Heinz-Walter Hoetter

Das Versandhaus “Magic“

Mr. Bob Fuller hatte am letzten Sonntagabend bis tief in die Nacht hinein mit seinen Stammtischfreunden ordentlich einen getrunken und lag jetzt immer noch leicht angeduselt in seinem Bett, als es an diesem späten Montagvormittag draußen an der Tür plötzlich klingelte.

Schlagartig wachte er vollends auf, starrte ein wenig verwirrt zuerst zum halboffenen Fenster hinaus, wo er einen wunderschönen blauen Himmel erblickte, sah dann auf die laut vor sich hin tickende Uhr, die gleich links von ihm auf der schlichten Schlafzimmerkommode stand und erschrak etwas darüber, als er bemerkte, wie weit die Zeit schon voran geschritten war.

"Ach du Scheiße, ich habe mich total verschlafen. Das kommt davon, wenn man in meinem Alter den Genuss von Alkohol unterschätzt. Früher konnte ich das Zeug besser vertragen, aber da war ich ja auch noch jünger... ", murmelte Fuller mit halblauter Stimme sinnierend in sich hinein, schlug mit einer heftigen Armbewegung die wärmende Bettdecke zurück, verließ das Bett und hastete aus dem Schlafzimmer barfuß durch den angrenzenden Flur, der direkt zur gläsernen Eingangstür seiner geräumigen Penthousewohnung führte.

Noch während er auf die geschlossene Tür zu ging, erkannte er bereits die vertrauten Körperumrisse seines Postboten und Paketzustellers Jack Howard, dessen massiger Leib sich durch das trübe, milchig weiße Glas leicht verschwommen abzeichnete.

Nebenbei drückte Mr. Fuller den grünen Öffnungsknopf auf der handlichen Fernbedienung, die sich in einer Akku-Ladestation gleich neben der Garderobe in unmittelbarer Nähe des Wohnungseinganges befand. Die moderne Tür aus stabilem Panzerglas bewegte sich augenblicklich zur Seite und verschwand leise surrend rechts in einem etwa ein Zentimeter breiten Wandschlitz.

Kaum stand sie offen, strahlte ihn der übergewichtige Jack Howard auch schon breit grinsend an.

Mit freundlicher Stimme sagte er: "Einen schönen guten Tag, Mr. Fuller! Tut mir leid, dass ich Sie offenbar aus dem Bett geklingelt habe, aber hier ist ein Paket für Sie, das ich noch heute unbedingt bei Ihnen abgeben soll. Bitte entschuldigen Sie nochmals die Störung! - Also..., da ist es. Sie müssen den Erhalt nur noch eigenhändig quittieren. Bitte unterschreiben Sie deshalb einfach hier unten auf dem kleinen Bildschirm! Benutzen Sie dazu den Spezialstift meines tragbaren Datengerätes!"

Bob Fuller nahm das Paket ohne lange zu zögern entgegen, stellte es aber sofort wieder ab, um mit dem besagten Spezialstift etwas umständlich seinen Namen auf dem Mini-Farbbildschirm des klobigen Datengerätes zu kritzeln.

Als das geschehen war, bedankte sich Jack Howard sogleich höflich bei seinem langjährigen Kunden und wünschte ihm zum wiederholten Male einen schönen Tag. Dann verschwand er kurz darauf in dem wartenden Etagenaufzug und ließ sich nach unten ins Erdgeschoss des Hochhauses bringen.

Während Mr. Fuller die schwere Glastür per Knopfdruck wieder zufahren ließ, nahm er das Paket an sich und ging damit rüber ins Wohnzimmer, wo er es neugierig von allen Seiten betrachtete. Der Absender war ein für ihn völlig unbekanntes Versandhaus für magische Artikel, das sich irgendwo in der Megametropole New York befand.

Kopfschüttelnd entfernte er die Verpackung aus braunem Papier und öffnete ein wenig später den oben zugeklebte Karton vorsichtig mit einer Schere. Zwischendurch dachte Mr. Fuller intensiv darüber nach, ob er irgendwann einmal in der Vergangenheit eine Bestellung bei diesem Versandhaus aufgegeben hatte. Aber er fand nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er das mal gemacht haben soll.

