Alfred Hermanni

Tödliche Konsequenz

 

von Alfred Hermanni und Peter Jaskewitz    Alle Rechte vorbehalten 25.06.2018

 

In Gedenken an Ulrich Siebe, Schwager und Freund * 18.12.1954 14.05.2010

 

Hallo Papa“, begrüßte ich meinen Vater.

Guten Morgen, Daniel“, erwiderte er gutgelaunt. „Schön, dass du pünktlich bist, wir haben noch einige Termine zu erledigen. Aber komm erst mal rein. Kaffee?“, fragte er mich.

Ja, klar. Haben wir denn noch soviel Zeit?“

Soviel Zeit muss sein. Ich erwarte noch einen dringenden Anruf, danach können wir los.“

Ich goss mir einen Kaffee in die Tasse, gab Milch und Zucker dazu, rührte ein wenig darin herum und trank genussvoll einen großen Schluck.

Aha“, bemerkte Uli, mein Vater, „Du trinkst deinen Kaffee also immer noch mit Milch und Zucker.“

Ja, süß, blond und heiß“, kommentierte ich seine Bemerkung als das Telefon läutete.

Ah, mein Anruf. Hoffentlich gute Nachrichten.“

Uli ging an das Telefon, während ich mir eine Zigarette ansteckte.

Kurz darauf kam er zurück, sein Telefonat war beendet und meine Kippe brannte noch. Ich zerdrückte sie im Aschenbecher und wir machten uns auf den Weg.

Heute wollte Uli mir einen seiner Geschäftspartner vorstellen. Mein Vater war ein erfolgreicher Handelsvermittler und verfügte über weltweite Kontakte zu Unternehmen aller Art. Ob in Kuwait, China, Japan, den USA und auch der GUS, er operierte als Global Player. Sein Ruf als ehrlicher und korrekter Geschäftsmann hatte ihm so manche Tür geöffnet.

Wir stiegen in Ulis Mercedes-Benz SL 500 Roadster und fuhren los.

Schon die erste Adresse war mächtig beeindruckend. Ein Unternehmen für Verfahrenstechniken. Die führten Großprojekte durch. Süßwassergewinnungsanlagen, Solarstrom aus der Sahara und auch innovative Projekte, erklärte mein Vater. Heute sollte ein Geschäft zum Abschluss gebracht werden, an dem er schon seit mehren Wochen in harter Verhandlung mit dem Unternehmen stand. Eine Menge Papierkram kam nun auf meinen Vater zu, Verträge unterzeichnen, Datenaustausch und so weiter. So richtig kannte ich mich in diesem Metier ja nicht aus. Aber ich wusste, dass mein Vater schon eine Menge Arbeit und Zeit in diesen anstehenden Deal investiert hatte und sich nun freute, die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Diese Freude sah man ihm an. Sie strahlte förmlich aus und brachte auch mich in Hochstimmung.

 

In der Empfangshalle wurden wir schon erwartet, der persönliche Sekretär des Direktors kam auf uns zu und begrüßte uns. Er hatte eine sportliche Figur, etwa meine Größe und kurz geschnittene, hellblonde Haare. Mit seinem Stöpsel im Ohr wirkte er allerdings eher wie ein Bodyguard. Vielleicht war er ja auch beides.

Herr Siebe, schön Sie wieder zu sehen. Ich nehme an, das ist Ihr Sohn, von dem Sie schon so viel erzählt haben“, sagte er, blickte mich an und reichte mir seine Hand. „Guten Tag, mein Name ist Broyer, Dirk Broyer.“

Ich schüttelte die mir dargebotene Hand und stellte mich ebenfalls vor.

Siebe“, sagte ich. „Daniel Siebe, angenehm.“

Herr Direktor van Straalen erwartet sie schon. Leider hat er heute noch wichtige Termine und konnte sie deshalb leider nicht persönlich in der Empfangshalle begrüßen.“

Dirk Broyer wandte sich in Richtung des Lifts und ließ uns den Vortritt.

Wir fuhren in das oberste Stockwerk, gingen in das Büro des Sekretärs und nahmen erst einmal in einer komfortablen Sitzecke Platz. Eine junge Frau erschien und bot uns Kaffee an.

Ist verdammt hübsch, das Blondchen. Passt genau in mein Beuteschema, dachte ich spontan und schaute in smaragdgrüne Augen, die mich sogleich in ihren Bann zogen.

Darf ich vorstellen meine Herren: Katrin van Straalen, Enkelin unseres Herrn Direktors.“

Dirk Broyer warf mir jedoch einen unmissverständlichen Blick zu. Hände weg besagte dieser, rühr' sie nicht an. Sie gehört mir, las ich darin.

Mein Gott, muss der eifersüchtig sein, dachte ich im Stillen.

Aber Katrin sah das wohl völlig anders, denn der Blick, den sie mir zuwarf, umrahmt von einem bezaubernden Lächeln, sprach andere Bände. Anstatt die Kaffeetasse auf den Tisch zu stellen, überreichte sie mir die Tasse samt Unterteller persönlich.

Dabei berührte sie auch noch wie zufällig meine Hand. Ich bekam sofort eine Gänsehaut und spürte plötzlich eine Erregung wie schon lange nicht mehr. Erst kurz vor meinen Lenden kam sie zu Stillstand.

Die weiß genau was sie will. Und Dirk Broyer will sie ganz bestimmt nicht, kam mir in den Sinn, und ich lächelte Katrin freundlich an.

Vielen Dank“, sagte ich und stellte den Kaffee auf den Tisch. Dann erhob ich mich, reichte Katrin meine Hand und stellte mich vor. Was mich bei dieser kleinen Offensive ritt, weiß ich nicht - aber es war stärker als meine Vernunft.

Mein angedeuteter Handkuss samt kleiner Verbeugung musste auch sie

beeindruckt haben, denn sie schien ein wenig verlegen und lief rot an. Doch nicht nur Katrin schien beeindruckt. Denn irgendwie glaubte ich im Hintergrund auch knirschende Zähne zu hören; in meinem Rücken spürte ich förmlich die Speere, die mich durchbohrten, von Broyers Blick geworfen.

Dirk Broyer räusperte sich und sagte: „Darf ich bitten, der Herr Direktor erwartet sie bereits.“

Ich lächelte Katrin noch einmal an und wandte mich Broyer zu. Dabei fiel mir auf, dass in seinem Gesicht tatsächlich die Kaumuskeln zuckten. Aber noch war es so etwas wie ein Spiel konkurrierender Männchen im Tierreich, das mich eher amüsierte. Aber sonst hatte sich Broyer perfekt im Griff. Gleichwohl, einen Freund hatte ich durch meine Eskapade wohl nicht gewonnen. Das war erkennbar.

Wir gingen ins Büro des Direktors, wo ich noch einmal vorgestellt wurde. Von den anschließenden Verhandlungen bekam ich nur wenig mit, die führte mein Vater.

Ich musste immerzu an diese smaragdgrünen Augen denken, die leichte elektrisierende Berührung, an dieses ausdrucksvolle schöne Gesicht und die Figur, von der ein Mann nur träumen kann. Letztlich musste ich mir eingestehen, dass ich dabei war, mich zu verlieben. Selten hat mich eine Frau so auf Anhieb beeindruckt.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie mein Vater etliche Unterschriften setzte und der Direktor sein wohl freundlichstes Lächeln darbot.

Bei jeder Unterschrift meines Vaters bedankte er sich schon fast zu

überschwänglich für meinen Geschmack, zu aufgesetzt, dachte ich mir.

Eine Sekretärin betrat das Büro und sagte: „Herr Direktor, Mister Chang von

Troy-Industries ist in der Leitung, er sagt es sei dringend und...“

 

Jetzt nicht!“, fuhr er ihr harsch ins Wort und wandte sich wieder meinem Vater zu.

Im Griff hat sich der Bursche jedenfalls nicht, war mein Eindruck zu dieser Szene.

Schließlich waren die Verhandlungen beendet, und es folgte die

Abschiedszeremonie. Kurz vorm Verlassen des Vorzimmers kam nochmals

Katrin van Straalen zu mir, verabschiedete sich, reichte mir die Hand

und drückte sie.

Ungewöhnlich zart und doch in besonderer empathischer Weise. Ich bemerkte,

wie ich jetzt rot anlief, fast verschüchtert.

Es hat mich sehr gefreut, Sie kennen gelernt zu haben. Ich hoffe Sie bald wieder hier begrüßen zu dürfen“, sagte sie und blickte mir tief in die Augen.

Das Vergnügen war ganz meinerseits. Vielen Dank für den Kaffee, der war ausgezeichnet“, erwiderte ich artig und spürte einen kleinen Zettel in meiner Hand. Sie hatte mir doch tatsächlich ihre Handynummer zugesteckt, wie ich bald darauf herausfand. Ein prickelndes, erregendes Gefühl durchströmte mich. Die Aussicht auf ein Date mit Katrin, hob meine Stimmung in ungeahnte Höhen, und ich begann zu träumen.

Immer wieder musste ich an diese smaragdgrünen Augen, die elektrisierende Berührung, an dieses ausdrucksvolle schöne Gesicht und ihren außergewöhnlich einnehmenden Duft denken… Bevor ich mich völlig in meinen Träumereien verlor, holte mich die Stimme meines Vaters in die Realität zurück.

Na, wie war ich. Hast du mitbekommen, dass es mir gelungen ist, unsere Provision um 0,5 % zu erhöhen?“, fragte er. Ich konnte mich an nichts erinnern, außer an Katrin.

Äh, ja...“, druckste ich herum.

Daniel, ich bin dein Vater. Ich kenne dich, du hast gar nichts bemerkt, du hattest nur noch Augen für die Kleine, richtig?“

Äh, ja, aber...“

Ist schon gut, mein Junge. Kann ich gut verstehen, sie ist schließlich eine echte Schönheit. Scheint eine Klassefrau zu sein. Wäre ich 20 Jahre jünger...“

Ich hab ihre Nummer.“

Was?“

Ich hab ihre Telefonnummer, sie hat sie mir zugesteckt.“

Daniel, du bist ein Glückspilz.“

 

Warum hat sie das nur gemacht, ich meine, sie kennt mich doch gar nicht“, beharrte ich auf meiner Sicht der Dinge. „Irgendwie ungewöhnlich“, fügte ich noch hinzu.

Und wann, oder wie sonst, hätte sie den Kontakt zu dir herstellen sollen? Wie auch immer. Vielleicht sollten Broyer oder ihr Großvater auch nichts davon mitbekommen. Du denkst zu viel. Vielleicht ist es ganz einfach, Daniel, du gefällst ihr, sie mag dich eben.“

Mag ja sein, aber mir einen Zettel heimlich zuzustecken, das ist doch heutzutage nicht mehr üblich.“

Hm, ja, wahrscheinlich ist es so“, gab sich mein Vater einsichtig, aber es war ihm anzusehen, dass er seiner Version den Vorzug gab..“

Jetzt haben wir uns aber eine kleine Pause verdient. Wie wäre es mit einem kleinen Imbiss. Ich kenne da einen Laden, da gibt es lecker Rippchen mit Pommes und so weiter,“ lockte er mich.

Hört sich gut an.“

Auch ich stellte nun fest, dass ich hungrig war. Zur Rippchenbraterei war es nicht weit, und schon bald verzehrte ich gemeinsam mit meinem Vater die besten Rippchen meines Lebens, wohl beschwingt durch das kommende Date mit Katrin van Straalen. Verliebt sein regt also den Appetit an, den Durst aber auch, dachte ich noch und bestellte mir ein weiteres kühles Blondes.

Der Tag verging. Abends verabschiedete ich mich von meinem Vater und begab mich nach Hause.

 

Der Zettel fiel mir ein, Katrins Telefonnummer. Sollte ich sie heute noch anrufen? Ich entschied mich, das am nächsten Tag zu erledigen.

Ich konnte aber nicht verhindern, dass ich abends immer wieder an sie denken musste. Selbst die Fernsehrunde brach ich nach der Tagesschau ab und begab mich ins Bett.

 

Am nächsten Morgen wachte ich auf, und mein erster Gedanke war Katrin. Sie hatte mich anscheinend regelrecht verzaubert.

Nach Erledigung der Morgenhygiene, brühte ich mir einen Kaffee auf und bereitete mir ein üppiges Frühstück zu.

Danach blickte ich auf die Uhr, nahm mein Handy und wählte Katrins Nummer.

Hallo“, hörte ich Katrins Stimme sagen.

Ja, hier ist Daniel Siebe, wir haben uns gestern im Büro...“

Ich weiß, wer du bist. Hör zu, wir haben nicht viel Zeit. Dein Vater und du, Ihr seid in großer Gefahr. Es war nicht geplant, dass du mit dabei warst. Wir müssen uns treffen, am besten noch heute. Ich…“, sprach sie nach meinem Eindruck ein wenig gehetzt ins Telefon. Doch das Gespräch endete abrupt. Ich schaute auf mein Handy und sah, dass die Verbindung abgebrochen war.

Ich wählte erneut, aber nur die Mailbox war erreichbar. Ich wollte schon anfangen eine Nachricht auf zusprechen, aber mein Bauchgefühl hielt mich davon ab. Stattdessen machte ich mich auf den Weg zu meinem Vater.

Eine halbe Stunde später stand ich vor seinem Haus und klingelte an der Tür.

Mein Vater öffnete und begrüßte mich herzlich im Hauseingang.

Ich hab mit Katrin gesprochen, irgendetwas stimmt da nicht. Sie hat mich gewarnt“, sagte ich noch, bevor wir ins Haus gingen.

Und dann spürte ich plötzlich, wie etwas in meinem Brustkorb explodierte. Danach war da nichts mehr.

 

*

 

Ein helles Licht traf schmerzhaft auf meine Netzhaut. Ein stechender Schmerz pulsierte in meiner Brust. Fremde Stimmen, undeutliches Gemurmel, Sirenengeheul. Dann wurde es wieder schwarz vor meinen Augen...

 

Ein Gesicht über meinem, mit einem grünen Mundschutz. Stimmen, die irgendwas von Kammerflimmern, Blutdruck und Defibrillator erzählten… Das Gesicht schaute mir wieder in die Augen. Es wurde wieder schwarz...

Seltsam piepende Töne. Ein röchelndes Geräusch. Metall auf Metall.

Klirrendes Besteck? Dunkelheit.

Ich erwachte mit einem Gefühl, als ob mir ein Pferd vor die Brust getreten hätte.

Ich lag in einem Bett, blickte nach oben auf eine weiße Decke.

Neben mir hörte ich ein Piepsen. Einmal pro Sekunde schätzte ich.

Ich drehte meinen Kopf zu Seite und erblickte einen Monitor, auf dem sich eine blaue Linie bildete und in ein gezacktes Muster mündete. Das Piepsen beschleunigte sich…

Ich bin im Krankenhaus, realisierte ich. Was ist geschehen? Was ist los?

Ich atmete immer schneller und bekam mächtig Angst.

Ruhig, junger Mann. Der Doktor ist auf dem Weg“, hörte ich eine Stimme sagen.

Ich wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, weil sich irgendetwas in meinem Mund befand. Mehr als ein heiseres Krächzen brachte ich nicht zustande. Langsam stieg Panik in mir auf, und ich wollte mich aufrichten. Vergebens, denn ich konnte mich nicht bewegen. Ich war ans Bett gefesselt.

Bleiben sie ruhig, Herr Siebe. Es wird alles wieder gut“, hörte ich eine tiefe Stimme neben mir.

Ich bin Doktor Ojibwe, und Sie werden schon bald wieder gesund sein.

Sie wurden sehr schwer verletzt hier eingeliefert, aber nicht mehr lange, und sie können wieder nach Hause. Ich gebe ihnen jetzt etwas zur Beruhigung, dann werden sie wieder einschlafen.“

Er hatte kaum ausgesprochen als ich plötzlich sehr müde wurde. Dann legte sich auch schon gnädige Dunkelheit über mich.

 

Ich wurde wieder wach, mein Mund war frei, und ich spürte weniger Schmerzen als zuletzt.

Dass ich mich im Krankenhaus befand, war mir klar. Aber warum? Mir fehlte einfach die Erinnerung. Keine Ahnung, was passiert war. Welcher Art war meine Verletzung? Null Ahnung. Nur der Nachklang des Schmerzes in meiner Brust, der beim letzten Erwachen viel heftiger war, sagte mir, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

Dann öffnete sich die Tür zu meinem Krankenzimmer.

Zwei Männer betraten den Raum und stellten sich vor mein Bett. Einer trug einen schwarzen Anzug und hatte einen Stöpsel im Ohr, aus dem ein spiralförmiges Kabel in seinem Kragen verschwand. Erinnerte mich an diese typischen FBI-Agenten aus der Hollywood-Traumfabrik.

Der andere war leger gekleidet und sah sehr sportlich aus. Er war es auch, der mich als erster ansprach.

Guten Tag, Herr Siebe. Ich hoffe, es geht Ihnen mittlerweile den Umständen entsprechend gut.

Ich bin Kriminalhauptkommissar Günter Mantell vom Bundeskriminalamt und

möchte Ihnen auch Herrn Derek Coleman von der amerikanischen Botschaft vorstellen.“

Er wies mit seiner Hand auf den Anzugträger, der mich mit einem angedeuteten Kopfnicken begrüßte.

Was will jemand von der amerikanischen Botschaft von mir, fragte ich mich.

Herr Siebe, an was können Sie sich erinnern? Nach ihrer schweren Verletzung, ist es nur normal, dass Gedächtnisstörungen eintreten. Aber wir brauchen jeden kleinen Hinweis.“

Es war Coleman, der mit mir sprach und diesen typisch amerikanischen Akzent hören ließ.

Ich weiß im Moment gar nichts. Ich weiß nicht warum ich hier bin. Klar, ich bin verletzt, aber ich weiß nicht, um was für eine Verletzung es sich handelt. Ich weiß nicht was passiert ist. Ich weiß noch nicht einmal wie lange ich schon hier bin. Tut mir leid“, antwortete ich mit bebender Stimme.

Herr Siebe, bleiben Sie bitte ruhig. Ich werde Ihnen jetzt erklären, was passiert

ist.“

Jetzt war es der BKA-Mann, der mit mir sprach.

Herr Siebe. Sie sind tot“, erklärte er mir ganz ruhig.

Ich muss wohl sehr verdutzt dreingeschaut haben, als er auch schon fortfuhr.

Auf Sie ist geschossen worden. Das war vor fünfzehn Tagen. Sie waren bei der Einlieferung in dieses Krankenhaus klinisch tot.

Man hat Sie mehrere Male reanimieren müssen. Sie wurden in ein künstliches Koma versetzt und mehrmals operiert.“

 

Unvermittelt setzten meine Erinnerungen ein, und ein schreckliches Gefühl von Angst breitete sich in meiner Brust aus. Eine gewaltige Eruption von Gefühlen und Panik stiegen in mir auf. Bilder erschienen vor meinen Augen, ich glaubte Stimmen zu vernehmen, das Gesicht einer hübschen jungen Frau tauchte auf... Katrin, seltsamerweise ging etwas Bedrohliches von ihr aus, und mein nächster Gedanke galt meinem Vater.

Ich bekam Angst, Furcht ergriff Besitz von mir. Ein Erinnerungsfetzen drang in mein Bewusstsein, und mir wurde langsam alles klar: Ich wurde vor den Augen meines Vaters niedergeschossen.

Was... was ist mit meinem Vater, warum ist er nicht hier?“, stammelte ich. „Was ist überhaupt los, und was macht der Ami hier? Bitte sagen sie es mir!“, flehte ich den BKA-Mann an.

Herr Siebe, es tut mir leid, Ihnen das jetzt sagen zu müssen, aber Ihr Vater lebt nicht mehr.“

Tot? Aber warum.“

Herr Siebe, bleiben Sie ruhig. Wir wissen im Augenblick noch nicht sehr viel, wir hatten die Hoffnung vielmehr von Ihnen etwas zu den Hintergründen zu erfahren.“

Wie... i...ist mein... Vater gestorben?“, stammelte ich und konnte kaum den Impuls unterdrücken laut loszuschreien um meinen Schmerz hinaus zu brüllen. Tränen liefen an meinem Gesicht herab und versickerten im Kopfkissen.

Er wurde wie Sie angeschossen. Es ist so, Herr Siebe, dass er von demselben Projektil getötet wurde, das Sie durchbohrte. Allerdings hat es Sie zum Glück nicht getötet. So wie es aussieht, war es ein Scharfschütze, der mit einem Schuss zwei Opfer fand.“

Sie sagten ich sei tot. Wie ist das gemeint?“

Wie ich schon sagte, waren Sie bei Einlieferung klinisch tot. Dem leitenden Ermittler der Mordkommission war klar, dass Sie und Ihr Vater Opfer eines Anschlags waren, für den es einen Auftraggeber geben muss. Also hat er den zuständigen Arzt aus ermittlungstaktischen Gründen angewiesen, Sie erst einmal für tot zu erklären.

Es lag auf der Hand, wenn der Täter weiß, dass Sie noch leben, hätte es einen zweiten Anschlagsversuch gegeben. Wahrscheinlich sogar hier im Krankenhaus.“

 

Ich musste das alles erst einmal verarbeiten und verstehen. Mein Vater und ich waren also Opfer eines Attentats. Warum? Welchen Grund gab es dafür?

Dann fiel mein Blick auf den Mann von der amerikanischen Botschaft.

Wie passt der denn nur in diese Angelegenheit?, fragte ich mich.

Mister Coleman“, sprach ich ihn an. „Warum ist denn die amerikanische Botschaft an dieser Sache interessiert?“

Nun Herr Siebe, dieser Fall hat internationale Hintergründe. Ihr Vater hatte Kontakt zu Direktor van Straalen und seinem Unternehmen. Wir haben den Verdacht, dass es um geheime Geschäfte mit dem Iran geht.

Leider haben wir keinen Zugang zu van Straalens Unternehmen und hoffen, dass Sie uns vielleicht weiter helfen können.“

Mein Vater hätte nie mit dem Iran Geschäfte gemacht! Wie kommen Sie denn darauf?“, erwiderte ich aufgebracht, fast schon zornig.

Ganz ruhig, Herr Siebe. Es geht nicht um Ihren Vater. Wir vermuten, dass er als Mittelsmann ausgenutzt wurde, um an eine legale, aber nicht zu van Straalens Unternehmensgruppe gehörende Firmenadresse zu gelangen. Wahrscheinlich steht der Name Ihres Vaters, bzw. seiner Firma auf Frachtpapieren mit größeren Ladungen an den Iran. Wir vermuten, dass Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran mit Unterstützung deutscher Unternehmen in den Iran verbracht werden. Und Ihr Vater wurde als letztes Glied in dieser Kette ausgenutzt und eliminiert. Wir sind noch dabei, die genauen Hintergründe zu recherchieren.“

Mir fiel Katrins Anruf ein und ihre Warnung. Es war nicht geplant, dass ich mit dabei war - hatte sie gesagt. Jetzt bekam alles einen Sinn.

Sie hatte etwas gewusst und wollte uns warnen. Aber warum? Wovor? Vor dem, was passiert war? Oder vor den Konsequenzen aus dem, was noch geschehen sollte?

 

Nachdem die Ermittler sich höflich verabschiedet haben, hinterließen sie selbstverständlich ihre Karten.

Ich begann nachzudenken. Katrins Warnung hatte ich nicht erwähnt, um sie nicht auch noch in die Angelegenheit hineinzuziehen. Ich wollte selbst herausfinden, warum mein Vater ermordet wurde. Und was Katrin darüber zu wissen scheint.

Vor allem wollte ich wissen, wer die Verantwortung dafür trägt. Es gibt immer eine Person, die die Fäden zieht. Geh nur weit genug nach oben, dachte ich, es bleibt immer nur einer übrig. Ein Mann, ganz oben.

Mein ist die Rache, sagt der Herr, fiel mir ein. Ja, mein ist die Rache, flüsterte auch ich und fasste einen Vorsatz.

 

Aber zuerst musste ich wieder auf die Beine kommen. Fünfzehn Tage. Seit über zwei Wochen ist mein Vater tot. Seine Asche wurde auf einem kleinen städtischen Friedhof in Dortmund, unserer Heimatstadt, beigesetzt, teilte der BKA-Mann noch mit.

Meine Mutter konnten sie nicht ausfindig machen.

 

Das wunderte mich keineswegs, denn, tja, mein Vater konnte sie auch nie ausfindig machen.

Sie hüpfte durch die Weltgeschichte, heute hier und morgen dort. Einmal im Jahr, zu meinem Geburtstag - plus minus zwei, drei Wochen - bekam ich eine Postkarte.

Nepal, Thailand, Kolumbien, Indien, sogar Afghanistan waren dabei.

Afghanistan! Freiwillig, als Frau! Die muss wahnsinnig sein, dachte ich damals.

Überall wo es gutes Dope gab, war sie zu finden.

Einmal blieb die Postkarte aus. Sie saß in einem türkischen Knast, erfuhren wir von der dortigen deutschen Botschaft. Und ein weiteres Jahr später bekam ich Post aus Sri Lanka. Meine Mutter war wieder on Tour.

Und jetzt lag ich im Krankenhaus und hatte ganz andere Probleme, richtige, echte Probleme.

Denn wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen würde, was dann?

Dann lebte ich wieder.

Ich wurde zwar für tot erklärt, aber nur auf dem Papier. Da ich kein besonders hilfreicher Zeuge war, kam das Zeugenschutzprogramm samt neuer Identität für mich nicht in Frage. Ich war nur ein Zufallsopfer, sozusagen ein Kollateralschaden.

Sobald ich das Krankenhaus verlasse, war ich wieder Daniel Siebe. Sohn von

Ulrich Siebe.

Aber ihr habt euch den Falschen ausgesucht! Ihr habt meinen Vater gekannt und ermordet. Aber mich kennt ihr nicht!

Mit diesem trotzigen Vorsatz wollte ich mich an die Aufklärung der dubiosen Hintergründe machen.

 

Da war etwas tief in meinem Kopf. Versteckt hinter den Trauergefühlen, der

Ohnmacht gegenüber dem Geschehenen und nicht mehr rückgängig zu machenden Faktenlage. Versteckt hinter der Wut auf die Heimtücke der Drahtzieher.

Der noch ungezielte Hass kroch langsam hervor, zeigte nur einen kleinen Teil seines hässlichen Antlitzes.

Seine Bösartigkeit noch verhüllend drang es weiter vor und gab sich mir von einem Augenblick zum anderen zu erkennen: Unbändiger Hass!

Hass, Wut, grausamer Schmerz! Leiden! Qualen! Höllenqualen!

Es brach aus mir heraus, es kroch wieder in mich hinein, und es erfüllte für einen scheinbar endlosen Moment die tiefsten Abgründe meiner Seele.

Es blieb stecken wie ein Dorn in meinem Herzen, stechend und pulsierend.

Und jeder Pulsschlag sandte mir eine Botschaft: TÖTE IHN!

Ja, das wollte ich. Wer auch immer dahinter steckte, ich wollte ihn töten. Ich wusste, ich werde ihn töten. Mit meinen eigenen Händen. Er sollte leiden - wie ich.

