wohl? Fünf? Das war kurz, bevor du gegangen bist. Du hast meine Schreie gehört und bist sofort zu mir gerannt. Ohne eine Sekunde anzuhalten, hast du einen Stein vom Boden aufgehoben und die Schlange direkt am Kopf getroffen. Sie hatte nicht einmal genug Zeit zuzubeißen und war sofort tot. Nachdem ich das gesehen hatte, warst du der Größte für mich. Der große Muzo. Was hätte ich dafür gegeben, wie du zu sein.“ Er kicherte wieder. Muzaffer hatte sich noch immer nicht gerührt. “Nun bist du Muzaffer Bey“, fuhr Kazim fort und packte ihn an den Schultern. Muzaffer keuchte und schaute mit blutverschmiertem Gesicht und fragendem Blick zu Kazim hoch. “Weißt du, was du heute tun würdest, wenn du eine Schlange an der Euter einer Kuh sähest?“ Kazim zog und Muzaffer stöhnte. “Ich werde es dir sagen, Muzaffer Bey. Du würdest dein Handy aus der Westentasche ziehen und ein Foto davon machen.“ Wie die Koffer und die Säcke ließ Kazim ihn einfach auf die Straße plumpsen. Muzaffer schrie auf und krümmte sich.

 

Breitbeinig stellte sich Kazim vor ihm auf und verschränkte die Arme vor der Brust. “Zeigen Sie Würde, Muzaffer Bey“, sagte er scharf. Der Satz zeigte Wirkung. Langsam und zittrig hievte sich Muzaffer vom Asphalt. Einen kurzen Augenblick versuchte er auf den Beinen zu bleiben, schließlich torkelte er auf  den nächstliegenden Sack zu und setzte sich drauf. Die Ellenbogen stützte er auf die Knie, die Hände baumelten in der Mitte hinab. Auf seinem halb gesenkten Kopf mischte sich Blut mit Schweiß und tropfte unablässig von der Kinnspitze auf seine Handrücken. Unter grimmig herabgesenkten Augenbrauen hindurch fixierten seine Pupillen den regungslosen Kazim. “Jetz hast du`s mir aber gezeigt, Kazim. Wolltest du mir beweisen, dass du jetzt der Größte bist?“

 

“Ich wollte dir zeigen, was es heißt, verrückt zu sein.“

 

“Bravo.” Muzaffer applaudierte, kleine Blutstropfen sprangen von seinen Handflächen. “Und jetzt?”

 

“Nichts. Ich fahre niemanden, der sich in meinem eigenen Wagen zum Bey erklärt und mich dazu noch erniedrigen will. Das nächste Dorf liegt 14 Kilometer entfernt und Sivas liegt keine 16 Kilometer zurück. Um die Zeit fährt hier nichts mehr. Tu was du willst, von mir aus stirb, es interessiert mich nicht.“

 

“Verrückter, gottloser Hund.“

 

Muzaffer Bey“, spuckte Kazim.

 

“Das zahle ich dir heim.“

 

Kazim stieg ein, hupte und fuhr.

 

Er saß im Schatten seiner Hütte und kaute Holz, als Muzaffer am tag darauf mit zwei Taxis den Berg hinab ins Dorf gerollt kam. Für das Gepäck hatte ein einziger Wagen nicht gereicht. Kazim spuckte in den trockenen Bach, mehr Regung zeigte er nicht. Als er am Abend ohne Muzaffer im Dorf angekommen war, hatten ihn Muzaffers Verwandten ausgefragt. “Muzaffer Bey ist sich zu fein geworden, um mit mir zu fahren“, hatte Kazim geantwortet, und mehr hatte er auch nicht mehr dazu zu sagen gehabt.