Schließlich kramte er aus der mittlerweile offenen Kartonage ein seltsam aussehendes Tuch hervor, das ausgebreitet eine Kantenlänge von etwa einem Meter aufwies. Genau in der Mitte des weißen Quadrates befand sich eine hässlich aussehende, pechschwarze Kreisfläche mit einem Durchmesser von etwa achtzig Zentimetern.

Als nächstes entdeckte Mr. Fuller ein beschriftetes Blatt Papier auf dem freigelegten Kartonboden, das anscheinend eine kurze Bedienungsanleitung für das schwarz-weiße Tuch darstellte. Es bestand gerade mal aus einer Seite, die allerdings vorne und hinten bedruckt war.

Mr. Bob Fuller begann damit, den Text sorgfältig durchzulesen.

Sehr verehrte Kundin, sehr geehrter Kunde!

Wir freuen uns sehr darüber, dass wir Sie als Kundin / als Kunde unseres Versandhauses gewinnen konnten. Das beiliegende "magische Tuch" wird Ihnen sicherlich gefallen und bestimmt viel Spaß machen, denn es ist wirklich ein äußerst ungewöhnliches Produkt, welches wir nur ganz wenigen, auserwählten Personen zukommen lassen, die wir durch ein spezielles Auswahlverfahren ermittelt haben. Sie sind eine davon, Mr. Fuller.

Herzlichen Glückwunsch!

Lesen Sie die kurze Anleitung auf der Rückseite gut durch und verwenden Sie das "magische Tuch" bitte genau nach Vorschrift, denn nur dann wird es Ihnen garantiert große Freude bereiten.

Ihr Team vom Versandhaus Magic

Als Bob Fuller die "Bedienungsanleitung" auf der Rückseite des Blattes durchlas, musste er unwillkürlich lachen, denn offenbar war er der Narretei irgendwelcher unbekannter Spaßvögel auf den Leim gegangen, wie er dachte.

Doch der zu lesende Text klang allerdings irgendwie überzeugend. Also las er weiter.

Liebe Kundin, lieber Kunde!

Wir möchten Ihnen nachfolgend kurz erklären, was sie mit dem "magischen Tuch" grundsätzlich so machen können.

Bitte breiten Sie es immer mit der schwarzen Kreisfläche nach oben liegend aus, sodass es stets flach auf der von Ihnen ausgewählten Stelle liegt bzw. hängt, ganz nach Ihrem Belieben.

Achten Sie aber stets darauf, falls Sie es in der hängenden Position benutzen sollten, dass es von der verwendeten, senkrechten Fläche nicht abfallen kann. Das gilt auch für den liegenden Gebrauch. Es darf auch hier nicht wegrutschen. In beiden geschilderten Fällen könnte das für Sie fatale Folgen haben. Wenn Sie allerdings unsere Warnhinweise strengstens beachten, kann Ihnen und den verwendeten Gegenständen nichts passieren.

So, das war's dann auch schon.

Die überaus bemerkenswerten Eigenschaften des "magischen Tuches" dürfen Sie jetzt selbst ausprobieren. Nehmen sie deshalb probeweise für den Anfang einfach irgendeinen Gegenstand Ihrer Wahl, z. B. einen schlichten Pappbecher, und stellen sie ihn direkt auf die schwarze Fläche ab. Sie werden umgehend feststellen, dass er einfach darin verschwindet. Probieren Sie es gleich mal aus! Unser Produkt heißt ja auch nicht umsonst "magisches Tuch". Wie dieser Trick genau vor sich geht bzw. funktioniert, das ist und bleibt allerdings unser Geheimnis, welches wir Ihnen verständlicherweise nicht verraten dürfen. Persönliche Anfragen, in welcher Form auch immer, werden von uns nicht beantwortet. Bitte haben Sie dafür Verständnis!

Und noch etwas Wichtiges gibt es da, worauf wir Sie unbedingt hinweisen möchten.

Das "magische Tuch" ist nur auf Sie ganz persönlich abgestimmt bzw. geeicht. Bei anderen Personen funktioniert es nicht. Die magischen Fähigkeiten unseres Produktes sind daher grundsätzlich nicht übertragbar.