Aber ich brauchte noch Zeit. Verdammte Zeit, in der ich gesund und handlungsfähig werden musste. In der ich nichts machen konnte, außer nur untätig herumzuliegen.

Mich vom Hass verzehren lassen, ohne ihm seine Früchte zu opfern.

Der Drang aufzustehen wurde übermächtig, und einem Reflex nachgebend, wollte ich mich aufrichten, sank aber mit einem grässlichen Schmerz in meiner Brust, sofort in die Kissen zurück.

Zu früh, verdammt! Zu früh. Ich musste Geduld haben. Ich spürte mein Herz pochen, und neben mir begann es zu piepen.

Der Schmerz ließ aber nach, und die Tür öffnete sich.

Die Krankenschwester lief gleich zum Monitor und überprüfte meinen Puls.

Sie wollten aufstehen, nicht wahr? Dafür ist es noch viel zu früh, Herr Siebe“, sagte sie streng.

Wann werde ich denn voraussichtlich entlassen?“, wollte ich wissen.

Frühestens in zwei Wochen, sagte Doktor Ojibwe. Dann noch vier Wochen Reha. In sechs Wochen werden sie wohl völlig gesund sein“, antwortete sie mir fröhlich lächelnd.

Mein Lächeln gefror zu einem Grinsen. Sechs Wochen! In sechs Wochen werden die doch längst alle Spuren verwischt haben. Wie sollte ich überhaupt eine Spur finden. Ich hatte nicht den Hauch eines Anhaltspunktes. Außer Katrin.

An van Straalen würde ich nicht herankommen. Wahrscheinlich nur über Broyers Leiche.

Dann fiel mir aber sofort mein Denkfehler auf.

Nicht sechs Wochen. In zwei Wochen sollte ich entlassen werden.

In zwei Wochen beginnt mein Rachefeldzug! Daniels Rache!

Dieser Gedanke ließ mein Grinsen wieder zu einem Lächeln werden. Und ich begann, mich auf meine Gesundung zu konzentrieren…

 

 

*

 

Vier Tage sind nun seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus vergangen.

Mein Handy hatte ich seit dem Attentat nicht mehr gesehen. Es war auch von der Spurensicherung nicht gefunden worden.

Meine Wohnung hatte ich völlig verwüstet vorgefunden. Alles war durchwühlt. Obwohl die doch wissen mussten, dass bei mir sicher keine Hinweise auf die Geschäfte meines Vaters zu finden wären. Dann wurde es mir aber nur zu deutlich. Die suchten vermutlich den Zettel mit Katrins Telefonnummer. Und sie hatten ihn anscheinend nicht gefunden. Doch wo ist der Zettel geblieben?

Ich hatte nichts. Mein Handy ist futsch und ebenso Katrins Nummer.

Bei van Straalen einfach hinein spazieren, hielt ich für keine gute Option.

Was hätte ich denen sagen sollen. Dass ich sie fertig machen will, jeden der damit zu tun hat? Nein, das wäre der falsche Weg. Ich hatte nicht mal einen logischen Anhaltspunkt, der auf deren Verwicklung schließen ließ.

Doch dann hatte ich eine Idee. Eigentlich ganz einfach, geradezu simpel. Es musste nur klappen, rief ich mich selbstkritisch zur Ordnung…

 

Einige Tage später saß ich ihm gegenüber.

Guten Tag Herr Siebe. Es tut mir furchtbar leid, was Ihrem Vater zugestoßen ist“, begrüßte mich Direktor van Straalen, als ich von Dirk Broyer in sein Büro geleitet wurde.

Frechheit siegt, war mein erster Einfall gewesen, um zu van Straalen zu gelangen. Setze eine Maske auf und lächle ihm ins Gesicht, spiele den einfältigen, hilflosen, von der Situation überforderten Tölpel.

Sie müssen wissen, Herr Siebe, dass ihr Vater ein Global Player war. So ehrlich und korrekt Ihr Vater auch seine Geschäfte führte und zu Recht den Ruf eines anständigen Geschäftsmannes verdient hatte, so gibt es immer Menschen, die durch die Nebenwirkungen der Geschäfte oftmals hart getroffen werden.

Da kommt Neid auf, weil man selbst viel Geld verloren hat, oder gar alles. Dann werden Schuldige gesucht und verzweifelte Männer begehen verzweifelte Taten...“

Entschuldigen sie, Herr Direktor van Straalen, dass ich Sie unterbreche. Ich kann Ihnen jetzt nicht ganz folgen“, gab ich mich scheinbar verwirrt.

Mir sind die Zusammenhänge nicht klar, die zum Tod meines Vaters führten. Deshalb bin ich hier. Ich hoffte, dass Sie mir helfen könnten und vielleicht irgendetwas wissen. Einzelheiten aus seinen Geschäften, von denen er mir nichts erzählte. Weil sie ihm vielleicht unwichtig erschienen. Ich weiß es nicht. Ich will nur wissen warum mein Vater sterben musste. Die Polizei weiß auch nichts. Niemand weiß etwas. Auch das BKA hat keine Ahnung.“

Sagten Sie BKA, Herr Siebe?“, unterbrach mich Broyer nervös.

Ich blickte ihn an und sah aber in ein unbewegtes, steinhartes Gesicht.

Ja, Kommissar Mansell oder Mantell, ich weiß es nicht mehr so genau. Der wusste sogar noch weniger als ich. Sie sehen, es ist alles noch im Dunkeln. Ich will doch nur wissen warum. Haben Sie denn eine Ahnung?“, fragte ich Broyer.

Doch der blickte mich nur an und schüttelte langsam, aber verneinend den Kopf.

Seine stahlblauen Augen sprachen jedoch eine andere Sprache.

Da war so ein winziges, kurzes Verziehen eines Mundwinkels, aus dem die Häme nur so tropfte.

Ich war es! Ich habe geschossen! Ein Schuss, zwei Opfer! Und es hat Spaß gemacht! Das alles las ich darin oder wollte es darin lesen.

Ja, das ist schade. Ich hatte einfach nur Hoffnung etwas zu erfahren und...“, flüsterte ich mit erstickter Stimme.

Es tut mir leid, Herr Siebe“, unterbrach mich jetzt auch van Straalen recht kalt.

Danke. Entschuldigung, könnte ich wohl eine Tasse Tee bekommen. Ich muss ein Medikament einnehmen und mich erst einmal ein wenig finden. Sie können sich bestimmt vorstellen, dass das alles ein wenig zu viel für mich ist. Meine schwere Verletzung, der Tod meines Vaters...“

Selbstverständlich, Herr Siebe“, antwortete der Direktor und sprach leise in sein Telefon.

Möchten Sie auch einen Cognac oder Whiskey?“, bot van Straalen mir an.

Gern, einen Whiskey bitte.“

Broyer ging zu einer kostbar aussehenden Vitrine und holte drei Gläser hervor. Nahm ein Flasche heraus und schenkte ein. Van Straalen hob sein Glas und genoss das Aroma.

Glenfarclas, 60 Jahre alt, Single Malt Scotch Whiskey. Aus dem Jahre 1955. In diesem Jahr wurde ich geboren. Den teile ich nur mit Freunden. Ich darf Sie doch zu meinen Freunden zählen? Ich kannte Ihren Vater seit jetzt gut sieben Jahren, und möchte es mal so sagen, wir standen uns nicht nur geschäftlich sehr nahe. Ich habe Ihren Vater immer sehr geschätzt und als meinen Freund betrachtet. Ist es nicht so, Herr Broyer?“ Broyer nickte und hob sein Glas.

Auch ich hob mein Glas und sagte: „Auf meinen Vater. Den besten Menschen, den ich kannte.“

Die Tür öffnete sich. Doch ich wurde enttäuscht. Es war nicht Katrin, die hinein kam. Eine mir unbekannte Sekretärin servierte Tee und verließ nach einem artigen „Bitte schön“ das Büro.

Doch aufgeben wollte ich noch längst nicht und unternahm einen weiteren Versuch. „Wie geht es Ihrer Enkelin. Wie hieß sie noch... Karin?“, fragte ich mit Unschuldsmiene.

Nein, nein. Katrin ist ihr Name. Sie ist in den Vereinigten Staaten“, korrigierte

mich Van Straalen. Wie sie wissen, operieren wir weltweit, und unsere Unternehmen in den USA sind führend auf dem Weltmarkt. Katrin schließt dort ihre Ausbildung ab. In sechs Monaten wird sie bei uns zu ersten Mal in ihrem Beruf arbeiten und fester Bestandteil der VSU AG werden.“

VSU?“, fragte ich.

Die Van Straalen Unternehmensgruppe. Wir sind jetzt eine Aktiengesellschaft“, präsentierte Broyer diese Neuigkeit nicht ohne Stolz.

Da gratuliere ich. Wenn ich mich recht erinnere, waren sie noch keine

Aktiengesellschaft, als ich zuletzt mit meinem Vater hier war?“

Das war im Vorfeld bereits sehr lange geplant und vorbereitet. Wenn alle Faktoren optimal eingestimmt sind, alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und Gelder wie geplant fließen, dann läuft eine solche Unternehmung fast von allein.“

Herr Broyer!“, fuhr Direktor van Straalen ihm ins Wort.

Ich glaube nicht, dass unseren Gast diese Einzelheiten interessieren, lassen Sie uns versuchen, Herrn Siebe zu helfen.“

Selbstverständlich, Herr Direktor“, kuschte Broyer plötzlich, und das machte mich misstrauisch. Van Straalen schaute ihn mit einem zurechtweisenden Blick an und wandte sich wieder mir zu.

Herr Siebe, ich glaube mich da an eine Kleinigkeit zu erinnern. Vor etwa drei Monaten erwähnte Ihr Vater einmal etwas über Schwierigkeiten, die er mit einer türkischen Firma habe. Ich weiß die Einzelheiten nicht mehr so genau, aber weil ich den Freund des Firmeninhabers kenne, erinnere ich mich noch an den Namen dieser türkischen Firma: Aslan Export mit Sitz in Istanbul.

Ihr Vater wirkte damals sichtlich nervös. Ich hatte den Eindruck, er habe Angst. Allerdings habe ich alldem bis jetzt keine große Beachtung geschenkt, aber es ist vielleicht ein Hinweis. Mehr weiß ich leider nicht. Tut mir sehr leid.“

Danke, ich bin froh überhaupt etwas zu erfahren Ich denke, ich werde mit der Polizei über diesen Hinweis sprechen und sehen was dabei herauskommt.“

Das ist das Beste was Sie tun können, Herr Siebe. Können wir Ihnen sonst noch helfen? Sind Sie versorgt, ich meine haben Sie einen Job? Wenn nicht, könnten wir sicherlich etwas tun.“

Vielen Dank, wirklich. Aber ich habe mein Einkommen. Ich werde jetzt gehen. Sollte ich etwas erfahren, informiere ich Sie selbstverständlich.

Und nochmals, vielen Dank.“

 

Meine Grundidee hatte funktioniert. Nicht mit der Tür ins Haus fallen sondern als Hilfesuchender um Einlass bitten war in diesem Falle der bessere Weg. Und ich hatte Erfolg.

 

Ich hatte nun einige Hinweise. Katrin ist in den USA. Aslan Export in Istanbul.

Und dritte Hinweis schlummerte noch in meinem Kopf und erwachte gerade aus seinem Dornröschenschlaf.

Wenn Gelder wie geplant fließen.

Das war es. Broyer hatte mir ungewollt den Hinweis gegeben und wurde von van Straalen gerügt. Mit einem Blick. Dieses Geschäft war offenbar ein großes, ein sehr großes. Es müssen Unsummen geflossen sein.

die VSU, ein börsennotiertes Unternehmen. Da steckt Kohle hinter, aber so richtig viel Kohle.

Mein Vater tot, das Geschäft war erfolgreich durchgeführt worden, und van Straalen hatte so viel Geld gescheffelt, dass sein Unternehmen nun eine Aktiengesellschaft war.

Aber wenn es so ist, warum dann der Hinweis auf Aslan Export?

War das ein Ablenkungsmanöver? Es roch förmlich danach. Für mich galt es jetzt, genau das zu überprüfen.

Aber nicht mehr heute. Der Besuch bei van Straalen hatte mich mehr geschwächt als ich dachte. Bei der Reha, die ich gleich noch zu absolvieren hatte, würde ich es wieder zu spüren bekommen.

Der Tag war gelaufen. Morgen würde ich zur Wohnung meines Vaters gehen und nach Hinweisen auf Aslan Export suchen.

 

Am nächsten Tag fuhr ich morgens zum Haus meines Vaters. Jetzt war es mein Haus. Ich hatte Gewissheit, denn ich war Alleinerbe. Sein Anwalt hatte mir beim Krankenhausbesuch eröffnet, dass ich wohl einiges zu erwarten hätte. Wegen der Besitzverhältnisse im Bereich Haus und Grund musste noch ein Eintrag im Grundbuch erfolgen. Aber das war nur noch eine reine Formsache.

Als er mir das Testament meines Vaters vortrug, konnte ich es kaum fassen.

Ich wusste wohl schon, dass mein Vater Kohle hatte. Aber ich wusste nicht, dass er stinkreich war.

Genau gesehen brauchte ich mein Leben lang nicht mehr zu arbeiten. Allein von den Zinsen könnte ich ein ausschweifendes Leben führen.

Das würde ich meinem Vater zu Ehren aber nicht. Ich hatte nicht vor, sein Vermögen zu verprassen.

Was ich mit soviel Geld anfangen sollte, anfangen konnte, wusste ich aber auch noch nicht wirklich. Es war verdammt viel Geld, niemals hätte ich auch nur erahnt, dass man als Handelsvermittler so viel Kohle machen kann. Er muss wirklich gut vermittelt haben.

Ich nahm den Schlüssel, den mein Vater mir vor Jahren gegeben hatte, als ich noch ein wenig orientierungslos durchs Leben zog.

Meine Tür steht dir jederzeit offen. Immer.“

Das waren seine Worte, als er mir den Schlüssel übergab.

Daran musste ich nun denken, als ich sein Haus betrat.

Ich nahm den Duft wahr, sah die mir vertraute Wohnung an, und es war mir, als ob mein Vater gleich mit einer Tasse Kaffee in der Küchentür erscheinen würde. Tränen rannen meine Wangen hinab. Er fehlte mir so sehr.

Er hatte noch so viel vor gehabt mit mir. Sein Geschäft sollte ein Geschenk für mich sein, wenn er sich zur Ruhe gesetzt hätte.

Ich wollte noch so viel mit ihm bereden, von ihm und seiner Erfahrung lernen. Mit ihm sprechen und mit ihm unternehmen.

Doch er wurde mir genommen. Von einem eiskalten Killer ausgelöscht.

Wut kam in mir auf, und ich ging in sein Arbeitszimmer.

 

Ich fuhr den Computer hoch und wurde aufgefordert das Passwort einzugeben.

Beim dritten Versuch hatte ich Erfolg: Mein Vorname und Geburtstag. Ganz einfach.

Ich checkte alle Dateien mit Hinweisen auf Aslan Export.

Aber ich fand nichts. Keinerlei Hinweis auf diese Firma.

Keine E- Mail Adresse, keine Telefonnummer, rein gar nichts. Ich war enttäuscht.

Doch vorsichtshalber setzte ich einen USB-Stick ein und kopierte nahezu alle wichtigen Dateien von seinem PC.

 

Und jetzt blieb noch die gute alte Handarbeit. Ich öffnete seinen Schreibtisch, die Aktenschränke und alles worin sich ein Hinweis verbergen könnte.

Da wartete nun ein Haufen Papierkram darauf, dass ich ihn nach dem entscheidenden Hinweis durchforste. Stundenlange Arbeit…

Das Beste ist, systematisch vorzugehen. Praktisch, denn Aslan beginnt mit A.

Doch leider gab es keine Akte Aslan Export.

Auch im Schreibtisch nicht.

Aber auf dem Schreibtisch. Ein Briefbogen unter vielen. Von Aslan Export.

Darauf klebte ein Papiersticker mit einer Telefonnummer und einem Namen.

Chester Hoyt.

Sagte mir nichts. Ich schaute mir die Telefonnummer an. Sie war aus den USA.

Schnell fand ich mit Googles Hilfe Antworten. Eine Nummer aus New York City.

Ich schaute auf meine Uhr. Es war nach elf Uhr. In New York war es noch früher Morgen. Ich verschob diesen Anruf und machte mir etwas zu essen.

Im Kühlschrank fand ich ein noch in Folie geschweißtes Stück mittelalten Gouda und Kräuterbutter. Beides noch zwei Wochen haltbar. Im Vorratsschrank befanden sich mehrere Dosen Ölsardinen mit Chili und eine Tüte mit schwäbischen Bandnudeln. Naja, besser als nichts. Zum Glück war noch etwas Toastbrot übrig.

Das reichte mir schon mal als Vorspeise für den kleinen Hunger.

Ich nahm eine Auflaufform aus dem Küchenschrank, setzte einen Topf mit Wasser auf und gab Salz hinein.

Mit der Kräuterbutter strich ich die Auflaufform aus und rieb den Käse mit der Käsereibe.

Das Wasser kochte und ich gab die Nudeln hinein. Dann schaltete ich den Backofen ein und stellte ihn auf 220 Grad Ober- und Unterhitze.

Als die Nudeln fertig gekocht waren, füllte ich die Form mit der Hälfte von ihnen. Ein wenig Salz und bunten Pfeffer streute ich darüber und fügte, wichtig, Estragon zu. Dann öffnete ich die Dose mit den Sardinen und verteilte die Hälfte über die Nudeln, streute ein wenig vom geriebenen Käse darüber und füllte die Auflaufform mit den restlichen Nudeln.

Wieder ein wenig Pfeffer und Estragon auf die Nudeln, den Rest der Ölsardinen darauf und reichlich Käse darüber.

 

Fertig. 20 Minuten im Backofen und fünf Minuten bei höchster Temperatur, und ein leckerer Auflauf war bereit, verzehrt zu werden. Das zweite Frühstück schmeckte fantastisch. Nach dem Essen bekam ich Lust auf eine Zigarette. Doch ich wurde nicht schwach und rauchte nicht. Die letzte Zigarette rauchte ich vor meinem „Tod“, und es sollte dann auch die Letzte bleiben. Dann machte ich mich wieder an die Arbeit.

Die Homepage von Aslan Export verriet auch nichts Neues, das hatte ich schon gestern Abend herausgefunden.

Und auch sonst war bei den verschiedenen Suchmaschinen nichts im Internet zu finden, was mir einen Hinweis auf nähere Geschäfte dieser Firma verraten konnte. Alles nur Allgemeinplätze. Nichts Konkretes.

 

Ich setzte mich an den Computer und surfte weiter im Internet, fand aber nichts mehr. Zwei Stunden später rief ich in New York City an.

Hoyt Consulting. Good Morning! Veronica speaking. How can I help you?“

Oh, äh... Here is Mister Daniel Siebe from Germany. I would like to speak Mr. Hoyt.“

Sorry, but Mr. Hoyt is speaking. Do you want to wait?“

No, thank you. I'll try it later. Thank you.“

Welcome...Sir, oh sorry, please wait“, hörte ich sie sagen, sie sprach mit jemandem im Hintergrund. Dann eine tiefe männliche Stimme: „Uli, my dear.

Are you fine?“

Sorry Sir, here is Daniel, I'm the son of Uli.“

Hi, Daniel, ich hab schon viel gehört von dir“, wechselte Hoyt übergangslos in die deutsche Sprache. Dein Vater hat ständig von dir gesprochen, wenn wir uns trafen. Wie geht es ihm?“

Sein typisch amerikanischer Akzent war unüberhörbar, aber es war gut, dass ich in meiner Sprache reden konnte. Ich war sicher, er konnte besser Deutsch als ich Englisch. Obwohl mein Englisch recht passabel ist. Mir blieb jedoch nur, ihn mit den Tatsachen zu konfrontieren - auch wenn sie unangenehm waren.

Mein Vater ist tot.“ Meine Stimme bebte noch ein wenig, als ich das sagte.

Tot? Mein Gott, was ist passiert?“

Er wurde ermordet. Erschossen. Vor über vier Wochen,“ antwortete ich. Hoyt schien betroffen von der Nachricht, noch mehr aber von den Einzelheiten.

Ermordet sagst du? Das ist ja schrecklich, kann ich helfen?“

Vielleicht. Ich habe hier einen Brief und Ihre Telefonnummer.

Der Brief ist von einer türkischen Firma. Aslan Export.“

Daniel!“, Hoyts Stimme klang plötzlich sehr ernst.

Hör zu Daniel, wo bist du jetzt?“

In Vaters Wohnung, in Dortmund.“

Was ist Dortmund? Ein Land? Never heard.“

Nein nein, eine Stadt in...“

Ha, ha, Daniel, ich wollte dich nur auf den Arm nehmen. Mein schwarzer Humor, ich weiß, falscher Zeitpunkt. Aber so bin ich nun mal. Bin ein Ami. Natürlich kenne ich Dortmund. Heja, BVB. Ich bin ein Fan, weißt du.

Aber hör mir zu, übermorgen fliege ich geschäftlich nach Berlin. Am Tag danach sollten wir uns treffen.

Ich schicke dir jetzt ein paar Telefonnummern per E- Mail an deines Vaters Computer. Freitag, am besten mittags, rufst du mich an. Bleib in Dortmund und warte auf mich. Wir müssen unbedingt reden.“

Aber warum, was ist...“

Nicht am Telefon. Wir treffen uns.“

Er legte auf, und ich schaute auf das Telefon. Über meinem Kopf bildete sich das sprichwörtliche große Fragezeichen.

Warum nicht am Telefon? Wer sollte Vaters Telefon jetzt noch abhören? Nun gut.

Hoyt wird mir die Antwort schon geben.

 

Und Google? Natürlich war Hoyt Consulting ein Treffer.

Eine Auskunftei. Ein Detektiv. Ein Privatschnüffler.

Aber kein gewöhnlicher.

Hoyt Consulting ermittelte alles, was ein Unternehmen über seine Konkurrenten wissen wollte. In sämtliche Richtungen.

Die fanden alles heraus. Behauptete jedenfalls die Homepage.

Also hatte Vater etwas über Aslan Export erfahren wollen und Hoyt engagiert.

Jetzt konnte ich das Treffen mit Hoyt kaum noch abwarten. Hoyt wusste etwas.

Er hat Aslan Export unter die Lupe genommen und musste etwas herausgefunden haben. Sonst wäre mein Vater nicht tot, vermutete ich.

 

Es war Freitag um die Mittagszeit. Ich nahm mein neues Handy und wählte die erste Nummer, die ich von Hoyt per E- Mail erhalten hatte.

Hoyt!“, bellte es in das Telefon.

Daniel“, sagte ich nur.

Okay, wir treffen uns im Römischen. Du weißt, was ich meine?“

Ja.“

Wann kannst du da sein?“

Zwanzig Minuten.“

Gut, ich bin in einer halben Stunde dort.“

Ich stieg in das Mercedes-Benz-Cabrio meines Vaters. Jetzt war es mein Cabrio. Ich fuhr los.

Mein Vater hatte einen Vertrag mit Mercedes-Benz, zumindest ausweislich der Unterlagen, die auf seinem Schreibtisch entdeckt hatte. Jedes Jahr das neueste Modell. Der Vertrag lief über fünf Jahre und war von meinem Vater schon bezahlt. So wie ich ihn kannte, hatte er geschäftlich wohl einen guten Schnitt gemacht. Sonst säße ich jetzt in einem BMW.

Der Römische kam in Sicht. Heute Hotel Park Inn.

Aber jeder Dortmunder kannte es meist unter seinem traditionellen Namen: Hotel Römischer Kaiser. Früher einmal die beste Adresse in Dortmund. Heute ein Luxushotel unter anderen.

Ich kurvte in die Hotelvorfahrt und hielt an. Sofort eilte ein Concierge herbei und begrüßte mich mit freundlicher Professionalität. Ich gab ihm die Schlüssel, und er parkte meinen Wagen, während ich zur Hotelbar ging.

An der Bar bestellte ich mir einen Cappuccino und setzte mich an einen Tisch, wo ich den Hoteleingang in Sicht hatte.

Ich nippte an dem Kaffee und schaute mich ein wenig um.

Ich war noch nie in diesem Hotel und bewunderte den Luxus, der mich umgab. Nach ein paar Minuten kam der Concierge und brachte mir meine Autoschlüssel. Er trug eine Aktentasche bei sich und ging weiter ins Restaurant, wo er sie einem Mann übergab. Ich verfolgte diese Szenerie und bekam mit, dass dieser Gast seine Aktentasche vor dem Hotel hat stehen lassen und der Concierge wohl so aufmerksam war, dass der Trottel von einem Hotelgast seine Geschäftsunterlagen, zu seinem Glück, jetzt wieder bei sich hatte.

Aber mehr als ein Dankeschön war für den Concierge leider nicht drin.

Armer Geschäftsmann? Oder nur ein Geizkopp?

Mein Blick wanderte weiter, und ich sah einen Mann zur Rezeption gehen. Kein besonders großer Mann, eher klein. Aber etwas an seinem Gang wirkte irgendwie...cool.

 

Wie er seine Schritte setzte; seine Art zu gehen war, als ob er schwebe und doch war jeder Schritt mit einem leisen Klacken der Absätze seiner Western Boots zu hören.

Das hätte Clint Eastwood nicht besser gekonnt. Kurz drehte sich der Mann um, und ich sah sein Gesicht.

War er das, Hoyt? Nein, dann sähe er ja aus wie Peter Maffay.

Die Glastür des Hoteleingangs öffnete sich, und ein wahrer Riese erschien.

Ich schätzte ihn von meiner Position auf über zwei Meter groß und 120 Kilogramm schwer. Der anthrazitfarbene Anzug saß perfekt, und ließ andeutungsweise erkennen, dass sein Träger athletischer Figur war. Es sah ein wenig surreal aus, dort dieser Riese und neben ihn ein Mann, der ihm bis ans Zwerchfell reichte. Und doch lächelte der Riese und grüßte den Kleineren mit einem Kopfnicken.

Der Riese hob den Blick und kam sofort auf mich zu.

Ich behielt ihn im Auge und bemerkte noch gerade, dass Peter Maffay - war er das wirklich? - die Empfangshalle verließ.

Hallo Daniel, ich bin Hoyt. Chester H. Hoyt. Das H. steht für Horace, aber sage bitte nicht diesen Namen. Dein Vater hat mir Bilder von dir gezeigt, ich habe dich sofort erkannt.“

Ich stand auf und wollte ihm die Hand geben, aber stattdessen legte er seine Hände auf meine Schultern und blickte mir in die Augen.

Daniel, dein Vater und ich waren Freunde, gute Freunde. Ich habe ihm viel zu verdanken, eigentlich alles. Ohne deinen Vater gäbe es Hoyt Consulting nicht, gäbe es mich nicht. Bitte erlaube mir, dich beim Vornamen zu nennen!“ Mit einem Nicken stimmte ich zu. Und Chester bat darum, dass auch ich ihn beim Vornamen nenne. Wir setzten uns. Chester bestellte sich einen Bourbon und schaute fragend nach mir. Ich entschied mich für einen weiteren Cappuccino.

Hast du gerade den Mann an der Rezeption gesehen?“, fragte Hoyt.