 

Noch immer war es etwas Besonderes, wenn ein Auto ins Dorf fuhr, aber noch niemand war jemals alleine mit zwei Taxis gekommen. Das Getuschel begann augenblicklich. Und hielt viele Wochen an. Muzaffer trug seinen Teil dazu bei. Er hielt zu viel von sich, als dass er sich dazu herablassen würde, die Geschichte zwischen ihm und Kazim zu seinem eigenen Gunsten zu verändern, aber er ließ keine Gelegenheit aus, sie immer und immer wieder zu wiederholen. “So ein Hund“, sagte er jedes Mal am Ende. “Gottlos und verrückt ist er.“

 

Muzaffer blieb vier Monate. Er brauchte in Istanbul nichts zu tun. Die Geschäfte hatte er seinen Söhnen übertragen und er selber lebte von den gesammelten Mieten der sechs Häuser, die er nach und nach hatte bauen lassen. Er hätte gar nicht mehr nach Istanbul zurückkehren müssen, wo er das Dorf doch so sehr vermisste. “Geschäfte“, sagte er jedes Mal in vorgetäuschter Resignation. “Ich habe alles zu lange liegen lassen.“ Selten stieg er vom Balkon seines zweistöckigen Hauses herab, das einzige mit mehr als einer Etage und einem Balkon weit und breit. Entweder plauderte er mit Gästen oder sah fern, wenn es langweilige Gäste waren, tat er beides gleichzeitig. Kazim begegnete ihm in der Zeit kein einziges Mal, er sah ihn höchstens manchmal von der Ferne auf dem Balkon stehen und rauchen.

 

Der Tag, an dem Muzaffer Kazim aufsuchte, war der regnerischste und stürmischste Tag des Jahres. Es würde nicht mehr lange dauern und der Regen würde sich in Schnee verwandeln, mindestens zwei Meter würde sich das Weiß stapeln und jeden Weg in den Bergen unbefahrbar und unbegehbar machen. Schon jetzt war es schwer genug, vorwärts zu kommen. Die ausgedörrte Erde nahm kaum etwas von dem Regenwasser auf und leitete einen brodelnden Strom aus Schlamm und Schutt bergab. Dörfer die weniger hoch lagen, wurden mit Leichen von Hühnern und Kleinvieh überschwemmt, deren Besitzer sie nicht hatten rechtzeitig in Sicherheit bringen können. An so einem Tag klopfte Muzaffer an Kazims Tür.

 

Er hielt einen vom Wind zerfledderten Regenschirm in der Hand, sein Weißes Hemd klebte ihm nass auf der Brust und seine Schuhe und Hosenböden waren schlammbeschmiert. Kazim ließ ihn wortlos ein.

 

„Kazim“, sagte Muzaffer.

 

„Bey“, sagte Kazim.

 

„Was?“

 

„Kazim Bey.“

 

Muzaffers glaubte, seine Zähne müssten zerspringen, so stark spannten sich seine Kiefermuskeln. „Kazim Bey“, sagte er durch die zusammengepressten Zähne.

 

„Versteh mich nicht falsch, ich will dich nicht aufstacheln. Ich habe nur über meine Stellung in diesem Dorf und im Umland nachgedacht und festgestellt, dass ich auch ein Bey bin. Welcher Wind hat dich zu mir geweht, Muzaffer Bey?“

 

„Ich bin zu dir gekommen, um mich mit dir zu versöhnen.“

 

„Versöhnen? Du willst dich entschuldigen?“

 

Muzaffer sah ihn verwirrt an.

 

„Du hast mich einen Verrückten genannt und willst dich dafür entschuldigen.“

 

Muzaffer hörte die Aufforderung in diesem Satz und wollte so gern Kazims Kehle mit den Händen zerquetschen. „Entschuldige“, sagte er. Ihm wurde schwindelig dabei. „Ich muss weg, Kazim Bey. Dringend. Fährst du mich?“

 

„Was ist passiert?“

 

„Filiz hat angerufen. Muharrem hatte einen Autounfall. Mein Sohn liegt im Krankenhaus. Er lebt. Fährst du mich, Kazim?“

 

„Hast du gepackt?“

 

„Eine Tasche. Ich kann sofort aufbrechen.“

 

Kazim sagte nichts, aber er nahm seinen Mantel vom Garderobenhaken und ging mit Muzaffer hinaus in den Regen. Zwei Minuten später bespritzten die Reifen des Kleinbusses ihren Weg entlang alles mit dickem Schlamm.