Wir wünschen Ihnen dennoch viel Spaß bei der Verwendung des "magischen Tuches"!

Ihr Team vom Versandhaus Magic

***

Mr. Bob Fuller betrachtete jetzt voller Skepsis das vor ihm liegende weiße Stoffding mit dem schwarzen Riesenpunkt auf der Oberseite. Irgendwie kam er sich plötzlich albern bei dem Gedanken vor, dass er dem schriftlichen Inhalt der sog. "Bedienungsanleitung" auch noch Glauben zu schenken bereit war.

Trotzdem hatte er mittlerweile das Tuch aus lauter Neugier auf dem Wohnzimmertisch der Länge nach ausgebreitet. Er wollte es gleich hier an Ort und Stelle selbst ausprobieren, um in Erfahrung zu bringen, ob an der ganzen Sache möglicherweise doch etwas Wahres dran war.

Er schaute sich deshalb im Wohnzimmer nach einem geeigneten Gegenstand um. Er entschied sich für einen Apfel, den er aus der Obstschale nahm, die auf dem Sideboard direkt hinter ihm stand und setzte ihn ohne lange zu zögern auf die schwarze Kreisfläche.

Und tatsächlich geschah das schier Unglaubliche.

Kaum hatte Mr. Fuller den Apfel losgelassen, verschwand dieser auch schon prompt im "magischen Tuch", gerade so, als wäre das gesamte schwarze Rund nur ein einziges großes Loch.

Verwundert über diesen höchst geheimnisvollen Vorgang griff Mr. Fuller mit der rechten Hand jetzt selbst tief ins schwarze Loch hinein und fingerte darin herum wie in einem schlecht zugänglichen Abwasserrohr. Es dauerte nicht lange, da hielt er den Apfel wieder unversehrt in seiner Hand. Der ganze Vorgang setzte Mr. Fuller in großes, ungläubiges Erstaunen. Er konnte es kaum fassen, dass es überhaupt so etwas gab, das allen Naturgesetzen zuwiderlaufen schien. Er dachte jetzt auf einmal darüber nach, welche anderen Möglichkeiten ihm das "magische Tuch" vielleicht sonst noch so zu bieten hätte, außer Gegenstände darin verschwinden zu lassen.

Da kam ihm plötzlich eine Idee, die ziemlich abenteuerlich klang. Irgendwie hatte er dabei das komische Gefühl, als käme sie nicht von ihm selbst, sondern jemand würde sie ihm zuflüstern.

Als Angestellter einer großen Bank könnte er sich jetzt ganz einfach mit Hilfe des "magischen Tuches", und ohne den dazu notwendigen Schlüsseln, ungehindert Zugang zum Innern des massiven Tresors verschaffen, der sich im hinteren Teil des Erdgeschosses der Bankfiliale befand. Er musste nur auf eine günstige Gelegenheit warten.

Mr. Fuller dachte sich daher einen Plan aus.

Wenn alle übrigen Beschäftigten am Wochenende zur üblichen Zeit Feierabend machten, nach Hause gingen und er aufgrund einer wichtigen Arbeit noch da bleiben würde, dann könnte er das "magische Tuch" in Ruhe dazu verwenden, um die stabile Eingangstür des Tresorraumes von Innen zu öffnen, wodurch er im nächsten Schritt mit Hilfe des Tuches kinderleicht an das Geld im Tresor ohne große Schwierigkeiten heran käme.

Die stabile Eingangstür des Tresorraumes lässt sich zudem nur von Außen mit einem Spezialschlüssel öffnen, den er sowieso nicht besaß und auch gar nicht für sein Vorhaben bräuchte. Von Innen ließ sich die Stahltür des Tresorraumes allerdings bequem und ungehindert wieder öffnen, was Mr. Fuller wusste. Der Tresor selbst konnte ebenfalls nur mit ganz bestimmten elektronischen Schlüsseln sozusagen "vorgeöffnet" werden, wobei er noch durch eine täglich wechselnde Zahlenkombination zusätzlich abgesichert wurde. Niemand käme also auf die Idee, ihn, den kleinen Angestellten Bob Fuller, des Bankraubes zu verdächtigen, wenn er das "magische Tuch" dazu benutzte, um die begehrten Dollars aus diesem monströsen Stahlkasten zu holen.