Ja, der hatte einen auffälligen Gang.“

Das war Peter Maffay.“

Jetzt war ich ein wenig perplex und fragte mich zugleich, wieso ausgerechnet ein Amerikaner Peter Maffay kennt. Aber das war jetzt eigentlich egal. Für mich hatte etwas anderes Priorität.

Wieso?“, fragte ich. „Wieso gäbe es Hoyt Consulting nicht?“

Das ist eine lange Geschichte. Nur soviel, ich war damals finanziell am Ende. Es fehlte nicht viel, und ich wäre völlig abgestürzt.

Wahrscheinlich sogar tot. Aber dann traf ich deinen Vater. Das war in Frankfurt.

Mein Vater war Soldat, stationiert in Ramstein. Ich bin in Deutschland

aufgewachsen. Ich traf also deinen Vater, und er beauftragte mich eine amerikanische Firma zu überprüfen. Und ich fand viel heraus. Beinahe wäre dein Vater hereingelegt worden. Und ich meine so richtig reingelegt, abgeledert, über den Tisch gezogen, ruiniert.

Aber dein Vater war cleverer und hat den Spieß umgedreht. Jetzt ist die andere Firma pleite, und Uli hat mich gut, sehr gut bezahlt. Für mich ein neuer Anfang. Dein Vater half mir, einen Ruf aufzubauen, der mich zu einem reichen und glücklichen Mann werden ließ.

Darum werde auch ich dir helfen, Hoyt Consulting wird dir helfen, und alle guten Verbindungen, die ich habe, werden dir nützen.

Daniel, wir kriegen das Schwein!“

 

So, wie er das sagte, war es sein voller Ernst. Keine Sekunde zweifelte ich daran.

Ich fasste neuen Mut. Hoffnung. Endlich hatte ich Hilfe.

Hoyt wirkte stark, wie ein Mann, der genau weiß, wie er zu handeln hat.

Besser man war nicht sein Feind.

Und doch, was hatte ich schon? Aslan Export war alles.

Das sagte ich Hoyt.

Nochmal, Daniel. Sage bitte nicht mehr Mister Hoyt. Chester, einfach nur Chester.“

In Ordnung. Chester. War nur aus Gewohnheit…“

Ich habe nach deinem Anruf sofort zwei Mitarbeiter recherchieren lassen und einiges herausgefunden, Daniel.“

Aha, was?“, fragte ich sofort.

Langsam, Daniel, langsam. Eins nach dem anderen. Ich habe schon für deinen Vater Aslan Export gecheckt und kenne diese Firma recht genau.

Einer meiner Mitarbeiter hat sich mit den deutschen Behörden in Verbindung gesetzt und Einzelheiten zum Anschlag auf Deinen Vater und Dich

herausgefunden, die sehr interessant sind.

Die Waffe war ein russisches Scharfschützengewehr. Dragunov, Kaliber 7.62

Sehr beliebt bei Auftragsmördern. Aber leider nicht speziell genug, um das Feld der Verdächtigen einzugrenzen. Es gibt einfach sehr viele Sniper, die ein solches Gewehr benutzen. Aber wir haben dennoch eine Spur.“

Chester Hoyt blickte mich an und ein leichtes, ganz leichtes Lächeln war zu erkennen. Ich hob fragend meine Augenbrauen.

Doubleshot!“

Doubleshot?“, fragte ich, während sich über meinem Kopf, das mir wohlbekannte Fragezeichen bildete.

Die FBI-Ermittler nennen ihn so. Sein Markenzeichen: Ein Schuss, zwei Treffer. Das FBI weiß nicht, ob er das schon immer so machte, aber seit ein paar Jahren tauchen Attentate auf, bei denen neben der Zielperson auch unbeteiligte Personen betroffen sind. Beim ersten bekannten Attentat hat sich zufällig ein Kellner in die Flugbahn des Projektils gestellt. Die Kugel durchschlug seinen Hals und traf immer noch mit tödlicher Wucht die Zielperson.

Seit dem gab es insgesamt sieben dem FBI bekannte und auf diese Weise verübte Anschläge.

Du und dein Vater mit eingeschlossen.

Möglicherweise findet er einen solchen Gefallen daran, dass er die Anschlagsorte genau danach aussucht, um neben der Zielperson auch noch Unbeteiligte erwischt. So stellt er sein Markenzeichen sicher und beschäftigt überdies noch die Polizei mit der Zuordnung bzw. dem Sortieren der Spurenlage.“

Wenn das so ist, dann wird Broyer es wohl nicht gewesen sein, der schoss. Oder aber es war nur Zufall. Ich war verunsichert.

Doch Hoyt redete weiter.

Natürlich ist das nur eine dürftige Spur. Der Name des Killers ist nicht bekannt. Soll aber angeblich ein ehemaliger russischer Soldat aus dem Afghanistan Krieg sein, heißt es beim FBI. Die Russen sagen, er sei ein Amerikaner, Ex-Marine, und für die Araber ist er ein Israeli.

Die letzten Opfer vor deinem Vater waren ein hohes Tier vom amerikanischen NSA und sein Bodyguard. Die vom NSA und FBI sind jetzt reichlich angefressen und wissen nicht, in welche Richtung sie ermitteln sollen. Es gibt keinerlei Hinweise.

Wenn, und ich sage, wenn, es zwischen dem letzten Opfer und deinem Vater eine Verbindung gibt, und sei sie noch so klein, dann werden wir sie finden.

Die Amis glauben ja, sie wären gut. Aber wir sind besser.“

Warum sollte es zwischen dem NSA und meinem Vater eine Verbindung geben?“

Noch ist es ein Bauchgefühl. Eine Ahnung. Ich weiß es nicht genau. Aber der zeitliche Abstand zwischen den Anschlägen war ungewöhnlich kurz. Nur vier Wochen.

Bisher waren es ein, höchstens zwei Attentate im Jahr.“

Wie sollen uns diese Informationen weiterhelfen, im Grunde tappen wir noch immer im Dunklen?“

Ich bin noch nicht fertig, Daniel. Der zweite Mitarbeiter hat sich noch einmal mit Aslan Export und dem Geschäft deines Vaters befasst. Er hat etwas Interessantes entdeckt. Das Geschäft mit Aslan Export, von dem wir deinem Vater abgeraten haben, wurde mit einem Konkurrenten von Aslan Export durchgeführt. Dein Vater hat sehr spezielle elektronische Geräte, Detektoren, Laser High-Tech und optische Systeme im Wert von über 30 Millionen € bestellt. Wieso gerade eine türkische Firma so etwas liefern kann, weiß ich nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die von Aslan Export ganz schön stinkig sind. Aslan Export ist bei weitem nicht so potent wie die Konkurrenz und wird wohl eine Menge Geld verloren haben.

Der Besitzer ist außerdem noch ein Freund von Tarik Dogan, dem Aslan Export gehört.“

In meinem Kopf klingelte es sofort.

Ein Freund von Aslan Export? Moment, dazu weiß ich etwas“, erklärte ich und erzählte Hoyt von meinem Treffen mit van Straalen.

Nachdem ich beendet hatte, griff Hoyt in seine Tasche und holte sein Handy hervor, stand auf und ging ein paar Schritte zur Seite...

Die Verbindung kam zustande, und Hoyt gab irgendwelche Anweisungen, die ich nicht verstand.

Du hast gesagt, du wüsstest nichts, hättest keine Hinweise. Aber anscheinend weißt du mehr als du selbst ahnst“, sagte er während er sich wieder setzte.

Hör zu Daniel, in meinem Geschäft sind es oft die kleinen Hinweise, die uns auf die Spur der richtigen Informationen bringen. Zufällig gehört oder gesehen, belauscht oder beobachtet, oft bringen diese Kleinigkeiten den Erfolg.

Hast du noch etwas gehört als du bei van Straalen warst?“

Mir fiel nichts ein, was sollte ich denn gehört oder gesehen haben, als ich bei van Straalen war? Ich hatte doch nur Augen für Katrin.

Bei dem anderen Besuch hatte aber auch Broyer eine Information geliefert.

Wenn Gelder wie geplant fließen, fiel mir wieder ein. Ich informierte Hoyt darüber.

Und siehe da: Sein Telefon kam erneut zum Einsatz.

Okay, ich habe meine Jungs auf die VSU und den geplanten Börsengang angesetzt. Wenn es noch weitere Beteiligte an der VSU gibt, werden wir sie aufspüren und sehen, wie die Verbindungen im Einzelnen sind.

Also, was weißt du noch?“

Mehr weiß ich nicht, beim ersten Mal hatte ich nur Augen für Katrin.“

Wer ist Katrin?“

Ich erzählte von ihr und ihrer Warnung.

Daniel, das sagst du erst jetzt. Junge, du hast mehr Informationen als du ahnst. Ich lasse herausfinden, wo sie in den Staaten jetzt lebt und arbeitet. Wir finden sie, keine Sorge.

Weiter, was weißt du noch?“

Keine Ahnung, das ist alles.“

Wirklich? Denk nach. Was hast du im Büro von van Straalen gesehen? Oder gehört?“

Ich hab nichts gesehen außer Katrin. Und Broyer. Halt, warte. Doch, doch ich hab etwas gehört. Na klar, die Sekretärin kam ins Büro und sagte...warte,

warte, ich hab's gleich.“

Sie sagte… warte, warte ich hab's gleich?“ Hoyt grinste. Er wurde mir immer sympathischer. Ich stellte fest, dass er offenbar einer Spezies angehörte, die eine gute Erziehung und ordentliche Manieren besaß. Er konnte anscheinend auch ganze Sätze bilden, ohne hinten zu vergessen, was er vorn sagen wollte.

Nein, natürlich nicht“, führte ich meinen Gedanken zu Ende. Sie sagte: Mr. Chang von Troy-Industries.“

Troy-Industries. Hoppla, die spielen aber in der obersten Liga.

Troy-Industries gehört zu den mächtigsten Konzernen der Welt. Modernste Waffensysteme für die Armeen dieser Welt. Absolute High-Tech. Angeblich stehen sie kurz vor der Kernfusion.

Die stellen nur Spitzenkräfte ein. Nur die Besten aus Harvard, Princeton oder Silicon Valley.“

Und wo soll der Zusammenhang sein?“

Das müssen wir eben herausfinden.“

Coleman fiel mir ein, der Typ von der amerikanischen Botschaft.

Ich erzählte Hoyt von Coleman und Mantell.

Du steckst voller Überraschungen, mein Freund.

Und quillst ja geradezu über vor lauter Informationen. Coleman war zwar von der Botschaft, aber er ist mit Sicherheit vom CIA. Darauf kannst du einen lassen.“

Vom CIA? Scheiße, in was für eine Kacke ist mein Vater denn da geraten?“

In ganz große Scheiße, mächtig große Scheiße, wie es aussieht.“

Und? Was machen wir jetzt?“

Abwarten, Daniel. Abwarten.“

Abwarten war aber gar nicht mein Ding. Doch Hoyt hatte Recht. Wir brauchen mehr Informationen. Was wir hatten, war einfach zu wenig. Eines durfte ich aber auch nicht vergessen. Ich musste fit werden. In meinem jetzigen Zustand war ich einfach noch zu schwach.

 

 

*

 

 

Gut drei Wochen Reha lagen noch vor mir. Begeisterung geht anders, dachte ich und grinste selbstkritisch vor mich hin. Aber watt mutt, datt mutt, kam mir in einem Anflug von Sarkasmus in den Sinn. Es half niemandem, wenn ich von meinen Gegnern einfach zur Seite geschubst werden konnte…

 

Es galt also, meine alten Stärken zu mobilisieren. Und genau dafür hatte ich einen guten, alten Freund.

Ich erzählte Chester, was ich vorhatte.

Okay, Daniel. Ich will dich nicht von deinem Vorhaben abbringen. Aber sei vorsichtig. Ich versorge dich mit allen Informationen, die wir ermitteln.

Du wirst immer auf meine Hilfe bauen können. Wenn die Kacke so richtig dampft, sag´ Bescheid, und ich bringe Verstärkung mit. Es ist gewagt, was du tun willst. Aber es ist deine Entscheidung, und glaub´ mir, ich kann dich gut verstehen.

Bereite dich gut vor. Wenn du spezielle Ausrüstung brauchst, wir haben sie.

Dir steht alles zur Verfügung.“

Hoyt nahm einen Bierdeckel und schrieb eine Nummer darauf.

Hier. Ruf morgen Mittag diese Nummer an und sage nur -Daniel-. Anschließend trefft ihr euch. Du bekommst dort alles was du brauchst.“

 

Ich stand vor dem Hoteleingang und wartete darauf, dass der Concierge meinen Wagen vorfuhr. Hoyt war unterwegs zu seinem Flieger. Ich schaute mir nochmal die Telefonnummer auf dem Bierdeckel an und ließ ihn in meiner Jackentasche verschwinden. Hinter mir öffnete sich die Tür, und Peter Maffay stand plötzlich neben mir.

Warten Sie auch auf ihren Wagen?“, fragte er mich.

Ja, der Concierge ist unterwegs.“

Ein guter Mann, macht einen guten Job.“

Sie meinen Autos einparken und so?“

Mir fiel die kleine Szene mit der Aktentasche ein.

Nee, Nee. Der Mann ist für alles da. Wenn sie etwas benötigen, er weiß wo. Brauchen sie Hilfe, ist er da. Der Mann scheint alles über die Stadt zu wissen.

Der kennt zwar nicht jeden, aber ich glaube jeden zweiten. Ah, da ist ja mein Auto. Schönen Tag.“

Danke. Wünsche ich Ihnen auch, Herr Maffay.“

Er schaute mich ein wenig verdutzt an, lächelte dann mit dem Kopf nickend, gab dem Concierge ein Trinkgeld, stieg in einen Audi A8 und fuhr los.

Ich habe soeben mit Peter Maffay gesprochen, realisierte ich erfreut und dachte versonnen und spontan an die Comicfigur „Tabaluga“.

Woran man so denkt, grübelte ich, lächelte und gedachte der Zeiten, in denen ich der Musik von Peter Maffay nichts abgewinnen konnte.

Die Welt ist klein, manchmal. Er müsste bald auf die siebzig zugehen, dachte ich.

Mir fielen Bruchstücke seiner musikalischen Anfänge und seine Allianz für Kinder ein. Respekt, er müsste bald auch sein 40zigstes Bühnenjubiläum haben.

Nun ja, aber hier und heute hatte ich mit Herausforderungen zu tun, bei denen er mir wohl nicht zu helfen vermochte.

Deshalb war ich auf dem Weg zu einem guten, alten Freund, Dieter.

 

Wenn mir jemand beistehen und helfen konnte, wieder zu körperlicher und mentaler Stärke zu kommen, dann war er es. Dieter war ein knallharter Hund, salopp ausgedrückt. Ich kannte keinen härteren.
Ein paar Jahre zog ich einst mit ihm und seiner Motorradgang durch die Städte des Ruhrgebiets. Ich war zwar kein reguläres Mitglied der
Freeway Tigers, aber ich wurde als sein Freund in der Gang nicht nur geduldet, sondern wie jedes andere Gangmitglied mit Respekt behandelt.

Ich hatte auch einige Kämpfe mit rivalisierenden Gangs zu überstehen. Zum Glück erfolgreich für mich.

Für Dieters Gegner galt das nicht. Die waren allesamt vom Glück verlassen.

Während meiner Zeit in der Gang gab es keinen, niemanden, der gegen ihn bestehen konnte. Selbst als ich einmal dachte, er schafft es nicht, sein Gegner war äußerst brutal und hart im Nehmen, so konnte Dieter ihn noch mit einem letzten, entscheidenden Schlag niederstrecken.

 

Ich lernte Dieter vor über zehn Jahren in einer Kampfsportschule kennen. Ich war damals, Anfang zwanzig, begeisterter Fan von Bruce Lee und wollte unbedingt Taekwondo erlernen.

Dieter war bereits Träger des roten Gürtels. In weniger als einem Jahr sollte er seine Prüfung zum schwarzen Gürtel meistern. Und er hat es geschafft. Das nenne ich Disziplin.

Ich lernte viel von ihm, wenn er das Training übernahm. Wir waren uns von Anfang an sympathisch. Leider verloren wir uns später aus den Augen. Als ich ihn nach Jahren wieder zu sehen bekam, erfuhr ich von ihm, dass er in Haft gewesen war. Schwere Körperverletzung von Polizeibeamten.

Danach nahm er mich zu seiner Gang mit, und wir hatten auf unseren Motorrädern eine geile Zeit im Ruhrpott.

Zwischenzeitlich hatte er den Kampfstil gewechselt und sich in Wing-Tsun ausbilden lassen. Mit Erfolg, wie ich schon bald feststellte.

Der effektive Nahkampf des Wing-Tsun, gepaart mit der flinken Beinarbeit des Taekwondo ließen ihn zum härtesten Kämpfer der Gang werden.

Er wurde nicht nur der „Vorklopper“, sondern auch Anführer. Bei Streitigkeiten mit anderen Gangs gingen nicht alle aufeinander los, es wurde meist nur einer geschickt, der jeweils beste Kämpfer der Gruppe. Sein Ruf war mittlerweile legendär. Das brachte es mit sich, dass er ihn oft genug und hart verteidigen musste.

 

Bei ihm wollte ich wieder zur alten Form zurückfinden. Nach meiner Reha, so hatte ich es mir vorgenommen, sollte Dieter das Training übernehmen und mich wieder fit machen. Ich hatte ihn vom Hotel aus angerufen und meinen Besuch angekündigt.

 

 

 

Darüber wollte ich heute mit ihm reden und fuhr zu seiner Adresse.

Dieter betrieb derzeit eine kleine Tuning-Werkstatt, hauptsächlich für Kawasaki Motorräder. Honda führte er allerdings nicht.

Die werden bei mir sofort eingeschmolzen!“, war sein Lieblingsspruch, wenn es um diese Marke ging.

Ich wurde bereits erwartet. Und Dieter war nicht allein.

Erika stand neben ihm, meine alte Flamme Erika... Ein Jahr lang waren wir ein Paar, dann zwang ihr Beruf sie in eine andere Stadt, und wir verloren uns nach und nach aus den Augen.

Die Begrüßung war sehr herzlich, und ich fühlte mich ein wenig in die alten Zeiten versetzt. Ein feuchter Schimmer war in Dieters Augen zu erkennen und eine Träne stahl sich heimlich seine Wange hinab, auch wenn er diese Gefühlsregung zu unterdrücken versuchte.

Ich tat so, als bemerkte ich es nicht, wusste aber, dass er weiß, dass mir das nicht entgangen ist…

Ich verstand es, schließlich war ich für ihn wie von den Toten auferstanden.

Als ich ihn vom Hotel aus angerufen hatte, legte er auf. Ich musste es noch mal versuchen, und ein lauter Schrei der Freude ließ die Lautsprecher meines Handys fast bersten. Und wie er sich freute. Es war das erste Mal, dass ich Dieter stottern hörte. Sein Gestammel berührte mich tief, und ich glaubte ein Schluchzen durch das Telefon zu vernehmen.

Auch Erika war sichtlich berührt. Für sie war ich auch von den Toten auferstanden.

Dieter hatte Kaffee und Snacks vorbereitet. Aber auch ein Joint lag zum Rauchen bereit.

Möchtest du?“, fragte Dieter und deutete auf den Joint.

Nein Danke“, lehnte ich ab.

Ich kiffe auch nicht mehr“, kommentierte Dieter meine Ablehnung. „Aber ich habe immer ein Stück Dope da, für gute Freunde und sehr gute Kunden.“

Dieter deutete mit seinem Daumen in die Werkstatt, wo ich auf Hochglanz polierte Motorräder stehen sah. Getunt, gepimpt, poliert oder auf High Speed getrimmt. Frisiert bis zum geht nicht mehr.

Dieter hatte es einst geschafft, eine Yamaha SR 500 mit 34 PS soweit

aufzumotzen, dass sie 230 Km/h erreichte.

Wie ich sehe, läuft dein Laden“, bemerkte ich.

Besser denn je, sollte man meinen. Aber leider ist dem nicht so.

Heute sind die neuen Motorräder so gebaut, dass es kaum noch etwas zu verbessern gibt.

Warum soll sich jemand seine 600er auf 130 PS frisieren lassen, wenn er sich bereits eine 1200er mit noch mehr PS für nicht so viel mehr Geld kaufen kann.

Chrom ist auch nicht mehr angesagt. Alles Plastik.

Was du da stehen siehst, sind meine letzten Modelle. Sind die weg, schließe ich den Laden. In diesem Geschäft kannst du nicht kleckern, da musst du klotzen. Ganz oder gar nicht. Ent- oder weder.

Du verstehst?“

 

Ich verstand. Dieter stand kurz vor der Pleite.

Vielleicht kam ich ja zur rechten Zeit, dachte ich im Stillen.

Dieter wusste schließlich nicht, wie gut es derzeit finanziell bei mir lief. Wenn er mir half, sollte es sein Schaden nicht sein.

Dann fiel mir Hoyt ein und dass mein Vater ihm auch geholfen hatte.

An diesem Beispiel wollte ich mich orientieren und in die Fußstapfen meines alten Herrn treten. Ich nahm mir vor, Dieter zu helfen, wenn es an der Zeit war. Egal, was kommen sollte.

Aber vorher galt es erst einmal mit ihm zu reden. Auch darüber, was ausgerechnet Erika hier machte.

Hör zu Daniel“, begann Dieter instinktsicher das Gespräch, noch bevor ich etwas sagen konnte.

Es hat seinen Grund warum Erika hier ist. Am Besten sie erzählt´s gleich selbst, was sie weiß. Vielleicht willst du danach doch noch einen Joint.“

 

Dieter schaute mir in die Augen, und ich las darin etwas sehr trauriges, nahezu bedrückendes. Konnte es noch schlimmeres geben, als das, was ich jetzt durchmachte? Es konnte.

Aber anders als ich dachte.

 

Erika schaute mich an. Nicht so wie früher, nicht so verliebt und verträumt wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie blickte mich ernst und mit zusammengepressten Lippen an.

Diese Augen haben schon viel gesehen, dachte ich.

Leid, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. All das hatte Erika anscheinend schon

erblickt. Nun blickte ich sie an und fragte mich, was jetzt auf mich zukommen sollte.

Sie sieht so erwachsen aus, kam mir spontan in den Sinn.

Daniel, du weißt ja, dass ich damals Medizin studiert habe“, begann sie zu erzählen.

Ja, natürlich weiß ich das.“

Ich bin jetzt Ärztin und arbeite im St. Josef Hospital.

Als dein Vater und du angeschossen wurden, war ich als Notärztin vor Ort.

Es war schrecklich, als ich dich erkannte und deinen Vater da liegen sah. Glaube mir, auf eine solche Erfahrung kann man besser verzichten.

Aber es ist wichtig, dass du eines erfährst. Dein Vater war nicht sofort tot. Als wir im Krankenwagen eintrafen, lebte er noch. Er verstarb auf der Fahrt ins Hospital. Du wurdest vom anderen Rettungsteam in das Klinikum Dortmund gefahren, weil es dort Spezialisten für Thorax-Traumata gibt. Ich rief den diensthabenden Arzt an, erfuhr aber nur noch, dass du deinen Verletzungen erlegen sein solltest.

Dein Vater konnte aber noch etwas sagen, dass ich leider nicht richtig verstand, er war sehr schwach, und Blut verklebte seinen Mund. Ich konnte nur undeutlich verstehen, was er zu sagen versuchte.“

Was hast du gehört?“, fragte ich mit erstickter Stimme.

Wie gesagt, es war sehr undeutlich und hörte sich an wie: Strahlen ham mein Sohn umgebracht.

Ich dachte zunächst an irgendeine therapeutische Strahlenbehandlung. Typisch Arzt. Naja, ich dachte mir nichts dabei. Viele Patienten im Delirium sagen unverständliche Dinge. Die Polizei konnte auch nichts damit anfangen und hat es lediglich notiert.

Auf alle Fälle solltest du wissen, dass dein Vater in dem Glauben starb, deinen Tod miterlebt zu haben.“

 

Ich war schockiert. Ich ging immer davon aus, dass auch Uli sofort tot war. Aber dass er glauben musste, sein Sohn wäre vor seinen Augen gestorben, löste ein tiefes Gefühl der Verzweiflung in mir aus.

Strahlen ham mein Sohn umgebracht, soll er gesagt haben. Nein! Kaufe ich nicht!

Van Straalen hat meinen Sohn umgebracht, das waren mit ziemlicher Sicherheit seine letzten Worte!

Mein Vater musste also irgendetwas gewusst oder geahnt haben. Und im Todeskampf hat sich diese Erkenntnis in Form seiner letzten missverständlichen Worte manifestiert.

Ich begann die ersten Tränen zurück zu halten. Vergeblich.

 

Der Schmerz wurde fast unerträglich. Ich weinte und hatte nur das Bild meines sterbenden Vaters vor Augen. Schön dass Erika zugegen war, mir Trost spendete und mir die Hand hielt. Das tat gut und half mir, nicht zusammen zu brechen.

Zu wissen, dass das Ende naht, zu wissen, dass der Sohn tot ist, erschossen

vor den eigenen Augen, war die letzte Erkenntnis, die mein Vater mit in den Tod nahm.

Ich sah sie wieder, diese widerliche Fratze, die sich hinter der Wut und der Verzweiflung versteckte. Sie zeigte mir jetzt offen ihr Gesicht. Grinste mich an
und sprach zu mir: TÖTE IHN!

 

Erika hatte sich verabschiedet. Jederzeit sei sie für mich da, versicherte sie mir noch, gab mir einen Kuss und schenkte mir eine weitere innige Umarmung zum Abschied.

Ich setzte mich zu Dieter und eröffnete ihm mein Vorhaben.

Alter, du hast dir da etwas vorgenommen, was von einem Mann allein nicht zu schaffen ist. Du wirst Hilfe brauchen“, resümierte Dieter anschließend.

Ich habe Hilfe“, erwiderte ich und erzählte von Hoyt Consulting.

Interessant“, bemerkte Dieter. „Gut. Einen Schritt nach dem anderen. Auch die Jungs von der Gang werden für dich da sein. Du brauchst nur ein Wort zu sagen. Und was dein Training betrifft, gilt auch dafür, einen Schritt nach dem anderen zu gehen.“

Ein Bier nahmen wir noch und verabredeten uns für die kommende Woche. Dieter wollte noch einen Raum für das kommende Training vorbereiten.

Ich fuhr in meine Wohnung. In das Haus meines Vaters wollte ich nicht.

Ich wusste auch noch nicht, ob ich darin jemals wohnen würde. Wahrscheinlich werde ich es verkaufen.

Zuhause angekommen, bereitete ich mir etwas zu essen und legte mich spät in der Nacht zu Bett.

 

Am nächsten Morgen erinnerte ich mich an den Bierdeckel, auf den Hoyt eine Rufnummer notiert hatte. Ich griff ich mir mein Handy und wählte die dort aufgeführte Nummer.

Hallo“, hörte ich. Wie verabredet, sagte ich nur: „Daniel.“

Kannst du heute noch nach Düsseldorf kommen?

Ja.“

Gut. Tonhalle. 14:00 Uhr“, sagte die Stimme.