 

Die schmale, ungepflasterte Straße führte an einem Steilhang entlang aus dem Dorf. Beide wussten, wie gefährlich dieser Moment war. Wenn Kazim zu langsam fuhr, konnte ein Reifen in einer Senke die Haftung verlieren und durchdrehen. Wenn er zu schnell fuhr, konnte der Bus ins Schleudern kommen. Und von dem, was dann folgen würde, würde sich der wichtigste Teil zwanzig Meter weiter unten auf den Felsen ereignen. Die Scheiben waren beschlagen. Wann war das passiert?

 

Das letzte  Stück des Weges wurde sehr Steil, die Reifen drehten durch und griffen wieder. Kazim keuchte angespannt. „Mein Löwe“, sagte er und klopfte mit der rechten Hand auf das Lenkrad. „Komm schon, du schaffst das!“

 

„Cemil!“, rief Muzaffer.

 

Kazim wagte es nicht, Muzaffer anzugucken. Er durfte die Straße nicht aus den Augen lassen. „Was?“, fragte er erschrocken. „Was ist los?“

 

„Da oben! Cemil kommt die Straße runter! Du musst anhalten!“

 

Ein kurzer Blick hinauf ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Der Trottel schlenderte tatsächlich mit einem zitternden Lamm auf dem Arm diesen Schlammfluss entlang durch den Regen. „Muzo, weißt du was passiert, wenn ich versuche, hier zu halten?

 

Muzaffers sagte nichts. Er schaute abwechselnd hoch zu Cemil und hinab auf die Felsen. „Was dann?“, rief er. „Willst du ihn überfahren?“

 

„Wir werden abrutschen, Muzo! Er muss umdrehen!“

 

Muzaffer kurbelte mit krampfhaften Bewegungen die Scheibe runter und streckte den Kopf hinaus. „Cemil! Cemil, geh zurück! Wir können nicht halten! Geh zurück, wenn du Gott liebst.“

 

Cemil stutzte, es dauerte einen ewigen Moment, in dem er endlich begriff, was vor sich ging. Er lief den Weg wieder hoch.

 

Kazims Ohren pochten. Er wusste nicht, wie langsam er fahren konnte, ohne dass er rückwärts rutschte. Während Cemil vor ihnen herlief, blöckte das Lamm und Kazim betete. Muzaffer hielt sich am Türgriff fest und schüttelte den Kopf.

 

„Halt an!“, rief Cemil über die Schulter. „Halt an, du Hurensohn!“ Zweimal rutsche er aus und konnte sich noch rechtzeitig wieder fangen. Beim dritten Mal fiel das Lamm von seinem Arm, doch Cemil blickte nicht zurück, als er sich unbeirrt weiter hochkämpfte.

 

Das Lamm, braunverdreckt, kam zitternd wieder auf die Beine und schaute sich panisch um. „Nein, nein!“ rief Kazim. Er weinte, als die Knochen des Tieres unter dem Bus knirschten. Muzaffer kreischte. Er sollte doch erleichtert sein, denn Cemil sprang oben angekommen von der Straße und landete auf dem Bauch. Es war doch nur ein Lamm!

 

Kazim fuhr an Cemil vorbei und der Schlamm, der aufspritzte, deckte Cemil fast vollständig zu. Durch tränentrüben Schleier suchte ihn Kazim im Rückspiegel und fand nur einen roten Fleck . Er schluchzte auf.

 

„Nur ein Lamm“, sagte Muzaffer. „Es war nur ein Lamm.“

 

Kazim nickte. „Ja, nur ein Lamm. Und was sind wir?“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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