So wartete Mr. Fuller geduldig auf eine günstige Gelegenheit, um seinen Plan ausführen zu können.

An irgend einem Freitagnachmittag war es dann schließlich so weit. Das Wochenende stand vor der Tür und alle Mitarbeiter freuten sich darauf, endlich nach Hause gehen zu dürfen, außer Mr. Fuller, der anderes im Sinn hatte.

***

Mr. Bob Fuller saß an seinem Schreibtisch und legte sich gerade einige wichtige Dokument eines Großkreditkunden zurecht, als sein Chef, Mr. Georg Marino, den Büroraum betrat. Ohne lange abzuwarten fing er zu reden an.

"Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit einmal ganz persönlich bei Ihnen bedanken, Mr. Fuller. Ich habe gehört, dass Sie sich an diesem Freitagnachmittag mit der Kreditangelegenheit eines unserer wichtigsten Kunden beschäftigen wollen, obwohl ja eigentlich auch für Sie schon längst das Wochenende begonnen hat. Wir haben es somit Ihnen zu verdanken, dass wir dem Kunden alle wichtigen Kreditunterlagen bereits schon am kommenden Montag nächster Woche unterschriftsreif vorlegen können. Ich weiß, Sie sind einer unserer besten Kreditsachbearbeiter, der die betreffende Angelegenheit ohne Schwierigkeiten zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wird. Dessen bin ich mir ganz sicher. Bei der nächsten Gehaltserhöhung werde ich Sie deshalb entsprechend berücksichtigen. Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Fuller. Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Wochenende. Wir sehen uns dann am Montag wieder."

"Ganz bestimmt, Mr. Marino. Ich wünsche Ihnen ebenfalls ein schönes Wochenende!"

Der Bankangestellte schaute seinem Chef noch ein paar Sekunden lang hinterher. Er wollte sich ganz sicher sein, ob er auch wirklich gehen würde.

Mr. Marino marschierte tatsächlich gleich runter in die Tiefgarage, wo er sein Fahrzeug geparkt hatte, öffnete das breite Garagentor und verließ mit seinem Mercedes die Parkgarage über die rückwärtige Ausfahrt das Bankgebäudes.

Jetzt befand sich Bob Fuller ganz allein in der Bankfiliale. Er saß im Erdgeschoss seines Büros, das schräg gegenüber des Tresorraumes lag. Niemand würde jetzt noch die Ausführung seines Planes verhindern können. Im Tresor lagen weit über acht Millionen Dollar, an die er jetzt ohne Schwierigkeiten heran kommen würde.

In aller Ruhe holte er das "magische Tuch" aus seiner ledernen Aktentasche, marschierte damit schnurstracks hinüber zum Tresorraum und hielt es an die rechte Wand gleich neben dem Türstock, etwa in Höhe der Türklinke. Dann griff er beherzt in die schwarze Fläche und drückte von Innen geschickt die Klinke runter. Die Stahltür war damit offen.

Obwohl er alle Zeit der Welt hatte, arbeitete Bob Fuller dennoch zügig daran, das "magische Tuch" an den über zwei Meter hohen Stahltresor zu halten. Dann riss er zwei Klebestreifen von der mitgebrachten Kleberolle ab und befestigte damit die beiden oberen Ende des Tuches genau in der Mitte des Tresors. Die unteren Enden befestigte er auf die gleiche Art und Weise.

Danach ging Mr. Fuller zurück in sein Büro und holte sich einen dieser großen, reißfesten Plastiksäcke, den er direkt vor dem Tresor platzierte. Dann fing er damit an, das gebündelte Geld nacheinander von innen rauszuholen, indem er immer wieder tief in die schwarze Kreisfläche des "magischen Tuches" griff und zwar solange, bis er fast jede einzelne Etage des Tresors leer geräumt hatte. Nur an die Geldbündel ganz oben kam er einfach nicht heran. Kurzerhand ließ er sie einfach liegen.