Äh, was für eine Halle?“, fragte ich, weil ich diese Bezeichnung noch nie gehört hatte.

Tonhalle. Gib das einfach ins Navi ein, dann findest du dahin. 14:00 Uhr“, hörte ich noch, und die Verbindung brach ab.

 

Gut, also auf nach Düsseldorf. Ich überlegte, wenn ich sofort losfahre, hätte ich dort noch über zwei Stunden Zeit und könnte mir ein cooles Outfit verpassen.
Das hielt ich erst einmal für eine gute Idee. Konnte es mir jetzt auch leisten. Nach meiner Krankenhausentlassung fuhr ich mit dem Taxi zur Testamentseröffnung und erledigte alle Formalitäten.

Ich bat den Notar, für mich aus dem väterlichen Nachlass die Überweisung einer sechsstelligen Summe auf mein Girokonto zu veranlassen. Hunderttausend sollten für den Anfang reichen, war meine Überlegung.

Und ich freute mich schon diebisch auf den nächsten Besuch bei meiner Bank. Aber es war Wochenende, und ich musste mich noch gedulden. Doch bekanntlich ist die Vorfreude meist noch ein wenig schöner als das Finale…

 

Der sonst für mich zuständige und unnahbar-förmliche Bank-Angestellte ließ mich einige Zeit warten und hatte zunächst nur ein abfälliges Grinsen für mich übrig. Und als ich mich als gewöhnlicher Dispo- Kunde erfrechte, eine American Express Platinum Card zu beantragen, begann er mich gewählten Floskeln abzuwimmeln. Er machte sich nicht mal die Mühe, den Stand meines Kundenkontos aufzurufen.
Als er sich bereits abwenden und mich stehen lassen wollte, wurde auch ich ärgerlich. Es bedurfte meines lautstarken Hinweises, seinen Chef sprechen zu wollen, um den Vorgang mit diesem abzuwickeln. Einige Damen und Herren der anwesenden Kundschaft blickten nun irritiert zu uns hin. Ich musste mich wiederholen. Es blieb meinem Gesprächspartner deshalb nichts anderes übrig, als seinen Abteilungschef mit meiner Bitte zu konsultieren.

So geschah es, dass sich der Abteilungsleiter zu mir begab. Allerdings schien dieser ein wenig klüger zu sein. Denn als er nach einem Blick auf meinen Kontostand den Sachbearbeiter seinerseits und auserlesen höflich zur Seite schob sowie die Bedienung übernahm, konnte ich gut beobachten, wie schnell doch die Arroganz dieser Banker in Unterwürfigkeit wechseln konnte. Das war schon sehr beeindruckend. Mir wurden im Nachgang en passant Kredite und Finanzprodukte angeboten, für die ich vorher milde belächelt worden wäre, hätte ich auch nur danach zu fragen gewagt.

Aber Kredite brauchte ich nicht mehr. Um die Geldanlage würde ich mich in den nächsten Tagen kümmern. Ich wusste nur noch nicht, ob in diesem Geldinstitut.
Mit einem Augenzwinkern hatte ich den Herren von der Bank gegenüber erwogen, mich als Teilhaber in dieser Bank einzukaufen. Deren bescheuerter

Gesichtsausdruck hat mich dann doch sehr befriedigt.

Ich stieg in mein Auto und ließ es an der nächste Tankstelle volltanken.

Das heißt, ich wollte es volltanken lassen.

Aber der Bursche, es muss wohl der Lehrling gewesen sein, war einfach zu blöd, um das Tankschloss zu öffnen.

Ich bat ihn erst einmal seine Stöpsel aus den Ohren zu nehmen. Das machte er und fragte: „Was sagten Sie?“

Aus seinem Kopfhörer wummerte es so laut, das ich den Schrott, den er hörte, auch noch ertragen musste.

Ich sah in mitleidig an, sagte: „Volltanken, bitte“, und öffnete das Tankschloss.

Der Bursche griff sich die Zapfpistole, und noch bevor er die Tanköffnung erreichte, schoss der erste Schwall Benzin aus der Zapfpistole auf die Karosserie und

verfehlte die Tanköffnung nur knapp.

Der war wirklich völlig tumb. Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Vorgang selbst in die Hand zu nehmen.

Mit der rechten Hand griff ich die Zapfpistole und zeigte mit der Linken darauf. Den Burschen anblickend, deutete ich auf die Tanköffnung und sagte: „Da hinein.“

Dann steckte ich die Zapfpistole in die Tanköffnung und sagte: „Jetzt drücken, festklemmen und warten.“

Der Bursche guckte mich nur blöd an und pfropfte sich seine Stöpsel wieder in die Ohren - und ging. Ich glaubte es einfach nicht, riss mich aber zusammen, obwohl mir eher danach war, ihm was auf seine vollgedröhnten Ohren zu geben. Ich riss mich aber zusammen.

Mit einem Seufzer der Verzweiflung beendete ich den Tankvorgang dann selbst und bezahlte an der Kasse. Ich sah wie sich der Lehrling von den Zapfsäulen weg bewegte und unter den Entlüftungsrohren der Tankanlage stehen blieb. In aller Ruhe kramte er eine Kippe hervor und steckte sie sich in den Mund.

Er nahm sein Feuerzeug und zündete sich die Zigarette an.

Was sollte ich dazu noch sagen? Noch nicht einmal das Benzin hatte er weg- gewischt.

Waren Sie mit dem Service zufrieden?“, wurde ich von der Kassiererin auch

noch gefragt.

Nein, war aber `n netter Versuch. Lassen Sie den da noch ein wenig üben… Dankeschön“, erwiderte ich, deutete auf den völlig entspannten Lehrling vom Dienst, ließ mir aus purer Schikane das Wechselgeld bis auf den letzten Cent auszahlen und beeilte mich kopfschüttelnd hier vom Hof zu kommen.

Die Zeit, um das Benzin von der Karosserie zu wischen, nahm ich mir aber noch und drückte dem Lehrling das verschmutzte Papier in die Hand. Ich fürchtete aber, dass er es noch immer nicht begriffen hat…

 

Ich stieg ins Auto und fuhr in Richtung Autobahn.

Im Fahrzeug schaltete das vorprogrammierte Navi ein und fuhr los.

Die A 40 entpuppte sich einmal wieder als endlose Karawane verschiedenster Vehikel, die sich in Reih' und Glied auf der Autobahn in beide Richtungen bewegte.

Nach einer halben Stunde erreichte ich die A 52 und konnte endlich richtig Gas geben. Fünfzehn Minuten später war ich in Düsseldorf.

Ich suchte nicht lange nach einem freien Parkplatz und stellte meinen Wagen in einem Parkhaus ab.

Zu Fuß war es nicht mehr weit bis zur Königsallee, und ich machte mich mit meiner American Express Card bewaffnet auf den Weg zu meiner Shoppingtour.

Am Anfang war es schon ein geiles Gefühl mit der Karte, nicht zu vergessen American Express Platinum Card, zu bezahlen. Manch´ hübsche Verkäuferin wurde freundlicher, als es ihr Arbeitsvertrag forderte.

Verschiedene Kunden guckten nur neidisch. Andere bezahlten einfach nur bar und nuschelten etwas von teureren Preisen wegen der Kartenzahler.

Und das in einer Nobelboutique.

 

 

Am Ende meiner Einkaufstour trug ich nagelneue, legere Kleidung, und der Anblick im Spiegel gefiel mir gut.

Sicher wurde ich bis zur Tonhalle geleitet und fuhr auf den Besucherparkplatz.

Noch fünf Minuten. Ich blieb im Wagen sitzen und blickte ein wenig umher.

Es waren nicht viele Fahrzeuge auf dem Parkplatz. Eines fuhr gerade los und verließ das Gelände.

Noch eine Minute.

Pünktlich auf die Sekunde klingelte mein Handy.

Daniel“, meldete ich mich.

Steig aus, und gehe zum Rheinufer. Halte dich stromabwärts!“, forderte mich die Stimme auf.

Am Rheinufer angekommen, schlenderte ich die Promenade entlang. Stromabwärts, wie mir gesagt worden war.

Es war ein schöner, sonniger Tag, und viele Spaziergänger belebten die Szenerie. Eine Frau mit Kind, ein älteres Ehepaar, junge Leute, Skater, Jogger, das übliche freundliche Bild, wenn sich bei uns die Sonne blicken lässt. Mein Handy klingelte.

 

Ich nahm es zur Hand, meldete mich, aber eine Verbindung kam nicht zustande. Ich steckte das Handy wieder ein und ging weiter.

Ein Mann saß auf einer Bank und tätschelte seinen Hund. Ich ging daran vorbei und hörte: „Geh weiter, Daniel. Dreh dich nicht um, ich folge dir.“

Rechtzeitig unterdrückte ich den Impuls meinen Kopf zu wenden und ging stattdessen weiter.

Der Hund des Mannes tauchte neben mir auf und begann mich zu beschnüffeln. Er war nicht angeleint und fing an zu bellen.

Aus, Henri!“, vernahm ich einen Ruf und drehte mich um. Der Mann kam auf mich zu und sagte: „Entschuldigung, der mag Sie wohl.“

Dabei blickte er an mir vorbei, und die Bewegungen seiner Augen verrieten mir, dass er die Gegend checkte.

Okay, Daniel, gehen wir ein paar Schritte. Ist alles sauber, soweit ich es überblicken kann.“

Ich schaute mich jetzt selber um, konnte aber auch nichts Verdächtiges entdecken.

Eigentlich wusste ich ja nicht einmal, was verdächtig hätte sein können. Unauffällige Anzugträger vielleicht oder Typen mit Trenchcoat und Hut, keine Ahnung.

Nenne mich Ingo“, stellte er sich vor. „Hoyt hat mich informiert.“

Ich sah ihn mir jetzt etwas genauer an.

Ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Eine sportliche Figur und blondes, gelocktes Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, ließen ihn wie einen Althippie aussehen.

Grüß dich, Ingo“, sagte ich und reichte ihm meine Hand. Er hatte einen kräftigen Händedruck und blickte mir in die Augen.

Hoyt hat mir aufgetragen, dir zu helfen. Du bist so etwas wie ein VIP.

Bekommst Vorzugsbehandlung, dein Probleme sind jetzt meine Probleme.

Du verstehst mich?“

Ich glaube ja...“

Komm erst mal mit. Wir reden dort drüben weiter“, sagte Ingo und deutete auf ein Straßencafé.

Ingo nahm den Hund wieder an die Leine. Es war ein prächtiges Tier.

Ein Mischling, wie Ingo sagte. Mutter ein Pinscherbastard und der Vater ein Afghanischer Windhund.

Diese einzigartige Variante eines Hundes hatte rotbraunes Fell. An den Beinen, an den Schlappohren sowie an der Brust hatte er halblanges, dünnes seidiges Haar. Der Schwanz war kräftiger behaart, das hellbraune Kopfhaar war in der Mitte gescheitelt. Die langen Beine und die voluminöse Brust verrieten den Windhund in ihm. Er gefiel mir.

So einen oder keinen“, sagte ich zu Ingo und zeigte auf den Hund.

Ja, der ist schon einzigartig. Ich war bei seiner Geburt dabei und habe ihn und die anderen Welpen mit der Flasche großgezogen.“

Was war denn mit der Mutter?“, fragte ich.

Die ist zwei Wochen nach der Geburt abgehauen. Hab' sie danach nicht mehr gesehen.“

Wir erreichten das Café und setzten uns an einen Tisch, der gerade frei wurde.

Ingo bestellte einen Kaffee und ich einen Cappuccino.

 

Als ich sagte, dein Problem ist jetzt mein Problem, war das völlig ernst gemeint. Hoyt besteht darauf, dass ich dich mit allem versorge, was du benötigst und alles unternehme, was in meiner Macht steht, um dir zu behilflich zu sein.

Ich habe schon einiges vorbereitet. Du bekommst eine, was rede ich, mehrere neue Identitäten. Neue Legenden. Und vor allem die besten Ausweise und Pässe. Und natürlich Ausrüstung.“

Die Kellnerin erschien und servierte die Bestellung. Henri bekam automatisch eine Schale mit Wasser. Ingo wartete, bis die Kellnerin gegangen war und fuhr fort:

Du bekommst einen amerikanischen Pass. Original. Verstehst du, du bist in ein paar Tagen Amerikaner.“

Ich verstand nicht sofort.

Hat Hoyt seinen Spruch gesagt?“

Welchen Spruch?“

Der NSA ist gut, aber wir sind besser!“, mit gespielter Rhetorik phrasierte er Hoyt's Spruch.

Ja, das hat er“, antwortete ich grinsend.

Das heißt, du bist bald ein Ami. Die Pässe sind echt. Keine Fälschungen.

Es gibt demnächst in den Staaten Geburtsurkunden von dir. Sogar einen Collegeabschluss. Ich brauche übrigens noch Passbilder von dir, aber das machen wir später. Und jetzt erzähl mir bitte, was du weißt.“

Ich drehte mich um und sah die Leute, die mit uns draußen auf der Terrasse saßen.

Hier? Ich meine die Leute....“, flüsterte ich fast schon verschwörerisch.

Genau deswegen. Erinnerst du dich noch an das letzte Gespräch, das du in einem Café hörtest.“

Äh, nein, natürlich nicht.“

Siehst du, es hört nämlich keiner zu. So lange du nicht zu laut redest, hat jeder der Gäste uns vergessen, noch ehe er draußen ist. An Henri werden sie sich erinnern, aber nicht an ein Gespräch.

Also, fang´ an zu erzählen.“

Ich fing an und erzählte Ingo alles, was ich zu sagen hatte.

 

Krasser Scheiß“, murmelte Ingo, nachdem ich ihm alles mitgeteilt hatte.

Er bestellte noch einen Kaffee und mir einen Cappuccino. Hat aufgepasst, dachte ich, und sich mein bevorzugtes Getränk gemerkt.

Du hast dir da ganz schön was vorgenommen. Das wird heftig, sage ich dir, sehr heftig. Aber du bist nicht allein.

Ich werde dir jetzt von mir erzählen, damit du dir auch einen Eindruck von mir bilden kannst.

Als 1989 die Mauer fiel, hieß das für mich, dass ich bald arbeitslos bin. Als Spion für die DDR hatte ich keine Zukunft. Guck nicht so, ja, ich war Spion. Erich Honecker hat mich sogar im Krankenhaus besucht und mir für meine Verdienste für den Arbeiter- und Bauernstaat gedankt.

Aber glaub mir, wenn dir einmal Bambussplitter unter die Fingernägel gesteckt werden, dann scheißt du auf jedes Dankeschön. Ich war in El Salvador, Vietnam, Angola und überall da, wo sich sozialistischer Widerstand regte.

Ich versorgte Guerillas mit Waffen, Ausrüstung und Know how.

Was glaubst du, wie alt bin ich?“

Mitte fünfzig.“

Ich bin dreiundsechzig.“

Oh!“, entfuhr es mir. „Hast dich gut gehalten.“

Gut gehalten ist untertrieben. Ich trainiere dafür, jeden Tag. Aber zurück zum Thema: Die ersten Jahre nach dem Mauerfall waren nicht sehr ertragreich für mich. Ich entschloss mich zu den Privaten zu wechseln und habe dann für verschiedene Ermittlungsdienste gearbeitet, allerdings nicht für den BND oder Verfassungsschutz, weiß auch nicht warum. Wahrscheinlich eine innere Sperre, keine Ahnung. Meine Kontakte waren dabei ganz hilfreich. Aber einmal saß ich so richtig in der Scheiße. Hoyt half mir, da heraus zu kommen. Seitdem arbeite ich für ihn.“

Irgendwie kam mir das bekannt vor.

Wie geht es jetzt weiter?“, wollte ich wissen.

Wie gesagt, ich brauche noch Passbilder und Fingerabdrücke von dir. Das erledigen wir gleich.

Die Pässe kannst du dir nächste Woche abholen. Lass uns gehen.“

Ingo winkte die Kellnerin heran, um zu bezahlen, aber diesmal war ich schneller und legte noch ein gutes Trinkgeld dazu.

Wir gingen in Richtung Stadtmitte und gelangten zu einem Fotografen, der einen kleinen Laden betrieb.

Lass dir hier die Passbilder machen, ich warte solange und gehe mit Henri noch ein paar Schritte“, sagte Ingo und ging mit dem Hund weiter.

Ich betrat den Laden, und ein kleiner, älterer Herr begrüßte mich freundlich.

Eine Viertelstunde später verließ ich mit den neuen behördlich vorgeschriebenen Passbildern das kleine Fotostudio. Draußen warteten bereits Ingo und Henri. Ingo nahm die CD mit den Bildern in Empfang und machte die Fingerabdrücke von mir.

Wir trennen uns hier. Denk daran, nichts zu überstürzen, Daniel. Du musst als erstes wieder fit werden. Hoyt wird schon einiges herausfinden, verlass dich drauf.

In drei Tagen rufe ich dich an, dann bekommst du neue Papiere und die Ausrüstung.

Also, wir sehen uns nächste Woche“, erklärte Ingo und gab mir die Hand. Mit einem festen Händedruck verabschiedete ich mich von ihm und ging zurück zu meinem Wagen.

Die Rückfahrt war nervig, überall Staus und zähfließender Verkehr.

Ich verließ die Autobahn und fuhr über die Bundesstraßen zurück nach Dortmund.

 

Daniel, komm rein“, begrüßte mich Dieter. „Ich hab einen Raum vorbereiten lassen, in dem wir uns austoben können. Ein ehemaliger Meister hat uns sein

Dojo überlassen. Er hatte bis letztes Jahr dort seine Kampfschule. Du kennst sie, Kampfsportschule „Toshi“, erinnerst du dich?“

Ich erinnerte mich. Ich hatte dort, vor Jahren, mit Dieter einige Trainingseinheiten absolviert und auch den Meister kennengelernt.

Es war ein ehemaliger Kampfschwimmer der deutschen Bundeswehr und Jiu-Jitsu Großmeister. Er besaß den 9. Dan und war Träger des rot-weißen Gürtels. Es gab damals nur sehr wenige in Deutschland, die in Jiu-Jitsu einen so hohen Rang erreichten. Berufsbedingt war er ohnehin Spezialist für Nah- und Fernkampf.

Sein Dojo befand sich in einer angrenzenden kleinen Ortschaft am nordwestlichen Rand von Dortmund: Castrop- Rauxel. Ich fragte mich damals schon, warum ein so fähiger Meister der Kampfkunst ausgerechnet in einem solchen Nest sein Dojo hatte.

Aber eine Antwort erfuhr ich nie. Vielleicht was es auch nur Zufall.

Über die Wirksamkeit von Jiu-Jitsu erfuhr ich allerdings etliches. Es gibt kaum einen besseren Nahkampf als eben diesen. Nicht ein einziges Mal konnte ich mit meinen Techniken diesem erfahrenen Kämpfer auch nur annähernd gefährlich werden. Jeden meiner Angriffe blockte er ab. Und das mit einer

bewundernswerten Leichtigkeit.

Er parierte Schlagkombinationen oder Tritte mit der Souveränität eines erfahrenen Meisters, nutzte meine eigene Kraft gegen mich aus und ständig lag ich auf der Matte. So manches Mal wusste ich überhaupt nicht, was er eigentlich gemacht hatte, so schnell ging das.

Auch Dieter hatte gegen ihn keine Chance. Allerdings sah er während eines Kampfes mit dem Meister wesentlich besser aus als ich.

Jedenfalls dauerte es etwas länger, bis auch Dieter kampfunfähig auf der Matte lag. Ich war so beeindruckt, dass ich mir vornahm, mich in Jiu-Jitsu ausbilden zu

lassen. Doch irgendwie kam damals bekanntlich alles anders, und ich verlor den Kontakt zu Dieter und auch zu „Toshi“.

Das soll sich ab heute ändern, nahm ich mir fest vor.

 

Dieter stieg zu mir ins Auto, und wir fuhren los.

Dass wir heute nicht physisch trainieren werden, ist dir ja wohl klar, Alter“, begann Dieter das Gespräch.

Wie meinst du das?“, wollte ich wissen.

 

Du bist noch zu schwach. Bevor wir anfangen, wird ein chinesischer Freund von Tosh sich deiner annehmen. Wir treffen ihn im Dojo.“

Tosh war der Spitzname des Meisters der Kampfsportschule „Toshi“.

Was will denn dieser chinesische Freund von mir?“

Ich habe Tosh von deiner Verwundung erzählt, sein Freund ist Doktor der Medizin und auch Meister der chinesischen Heilkunst.

Tosh glaubt, dass er dir helfen kann. Du solltest das Angebot annehmen. Ich habe ein gutes Gefühl.“

Wir werden sehen“, sagte ich.

Zehn Minuten später kamen wir an. Von außen deutete nichts darauf hin, dass sich im Inneren ein Dojo befand. Die komplette Werbung war abmontiert, nur an der Türklingel stand: „Toshi“.

Dieter klingelte dreimal kurz, und wenig später öffnete Tosh persönlich die Tür.

Hallo Dieter, grüß' dich“, empfing uns Tosh. „Du musst Daniel sein. Dieter hat von dir erzählt. Aber kommt erst mal rein.“

Wir traten ein und wurden durch einen kleinen Korridor ins Innere geleitet.

Dieter erwähnte, dass du hier schon trainiert hast. Ich erinnere mich zwar nicht an dich, aber ich hatte auch sehr viel Schüler“, sagte Tosh und blickte mich an.

Ich war auch kein Schüler. Ich war nur ein paar Mal mit Dieter hier. Ich hätte damals gern hier Jiu-Jitsu gelernt, aber gewisse Lebensumstände kamen dazwischen.“

Das erklärt einiges. Aber lasst uns erst einmal etwas trinken. Kaffee oder Tee?“, fragte Tosh.

Tee wäre sehr nett“, antwortete Dieter und zwinkerte mir zu.

Ja, bitte für mich auch einen Tee“, stimmte ich zu.

Prima, ich kümmere mich darum. Wird ein paar Minuten dauern. Dieter, bitte zeige dem Gast das Dojo. Ich bin gleich wieder da.“

Tosh verschwand in einem Nebenraum, und ich ließ mich von Dieter zum Dojo führen. „Schuhe aus, bevor du eintrittst“, forderte Dieter mich auf.

Selbstverständlich, ich habe nichts von den Regeln vergessen. Keine Sorge“, antwortete ich.

Wir legten unsere Schuhe ab und betraten den Übungsraum.

Eine deutsche und eine japanische Flagge bedeckten einen Teil der Wand, auf die wir beim Hineinkommen blickten.

Wir nahmen Haltung an und verbeugten uns leicht vor den Flaggen. Damit war dem Budogeist Ehre getan, und wir gingen durch das Dojo.

Verschiedene Ausrüstungsgegenstände sowie diverse Waffen, wie man sie aus Kung-Fu Filmen kennt, waren hier ordentlich zurechtgelegt oder an der Wand befestigt.

Wurfsterne, ein Katana, Speere, Kampfstöcke, ein japanisches Kampfmesser mit gebogener Klinge, Tanto genannt, Körperpanzer und vieles mehr war hier ausgestellt.

Wirkt schon fast wie ein kleines Museum, dachte ich mir.

Nach ein paar Minuten bat Tosh uns in den Nebenraum, wo wir Platz nahmen und Tee eingeschenkt bekamen.

Wird hier noch unterrichtet?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.

Nein, ich habe dieses Dojo, sagen wir mal, aus Gründen der Sentimentalität nicht aufgegeben. Es ist, es war, mein erstes Dojo. Jetzt habe ich mehrere Schulen und lasse trainieren. Meine Knie machen nicht mehr so richtig mit, und außerdem bin ich auch nicht mehr der Jüngste.“

Ich hatte bisher nicht so recht darauf geachtet, aber tatsächlich hatte er sein Rentenalter wohl schon erreicht.

Scheiße, die Zeit vergeht schneller als man gucken kann.

Ja, wir sind Geiseln der Zeit, und nichts kann uns befreien.

Nun zu dir, Daniel“, sagte Tosh. „Dieter hat mir nur einen groben Umriss deiner Situation geschildert. Mehr muss ich auch nicht wissen. Wenn Dieter sich für dich so einsetzt, werde ich euch helfen. Ich überlasse euch mein Dojo solange es nötig ist. Ich werde dir beim Wiederaufbau deiner Kondition helfen und deine kämpferischen Fähigkeiten verbessern.

Aber zuerst musst du fit werden. Dabei wird dir mein Freund Cheng Li helfen.“

Als wäre es das Signal gewesen, klingelte es. „Das wird er sein“, bemerkte Tosh und ging zur Tür.

Kurz darauf erschien er in Begleitung eines steinalt aussehenden kleinen

Chinesen.

Daniel, das ist mein Freund, Herr Cheng Li“, stellte Tosh mich vor.

Verehrter Herr Cheng Li, das ist Daniel, ein ehemaliger Schüler. Bitte hilf ihm, und lass ihn deine Heilkunst erfahren.“

Ich verbeugte mich leicht und gab dem Chinesen meine Hand.

Ich freue mich, dich kennen zu lernen, Herr Daniel“, erwiderte Cheng Li in perfektem Deutsch und verbeugte sich ebenfalls leicht. Er hatte ein sehr gewinnendes Lächeln, und ich fand ihn Anhieb sympathisch.

Erst jetzt bemerkte ich, dass er einen kleinen Koffer bei sich trug.

Verehrter Herr Cheng Li, darf ich einen Tee anbieten?“, fragte Tosh.

Sehr gerne, Meister Klaus.“ Tosh hieß mit Vornamen also Klaus.

Wieder etwas dazu gelernt.

Nach der Teezeremonie kam Cheng Li gleich zur Sache.

Herr Daniel, darf ich mir Ihre Verletzung ansehen?“

Ja, selbstverständlich“, antwortete ich und begann meinen Oberkörper frei zu machen.

Cheng Li besah sich meinen Rücken und dann meine Brust. Ich spürte seine Finger über die Narben gleiten.

Dann drückte er an gewissen Stellen und murmelte etwas auf Chinesisch.

Ein paar Minuten später war die Begutachtung vorüber.

Herr Daniel“, begann Cheng Li und schaute mir in die Augen. „Die Wunden sind sehr gut verheilt. Das Narbengewebe sieht gut aus. Ich habe eine kleine Knochenabsplitterung bemerkt, aber das ist nicht so schlimm. Ich denke, die Chirurgen haben eine sehr gute Arbeit geleistet. Ich werde dir mit meiner Heilkunst nun helfen, Dich schneller zu regenerieren. Dazu brauche ich dein Einverständnis. Eine Bitte habe ich aber noch.“

Und die wäre?“, fragte ich.

Ganz einfach, stelle keine Fragen und glaube an das, was ich tun werde.“

Okay, ich werde mich daran halten“, antwortete ich.

Dann, lass uns beginnen. Meister Klaus, ich brauche einen Tisch und eine Decke.“

Tosh machte sich mit Dieter daran, das Geforderte zu besorgen.

Als der Tisch aufgestellt war, legte Cheng Li die Decke darüber, und ich musste mich auf den Tisch legen.

Cheng Li öffnete seinen Koffer, und ich sah eine Menge Zeugs, mit dem ich erst einmal nichts anfangen konnte. Bis auf eines: eine Unmenge Akupunkturnadeln.

