Monika Jarju

Parkstück

Die zwei Frauen, die wuchernde Büsche und stille Bänke umrunden, stehen plötzlich vor mir. Die Jüngere beugt sich über mich. „Was lesen Sie?“ sagt sie zu mir und lugt in mein Buch, mich abschätzig musternd. „Aha, Gedichte. Eva Strittmatter? Die guten Dinge des Lebens sind alle kostenlos: die Luft, das Wasser, die Liebe.“, zitiert sie ungebeten. Ich lache, sie strahlt. Neugierig verrenkt sie den Hals. Ich halte ihr mein Buch entgegen, Traumgedichte von Michael Hamburger. „Er übersetzt auch Hölderlin“, sage ich. „Hölderlin mögen meine Mutter und ich nicht“, sagt sie streng. Kopfschüttelnd gehen die beiden Frauen weiter, verschwinden hinter den Büschen, ihre hellen Mäntel leuchten durch das Gesträuch. Ich höre sie hinter dem Busch tuscheln, das Schlurfen der Mutter auf dem trockenen Sandweg, und lese.
Und als sie wieder hervorkommen, steuern sie die Bank neben mir an. „Meine Mutter liebt Goethe und Eichendorff.“, sagt die Frau zu mir herüber. Sie redet in einem fort, als hätte sie beim Umrunden der Büsche etwas einstudiert, das sie nun zum Besten geben wolle. Endlich hat sie einen Zuhörer gefunden und hält einen Vortrag über Goethe und Eichendorff. Eine Deutschlehrerin. Kindern und Kollegen legt sie gern mal Gedichte vor, erzählt sie. Für mich klingt es nach Vorladung und Auftischen.
Da stehen sie wieder auf. Die Mutter, am Arm der Tochter, setzt vorsichtig die Gehhilfe auf, langsam entfernen sie sich. Die Lehrerin dreht sich zu mir um, schneidet eine Grimasse, eine grässliche Fratze. Sie macht mir Zeichen hinter dem Rücken der Mutter. Böses Mädchen, denke ich und senke beschämt den Blick in mein Buch.
„Leben Ihre Eltern noch?“ Plötzlich steht sie wieder vor mir. Groll steigt in mir auf. Vom See weht ein kühler Wind. Ich friere und will aufstehen und gehen. „Halt, halt, halt!“, schreit sie. Nicht ohne inneren Widerspruch begleite ich sie ein Stück. „Kennen Sie das Land, wo die Zitronen blühen“, ruft sie erregt. Schon wieder Goethe! „Was für ein Land!“, schwärmt sie, dort lebt ihr Sohn. Gemeinsam schauen wir auf den See.
Und da geschieht es. Vor meinen Augen verwandelt er sich in den Gardasee, geahnt hatte ich es immer. Das geheimnisvolle Parkstück, indem wir stehen, ufert grandios aus, während sie: „Orangen, Orangen!“, deklamiert und wie beiläufig übergangslos fragt: „Was machen Sie beruflich?“ Die Mutter lächelt, den Kopf sanft an ihre Schulter gelehnt. Im Weitergehen überhöre ich ihre Frage, drehe mich noch einmal um und winke ihnen freundlich zu. Sie steht da wie in den Boden gerammt mit aufgerissenen Augen. So komme ich nicht fort. Kälte kriecht mir in die Knochen, ich reibe meine Hände. Die beiden Frauen winken zurück. „Ich bin öfter hier“, höre ich mich wie eine Entschuldigung sagen und erschrecke. Wieso sage ich das? Und überhaupt, sollte ich von nun an den Park meiden oder ihn nur vormittags betreten?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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