Am Ende lagen in dem randvollen Plastiksack mehr als fünf Millionen Dollar, wie er grob schätzte. Genug Geld jedenfalls, um damit locker vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Außerdem würde er mit diesem netten Sümmchen ein üppiges Leben führen können. Trotzdem wollte Mr. Fuller nicht einfach so abhauen, sondern noch mindestens ein Jahr in der Bank unauffällig weiter arbeiten, um keinen Verdacht gegen ihn aufkommen zu lassen.

Als er schließlich auch mit der übrigen Arbeit fertig war, schaffte Mr. Fuller den prall gefüllten Geldsack runter in die Tiefgarage, wo er wie immer seinen Range Rover neben der Garagenein- und -ausfahrt auf seiner persönlichen Stellfläche geparkt hatte.

Gerade war er dabei, die wuchtige Hecktür seines Wagens zu öffnen, als er draußen plötzlich ein Auto kommen hörte, das oben an der Schlüsselsäule mit laufendem Motor anhielt und offenbar in die Tiefgarage wollte. Mr. Fuller ließ den Geldsack los, sah kurz durch eines der schmutzigen Plastikfenster des großen Garagentores und erblickte voller Entsetzen seinen Chef Mr. Georg Marino, der unverhofft noch einmal zurück gekommen war, weil er wohl etwas vergessen hatte. Mr. Fuller wollte jedoch auf gar keinen Fall mit dem Geldsack ausgerechnet von seinem Chef entdeckt werden. Fieberhaft dachte er über eine schnelle Lösung des Problems nach.

In diesem Moment fiel ihm blitzartig das "magische Tuch" wieder ein. Er wollte es dazu benutzen, um kurzzeitig darin zu verschwinden. So schnell er konnte, kramte er es aus seiner Aktentasche hervor und breitete es auf der Parkfläche in gebührendem Abstand neben seinem Range Rover aus. Mit aller Kraft drückte er dann den widerspenstigen Geldsack durch die etwa achtzig Zentimeter breite Fläche. Als Mr. Fuller das geschafft hatte, verschwand er anschließend selbst darin, was ihm überhaupt keine großen Probleme bereitete, weil er ein schlanker Typ war.

***

Mr. Marino hatte tatsächlich in seinem Chefbüro etwas liegen gelassen, und zwar seine über alles geliebten Havanna Zigarren, die er sich extra fürs Wochenende in sein Büro hat kommen lassen. Sie lagen gut verpackt oben in einer Zigarrenschachtel aus Holz in einem Regal hinter seinem Schreibtisch.

Mittlerweile befand sich das Garagentor im geöffneten Zustand und Mr. Marino steuerte seinen schweren Mercedes runter in die Tiefgarage. Als er Mr. Fullers Range Rover sah, parkte er sein Fahrzeug einfach direkt daneben, schaltete den Motor ab und stieg aus. Dabei trat er rein zufällig auf das "magische Tuch", hob es verwundert vom Boden auf, betrachtete es eine Weile unschlüssig von allen Seiten und warf es schließlich kopfschüttelnd in eine Mülltonne, die ganz in seiner Nähe stand.

Woher sollte Mr. Georg Marino denn auch wissen, dass es sich hierbei um ein ganz besonderes Tuch mit magischen Kräften handelte, das er achtlos weggeworfen hatte?

Jetzt, da es nicht mehr an seiner Stelle lag, war es zur Todesfalle für Mr. Bob Fuller geworden, der irgendwo in der Dunkelheit eines unbekannten Nichts einsam und verlassen auf seinem prall gefüllten Geldsack hockte. Er war lebendig eingeschlossen worden. Angst stieg in ihm auf, die sich bald in eine unkontrollierte Panik verwandelte.

In dem Moment nämlich, als Bob Fuller bemerkte, dass das "magische Tuch" nicht mehr an seiner richtigen Stelle lag, begann er wie von Sinnen um Hilfe zu rufen. Immer wieder und wieder hallten seine verzweifelten Schreie durch das dunkle Nichts. Er saß in der Falle und würde qualvoll sterben müssen. Das wusste er jetzt. Bei diesem Gedanken schrie Mr. Fuller noch lauter als zuvor, aber niemand konnte ihn hören.