Bisher kannte ich nur Theoretisches über die Akupunktur. Praktische Erfahrung besaß ich nicht. Das würde sich aber schon bald ändern, wie ich vermutete.

Cheng Li begann seine Behandlung, indem er die Nadeln an verschiedenen Körperstellen in meine Haut stach. Völlig schmerzfrei. Dann schlief ich ein.

Unvermittelt erwachte ich plötzlich und sah aus wie ein Igel. Überall steckten die Nadeln in meinem Körper.

Wie lange war ich weg?“, fragte ich. Das heißt, wollte ich fragen, aber kein Laut kam über meine Lippen. Ich war paralysiert.

Du hast eine Stunde geschlafen. Es war ein heilender Schlaf. Wir werden morgen weitermachen“, erklärte Cheng Li, als ob er meine Frage geahnt hatte und begann die Nadeln zu entfernen. Die Paralyse ließ nach, und ich konnte mich wieder frei bewegen und sprechen.

Ich fühlte mich gut, richtig gut und sogar ein wenig kräftiger als vorher.

Danke“, sagte ich. „Wie haben Sie das gemacht?“

Herr Daniel, hatten Sie nicht versprochen auf Fragen zu verzichten?“

Wo er Recht hat, hat er Recht. Also keine weiteren Fragen.

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und verabschiedeten uns.

Ich fuhr mit Dieter zurück nach Dortmund.

Zuhause angekommen, bestellte ich mir bei Pizza Avanti eine große Frutti di Mare und verzehrte sie mit Genuss. Und ein Bier in Ehren, kann niemand verwehren, dachte ich - einmal in Hochstimmung - und holte meine letzte Flasche aus dem Kühlschrank. Anschließend schaltete ich den Fernseher an und schlief bald ein.

 

Die nächsten zwei Behandlungen ließ ich gern über mich ergehen. Ich fühlte mich danach immer sehr gut und spürte, wie die Kraft kontinuierlich in mir wuchs.

Am nächsten Tag meldete sich Ingo bei mir, und wir verabredeten uns für den nächsten Morgen wieder in Düsseldorf.

Wir trafen uns an der altbekannten Stelle auf der Promenade am Rheinufer. Ingo's Hund Henri freute sich und begrüßte mich schwanzwedelnd. Ich mochte dieses Tier, der hatte irgendetwas an sich, das mich innerlich ansprach.

Ingo kam gleich zur Sache.

Deine Papiere sind fertig. Du bist jetzt Amerikaner. Reisepass, Identity Card und Führerschein habe ich bei mir im Auto. Ein paar andere Sachen bekommst du später. Ich habe eine Bitte. Du könntest mir bzw. Henri helfen.“

Ja gern, was soll ich tun?“, fragte ich zögernd.

Hoyt gab mir den Auftrag nach Istanbul zu fliegen, um Aslan Export vor Ort unter die Lupe zu nehmen.

Zurzeit habe ich extremen Stress mit meiner Freundin, und ich weiß nicht, wo ich Henri lassen soll.“

Kein Problem Ingo, ich nehme ihn gerne für ein paar Tage bei mir auf. Ich glaube der mag mich.“

Ach, der mag eigentlich jeden, der nett zu ihm ist. Jedenfalls danke, dass du ihn versorgst, während ich weg bin. Dann lass uns zu meinem Wagen gehen.

Dort bekommst du noch ein paar andere Dinge, die du brauchen kannst.“

Wir gingen ein paar Minuten am Ufer entlang und erreichten Ingo's Auto. Ein klapperiger, alter Renault 4 Kastenwagen aus den 80ger Jahren stand auf einem Parkplatz und rostete vor sich hin.

Ingo öffnete die Heckklappe und Henri sprang gleich hinein.

Ingo holte unter einer alten Decke einen Aktenkoffer hervor und mir überreichte ihn mir.

Darin sind deine Pässe. Sowohl der amerikanische als auch ein neuer deutscher Reisepass, Personalausweis und selbstverständlich Führerscheine.

Denk daran, das sind Originale. Zu allem gibt es eine entsprechende Legende, die Informationen dazu musst du dir anlesen und merken; schau dazu bitte mal in die Mappe hinein.

Weiterhin findest du ein GPS-Handy, abhörsicher, garantiert. Selbst der amerikanische NSA bräuchte mindestens drei Minuten, um den Code zu knacken. Und in dieser Zeit lässt sich viel erzählen, du verstehst?“

Ich denke schon“, antwortete ich.

Gut. Meine Nummer und die von Hoyt sind gespeichert. Kannst du mit einer Waffe umgehen?“

Eine Waffe? Du meinst eine Schusswaffe?“

Na, bestimmt keine Wasserpistole. Natürlich eine Schusswaffe. Hoyt hat darauf bestanden. Ist halt ein Ami. Die sind so.“

Ich habe noch nie mit einer Pistole geschossen.“

Dann lerne es. Es ist eine Heckler & Koch P8, 9mm, 15 Schuss im Magazin.

Eine Schachtel mit Reserve-Munition liegt dabei. Natürlich auch ein Waffenschein, du brauchst also keine Angst vor einer Kontrolle haben.“

Ich nahm den kleinen Koffer und stellte ihn neben mir auf den Boden.

Ingo ließ Henri aus dem Wagen und gab mir die Leine in die Hand.

Dann zog er einen Rucksack aus dem Auto.

Darin ist sein Lieblingsfutter. Seinen Fressnapf, und ein paar Leckerchen habe ich auch noch dazu gelegt.

Ich gebe ihm zweimal täglich zu fressen. Dazu mische ich das Trockenfutter mit Dosenfleisch. Er frisst aber auch gerne gekochtes oder gebratenes Fleisch. Sein Leibgericht ist, rate mal...Linsensuppe.“

Linsensuppe?“ Ich schüttelte erstaunt meinen Kopf, Sachen gibt´s.

Ja, wirklich, der macht schon ein Tänzchen, wenn er die Suppe nur riecht. Kann auch aus der Dose sein. Das ist ihm egal. Ich kannte mal jemanden, dessen Hund fraß am liebsten Sauerkraut mit Kartoffeln, kaum zu glauben.“

Ich schulterte den Rucksack und nahm den Koffer in meine Hand.

Ich begleite dich noch zu deinem Wagen, Daniel. Dann verabschiede ich mich. Mein Flieger hebt in drei Stunden ab. Sobald ich etwas weiß, informiere ich Hoyt und dich.“

Wir gingen zu meinem Auto.

Feines Gefährt, war auch mal ein Traumauto von mir. Liegt leider über meiner Gehaltsklasse.“ Ingo's Begeisterung war nicht gespielt. Wenn alles vorbei war, sollte sein Traum wahr werden, nahm ich mir vor.

Während ich das Gepäck verstaute, kuschelte Ingo mit seinem Hund drückte ihn zum Abschied ganz fest. Ich sah eine Träne seine Wange hinabkullern und war gerührt.

Wir gaben uns zum Abschied die Hand und klopften uns auf die Schulter.

Viel Erfolg, Ingo. Pass auf dich auf“, sagte ich zu ihm.

Pass du gut auf Henri auf. Wir sehen uns.“

Ingo drehe sich um und ging zurück zu seinem Wagen.

Ich ließ Henri auf der rückwärtigen Sitzfläche Platz nehmen, mein Cabrio war ein zweisitziges Modell, und Henri machte eine gute Figur darin.

Dann stieg ich ein, befestigte die Hundeleine, damit mir der Hund nicht während der Fahrt herausspringen konnte und fuhr los. Henri winselte ein wenig und blickte ständig hin und her. Er vermisste sein Herrchen.

Ich ließ das Stahldach im Kofferraum versinken und fuhr los.

Der Tag war angenehm warm, und schon bald sah ich, wie auch Henri die Fahrt im offenen Cabriolet genoss.

 

Ich saß ich abends auf meiner Couch, Henri kuschelte sich neben mir ein und winselte leise. Er vermisste sein Herrchen noch immer. Da blieb nur eines: noch einige Streicheleinheiten.

Vor mir stand der Aktenkoffer. Ich öffnete ihn und klappte ihn auf.

Natürlich war die Waffe das Auffälligste. Sie lag in Schaumstoff eingebettet und sah kleiner aus, als ich es aus Filmen kannte.

Ich nahm sie heraus, nicht allzu schwer lag sie in meiner Hand und hatte so eine gewisse Eleganz.

Sie erinnerte mich sofort an die James Bond 007-Filme, aber der trägt ja bekanntlich eine Walther PPK oder die Walther P99.

Ich legte die Waffe beiseite. Dieter würde mir zeigen, wie man sie richtig benutzt. Ich wusste, dass er selbst einen 38ger Colt, Stumpfnase, also mit sehr kurzem Lauf besaß, aber meines Wissens noch nie benutzt hatte.

Hatte er ja auch nicht nötig, er konnte fast alles mit Handarbeit erledigen.

Dann sah ich mir die Pässe an. Zuerst den amerikanischen. Ich klappte ihn auf und las meinen neuen, amerikanischen Namen.

Dan Strayner. Das passte optimal. Zur Sicherheit schaute ich noch ins

Berlitz Wörterbuch und fand Strainer - Sieb.

Er brauchte meinen Namen gar nicht groß zu ändern.

Daniel Siebe = Dan Strayner, Klasse. Meine Heimatstadt war Savannah, im Staat Georgia.

Klingt sehr schön, dachte ich. Es erinnerte mich aber an irgendetwas, ich kam nur noch nicht gleich darauf.

Doch, natürlich! Savannah Woman, ein Song von Tommy Bolin. Einer der Lieblingsgitarristen meines Vaters.

Meine Mutter und mein Vater hatten sich bei seinem letzten Konzert als Vorgruppe für Jeff Beck in Miami 1976 kennengelernt. Einen Tag später starb Tommy Bolin: zu viel Heroin und Alkohol. Nur die Besten sterben jung..., dachte ich in einem Anflug von Sentimentalität.

Mein Vater hatte damals zwei Jahre in den Staaten studiert und war wegen dieses Konzertes mit seiner Harley nach Florida gefahren.

Lange her, dachte ich. Verdammt lang her. Ich war traurig.

Später erfuhr ich, das Hoyt auf Tybee Island, in der Nähe von Savannah, eine Villa besaß und ich dort meine amerikanische Adresse hatte.

Nun wusste ich, dass Hoyt und mein Vater wirklich gute Freunde gewesen waren.

Doch nun zum neuen deutschen Pass.

Mein neuer, deutscher Name war Dennis Seibert.

Alle Papiere wirkten sehr echt. Keine Fälschungen, hatte Ingo gesagt. Das heißt dann, die Papiere sind echt.

Der NSA ist gut, aber wir sind besser, fiel mir ein. Der Spruch hatte dann wohl seine Berechtigung.

Das GPS- Handy war von Motorola, handlich und so groß wie ein Brillenetui.

Ich schaltete es ein und ein leiser Piepton erklang. Kurz darauf klingelte es, ich schaute verdutzt auf das Display, worauf Hoyt's Name erschien. Ich ging ran.

Hallo“, sagte ich.

Hallo Daniel“, begrüßte mich Hoyt. „Wundere dich nicht, dass ich anrufe. Immer wenn du das Handy einschaltest, erhalte ich eine SMS und weiß dann wo du bist. Praktisch, nicht wahr?“

In der Tat“, antwortete ich. „Hast du schon etwas herausgefunden?“

Ja und Nein. Ja, Katrin ist in den Staaten. Nein, wir wissen nicht, wo sie lebt oder arbeitet. Van Straalen hat hier ein regelrechtes Netzwerk, und sie könnte überall sein. Aber wir bleiben dran. Ingo ist soeben in Istanbul gelandet und wird morgen Aslan Export aufsuchen. Was macht deine Gesundheit? Wirst du wieder fit?“

Und ob, zurzeit behandelt mich ein Chinese. Akupunktur und so.“

Ich erzählte Hoyt von Dieter, Tosh und Herrn Cheng Li.

Klingt nicht schlecht. Von Akupunktur verstehen die Chinesen schon etwas. Ich glaube, du bist auf einem guten Weg“, kommentierte Hoyt meinen Bericht.

Ingo gab mir den Koffer mit den Pässen und der Waffe. Ich komme mir vor wie ein Geheimagent“, erklärte ich Hoyt.

Bei deinem Vorhaben, Daniel, wäre es besser, du wärst einer, glaub´ mir.

Mach dich mit der Waffe vertraut, ist besser. Denk daran, es war ein Profi, der deinen Vater getötet hat. Ob du den mit Worten erledigen kannst, bezweifele ich. Du musst bald lernen, wie ein Profi zu denken und wie ein Geheimagent zu handeln, wenn du verstehst was ich meine. Also sieh zu, dass du fit wirst.

Du hast noch viel zu lernen. Ich melde mich, sobald es neue Informationen gibt.“

Hoyt beendete das Gespräch, und ich widmete mich wieder meiner Ausrüstung.

Noch etwas lag dabei, es sah aus wie eine kleine Hantel.

Ich nahm es heraus und fühlte, dass dieses Ding irgendwie gut in der Hand lag. Zu beiden Seiten meiner geschlossenen Faust ragten kleine, etwa drei

Zentimeter durchmessende Kugeln heraus. Ich hatte keine Ahnung was das sein sollte und legte es wieder zurück.

Vielleicht konnte Dieter mir sagen was das ist. Ich rief ihn an und beschrieb ihm dieses Ding.

Alter, das ist eine Schlagwaffe. Bei den Ninjas wird es Kongό sho genannt, nur mit dem Unterschied, dass an den Seiten gebogene Krallen anstelle von Kugeln heraus ragen. Es gibt eine Romanfigur in Peter O' Donnells, „Modesty Blaise.“

Ich hab früher fast alle Romane gelesen. Die trug immer einen Kongo mit sich. Die Waffe ist optimal zum Betäuben eines Gegners. Aber auch, um zu töten. Triffst du mit den Kugeln deinen Gegner, erreichst du eine große Schlagwirkung auf kleiner Fläche.

Du sagst das Ding ist aus Stahl, also auch tödlich, wenn du den Schädel entsprechend hart erwischst. Das ist ein Totschläger, pass' also auf, wen du damit bearbeitest.“

Gut, also einen Totschläger besaß ich nun auch, aber für den gab es keinen Waffenschein. Wie sollte ich den bei mir tragen ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen?

Ich schaute mir den weiteren Inhalt an, nahm die Schaumstoffunterlage heraus und fand einen Gürtel. Allerdings ohne Schnalle. Lediglich zwei Klemmen an den Enden und ein paar Druckknöpfe.

Ich legte ihn um, drückte die Knöpfe zusammen und tatsächlich fügte sich der Kongo passgenau in die Klemmen ein, und der Gürtel saß perfekt. Ein als Gürtelschnalle getarnter Totschläger also, gut ausgedacht.

Ich schaute mir den Gürtel genauer an, vielleicht barg der noch weitere Überraschungen. Tatsächlich fand ich in der Mitte eine offene Lasche. In der verbarg sich die Klinge eines Teppichmessers.

Wozu?, fragte ich mich. Aber schon bald dämmerte es mir. Ganz klar, wenn meine Hände hinter meinem Rücken gefesselt sind, könnte ich mich mit Hilfe der Klinge befreien, solange es keine Handschellen sind. Aber Stricke oder Kabelbinder könnte ich damit problemlos durchschneiden. Gute Idee.

Ich fand eine weitere Lasche, in der ein kleines Kreuz aus Metall eingebettet war. Die vier Enden des Kreuzes waren alle verschieden gearbeitet, abgerundet, abgeflacht, spitz und das letzte mit einer winzigen Röhre.

Damit könnte ich sogar Handschellen öffnen.

Hoyt denkt aber auch an alles, und der frische Geheimagent in mir bewunderte die Weitsicht des Freundes aus den USA.

Später sollte ich aber erfahren, dass es Ingo war, der mir diese Gimmicks eingebaut hatte. Klar, als ehemaliger Spion hat man so etwas drauf.

Allerdings hoffte ich, diese Dinge niemals gebrauchen zu müssen.

Ich packte alles in den Koffer zurück und klappte ihn zu. Für heute hatte ich genug Geheimagent gespielt. Außerdem wollte Henri etwas zu fressen.

Aber heute sollte es keine Linsensuppe für ihn geben, die wollte ich ihm erst morgen kaufen.

 

Die Akupunktur half mir sehr, Herr Cheng Li half mir aber nicht allein damit.

Er verabreichte mir einige seltsame Tinkturen, bitter, salzig, süß und sauer schmeckende Substanzen oder getrocknetes, merkwürdig aussehendes Zeug, von dem ich lieber nicht wissen wollte, was es war und woher es stammt.

Aber er glaubte fest an deren Wirkung, und ich ergab mich der Hoffnung, dass er weiß, was er da verabreicht. Hauptsache es hilft.

Drei Tage nach dem letzten Gespräch mit Hoyt klingelte das GPS- Handy.

Hallo“, meldete ich mich.

Hoyt. Daniel, ich habe schlechte Nachrichten. Ingo liegt schwer verletzt in einem Krankenhaus in Istanbul. Er ist zurzeit nicht ansprechbar. Die Ärzte sind sich auch nicht sicher, ob er durchkommen wird.“

Was ist passiert?“, fragte ich, während mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter lief.

Er hatte einen schweren Autounfall.

Die Umstände sind noch völlig unklar, die Polizei dort ist nicht gerade die hellste, und man muss für jede Information bezahlen. Am Telefon habe ich also so gut wie nichts erfahren. Wir haben sofort einen weiteren Mann dorthin geschickt, seinen Anruf erwarte ich schon bald. Ich werde dich sofort informieren. Was wir bis jetzt wissen ist, dass sein Auto aus einer dreißig Meter tiefen Schlucht geborgen wurde, natürlich völlig zerstört.“

 

Das waren tatsächlich keine guten Nachrichten. Ingo schwebte in Lebensgefahr, wir wussten nicht, was er herausgefunden hatte und ob dies im Zusammenhang mit seinem Unfall stand.

Wenn er es nicht überstehen sollte, ja, dann hatte ich einen Hund. Beschämt über meinen egoistischen Anflug, machte ich mir Selbstvorwürfe. Doch gedacht ist gedacht. Ich hoffte, dass es unser aller große Chef bei einer Ermahnung bewenden ließ.

Ich blickte Henri an. So wie er auf der Couch lag, schien er sich bei mir recht wohl zu fühlen. Naja, die Linsensuppe mit Mettwurst hatte ihm sichtlich gut geschmeckt. Aber in meiner jetzigen Situation konnte ich ihn eigentlich gar nicht gebrauchen, ich musste mir irgendetwas einfallen lassen. Andererseits mochte ich dieses Tier, und wenn Ingo es nicht schaffen sollte, wollte ich vermeiden, dass er ins Tierheim oder wieder in andere Hände musste.

Ich schob dieses Problem aber erst einmal auf, nahm die Leine und ging mit Henri

spazieren.

Am nächsten Tag rief mich Hoyt wieder an.

Hallo Daniel, unser Mann vor Ort hat sich gemeldet. Ingo's Zustand ist stabil, er schwebt nicht mehr in akuter Lebensgefahr, ist aber noch nicht ansprechbar.

Sobald es sein Zustand erlaubt, wird er mit der Flugambulanz in die USA gebracht. Er bekommt dort die beste medizinische Hilfe der Welt, dafür habe ich gesorgt. Unser Mann hat in Istanbul allerdings etwas Wichtiges herausgefunden. Seinen Recherchen zufolge wurde etwa eine Stunde vor Ingo's Unfall Tarik Dogan ermordet. Du weißt schon, dem Besitzer von Aslan Export.“

Doubleshot?“, fragte ich.

Wissen wir nicht. Vielleicht. Er muss ja nicht unbedingt bei jedem Anschlag gleich zwei Personen töten. Aber es wäre auch möglich, dass jemand anderes dahinter steckt. Wir wissen auch nicht sicher, ob es überhaupt einen Zusammenhang zu unserem Fall gibt. Allerdings glaub´ ich selbst nicht an einen solchen Zufall. Ich denke da eher an Konsequenzen. Für Dogan tödliche Konsequenzen. Ingo wird uns dazu mehr sagen können, hoffe ich.“

Ich fühlte mich ein wenig erleichtert, Ingo schwebte also nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr. Möglicherweise hatte er etwas herausgefunden, dessen Konsequenz der Unfall war. Doch erst einmal konnten wir nur abwarten und hoffen, dass Hoyts Mann in Istanbul zusätzlich etwas ermitteln konnte.

 

Heute Abend wollte ich mit Dieter zunächst die ersten Trainingseinheiten absolvieren.

Herr Cheng Li gab grünes Licht dafür, allerdings mit der Maßgabe, erst einmal für Kondition zu sorgen. Er wollte selbst einige Übungsanweisungen geben, die speziell dafür geeignet waren meine Rekonvaleszenz zu beschleunigen.

Qigong und Thai- Chi wären dazu sehr geeignet, versicherte Herr Cheng Li.

Spät abends fühlte ich mich entsprechend müde und ausgelaugt.

Ich wollte nur noch ins Bett und ausgiebig schlafen. Aber Henris Blick sagte mir nur eines: wacker nach draußen, Druck ablassen. Also ging ich noch mit dem Hund spazieren und legte mich anschließend hin. Henri gesellte sich zu mir und zusammen schliefen wir selig den Schlaf der Gerechten.

Der nächste Abend war nicht weniger anstrengend, und wieder kam ich entsprechend ermattet nach Hause, doch Henri forderte gnadenlos seinen Abendspaziergang. Und so geschah es auch.
Hoyt hatte sich bis jetzt noch nicht gemeldet.

Ich wusste nicht, ob das gut oder eher schlecht war. Aber ich konnte ohnehin nur abwarten.

Am nächsten Tag rief Hoyt an und teilte mir mit, dass Ingo auf den Weg in die USA war und ein Ärzteteam der Spitzenklasse auf ihn wartete.

Das waren also erst einmal gute Nachrichten.

Mein Training ging am Abend weiter, und ich ließ die bekannten Prozeduren des Herrn Cheng Li über mich ergehen. Müde wankte ich spät abends mit Henri ins Bett und schlief bis in die späten Morgenstunden.

 

Danach begann ich endlich, mich mit meinen Pflichten zu befassen. Als erstes war Dieters Anruf fällig: „Guten Morgen Dieter“, begrüßte ich meinen Freund am Telefon.

Alter, n' Morgen. Alles klar?“

Yo, ich brauch deine Hilfe.“

Wobei?“, fragte Dieter.

Schusstechniken“, antwortete ich knapp.

Ich verstehe, komm zu mir, in einer Stunde, okay?“, sagte Dieter.

Okay.“

Eine Stunde später war ich bei ihm und zeigte Dieter meine Waffe.

Alter, das ist der Hammer. Militärausführung. Nicht schlecht“, kommentierte Dieter und nahm die Waffe in die Hand.

Ich steh ja mehr auf Trommelrevolver, die haben keine Ladehemmung. Aber mit dem Teil liegst du ganz vorne, beste Qualität. Ja, dann lass uns mal in den Keller gehen.“

Der Keller entpuppte sich als Lagerraum von gut 15 Meter Seitenlänge.

Dieter schloss die Stahltür und knipste das Licht an.

Hier hört uns keiner. Manchmal schieße ich mit meiner Knarre auf Schaufensterpuppen“, erklärte Dieter und holte eine solche aus einer Ecke, stellte sie an die gegenüber liegende Wand, die mit dicken Holzbalken verkleidet war.
Ich konnte etliche Einschusslöcher erkennen.

 

Dann öffnete er einen Spind und zeigte mir seine Waffe.

Ich hatte bisher immer einen 38ger Colt mit kurzem Lauf, aber ich habe mich verbessert: Magnum 44, Smith & Wesson, der härteste Ballermann überhaupt, sagte einst Clint Eastwood. Schau her.“

Dieter drückte einen kleinen Hebel und die Trommel sprang seitlich heraus. Ein kurzer Blick zeigte, dass alle sechs Patronen in der Trommel waren. Mit einem kleinen Ruck seiner Hand, ließ er die Trommel wieder einrasten.

Aus dem Spind nahm er zwei Gehörschützer und gab mir einen.

Setze den besser auf, gleich wird es laut.“

Dieter entsicherte, spannte den Hahn und zielte.

Trotz des Gehörschutzes war der Schuss noch verdammt laut.

Im Kopf der Schaufensterpuppe sah ich ein großes Loch, in das ich ohne Probleme meinen Daumen hätte hineinstecken können.

Und jetzt du“, forderte mich Dieter auf.

Äh...Dieter, ich hab keine Ahnung...“

Nun gut, gib mir deine Waffe. Hier, siehst auf der linken Seite den länglichen Hebel? Leicht drücken und das Magazin springt heraus.“

Dieter führte es mir vor.

Also fangen wir von vorne an. Magazin einschieben, den Schlitten hier ziehen und an der linken Seite den Sicherungshebel auf das rote „F“ stellen.

Jetzt kannst du schießen. Probiere es mal.“

Ich nahm meine Waffe, machte alles was Dieter mir vorher erklärte und schoss...
- natürlich daneben, einen guten halben Meter neben der Puppe steckte das

Projektil im Holzbalken.

Du hast den üblichen Anfängerfehler gemacht. Erstens hast du deinen Stand nicht richtig ausbalanciert. Schau her, wenn du nach vorne zielst, stehen deine Füße etwa schulterbreit auseinander. Zweitens, du hast einhändig geschossen, das ist nicht gut. Nimm beide Hände. Visiere das Ziel an, spanne deine Oberarmmuskeln an und schieße. Sei auf den Rückstoß gefasst, und versuche die Waffe gerade zu halten.“

Trotz Dieters Anweisungen traf ich nicht, lag aber diesmal nur knapp daneben.

Der nächste Schuss traf die Puppe an der Schulter, ich hatte aber auf den Brustbereich gezielt.

Lass dir Zeit, Daniel. Das war nicht schlecht. Schieß' weiter.“

Und ich schoss bis das Magazin leer war.

Ich wurde tatsächlich besser. Die Schachtel mit den Patronen war fast aufgebraucht, aber mittlerweile traf ich den Kopf der Puppe nicht mehr zufällig.

Für heute lassen wir es gut sein, Daniel. Du hast fast keine Munition mehr.

Soll ich dir neue besorgen?“, fragte Dieter.

Nicht nötig“, antwortete ich und zeigte Dieter meinen Waffenschein.

Ausgezeichnet. Dann kaufe dir Munition, du wirst noch viel schießen müssen. Aber ich glaube, du bist ein Naturtalent. In ein paar Tagen werde ich dir wohl nichts mehr beibringen können. Eines aber noch: Mach nicht die Mätzchen, die man in Hollywood-Filmen sehen kann. Ich meine diese obercoolen, tätowierten Rappertypen. Die drehen ihre Hand auf die Seite, halten ihre Knarre mit nur einer Hand und wundern sich, dass sie erstens nicht richtig zielen können, und ihnen zweitens die leeren, heißen Hülsen ins Gesicht fliegen. Bescheuerter geht’s kaum, aber es sieht cool aus, he, he…!.“

 

Ich packte meine Sachen zusammen und ließ mir von Dieter die Adresse eines Jagdausrüsters geben, bei dem ich mich mit Munition, Pflegesets für die Waffe und nicht zuletzt mit einem dezenten Schulterhalfter ausrüsten konnte.

Allerdings sollte ich meine Oberbekleidung dem Halfter anpassen, damit man nicht auf dem ersten Blick sehen konnte, dass ich eine Waffe trug.

Das bedeutete für meine Jacken oder Mäntel Maßanfertigung.

Der Halfter selbst hatte noch eine besondere Eigenschaft, erklärte mir der Ausrüster. Im Inneren war eine Metallfeder eingearbeitet, mit einem Druck meines Oberarmes gegen den Halfter, sprang die Waffe ein paar Zentimeter heraus.

Das hatte einen großen Vorteil, dass mir die Waffe wie von selbst in die Hand flog, wenn Eile angesagt war, ein Vorsprung von ein paar Zehntel Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden konnten. Mit einiger Übung wollte ich das zu beherrschen lernen.

Hoyts Anruf weckte mich mitten in der Nacht.

Daniel, es gibt Neuigkeiten. Ingo ist jetzt ansprechbar und hat uns etwas Wichtiges mitteilen können. Er wurde von der Straße abgedrängt, konnte aber erkennen, dass der Fahrer einen Anzug trug, kurze hellblonde Haare hatte und ein Earset in seinem Ohr steckte. Ich habe ihm Aufnahmen von verschiedenen Verdächtigen gezeigt, und er ist sich sicher, dass er...“

Broyer! Dirk Broyer!“, rief ich erregt ins Telefon.

Du hast Recht. Ingo hat ihn zweifelsfrei identifiziert. Er sagte, dass er dieses Gesicht er nie wieder vergessen wird. Er hat ihn angegrinst, bevor er seinen Wagen rammte.

Leider ist Ingo noch sehr schwach und konnte noch nicht viel sagen. Eines aber noch. Dem Anschein gab es einen Erpressungsversuch von Tarik Dogan an die VSU. Wahrscheinlich war das sein Todesurteil.“

Habt ihr denn die Fluglinien gecheckt?“

Haben wir. Broyer reiste zwar unter anderem Namen, aber du weißt ja, der NSA ist gut, aber wir sind besser. Wir haben die Videoaufzeichnungen des Flughafens in Istanbul gehackt und Broyer erkannt, als er zu seinem Rückflug eincheckte.“

Dann ist Broyer Doubleshot?“

Ich glaube nicht, Daniel. Vermutlich hat er ihn imitiert. Vielleicht war es auch nur Zufall, dass er dich und deinen Vater zugleich traf. Das wissen wir erst, wenn wir ihn eindringlich befragen können. Und glaube mir, er wird unsere Fragen gern beantworten.“

Endlich nahm die Sache Konturen an.

Ich hatte es geahnt. Broyer, die rechte Hand von Direktor van Straalen. Sein

Sekretär? Dass ich nicht lache. Sein Schießhund, sein Bodyguard und Auftragsmörder. Van Straalen hat ihn von der Kette gelassen, und jetzt ist mein Vater tot, Ingo schwer verletzt, von mir ganz zu schweigen.

Aber wir hatten jetzt die Gewissheit, wo wir ansetzen konnten.

Broyer, ich werde dich kriegen und mit meinen eigenen Händen erledigen! Kalte Wut erfüllte meine Gedanken, und die seit Tagen versteckte Fratze des Hasses zeigte wieder ihr Gesicht.

Ich werde Broyer fertigmachen, danach ist van Straalen an der Reihe.

Hey, bist du noch dran?“ Hoyts Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück.

Ja, ich muss das erst einmal verdauen. Ich hatte von Anfang an so ein komisches Gefühl, was Broyer angeht. Ich werde den Drecksack umlegen!“

Gar nichts wirst du. Erst musst du völlig gesund werden, dann überlegen wir uns die nächsten Schritte. Schließlich müssen wir noch Katrin finden, und van Straalen soll auch nicht ungeschoren davon kommen. Wir werden einen Plan brauchen, einen guten Plan. Denk daran, du hast jetzt Zeit. Nutze sie.“

Aber haben wir tatsächlich soviel Zeit, ich meine...?“

Daniel, erfahrungsgemäß benötigen solche Großprojekte, wie die VSU sie betreibt, immer sehr viel Zeit. Hab Geduld.“

Wann wird Ingo das Krankenhaus verlassen können?“, fragte ich.

Die Ärzte meinen in etwa zwei Monaten, plus Reha und Aufbautraining wird er frühestens in einem halben Jahr wieder richtig auf den Beinen sein.“

Ein halbes Jahr also, solange werde ich einen Hund haben freute ich mich im Stillen.

Hoffentlich ist bis dahin alles vorüber. Aber Hoyt hatte Recht. Wir mussten es geduldig angehen. Katrin finden, Broyer fertigmachen und van Straalen für lange Zeit in den Knast schicken, ließ sich nicht an einem Tag erledigen. Um das zu erreichen, brauchte ich all meine Kräfte. Aber Dieter, Herr Cheng Li und Tosh würden mir dabei helfen, und das gab mir die Zuversicht, die ich brauchte.

 

Sie machen gute Fortschritte, Herr Daniel“, sagte Herr Cheng Li.

Völlig aus der Puste lagen Dieter und ich entkräftet auf dem Boden von Tosh's Dojo. Warum Dieter sich das antat, wusste ich nicht. Vielleicht wollte auch er wieder zur alten Stärke zurückfinden. Aber es half mir sehr, einen guten Trainingspartner zu haben. Meine Reha war abgeschlossen, mein

Konditionstraining machte große Fortschritte, und nach den Kampfeinlagen der letzten halben Stunde waren Dieter und ich restlos erschöpft.

Tosh brummte anerkennend, und auch Herr Cheng Li nickte und lächelte wie immer geheimnisvoll.

Wir hatten uns völlig verausgabt. Dieter war zweifellos der bessere Kämpfer, aber ich hatte viel gelernt und konnte mittlerweile gut dagegenhalten.

Auch das Training mit der Schusswaffe trug erste Früchte. Zufallstreffer gab es nicht mehr, und ich sehnte den Tag der Rache herbei.

Ich hatte seit Hoyts letztem Anruf nicht mehr viel von ihm gehört. Beim letzten Telefonat sagte er, das sie eine Spur zu Katrin van Straalen hätten. Aber das war jetzt vier Tage her.

Dieter und ich standen auf und gingen mit wackeligen Beinen zur Umkleide.

Morgen wollten wir spezielle Nahkampftechniken erproben. Heute aber wollte ich nur noch nach Hause und schlafen.

Du kämpfst wirklich gut, Daniel“, lobte auch Dieter mich als wir uns nach der Dusche umzogen.

Danke, aber dein Niveau werde ich wohl nicht erreichen“, antwortete ich.

Schon richtig, aber ein anderer Gegner sollte sich hüten, dich zu unterschätzen. Respekt, ehrlich.“

Sein Lob tat mir gut. Ich fühlte mich schon viel stärker als noch vor ein paar Wochen.

Zuhause erwartete mich Henri. Sein Blick verriet mir, dass eine Portion Linsensuppe genau das Richtige für ihn wäre. Aber nicht heute. Ich bereitete ihm sein Mahl aus Trockenfutter mit Dosenfleisch und ging anschließend noch ein wenig mit ihm spazieren.

Dann war es Zeit für mich die Beine hoch zu legen und den Abend auf der Couch zu genießen.

Doch das Telefon klingelte, und auf dem Display las ich Hoyt's Namen.

Daniel“, meldete ich mich.

Wir haben sie“, antwortete Hoyt. „Wir haben Katrin gefunden.“

Wo ist sie?“, wollte ich wissen.

Das ist das Problem. Sie ist nicht in den Staaten.“

Wo ist sie dann?“

In China...“

 

*

 

 

Katrin hasste ihren Job. Sie hasste ihren Großvater, und am meisten hasste sie Dirk Broyer. Sein fieses Lächeln und die eiskalten Augen, die sie anstarrten, als er ihr Handgelenk zusammenquetschte. Das würde sie ihm nicht vergessen. Er hatte ihr das Handy aus der Hand gerissen, als sie Daniel Siebe warnen wollte. Sie machte sich große Vorwürfe, weil sie so vorschnell gehandelt hatte. Sie hätte ihn nicht vom Büro aus anrufen sollen, sie hätte es besser von draußen versuchen sollen... aber hätte, hätte Fahrradkette. Jetzt war es zu spät.

Viel zu spät. Daniel Siebe und sein Vater waren tot. Broyer hatte ganze Arbeit geleistet. Er brüstete sich sogar damit. Als sie ihn das letzte Mal sah, kurz bevor sie das Flugzeug bestieg, das sie nach China brachte, hatte Broyer sie angegrinst und mit seiner Hand einen Headshot angedeutet. Das bedeutete ihren Tod, wenn sie nicht spurte.

Ihr Großvater hatte ihr einen Begleiter verpasst, der während des Fluges nicht ein einziges Wort gesprochen hatte. Am Flughafen in Beijing wurde sie bereits erwartet und von zwei Chinesen in diese Scheiß-Fabrik gebracht. Hier arbeitete sie nun als Sekretärin in der Abteilung für europäische Korrespondenz. Aber nur der Form halber. In Wirklichkeit kochte sie nur Kaffee oder Tee. Ständig hatte sie zwei Begleiter, die sie Tag und Nacht bewachten. Kein Handy, keine Telefonate ins Ausland, keinen Brief durfte sie schreiben. Man hatte sie isoliert, kalt gestellt.

Sie hatte eine kleine Wohnung auf dem Fabrikgelände. Das Gelände selbst konnte sie aber nicht verlassen, es war zu gut gesichert.

 

Der Wachdienst am Haupttor war bewaffnet und ständig bereit zu schießen.

Vor der Wohnungstür wechselten sich regelmäßig die Bewacher ab und erstickten jeden Keim, der sie an Flucht denken ließ.

Hier kam sie nicht heraus. Ohnehin fragte sie sich immer wieder, weshalb man diesen Aufwand mit ihr trieb, statt sie zu töten… Aber Katrin war klug genug zu erahnen, dass sie nur lebte, weil sie ihr Großvater aus mehr oder weniger familiären Gründen verschonte. Vielleicht auch nur Sentimentalität.

 

Auch in dieser Nacht stand wieder ein Bewacher vor der Tür.

Katrin konnte nicht einschlafen und hatte den Fernseher eingeschaltet, aber Abwechslung fand sie keine. Sie verstand kein Wort chinesisch. Außer den Worten, die man zum Teekochen brauchte.

Unruhig ging sie hin und her und begann sich wieder Vorwürfe zu machen. Sie fühlte sich mitschuldig am Tod Daniels und seines Vaters.

Die Geschäfte ihres Großvaters hatte beide das Leben gekostet.

Sie verstand nicht, warum sich ihr Großvater überhaupt an diesem Projekt

beteiligt hatte. Geld hatte er doch genug. Warum also?

Plötzlich hörte sie ein Geräusch von draußen. Dann klopfte es leise an der

Tür. Sie schaute durch den Türspion, sah aber nichts.

Auch ihren Bewacher sah sie nicht. Es klopfte wieder, und eine Stimme flüsterte: „Frau Katrin, bitte öffnen, aber leise bitte.“

Katrin öffnete die Tür und ein junger chinesischer Mann betrat ihre Wohnung.

Er zog ihren Bewacher hinter sich her und ließ den Körper einfach fallen als er in der Wohnung war.

Bitte schließen die Tür.“ Sein deutsch war holperig, aber verständlich.

Wer sind sie? Was soll das? Wieso...“, wollte sie fragen, aber der Mann unterbrach sie.

Bitte nicht fragen, holen Sachen und verschwinden von hier.“

Verschwinden? Wie denn das? Die haben meinen Pass. Ich habe hier nur etwas zum Kleider wechseln“, widersprach Katrin.

Nicht fragen, wechseln Kleider. Hose und Jacke anziehen. Dann verschwinden.“

Wer sind sie, wer hat sie geschickt?“

Mein Name Wei Tsu Han. Nicht fragen. Verschwinden mit mir.“

Katrin blickte den auf dem Boden liegenden Mann an, der hatte sich immer noch nicht gerührt.

Ist er tot?“, fragte sie dennoch.

Ja, aber jetzt machen schnell, bald Ablösung.“

Katrin begriff nun die Lage. Das hier war eine Befreiungsaktion. Schnell zog sie eine Jeans an, holte sich ihre Laufschuhe aus dem Schrank und zog sich eine schwarze Lederjacke über.

Ich bin bereit“, sagte sie.

Gut, dann los“, antwortete Wei Tsu Han.

Leise öffnete Wei die Tür und spähte hinaus. Dann schloss er sie schnell und sagte leise: „Ruhig, Ablösung kommen.“

Katrin erschrak, sollte die Befreiung bereits jetzt schon scheitern?

Von draußen erklang ein Ruf. Wei antwortete und öffnete die Tür nur ein wenig. Er rief etwas auf chinesisch und lachte, der andere draußen lachte ebenfalls und kam auf die Tür zu. Er machte einen Schritt in den Raum hinein, als ihm Wei's Handkante den Kehlkopf zerquetschte. Sein Röcheln dauerte nur eine Sekunde, dann brach ihm Wei mit einer entschlossenen Drehung das Genick und ließ seinen leblosen Körper leise zu Boden gleiten.

 

Jetzt raus, leise. Keine schnelle Bewegung“, flüsterte Wei und öffnete die Tür.

Katrin schlüpfte hinaus, und Wei schloss geräuschlos die Tür.

Bleiben im Schatten, leise gehen. Dort hinüber.“

Wei nahm Katrin bei der Hand und schlich mit ihr im Schatten der kleinen Wohnhäuser in Richtung Tor.

Zwei Wachmänner standen nebeneinander und rauchten eine Zigarette.

Leise näherten sich Katrin und ihr Befreier. Wei ließ ihre Hand los und legte seinen Finger auf seine Lippen.

Ganz leise, ruhig atmen.“ Wei duckte sich und ging schleichend auf die

Wachmänner zu. Dann ging alles ganz schnell. Den ersten erledigte er mit einem Schlag auf die Halsschlagader. Der andere drehte sich um, und ein Tritt traf ihn unter der Kinnspitze. Sein Kopf ruckte nach hinten, und er brach zusammen.

Sind sie tot?“, fragte Katrin.

Nein, nur...schlafen. Jetzt kommen.“

Leise öffnete Wei die Tür zur Freiheit und ging mit Katrin hindurch.

Wei nahm einen kleinen Laserpointer aus seiner Jackentasche und schickte ein Signal hinaus.

Katrin hörte einen Motor starten und sah ein Auto auf sich zu kommen.

Der Wagen hielt an und beide stiegen ein. Der Fahrer fuhr los und Katrin atmete tief ein.

Wer seid ihr? Wer hat euch geschickt?“

Nicht soviel fragen, Frau Katrin. Hoyt hat uns beauftragt zu befreien.“

Wer ist Hoyt? Ich kenne keinen Hoyt.“

Hoyt guter Mann. Du dir merken diesen Namen. Hoyt. Bewacher von dir keine guten Männer. Böse Männer. Böse Firma. Darum böse Männer tot.“

Die Wachmänner leben aber noch. Warum?“, fragte Katrin.

Wachmänner nur Arbeiter. Wissen nichts. Haben Familie. Bewacher aber wissen, darum tot.“

Was wussten sie?“

Wussten über böse Geschäfte“, antwortete Wei.

Welche Geschäfte?“

Du werden erfahren, wenn zurück in Heimat.“

Wie soll das gehen? Ich habe keinen Pass.“

Jetzt haben Pass.“ Wei ließ sich vom Fahrer einen Umschlag geben und öffnete ihn.

Hier ist Pass und Flugticket. Von Shanghai nach London. Dann weiter nach Frankfurt. In Kofferraum ist Gepäck, damit unauffälliger als ohne. Jetzt wir fahren zum Flughafen in Shanghai. In drei Stunden hebt Maschine ab. Wir beeilen, bevor Alarm. Böse Firma hat viel Einfluss auf Polizei. Darum schnell machen.“

Eine Stunde später verabschiedete sich Katrin von Wei. Sie drückte ihn fest an sich und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Wei's Gesicht färbte sich rot.

Danke, Wei. Vielen Dank. Hoffentlich sehen wir uns wieder. Danke.“

Wir sehen wieder. Wenn alles vorbei, Hoyt machen große Feier. Dann sehen wieder. Auf Wiedersehen, Frau Katrin.“

Auf Wiedersehen, Wei.“

Katrin nahm ihren Trolli und ging zum Schalter der Lufthansa, um sich einchecken zu lassen.

Der Check-In lief reibungslos, und schon bald hob der Flieger ab. Katrin war auf dem Weg in Richtung Heimat.

 

 

*

 

Die Nachricht von Hoyt, dass sie Katrin in China aufgespürt hatten, war nicht wirklich eine gute Nachricht. Wie sollte sie aus China heraus gebracht werden? Hatte Hoyt wirklich soviel Einfluss? Katrin war eine wichtige Zeugin, davon ging ich aus. Sie musste eine Menge wissen, sonst hätte man sie nicht nach China verfrachtet. Meine Überlegungen wurden unterbrochen, weil das Handy klingelte. Ich las wieder Hoyt's Namen auf dem Display.

Hoffentlich hat er diesmal gute Nachrichten, dachte ich.

Daniel“, meldete ich mich.

Hi Daniel, heute Abend 18:15 Uhr landet eine Maschine aus London in Frankfurt.

Katrin ist an Bord. Ich habe zwei Männer geschickt, um sie abzuholen.“

Katrin ist an Bord? Wie hast du das denn geschafft?“

Ich habe einen Mann in China, der mir noch einen Gefallen schuldete. Er hat sie befreit und in den Flieger gesetzt.“

Hoyt hatte wohl viele Männer, die ihm einen Gefallen schuldig waren. Mir war es nur recht. Wenn wir Katrin auf unsere Seite brachten, dann waren wir ein ganzes Stück weiter.

Das sind aber verdammt gute Nachrichten. Endlich kommt Bewegung in die Sache. Ich werde sie abholen.“

Nein, das wirst du nicht. Keine gute Idee. Ich gehe davon aus, dass van Straalen weiß, dass sie befreit wurde. Wahrscheinlich lässt er alle europäischen Flughäfen überwachen, auf denen Flüge aus China ankommen. Die Leute, die ich geschickt habe, sind Profis.

Wenn du gesehen wirst, dann wissen sie, dass du zu viel weißt. Dann werden sie auch dich jagen. Bleib also ruhig, und halte die Füße still.“

Er hatte gut reden. Die Füße still halten, von wegen. Ich würde auf alle Fälle nach Frankfurt fahren. Und wenn es nur zur Beobachtung ist. Vielleicht kommt Broyer persönlich, dann ist die Stunde der Rache nicht mehr fern.

Wieder kam Hass in mir auf, die hässliche Fratze des Zorns zeigte mir ihr Gesicht und ließ mich den guten Ratschlag von Hoyt beiseite schieben.

Ich packte ein paar Sachen zusammen und ging zu meinem Wagen.

Wie ein Wahnsinniger raste ich über die A 45 in Richtung Frankfurt. Für die knapp 250 Kilometer brauchte ich gerade mal eineinhalb Stunden. Ich hatte aber noch reichlich Zeit und checkte welches Tor für die Ankommenden bestimmt war.

Dann besorgte ich mir eine Zeitung, setzte mich im Wartebereich auf eine Bank und schaute umher.

Ich sah etliche Fußballfans, und mir fiel ein, dass heute Eintracht Frankfurt gegen den FC Chelsea um den Einzug ins Finale des UEFA-Cup spielt. Das könnte ich doch zu meinem Vorteil nutzen. Ich stand auf und ging zu den Toiletten. Meine Kalkulation war richtig, denn drinnen hockte ein besoffener Engländer und kotzte das Waschbecken voll. Neben ihm lagen sein Schal und sein Käppi. Beide in den Vereinsfarben. Ich griff mir beides und klopfte dem Briten auf den Rücken.

Thank you, my dear. Good luck.“ Mit glasigen Augen stierte er mich stumpfsinnig an und kotzte weiter in das Waschbecken.

Ich setzte mir das Käppi auf, legte den Schal um und kaufte mir in einem der Läden eine Sonnenbrille sowie den Daily Mirror, eine deutsche Zeitung brauchte ich nicht mehr. Jetzt hatte ich die perfekte Tarnung.

Im Wartebereich ließ ich mich auf einer Bank nieder, nahm meine Zeitung und beobachtete die Umgebung.

Eine halbe Stunde vor der geplanten Ankunft erregten zwei Männer meine Aufmerksamkeit, weil einer der beiden zu laut die geplante Ankunftszeit der Maschine aus London seinem Kollegen zurief. Waren das Hoyts Männer? Sagte Hoyt nicht, das seien Profis? Oder hatte van Straalen sie geschickt? Ich schaute mich unauffällig um, konnte Broyer aber nirgendwo entdecken. Ich beschloss die beiden weiter zu beobachten und abzuwarten.

Aber ich musste gar nicht lange warten, denn beide kamen in meine Richtung und setzten sich eine Reihe weiter vor mir auf eine Wartebank.

Ich konnte zwar nicht alles verstehen, aber mehrmals hörte ich sie Hoyt's Namen nennen.

Das waren also die Profis. Anscheinend nahmen die ihren Job nicht so ernst wie sie es eigentlich sollten.

Mich beachteten sie gar nicht und merkten auch nicht, dass ich sie beobachtete.

Ein Aufruf informierte über die Landung der Maschine aus London.

Bald darauf wurde das Gate geöffnet, und eine Horde englischer Fußballfans drängte nach draußen.

Dann sah ich Katrin. Sie zog einen Trolli hinter sich her und passierte das Tor.

Die beiden Männer standen auf und gingen in ihre Richtung.

 

Die Reise von Shanghai über London nach Frankfurt war für Katrin sehr anstrengend gewesen. Ihre Müdigkeit verflog aber rasch als sie endlich durch das Tor den Frankfurter Flughafen betrat. Bald würde sie sich in einem Hotel erst einmal richtig ausschlafen. Wei hatte ihr nicht nur den Pass und das Flugticket besorgt. Er hatte sie auch mit einer Visacard ausgestattet, plus 1000.- € Bargeld.

Mit ihrem Trolli passierte sie den Ausgang in den Flughafen und hörte eine

leise Stimme.

Frau Stöckinger?“

Katrin reagierte nicht.

Frau Katrin Stöckinger?“, hörte sie jetzt etwas lauter.

Natürlich, sie hatte es vergessen. Ihre Tarnidentität war Katrin Stöckinger.

Zwei Männer erwarteten sie, und einer sagte: „Hoyt schickt uns.“

Hoyt, der Name, den sie sich merken sollte.

Bereitwillig ließ sie sich von einem der Männer den Trolli abnehmen und folgte den beiden in Richtung Ausgang.

 

Ich sah wie einer der beiden Männer Katrin den Trolli abnahm und sich mit ihr in Richtung Ausgang bewegte. Sein Partner folgte ihnen und blickte auffallend unauffällig umher. Profis! Sie gingen zum nahe gelegenen Parkhaus.

Ich folgte ihnen in sicherer Entfernung.

Die beiden Profis waren sich ihrer Sache wohl sehr sicher, denn keiner der beiden blickt auch nur einmal zurück.

Im Parkhaus steuerten sie geradewegs auf einen Van zu, als plötzlich zwei Männer aus einem parkenden Wagen stiegen, Pistolen mit Schalldämpfern zogen und die beiden Profis blitzschnell und eiskalt mit Kopfschüssen erledigten. In aller Ruhe steckten die Killer ihre Waffen wieder ein und kamen auf Katrin zu.

Katrin stand starr vor Schreck und konnte sich nicht rühren.

Sie blickte die beiden Toten an, verdrehte ihre Augen nach oben und brach zusammen. Einer der Killer, genau wie der andere mit einem schwarzen Anzug gekleidet, beugte sich zu Katrin hinunter. Der andere nahm ihren Trolli und wollte ihn gerade in den Wagen legen, als Katrin wieder erwachte und hysterisch zu schreien begann.

 

 

Als Katrin aus ihrer kurzen Ohnmacht erwachte, wurde ihr innerhalb weniger Augenblicke der Schrecken bewusst, den sie unmittelbar vorher erlebt hatte. Sie sah ihre Begleiter tot am Boden liegen und begann zu schreien.

Wie aus dem Nichts erschien jedoch eine Gestalt, die einen der Anzugträger packte und gegen seinen Kumpan schleuderte.

Beide waren so überrascht, dass der Unbekannte genug Zeit hatte, einen der Typen mit einem Tritt gegen den Kopf außer Gefecht zu setzen. Der andere wollte seine Waffe ziehen, kam aber nicht mehr dazu, weil ihm der Unbekannte etwas silbrig Glänzendes auf die Nase schlug.

Mit blutverschmiertem Gesicht holte der Killer zu einem Schlag aus, aber der Unbekannte war zu schnell. Noch bevor der Killer zuschlagen konnte, bekam er den nächsten Hieb genau auf seinen Mund. Katrin sah, wie der Killer zurückwich und einige seiner Zähne ausspuckte. Der Unbekannte steckte das glänzende, wie eine kleine Hantel aussehende Ding an seinen Gürtel und bewegte sich tänzelnd und mit erhobenen Fäusten auf den Mann mit den neu entstandenen Zahnlücken zu. Der holte wieder zu einem Schlag aus, aber der Unbekannte blockte diesen, packte dessen Handgelenk und mit Schwung drehte er den Killer um sich herum und stieß ihn mit dem Kopf voran durch die Seitenscheibe des Wagens. Reglos hing der nun mit seinem Oberkörper in der Beifahrertür und färbte die Polster mit seinem Blut.

 

Der andere rappelte sich gerade auf und wurde mit einem Tritt gegen seinen Kopf zurück ins Reich der Träume geschickt. Dann zog der Unbekannte den anderen aus dem Wagen, ließ ihn zu Boden fallen und überzeugte sich von dessen Kampfunfähigkeit. Katrin sah das blutüberströmte Gesicht und die fast kreisrunde Lücke in den Schneidezähnen des bewusstlosen Killers.

Das war nun endgültig zu viel. Gnädige Ohnmacht breitete sich in Katrin aus, und alles wurde schwarz.

 

Scheiße, so wollte ich das wirklich nicht. Zwei Tote und zwei Schwerverletzte lagen am Boden des Parkhauses, Katrin ohnmächtig, und die Videokameras hatten alles aufgezeichnet. Nun gut, ich glaubte nicht, dass mein Gesicht auf den Videobändern gut zu erkennen war. Trotzdem musste ich Katrin unauffällig zu meinem Auto bringen. Ich nahm mir eine der Pistolen mit Schalldämpfer und zerschoss alle Kameras, die ich in der Nähe sah, wischte meine Fingerabdrücke von der Pistole und legte sie dem Killer in die Hand.

Ich warf mir Katrin auf die Schulter, schnappte mir ihren Trolli und lief so schnell ich konnte zu meinem Wagen, der zum Glück in derselben Etage geparkt war.