***

Als Mr. Georg Marino mit der Schachtel Havanna Zigarren in die Tiefgarage zurück kehrte, wunderte er sich darüber, dass der Range Rover von Mr. Fuller immer noch auf seinem Parkplatz stand.

Eigentlich hatte er das schon öfters erlebt, denn Fuller hatte so seine sonderbaren Marotten und ging manchmal im nah gelegenen Park einfach ohne Absprache mit seinem Chef ein paar Runden spazieren, vor allen Dingen dann, wenn ihm der Arbeitsstress zu viel wurde. Deshalb dachte sich Mr. Marino auch nichts weiter dabei, marschierte hinüber zu seinem Wagen und stieg ein.

Als er gerade die Fahrertür schließen wollte, glaubte er, einen leisen Hilfeschrei unter seinem Fahrzeug gehört zu haben. Er hielt gespannt inne, konnte aber plötzlich nichts mehr hören.

Ich muss mich wohl getäuscht haben, dachte er so für sich, startete den Motor der Mercedes Limousine und verließ über die rückwärtige Ausfahrt der Tiefgarage das Bankgebäude. Oben, an der Schlüsselsäule, hielt er noch einmal an, drückte den Schließknopf und das breite Garagentor fuhr langsam herunter.

Stille machte sich in dem Gebäude breit. Bisweilen schien es so, als würde jemand jämmerlich um Hilfe rufen. Doch die Rufe wurden bald leiser, bis sie ganz verstummten.

Nur ein schwarzer Rabe saß plötzlich krächzend oben auf dem Dach der Bankfiliale und flog wenige Augenblicke später eilig davon.

***

Megametropole New York. Ein ziemlich schäbiger Hinterhof irgendwo im Stadtteil Manhatten.

Der alte Mann mit der hässlichen Hakennase im Gesicht und dem weiten Schlapphut auf dem Kopf saß gebückt vor einem hölzernen Tisch und faltete gerade ein großes weißes Tuch sorgfältig zusammen, auf dessen Oberfläche ein großer, pechschwarzer Kreisrund zu sehen war. In Reichweite, auf einem abgewetzten Stuhl, stand ein geöffneter Karton, der anscheinend als Verpackung für das Tuch dienen sollte.

Der Alte sprach bei seiner Arbeit leise vor sich hin, als sei das, was er sagte, nicht für fremde Ohren bestimmt.

"Schön, dass du wieder da bist, mein 'magisches Tuch'. Ich dachte schon, du würdest diesmal etwas länger wegbleiben. Aber wie ich sehe, hat es nicht lange gedauert, bis du mir wieder eine neue Seele gebracht hast. Was würde ich nur ohne dich machen? Die Seele von Mr. Bob Fuller hat mich um viele Jahre jünger und frischer werden lassen, auch wenn sie schon etwas verdorben war. Ich brauche aber noch weitere Seelen, um mich wieder in einen junge Mann verwandeln zu können. Deshalb muss ich dich leider gleich wieder losschicken. Diesmal geht es weit aufs Land hinaus, wo ich einen verzweifelten Farmer ausfindig gemacht habe, der sich hoch verschuldet hat und dringend Geld braucht. Bringe ihn schnell mit deiner Zauberfähigkeit auf böse Gedanken, damit er es bald so macht, wie dieser gierige Bob Fuller. Lass' diesen Farmer auf irgendeine Art und Weise sterben, damit ich bald über seine Seele verfügen kann. Ich verlasse mich auf dich. Wenn alles vorbei ist, werde ich dich wieder dauerhaft in den Raben zurück verwandeln, der du vorher warst. Weil du mir schon so viele Jahre immer treu gedient hast, werde ich dein Leben durch einen Zaubertrank ebenfalls verlängern, damit du noch für sehr lange Zeit bei mir bleiben kannst. So..., ich werde dich jetzt in diesem Karton gut verpacken und dann zur Post bringen. Ich hoffe, du kehrst als Rabe bald wieder zurück und bringst mir die Seele des Farmers mit."


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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