Den Trolli verstaute ich im Kofferraum, setzte Katrin auf den Beifahrersitz und legte ihr den Sicherheitsgurt an. Mit quietschenden Reifen fuhr ich an und verließ das Parkhaus.

Ich nahm mein GPS- Handy und rief Hoyt an.

Daniel, was gibt’s?“

Ich habe Katrin.“

Du hast was?!“, bellte er ins Handy.

Ich habe Katrin. Deine Profis sind tot. Sie wurden erwartet. Von echten Profis.“

Scheiße! Was ist mit den Mördern?“

Die liegen im Parkhaus in ihrem Blut. So schnell wachen die nicht mehr auf. Bevor du fragst, ich glaube nicht, dass die mich erkannt haben. Ich fahre jetzt zu meinem Freund und melde mich dann wieder.“ Ich legte auf und fuhr auf die A 40 in Richtung Dortmund.

 

Das war ja ein höllischer Albtraum, dachte Katrin für eine Sekunde, bevor sie realisierte, dass sie sich in einem fahrenden Wagen befand, der mit hoher Geschwindigkeit über eine Autobahn fuhr.

Sie blickte zur Seite und sah den Unbekannten, der im Parkhaus zwei Killer erledigte. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil er einen Schal über den Mund gezogen hatte und eine Sonnenbrille und ein Käppi den Rest verbargen. Auf dem Schal las sie FC Chelsea und schlussfolgerte, dass er ein Brite war.

Who are you?“, fragte sie den Unbekannten.

Einen Moment bitte. Ich fahre dort auf den Parkplatz, dann können wir reden“, antwortete der auf deutsch. Die Stimme kam ihr bekannt vor, aber sie konnte sie noch nicht richtig einordnen.

Der Unbekannte verließ die Autobahn und hielt auf dem Parkplatz.

Er drehte sich zu ihr, und mit langsamen Bewegungen lüftete er seine Identität.

Sie konnte nicht glauben, was sie dann sah. Sie erkannte den totgeglaubten Daniel Siebe.

Sie! Ich fasse es nicht. Ich, ich dachte Sie und ihr Vater wären tot.“

Mein Vater ist tot, und beinahe wäre ich es auch, Katrin“, antwortete Daniel mit ernster und leiser Stimme.

Wie ist das möglich, was ist überhaupt los?“ Katrin war sichtlich erschüttert.

Das wollte ich von Ihnen erfahren, Katrin. Sie haben mich warnen wollen und jetzt ist mein Vater tot. Erschossen! Von Broyer!“ Daniels Stimme klang jetzt sehr energisch.

Katrin, was wissen Sie? Warum musste mein Vater sterben? Was hat Ihr Großvater damit zu tun? Gab er Broyer die Anweisung, meinen Vater und mich zu ermorden?“

Das weiß ich nicht. Vermutlich. Broyer ist Befehlsempfänger. Der macht nur was ihm gesagt wird.“

Warum musste mein Vater sterben?“

Ich hatte zufällig ein Gespräch belauscht. Was ich da hörte, machte mir wirklich Angst. Broyer sagte zu meinem Großvater, dass alle, die etwas über das Geschäft wussten, eliminiert werden müssen. Er nannte einige Namen, darunter auch den deines Vaters. Das konnte ich nicht zulassen. Darum wollte ich euch warnen.“

Was ist das für ein Geschäft?“

Hochbrisant, Daniel. Ich hatte vor meinem Anruf heimlich geheime Geschäftsdateien kopiert und versteckt.“

Diese Nachricht elektrisierte mich. Geheime Geschäftsdateien, kopiert und versteckt. Das könnte das Beweismaterial sein, das ich brauchte. Ich musste daran herankommen, irgendwie.

Mein Großvater und insbesondere Broyer vermuteten, dass ich möglicherweise zu viel wusste und mussten mich kaltstellen. Also verfrachteten sie mich nach China. Broyer wollte herausfinden, was ich weiß und ob ich das irgendwo notiert oder gespeichert habe, und er war nicht immer zimperlich mit seinen Methoden. Aber ich habe geschwiegen und immer wieder mein Nichtwissen beteuert. Ich hasse meinen Großvater, und Broyer hasse ich noch mehr“, fuhr Katrin weiter fort. „Ich habe alles auf einem USB-Stick gespeichert und versteckt. Alles was ich finden konnte.

Das Material reicht aus, um beide hinter Gittern zu bringen.

Für den Mord an deinen Vater habe ich allerdings keine Beweise, außer Broyers Vorschlag.“

Dafür brauche ich keine Beweise. Broyer kriege ich auch ohne Beweise. Der wird seinen Gerichtstermin bei mir haben. Ich bin sein Richter. Wo ist der USB-Stick versteckt?“

Naja, ich hatte keine Gelegenheit ihn aus dem Bürogebäude zu schmuggeln. Er befindet sich noch im Gebäude. Im Vorzimmer der Sekretärin. Aber gut versteckt.“

Das war jetzt eher suboptimal. Ich glaubte nicht, dass man mich dort in aller Ruhe nach Beweisen gegen die VSU suchen lassen würde. Ich musste also einbrechen.

Zwei Stunden später kam ich mit Katrin in Dortmund an und fuhr direkt zu Dieters Wohnung. Ich hatte ihn vorher angerufen und mitgeteilt, dass ich einen Gast mitbringen würde.

Ich stellte ihm Katrin vor, und Dieter erklärte gleich, dass sich seine Frau Marion um Katrin kümmern würde. Es war Katrin zwar nicht angenehm bei fremden Leuten zu übernachten und vielleicht sogar die nächsten Tage zu verbringen, aber sie sah ein, dass es besser und zu ihrer Sicherheit war. Ihr war durchaus klar, dass Broyer sie suchen würde. Als ich mich von Katrin verabschieden wollte, kam sie mir zuvor und gab mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange.

Danke, Daniel“, hauchte sie mir ins Ohr und schenkte mir ein bezauberndes Lächeln, ihre smaragdgrünen Augen faszinierten mich erneut, und ich drückte sie an mich.

Bis morgen, Katrin“, flüsterte ich und machte mich auf den Weg nach Hause. Ich hatte schließlich auch noch einen Hund.

 

 

*

 

 

Broyer! Was haben Sie sich dabei gedacht? Ich habe Ihnen den Auftrag gegeben, meine Enkelin unauffällig am Flughafen abzufangen!“, brüllte Direktor van Straalen.

Broyer schaute verlegen auf den Boden.

Ich habe den amerikanischen Kollegen ausdrücklich gesagt, sie sollen das leise und diskret bewerkstelligen, Herr Direktor“, unternahm Broyer einen Versuch zur Entschuldigung.

Leise! Ja, ja! Leise war der Schalldämpfer, und diskret wurde ihnen in den Arsch getreten! Ich habe nichts davon gesagt mit Waffengewalt vorzugehen! Jetzt liegen die Amis im Krankenhaus und wandern von dort direkt in den Knast! Wenn die auspacken, haben wir aber ganz schlechte Karten! Ist Ihnen das eigentlich klar?“

Van Straalen war außer sich vor Zorn.

Wo ist Katrin jetzt? Wer hat ihr geholfen? Ich glaube kaum, dass Katrin dem blöden Ami die Zähne ausgeschlagen hat!“. Van Straalen brüllte immer noch.

Ich habe herausgefunden, dass die beiden Toten Freischaffende waren“, erklärte Broyer.

Freischaffende? In welcher Branche? Und für wen?“

Security and Investigation. Eine Firma aus Frankfurt, die zu Hoyt Consulting gehört.“

Hoyt? Auch das noch! Was soll der denn damit zu tun haben? Wieso ist der überhaupt in diese Sache involviert?

Haben Sie eine Antwort, Broyer?“

Van Straalen's Zorn war noch längst nicht verraucht.

Eine Spur, nicht mehr“, antwortete Broyer kleinlaut.

Nun schießen Sie endlich los und sagen mir, was Sie zu wissen glauben!“

Ulrich Siebe hatte die Hoyt Consulting schon einige Male engagiert. Ich vermute, dass auch sein Sohn Kontakt zu Hoyt aufgenommen hat.“

Sein Sohn?“, van Straalen überlegte eine Weile und blickte Broyer an.

Überprüfen Sie das. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Daniel Siebe dazu fähig ist, zwei Profis von den Amis zu erledigen, aber lassen Sie ihn trotzdem beobachten. Aber unauffällig. Verstanden?“

Jawohl, Herr Direktor.“

Hoyt“, flüsterte van Straalen. „Ausgerechnet Hoyt.“

 

Seit einer Stunde beobachteten Katrin und ich das Bürogebäude der VSU.

Es war spät in der Nacht, und nur der Eingangsbereich war in helles Neonlicht getaucht. Ein Wachmann saß hinter dem Empfangsschalter, ein zweiter stand davor und trank einen Becher Kaffee. Sie unterhielten sich über das gestrige Fußballspiel, das die Frankfurter Eintracht mit 2:1 gewonnen hatte.

Ich kenne einen der Wachleute“, erwähnte Katrin.

Dann denke ich, wir sollten es einfach versuchen“, sagte ich.

Du meinst anklopfen und hineinspazieren?“

Warum nicht, Frechheit siegt“, erwiderte ich und erklärte meinen Plan.

Wir warteten bis einer der Wachmänner seinen Rundgang begann und nur noch der Mann am Empfangsschalter die Eingangshalle bewachte.

Wir standen vor der Eingangstür und Katrin zog ihre Keycard durch den Scanner. Natürlich öffnete sich die Tür nicht. Katrin klopfte an die große

Glasscheibe der Tür und wedelte mit der Karte, bis der Wachmann aufschaute und sich in Bewegung setzte.

Bevor er die Tür öffnete, steckte Katrin die Karte wieder ein und setzte ihre harmloseste Miene auf.

Hallo Karl, tut mir leid, aber meine Karte funktioniert nicht.“

Guten Abend, Fräulein van Straalen. Was kann ich für sie tun? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.“

Ich habe noch einige Unterlagen und Werbegeschenke im Büro, die ich benötige, weil ich heute früh außerplanmäßig in die Staaten fliege. Sind Sie so gut und begleiten uns?“

Sie kennen die Vorschriften, ich darf meinen Platz hier nicht verlassen.

Ihren Assistenten kenne ich auch nicht, er muss also warten.“

Hat mein Großvater Sie nicht benachrichtigen lassen?“

Nein, ich habe keine Informationen.“

Das war bestimmt wieder seine Sekretärin. Schlampig wie immer.“

Wie gesagt, Fräulein van Straalen, ich habe meine Vorschriften.“

Aber Karl, allein kann ich all das Zeug nicht tragen. Mein Assistent muss mir helfen“, wiederholte sie mit einem bezaubernden Lächeln. Da konnte Karl auch nicht mehr widerstehen - hätte ich auch nicht gekonnt.

In Ordnung, dann werde ich mal ein Auge zudrücken“, ließ sich der Wachmann erweichen und bat uns hinein.

Ich ging mit Katrin zum Aufzug, und gemeinsam fuhren wir in die oberste Etage.

Der Wachmann ging zum Telefon und wählte eine Nummer.

Was gibt’s?“, meldete sich Broyer.

Sie sind gerade angekommen.“

Sie dürfen das Gebäude nicht verlassen, bevor ich mit meinen Männern da bin. Verstanden?“

Alles klar“, antwortete der Wachmann.

Der Aufzug öffnete sich und gab uns den Weg zum Vorzimmer der Sekretärin frei. Nur die grün leuchtenden Hinweise auf den Notausgang schenkten uns ein wenig Licht. Ich öffnete die Tür, und wir betraten das Vorzimmer.

Wieso war nicht abgeschlossen?“, fragte ich Katrin.

Ich weiß nicht, vielleicht hat die Putzkolonne es vergessen.“

Misstrauen keimte in mir auf.

Katrin ging schnurstracks zum Kaffeeautomaten.

Ich hasse es Kaffee und Tee zu kochen. Nur weil ich blond bin, glaubt jeder ich könnte nichts anderes“, murmelte sie, fummelte ein wenig am Automaten herum und hatte plötzlich den USB- Stick in ihrer Hand.

Hier, nimm du ihn. Bei dir ist er sicherer aufgehoben“, erklärte Katrin und gab mir den Stick. „Das wär's dann, lass uns verschwinden.“

Moment noch, wir sollten die Unterlagen und Werbegeschenke nicht vergessen. Sonst fängt Karl noch an zu denken“, erinnerte ich.

Stimmt, daran habe ich gar nicht mehr gedacht.“

Katrin ging zu einem Aktenschrank und nahm wahllos zwei Aktenordner heraus, während ich einen Karton mit Kleinkram füllte, der auf dem Schreibtisch stand oder im Raum als Hinstellerchen diente.

Wir verließen das Vorzimmer, gingen zum Aufzug und stellten fest, dass er sich nicht mehr auf der Etage befand.

Warum ist der Lift nicht mehr hier oben?“, fragte ich.

Keine Ahnung“, antwortete Katrin und drückte die Sensortaste, um den Aufzug anzufordern.

Nach einer Minute war der aber immer noch nicht oben und Geräusche aus dem Aufzugschacht hörten wir auch nicht.

Verdammter Mist! Man will uns aufhalten. Wir müssen das Treppenhaus benutzen“, presste ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Aber vorher müssen wir noch einmal ins Büro.“

Warum?“, fragte Katrin.

Um für Ablenkung zu sorgen. Komm schon.“

Im Vorzimmer schaute ich mich um, konnte aber auf dem ersten Blick nicht finden, wonach ich suchte.

Wir brauchen einen anderen USB- Stick oder eine unbeschriebene CD“, sagte ich.

Katrin öffnete den Schreibtisch und fand sofort das Gesuchte.

Sie nahm einen USB- Stick und steckte ihn in den Computer.

Verschlüssele ihn mit einem Passwort. Wir wollen es denen nicht zu einfach machen“, erklärte ich.

Katrin lud nun wahllos Dateien herunter und gab als Passwort >Arschlochbroyerhoch3< ein.

Den nimmst du am Besten“, schlug ich vor und Katrin nahm den USB-Stick an sich.

Dann verließen wir das Vorzimmer und gingen zum Treppenschacht..

Wir stiegen die Stufen hinab, und als wir unten ankamen, schnappte die Falle zu. Ich hatte es aber auch nicht anders erwartet.

Wen haben wir denn da? Fräulein van Straalen und ihr Retter in letzter Not.“

Hämisch grinsten mich Broyer und seine Bodyguards an. Dann schlug er mir den Karton aus der Hand. Ich zuckte nur und schon zogen Broyers Begleiter ihre Waffen.

Lassen sie mich mal schauen.“ Broyer nahm Katrin die Akten aus der Hand, blätterte ein wenig darin herum und warf sie dann Katrin vor die Füße.

Sie enttäuschen mich. Das sind Spesenabrechnungen, Reisekostenbelege, Abrechnungen für Kaffee, Tee, Zucker und Milch und dergleichen. Damit wollen Sie also in die Staaten fliegen? Erbärmlich“, bemerkte Broyer äußerst zynisch.

Also, warum waren Sie hier? Was haben Sie wirklich gesucht?“

Broyer gab mit einem Kopfnicken einem seiner Begleiter ein Zeichen. Der steckte seine Waffe ein und begann Katrin zu filzen.

Es dauerte nicht lange, und er hatte den Stick gefunden.

Ich habe es doch gewusst. Du Schlampe willst uns also ans Messer liefern. Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug, dein Großvater freut sich schon auf unseren Besuch. Für Sie, Herr Siebe, habe ich eine kleine Überraschung. Sie wandern ins Gefängnis. Wegen Industriespionage.“

Broyer gab seinem Bodyguard ein Zeichen und hart knallte mir seine Faust in den Magen. Mir wurde schlecht, und beinahe hätte ich ihm meine letzte Mahlzeit vor die Füße kotzen müssen.

Zusammen mit seinem Kollegen brachte er mich in die Empfangshalle und übergab mich den Wachleuten. Die waren schon instruiert, und Karl legte mir Handschellen an.

Bevor wir die Polizei rufen, wollen wir uns doch noch ein wenig amüsieren“, schlug Karl seinem Kollegen vor.

Ich sah wie draußen Katrin in Broyer's BMW gezerrt wurde und der Wagen mit durchdrehenden Rädern davon jagte.

Lass ihn uns woanders hinbringen, hier könnten wir gesehen werden“, erklärte sich der andere Wachmann mit Karls Vorschlag einverstanden.

Nun erwies sich das kleine Gimmick in meinem Gürtel doch noch als sehr nützlich. Ich fummelte das versteckte Metallkreuz hinaus, und es gelang mir ohne Mühe die Handschellen zu öffnen. Die Wachmänner bemerkten nichts und führten mich aus der Lobby hinaus in die Kantine.

Karl war der erste, der zu einem Schlag ausholte. Sein Kollege stand hinter mir und hielt mich fest. Ich sah die rechte Gerade auf mich zu kommen, als ich mich blitzschnell duckte, so dass Karls Faust seinem Kollegen ins Gesicht fuhr.

Der taumelte nach hinten und hielt sich fluchend seine blutende Nase.

Noch immer hatten sie nicht bemerkt, dass ich mich schon längst befreit hatte.

Ich hielt die gelösten Handschellen in meiner linken Faust und hieb sie Karl in sein verblüfftes Gesicht. Ich traf mit voller Wucht sein Jochbein und hörte es vernehmlich brechen.

Mit meinen Fingerknöcheln schlug ich ihm auf seinen Kehlkopf, stach ihm mit den Fingerspitzen in die Augen und schickte ihn dann mit einem Fausthieb unter das Kinn zu Boden. Er sackte lautlos zusammen. Die ganze Aktion dauerte nur drei Sekunden, und ich konnte mich nun seinem Kollegen widmen.

Der war natürlich gewarnt und wollte zu seiner Waffe, einem Taser, greifen.

Doch dazu musste er den Halfter öffnen, was ihm wertvolle Zeit nahm.

Zeit, die mir reichte, um zu ihm zu gelangen. Sofort ließ er den Halfter los und nahm eine Abwehrposition ein.

Er schickte eine rechte Gerade hinterher, doch auch jetzt konnte ich ausweichen. Mit einem linken Haken setzte er nach, doch ich duckte mich schnell genug weg.

Mit Boxen wird das nix. Versuch's mit Karate?“, verhöhnte ich ihn.
Anscheinend erinnerte er sich an irgendeinen Kurs und trat mit einem Vorwärtstritt zu. Doch viel zu langsam, ungenau. Geradezu erbärmlich, gut genug für den Schulhof, aber nicht mehr.

Versuch es noch mal“, verhöhnte ich ihn weiter.

Zwei gerade Fauststöße und wieder ein Vorwärtstritt sollten mich beeindrucken. Doch auch der Versuch ging ins Leere.

Das war wieder nix. Pass genau auf, so geht das“, erklärte ich ihm und täuschte mit meiner rechten Faust einen Schlag ins Gesicht an. Reflexartig hob er seine Hände schützend vor sein Gesicht, als ihm mein Sidekick hart in den Solarplexus fuhr.

Das tat weh, er krümmte sich vor Schmerz und atmete tief ein. Ich ließ ihm die Zeit und schaute, was Karl in der Zwischenzeit so machte. Aber der machte gar nichts und lag immer noch kampfunfähig auf dem Boden.

Karls Kollege hatte sich wieder gefangen und begann zu tänzeln. Er täuschte einige Fauststöße an, kam aber nie weit genug an mich heran. Ich ließ ihn gewähren und tänzelte ein wenig mit, bis ich die Gelegenheit hatte, sein rechtes Handgelenk zu ergreifen. Ich drehte es, packte mit meiner linken Hand seinen Ellbogen und ließ ihn eine Rolle vorwärts machen. Er schlug schmerzhaft auf.

Schnell rappelte er sich wieder auf und stürzte sich wütend auf mich.

Genau in meine Faust. Sein Blut spritzte nach allen Seiten und Tränen füllten seine Augen. Für einen Augenblick war er blind. Ich nutzte das, drehte meine linken Fuß nach innen und kickte ihm meine rechte Ferse aus der Drehung unter sein Kinn. Sein Kopf flog nach hinten, und noch bevor er auf den Boden prallte, war er bewusstlos. Karl war es immer noch. Ich zog beide zum Kantinentresen und fesselte sie mit ihren eigenen Handschellen an eine Metallstange, die am Tresen angebaut war. Ihre Handys und Funkgeräte nahm ich ihnen weg, und mit wenigen Fußtritten zerstörte ich sie.

Ich verließ das Gebäude durch den Haupteingang und ging zu meinem Wagen. Ich wusste von Katrin zwar, wo ihr Großvater sein Haus hatte, aber angesichts dessen, dass Broyer und seine Bodyguards Katrin vermutlich gut bewachten, brauchte ich einen guten Plan, statt dort alleine den Helden zu spielen. Außerdem waren die Bodyguards ein ganz anderes Kaliber als die Wachmänner. Die spielten in einer ganz anderen Liga. Ich brauchte Hilfe.

 

Mantell“, hörte ich die verschlafene Stimme des BKA- Beamten sagen.

Siebe, Daniel Siebe, entschuldigen Sie, dass ich Sie so spät in der Nacht anrufe, aber ich habe einiges herausgefunden, das die Störung rechtfertigt.“

Einen kleinen Moment bitte, ich muss mich erst einmal sammeln. Siebe sagten Sie. Ach ja, der Mord an ihren Vater. Was gibt es denn, welche Informationen haben Sie?“

Mit knappen Sätzen informierte ich ihn über die Geschehnisse.

Herr Siebe, ich befürchte, dass ich Ihnen erst einmal nicht helfen kann.

Kein Richter wird bei dieser Sachlage einen Durchsuchungsbeschluss unterzeichnen, schließlich könnte van Straalen behaupten, dass er seine Nichte vor Ihnen in Schutz nahm und in seinem Haus in Sicherheit brachte. Nein, das ist alles noch zu dünn, wir brauchen etwas Handfesteres. Aber ich kenne jemanden, der Ihnen helfen kann.

Coleman, rufen Sie Coleman an. Der hat andere Möglichkeiten.“

Coleman? Das ist doch der vom CIA!“

Das haben Sie jetzt gesagt. Offiziell ist er Botschaftsangehöriger.“

Egal, danke für den Tipp. Ich rufe Sie wieder an, wenn ich mehr weiß.“

Herr Siebe, Sie ermitteln doch wohl nicht auf eigene Faust. Ich muss Sie warnen und ihnen untersagen, sich in polizeiliche Angelegenheiten einzumischen. Das könnte unangenehme Folgen für Sie haben.“

Es hatte schon Folgen für mich. Für andere hatte es Konsequenzen. Tödliche Konsequenzen. Vergessen Sie das nicht, Herr Mantell. Auf Wiederhören.“

Ich sollte also Derek Coleman kontaktieren. Den CIA mit ins Spiel zu bringen

sollte eigentlich keine Option für mich sein, aber andererseits spielten die in genau der Liga, in der ich allein nicht bestehen konnte.

 

Ich blickte auf die Uhr. Zu spät, um Coleman anzurufen, das musste warten.

Ich packte meine Sachen, nahm Henri an die Leine und fuhr los.

Ich war mir zwar sicher, dass Broyer oder van Straalen keine Handlanger zu mir schicken würden, aber sicher ist sicher.

Ich klingelte Dieter aus dem Bett, was er mir mit einem mürrischen Blick dankte.

Ich informierte ihn über Katrins Entführung und meinem Plan Coleman anzurufen.

Alter, ich kann im Moment keinen klaren Gedanken fassen. Ich bin hundemüde“, erklärte Dieter und warf einen vielsagenden Blick auf Henri.

Lass uns beim Frühstück weiter reden. Ich muss jetzt schlafen. Leider habe auch ich meine eigenen Sorgen. Gute Nacht, du weißt ja, wo die Couch ist.“

Dieter ging zurück in sein Schlafzimmer, und ich machte es mir auf der Couch bequem. Schon bald war ich im Reich der Träume und erwachte erst spät am

Morgen, als mich jemand anstupste. Henri stand vor der Couch und sah mich bettelnd an, er musste schließlich Druck ablassen.

Ich zog mich an und nahm Henri an die Leine.

Ich hatte gerade die Tür hinter mir geschlossen, als ein Wagen vorfuhr und ein Mann mit Aktentasche ausstieg. Ich ging mit Henri ein paar Schritte, drehte mich um und sah wie dieser an Dieters Werkstatt-Tür klingelte.

Nach dem kurzen Spaziergang mit Henri kam ich zurück und begegnete ihm wieder, dem Mann mit der Aktentasche, als er gerade Dieters Werkstatt verließ.

Ich ging zu Dieter und fragte ihn, wer der Typ gewesen sei.

Ach Daniel, das war nur mal wieder der Gerichtsvollzieher, der kommt hier öfter vorbei als mir lieb ist.“

Hast du Schulden?“

Schulden? Einen Berg voller Schulden, wenn du es wissen willst.

Über Hunderttausend Euro will der haben. Die habe ich aber nicht.“

Auf dem Tisch sah ich mehrere Pfändungsbeschlüsse. Ich nahm mein Handy gab die Telefonnummer des Gerichtsvollziehers ein und ging vor die Tür.

 

Ranke“, meldete sich der Schuldeneintreiber.

Da...Dennis Seibert“, antwortete ich mit meinem neuen falschen Namen. „Ich habe Sie gerade vor der Werkstatt meines Freundes gesehen und hätte einen Vorschlag zu machen. Könnten wir kurz miteinander reden?“

Bitte, was für einen Vorschlag haben Sie denn?“

Einen Vorschlag zur radikalen Schuldenbegleichung.“

Interessant. Ich habe allerdings einen vollen Terminkalender für heute, aber ich könnte bei der Perspektive sozusagen eine halbe Stunde Pause machen.“

Das wäre sehr nett, wollen wir uns im Hotel Römischer Kaiser treffen, sagen wir in einer Stunde?“

In Ordnung, Herr...?“

Seibert, Dennis Seibert.“

Dann bis in einer Stunde, Herr Seibert.“

Tja, so wie es aussah, war es wohl jetzt an der Zeit zu handeln und meinem Freund zu helfen.

Eine Stunde später erreichte ich die Hotelvorfahrt.

 

Der Concierge parkte meinen Wagen, und ich begab mich zur Hotelbar.

Der staatlich beauftragte Schuldeneintreiber saß an der Bar und trank gerade eine Tasse Kaffee.

Guten Tag, Herr Ranke. Ich bin Dennis Seibert. Wollen wir uns an den Tisch setzen?“

Ich bestellte einen Kaffee, und wir nahmen am Tisch Platz.

Sie sagten, Sie hätten einen guten Vorschlag zur Schuldenbegleichung“, eröffnete Ranke das Gespräch.

In der Tat. Darf ich erfahren wie hoch die Summe ist?“

Das darf ich Ihnen nicht sagen, Herr Seibert.“

Okay, hätten Sie die Summe gern in bar, oder soll ich sie überweisen?“

Verdutzt schaute mich der Gerichtsvollzieher an, bevor er die Konsequenz meiner Worte begriff.

Sie wollen also die Schulden begleichen?“

Ja“, antwortete ich. „Und zwar hier und jetzt. Wollen Sie mich begleiten. Die Bank ist gegenüber.“

Ungläubig guckte er mich an, nickte dann und trank seinen Kaffee zu Ende.

Ich stand auf und bezahlte an der Bar den Kaffee. Auch den vom Schuldeneintreiber, was dieser nur sehr zögerlich hinnahm. Das sprach für ihn.

Streng genommen ist das ein Bestechungsversuch“, sagte der Eintreiber und lächelte mich an.

 

Zusammen verließen wir das Hotel und gingen zur Hauptfiliale der Deutschen Bank in Dortmund, die sich auf der anderen Straßenseite befand.

Also, in bar, Scheck oder Überweisung?“, fragte ich als wir die Bank betraten.

Eine Überweisung würde mich vollends befriedigen“, antwortete der Gerichtsvollzieher.

Ich füllte eine Überweisung aus, ließ die Summe und den Verwendungszweck offen und unterschrieb.

Tragen Sie bitte die Summe ein“, forderte ich ihn auf und gab ihm das Formular.

Ich sah ein wenig Misstrauen im Gesicht des Vollziehers als er die Überweisung entgegennahm. So etwas war ihm wohl noch nicht passiert.

Er trug die Summe und den Verwendungszweck ein, sah mich an und sagte: „Tja, dann werden Sie also so oder so erfahren, wie hoch die Schulden Ihres Freundes sind. Aber eines müssen Sie mir noch erklären... Herr Dennis Seibert, unterschrieben haben Sie mit, ich entziffere...Daniel Siebe. Wer sind Sie denn nun wirklich?““

Spielt das jetzt noch eine Rolle?“, antwortete ich, nahm die Überweisung und

gab sie der freundlich lächelnden Bankangestellten.

Die machte ihre Arbeit und gab mir den abgestempelten Durchschlag, den ich einmal faltete und in meiner Hemdtasche verschwinden ließ.

So etwas ist mir noch nie passiert“, sagte der Eintreiber und wirkte immer noch irgendwie konsterniert.

Das Leben ist voller Überraschungen“, erklärte ich und lächelte. „Ist doch ein erfolgreicher Tag für Sie, Herr Ranke.“

In der Tat, ich kann es kaum glauben. Ich denke ich mache für heute Feierabend. Das muss ich erst einmal wirken lassen, ich kann es kaum fassen. Grüßen Sie Ihren Freund. Ich wünsche ihm alles Gute für die Zukunft. Auf Wiedersehen Herr Seibert, Siebe oder wie auch immer. Das nenne ich mal echte Freundschaft…, was soeben passiert ist.“

Wir verabschiedeten uns, und ich ging zurück zum Hotel.

Unterwegs kam mir ein Gedanke, und ich ging noch einmal zur Bank zurück.

Dieter war schlecht drauf als ich bei ihm ankam. Henri begrüßte mich schwanzwedelnd, aber Dieters mürrischer Miene entnahm ich, dass der Besuch des Gerichtsvollziehers ihm den Rest des Tages verdorben hatte.

Kopf hoch, Alter. Es wird alles wieder gut“, versuchte ich seine Stimmung zu heben, erreichte aber nur das Gegenteil.“

Du hast gut reden, ich weiß weder ein noch aus. Noch nicht mal eine anständige Mahlzeit kann ich meiner Frau bieten. Seit Wochen fressen wir nur noch Chappi, Bratkartoffeln oder Dosenfraß. Selbst dem Hund geht es besser als mir und meiner Frau, verdammte Scheiße. Ich könnte kotzen!“

Wo ist Marion?“, fragte ich.

Einkaufen. Heute gibt es Kartoffelsuppe. Aus der Dose.“

Er hatte kaum ausgesprochen als auch schon Marion hereinkam.

Kartoffelsuppe gab es im Aldi nicht mehr. Ich habe Graupensuppe gekauft“, sagte sie und stellte die Tüte mit dem Einkauf ab.

Kälberzähne? Ausgerechnet Kälberzähne. Ich hasse Graupensuppe“, knurrte Dieter.

Hey, Marion. Lass den Einkauf stehen. Wir gehen essen“, erklärte ich.

Was von dem, das ich sagte, hast Du nicht verstanden? Kann ich mir nicht leisten!“, fuhr mich Dieter an.

Brauchst du nicht. Ich lade euch ein. Ist doch klar. Außerdem habe ich eine Überraschung für dich, Dieter.“

Überraschungen hatte ich heute genug.“ Dieter war immer noch schlecht drauf.

Alter, lass dich nicht hängen. Zieh deinen Overall aus. Wir gehen jetzt essen.

Keine Widerrede!“, erklärte ich bestimmend.

Ich fütterte Henri und ließ ihn in Dieters Wohnung.

Mit einem Taxi fuhren wir in die Stadt, zum Römischen, wo uns der Concierge sehr nett begrüßte.

Wir gingen ins Restaurant und setzten uns.

Die Kellnerin brachte uns die Karte, die von Marion aufmerksam studiert wurde.

Bestellt was ihr wollt. Ich lade euch ein, und bitte, guckt nicht auf die Preise“,

forderte ich sie auf.

Dieter und ich bestellten ein Bier, Marion einen Rotwein.

Dieter las die Karte und begann zu meckern.

95,00 € für ein Steak, mit Pfeffersauce und Kartoffeln. Ich fasse es nicht. Lass uns in `ne Pommesbude gehen.“

Dieter, bitte! Jammer nicht herum, bestelle etwas und Marion, du bitte auch.

Die Preise sind scheißegal.“

Okay, okay, ich nehm' das Steak. Und was nimmst du, Marion?“

Ich nehm' auch ein Steak.“

Gut, also dreimal das Steak“, sagte ich. „Vergesst die Vorspeise nicht, und auch nicht das Dessert. Alles klar?“

Das Essen war ausgezeichnet. Satt und zufrieden blickte ich Dieter ins Gesicht. Seine Laune war aber nur vorübergehend gebessert. Tief in ihm grummelte immer noch der Ärger.

So! Und nun zu meiner angekündigten Überraschung.“

Ich holte den Durchschlag der Überweisung aus meiner Tasche und gab ihm Dieter.

Was ist das?“, fragte er.

Lies!“, forderte ich ihn auf.

Dieters Augen wurden groß und größer. Er schüttelte seinen Kopf, blickte mich an und fragte: „Ist es das, wofür ich es halte?“

Ich nickte, und Tränen füllten Dieters Augen. Er schluckte und versuchte zu lachen, aber es gelang ihm nicht. Mit erstickter Stimme stammelte er: „Ich glaube es nicht, das kann doch nicht wahr sein. Ist es wirklich so?“

Ich nickte.

Es ist so, Dieter. Es ist vorbei.“

Was ist vorbei?“, fragte Marion. „Was ist los, Dieter?“

Das ist vorbei“, antwortete Dieter und reichte Marion den Durchschlag der Überweisung.

Sie realisierte schnell seine Bedeutung, hielt sich ihre Hand vor den Mund und begann zu schluchzen. Ein Tränenstrom rann ihr die Wangen hinab und tropfte auf den Tisch.

Ist es wahr? Ist es wirklich wahr? Daniel, was geht hier vor?“

Marion, ich helfe euch gern. Ich habe Dieter und auch dir viel zu verdanken.

Ihr seid meine Freunde. Ich kann euch doch nicht hängen lassen.

Und bitte glaubt mir, ich werde dadurch nicht arm.“

Aus meiner Jacke nahm ich einen Briefumschlag und reichte ihn an Dieter weiter.

Das ist für einen Neuanfang, für's Erste.“

Dieter öffnete den Umschlag und schaute hinein.

Das kann ich nicht annehmen“, sagte er und gab mir den Umschlag zurück.

Und ob du kannst. Ich bestehe darauf. Du bist mein bester Freund, und ich wiederhole mich, wenn ich sage, ich helfe dir gern, also, nimm ihn!“

Ich kann nicht...“

Du kannst“, sagte ich und gab Marion den Umschlag.

Sieh schaute hinein und sagte: „Hör nicht auf ihn, manchmal ist er ein Tollpatsch.“

Eine Sekunde später verschwand der Umschlag in ihrer Handtasche.

Wie viel? Ich meine, wie viel sind in dem Umschlag?“, fragte Dieter leise.

Laut antwortete ich: „Hundertundfünfzigtausend.“

Du hast heute eine Viertelmillion Euro für mich losgemacht? Alter, hast du eine Bank ausgenommen oder im Lotto gewonnen?“, fragte Dieter.

Dieter, mein Vater hat mir ein wenig zurückgelassen.“

Ein wenig, das muss aber ganz schön viel wenig sein.“

Hast schon recht, es läuft schon unter ganz schön viel. Mach dir keinen Kopf,

das Geld habe ich schon bald allein durch Zinsen wieder raus.“

Durch Zinsen? Alter, bist du jetzt Millionär?“

Yo! Multimillionär. Stinkreich. Kohle ohne Ende. Mehr als genug. Und jetzt genießen wir den Rest des Tages.“

 

Hast du schon irgendwelche Ideen für einen Neuanfang?“, fragte ich Dieter, als wir am Abend zu einem kleinen Umtrunk beisammen saßen.

Erinnerst du dich, als ich dir sagte in meinem Geschäft muss man klotzen und nicht kleckern?“, antwortete Dieter.

Natürlich.“

Genau das werde ich machen. Vor etwa einem Jahr bekam ich ein Angebot, für einen Rennstall Motorräder zu tunen. Ich glaube, ich werde mal mit den Leuten reden. Damals wollte ich mich nicht abhängig machen und mein eigener Herr bleiben. Naja, den Erfolg kannst du ja betrachten.“

Ich denke, Dieter, das ist eine Überlegung wert.“

Und du? Was wirst du machen?“

Bei mir hat sich nichts geändert. Ich will nur eines: Rache!“

Ich hatte es kaum ausgesprochen, als sich diese hässliche Fratze des Hasses vor meinem inneren Auge zeigte und daran erinnerte, dass es noch viel zu tun gab. Katrin.

Ich musste als erstes Katrin befreien. Ich hatte zwar den USB-Stick mit den brisanten Daten, doch Katrin hatte ihn mit einem Passwort gesichert, welches ich nicht kannte. Dummerweise hatte ich nicht danach gefragt als ich den Stick von Katrin bekam. Also brauchte ich Katrin. Vor allem lebend.

Ich erzählte Dieter von meinem Vorhaben Coleman anzurufen und den CIA auf van Straalen zu hetzen.

Alter, die werden dir nicht helfen. Nicht für Katrin. Nicht für dich. Überlege mal, die brauchen nur einen kleinen Fehler zu machen, und van Straalen hat die an den Eiern.

Das gäbe diplomatische Verwicklungen, spurlos verschwundene Menschen, wahrscheinlich Katrin und du, vielleicht auch ich. Keine Ahnung. Aber eines weiß ich, der CIA ist die schlechteste Wahl.“

Das BKA kann mir auch nicht helfen, also muss ich allein weitermachen.“

Ich werde dir helfen, das bin ich dir jetzt schuldig.“

Du hast mir schon genug geholfen, Dieter.“

Ich meine ja nicht unbedingt mich persönlich und ich allein...“

Wie meinst du das?“

Meine alte Gang wird uns helfen.“

Wie denn das?“

Warte ab.“

 

*

 

Wir haben sie ausfindig gemacht.“

Wo ist sie?“, fragte Dieter.

Im zweiten Stock. Im Zimmer mit dem Balkon. Wir haben Wärmebilder gemacht. Im Zimmer ist sie allein, aber einmal öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und wir konnten einen Typen ausmachen, der sie bewacht.

Sieht aus wie ein hawaiianischer Sumo Ringer. Wiegt wohl über drei Zentner. Schätze, an dem müsst ihr irgendwie vorbei. Alle Fenster und Eingänge sind alarmgesichert“, antwortete Dieters ehemaliger Kumpel Horst aus der Ex- Gang.

Wir befanden uns in Sichtweite der Villa van Straalens und beobachteten das Haus.

Die Abenddämmerung hatte begonnen, und fahles Licht ließ die Villa düster

erscheinen.

Hast du einen Plan?“, fragte ich Dieter.

Im großen und ganzen nein. Aber die Jungs haben mir einen Vorschlag gemacht, der sich nicht übel anhört.“

Ich schaute mir Dieters Jungs an. Ein Dutzend hartgesotten aussehender Typen in Motorradkluft, die uns auf ihren schweren Maschinen sitzend anblickten. Einer fiel mir besonders auf. Groß, kräftig und muskelbepackt. Mit langen lockigen, roten Haaren und Vollbart.

Sah aus wie ein Wikinger. In der linken Hand hielt er einen Joint und zog genüsslich an ihm.

Dieter bemerkte meinen Blick.

Das ist Knut „die Keule“, der härteste Brocken, nach mir natürlich, der mir je untergekommen ist. Bei meinem letzten Kampf für die Gang, hätte er mich beinahe geschafft. Danach wurden wir Freunde. Irgendwann ist er dann zu uns `rübergewechselt. Aber egal, das ist Schnee von gestern.

Siehst du den kleineren neben ihm?“

Ja. Warum?“

Der ist Stuntman. RTL hat ihn für die Serie „Alarm für Cobra 11“ engagiert. Ja, und der hat einen Plan ausgeheckt.“

Was für einen Plan?“

Lass dich überraschen.“

Dieter nickte ihm zu, und er ließ sein Motorrad an, wendete und fuhr auf der Straße zurück, weg von der Villa.

Jetzt geht es los“, sagte Dieter.

Auch die anderen starteten ihre Maschinen und brachten sie in Position.

Der Stuntman wendete sein Bike, gab Vollgas und raste mit irrer Geschwindigkeit auf die Villa zu.

Dann verließ er die Straße und fuhr auf die beidseitig mit Kies begrenzte Zufahrt zur Villa, die vor der Treppe zu einem Rondell wurde.

Noch immer war er wahnsinnig schnell. Noch etwa dreißig Meter bis zur Treppe, die zur Haustür führte. Noch zwanzig Meter. Plötzlich sprang der irre Stuntman von seinem Motorrad, rollte sich gekonnt auf dem Kiesweg ab, während sein Bike von der Treppe aufwärts katapultiert wurde und mit einem Krachen die Haustür zerfetzte. Sofort schrillten sämtliche Alarmanlagen und erfüllten die Umgebung mit ihrem ohrenbetäubenden Gejaule.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich den Stuntman, wie er sich rote Farbe ins Gesicht schmierte, zur Haustür lief und vor der Treppe den sterbenden Schwan spielte. Sekunden später erschienen sämtliche Bodyguards, inklusive Dirk Broyer und van Straalen höchstpersönlich im Eingang.

Was verdammt nochmal ist hier denn los?!!“, brüllte van Straalen als der Rest der Gang mit ihren Motorrädern die Villa erreichte und ordentlich Lärm mit ihren Maschinen machten.

Das ist unser Signal“, kommentierte Dieter und klopfte mir auf den Rücken

Los jetzt!“, befahl er und wir rannten geduckt zu Rückseite der Villa, wo sich

eine verschlossene Tür befand, die in das Untergeschoss führte. Die Villa war aus der Gründerzeit und hatte noch alte Kohlenkeller.

Van Straalen brüllte weiter: „Macht endlich die beschissene Alarmanlage aus.

Und ruft den Rettungswagen, verdammt noch mal!“

Sekunden später ging die Alarmanlage aus, aber da hatte Dieter die Kellertür

schon eingetreten und wir befanden uns im Haus.

Hoffentlich sind die inneren Zugänge nicht abgeschlossen, dachte ich. Aber das Risiko mussten wir eingehen.

Wir hatten Glück, keine verschlossene Tür versperrte uns den Weg, und wir schlichen durchs Haus.

Schnell hatten wir die Treppe erreicht, die in die oberen Etagen führte.

Noch während wir die Stufen hinauf hasteten, zog ich meine Pistole aus dem Halfter, entsicherte sie und blickte Dieter an, der vor mir die letzten Stufen nahm.

Mit einem Handzeichen ließ er mich stoppen.

Ich erreichte ihn, blickte um eine Ecke und sah den Hünen, der das Zimmer zu Katrin bewachte. Er war so gewaltig, wie ihn Horst beschrieben hatte.

Einem plötzlichen Entschluss folgend, ging ich an Dieter vorbei und steuerte mit vorgehaltener Waffe auf den Koloss zu.

Nimm die Pfoten hoch, Gigantos!“, befahl ich ihm. Etwa fünf Meter trennten mich von ihm. Der Riese legte seinen Kopf schief, musterte mich und grinste.

Er machte überhaupt keine Anstalten, sich meinem Befehl zu beugen.

Stattdessen bewegte er geradezu anzüglich langsam seine Hand in Richtung seiner Waffe.

Keine Bewegung, oder ich schieße dir deinen verdammten Kopf weg!“, brüllte ich ihn an.

Ich zielte direkt auf seinen Kopf, dann jedoch begann etwas, mit dem ich überhaupt nicht rechnete. Meine Hände begannen zu zittern und ich konnte meine Waffe kaum mehr halten.

Das sah der Gigant natürlich und begann hämisch zu lachen. Er zog seinen Revolver und legte lässig auf mich an.

In dieser Sekunde realisierte ich, dass ich für den Gebrauch von Schusswaffen absolut ungeeignet war. Leider kam diese Erkenntnis etwas spät.

Gigantos zog den Hahn seiner 44ger Magnum, blickte mich an und sagte: „Tja, das ist wohl dumm gelau...“, als ich neben meinem linken Ohr ein flatterndes Geräusch vernahm.

Einen Moment später steckte ein Messer in seinem Hals, von Dieter geworfen und mit tödlicher Präzision getroffen. Gurgelnd brach der Hüne zusammen und rührte sich nicht mehr, während ein Blutstrom aus seinem Hals den Teppich unter ihm tränkte.

Tja, das ist wohl dumm gelaufen...für dich“, beendete ich seinen angefangenen Satz und ging an seiner Leiche vorbei zur Tür.

Der Schlüssel steckte, und ich öffnete die Tür. Ungläubig starrte Katrin mich an.

Du? Was ist hier los, Daniel?“

Keine Zeit, Katrin. Wir verziehen uns, sofort!“

Ich nahm ihre Hand, und wir machten uns auf den Rückweg.

Der Anblick des toten Bodyguards ließ Katrin erschauern, doch sie hatte sich schnell wieder im Griff.

 

Zwei Minuten später erreichten wir den Kellerausgang, liefen geduckt zurück und mussten nur noch auf einen der Jungs warten, der uns mit einem Auto abholte. Schnell stiegen wir ein und machten uns aus dem Staub, noch ehe van Straalen, Broyer und seine Konsorten überhaupt bemerkten, was hinter ihrem Rücken geschehen war.

 

Das lief ja wie geschmiert“, sagte ich zu Dieter, während wir in seiner Werkstatt aus dem Wagen stiegen.

Wir hatten einfach nur Glück, du vor allem. Denk an Gigantos, der hätte dich zwei Sekunden später erschossen.“

Das ist wohl wahr“, bemerkte ich kleinlaut und überdachte noch einmal das Geschehene. Tja, trotz allen Trainings, konnte ich mit einer Schusswaffe keinen Menschen verletzen oder gar töten. Aber irgendwie konnte ich damit ganz gut leben. Es ist wohl doch etwas anderes, so im Nahkampf Mann gegen Mann zu stehen, statt aus der Entfernung auf einen Menschen zu schießen.

Wir gingen in Dieters Wohnung und setzten uns erst einmal. Henri begrüßte mich schwanzwedelnd und hüpfte zu mir auf die Couch.

Ich nahm den USB-Stick, blickte Katrin an und lächelte.

Das Passwort, bitte.“

Katrin nannte es mir, und ich schob den Stick in Dieters Computer.

Dann öffnete ich die Datei, nahm mein Mobiltelefon und wählte Hoyt's Nummer.

Hey Daniel, was geht ab?“, meldete sich Hoyt.

Ein wenig verdutzt blickte ich drein; so zu reden hatte ich von ihm nicht erwartet.

Ich habe die Daten. Ich schicke sie dir per E- Mail, und zwar jetzt.“

Kurz darauf las ich die Meldung, dass die Mail erfolgreich versendet wurde.

Ja, ich habe die Mail. Ich lasse sie gleich von meinen Leuten checken. Wenn die Daten so brisant sind wie wir vermuten, sollten wir van Straalen bald an den Eiern haben“, sagte Hoyt.

Gut, wenn alles gecheckt ist, melde dich, ach, noch etwas, wie geht es Ingo?“, wollte ich wissen.

Ingo geht es schon viel besser. In spätestens drei Wochen soll er entlassen werden“, antwortete Hoyt.

Grüß ihn bitte, und richte ihm aus, dass es heute Linsensuppe gab. Er versteht das schon.“

Linsensuppe? Okay, ich richte es ihm aus.“

Ich konnte Hoyt förmlich grinsen sehen als ein Klicken die Verbindung beendete.

Was passiert jetzt?“, fragte Katrin und blickte abwechselnd Dieter und mich an.

Jetzt reiße ich deinem Großvater den Arsch auf und schicke Broyer in die Hölle.“

 

Nach dem Frühstück setzte ich mich mit Dieter und Katrin zusammen und erklärte ihnen mein Vorhaben.

Du willst das wirklich alleine machen?“, fragte Katrin, und ich konnte die Angst in ihren Worten spüren.

Ja. Ich werde dich und auch Dieter nicht gefährden. Es ist meine Rache, und ich muss mit dem, was geschehen wird, allein fertig werden.“

Bist du dir wirklich sicher, Daniel?“, wollte Dieter wissen.

Ja, Dieter. Absolut sicher. Vielen Dank für alle Unterstützung, aber jetzt muss ich das allein durchziehen. Ich werde Broyer kriegen und meinen Vater rächen. Das schwöre ich.“

Viel Glück Alter, reiß ihm den Arsch auf.“

Es gab jetzt nicht mehr viel zu sagen. Ich umarmte Katrin noch einmal und verabschiedete mich.

 

Als ich van Straalens Firmensitz erreichte, traute ich meinen Augen nicht. Überall Polizeiwagen, Blaulichter, Beamte in Zivil die Kartons heraustrugen und Hauptkommissar Günter Mantell. Ob er meinen Blick spürte, weiß ich nicht, aber er drehte sich zu mir um und kam auf mich zu.

Gute Arbeit, Herr Siebe. Ich hab Ihnen zwar untersagt auf eigene Faust zu ermitteln, habe mir aber schon gedacht, dass sie das ignorieren würden. Nun, ich komme aber nicht umhin, Ihnen zu gratulieren.“

Äh, wie... ich meine..“

Herr Siebe“, unterbrach mich Mantell: „Glauben Sie wirklich, dass wir auf dem Baum pennen? Natürlich haben wir auf Sie geachtet, es war mir klar, dass Sie ihren Vater rächen wollen, und so heiligte der Zweck die Mittel, indem ich Ihnen in gewisser Weise freie Hand ließ.

Für meinen Geschmack aber zu frei, immerhin ist einiges an Blut geflossen.“

Er blickte mir ins Gesicht und sagte: „Wir ermitteln aber nicht gegen Sie. Seien Sie beruhigt. Der Tote in van Straalens Villa muss wohl Opfer eines Bandenkrieges zwischen Rockergangs gewesen sein, die zur Tatzeit dort gesehen wurden.

Es wird schwer sein, das zu beweisen.

Die Ironie war nicht zu überhören. Mantell sprach weiter: „Die von Hoyt engagierten Männer wurden von zwei schwerverletzten Amerikanern umgebracht, die wir an Ort und Stelle verhaftet haben. Sie haben übrigens einen bemerkenswerten Kampfstil, Herr Siebe.“

Der weiß aber verdammt viel, dachte ich.

Ja, wir wissen so einiges, Herr Siebe. Wenn wir mit den bisher erbrachten Beweismitteln erfolgreich sind, brauchen Sie sich keine Gedanken mehr machen.“

Kann der Gedanken lesen?

Welche Beweismittel haben Sie denn noch?“

Naja, Sie waren sehr fleißig, Herr Siebe.“

Die haben die E-Mail abgefangen, dachte ich sofort.

Haben Sie van Straalen?“, fragte ich.

Nein, und Broyer auch nicht. Die haben wohl Lunte gerochen und sich aus dem Staub gemacht.“ Ein Kollege winkte Mantell zu sich herüber. Kurz darauf kam er zu mir zurück.
„Wir haben van Straalen aufgespürt. Er ist vom Airport Dortmund mit seinem Sportflieger gestartet. Wir verfolgen sein Transpondersignal und verhaften ihn nach der Landung, wo immer das sein mag.“

Fehlt nur noch Broyer“, bemerkte ich.

Den kriegen wir auch noch, ist nur eine Frage der Zeit.“

Wie geht es jetzt weiter?“, wollte ich wissen.

Die Staatsanwaltschaft hier in Dortmund wird den Fall prüfen und wahrscheinlich der Bundesstaatsanwaltschaft übergeben. Schließlich geht es hier um eine internationale Angelegenheit, wo entsprechende Köpfe im In- und Ausland rollen werden.“

Sie sagten, dass nicht gegen mich ermittelt wird.“

Ab jetzt entscheidet die zuständige Staatsanwaltschaft. Sie werden sicherlich angehört und als Zeuge vernommen werden. Wie es dann weitergeht, hängt auch von dem ab, was Sie zu sagen haben. Und bitte noch eines, überlassen Sie Broyer dem BKA, wenn Sie uns jetzt in die Quere kommen, werde ich kein Auge mehr zudrücken. Haben Sie mich verstanden?“

Jaja, das habe ich“, knurrte ich.

Jaja heißt: Leck mich am Arsch. Ich warne Sie, Herr Siebe.“

Ich verabschiedete mich und ging zu meinem Auto zurück, als mein Handy klingelte.

Hier ist Hoyt, Daniel. Es gibt eine Neuigkeit, Doubleshot wurde vom FBI erschossen. Auf frischer Tat, wie ihr so sagt. Und es ist definitiv nicht Broyer“, klärte er mich auf.

Ich weiß nicht, ob mich das jetzt beruhigt. Im Grunde ist es mir auch egal.

Van Straalen wird bald verhaftet, seine Firma wird gerade durchsucht, und Broyer ist verschwunden.“

Auf dieser Welt verschwindet keiner, wenn wir an ihm dran sind. Halt den Kopf steif, oder die Ohren, wie sagt ihr noch?“

Die Ohren, Hoyt. Die Ohren. Danke.“

Wir sind an Broyer dran, wenn wir etwas erfahren, kriegst du als Erster Bescheid.“

Aber nicht mehr übers Handy. Von wegen abhörsicheres GPS- Handy. Das BKA hört mit.“

Okay, okay. Ich melde mich. Mach's gut.“

Ich stieg in mein Auto und fuhr los.

Broyer ist also nicht Doubleshot, dachte ich, während ich ziellos der Straße folgte. Sein Attentat also nur ein Imitat.

Im Grunde war es völlig egal, ob er Doubleshot ist oder einfach nur ein Nachahmer. Ich würde ihn finden, irgendwann, irgendwie, irgendwo.

Meine Rache wird vollzogen, so oder so, da war ich mir sicher.

Allerdings wusste ich jetzt, da Broyer verschwunden ist und van Straalen bald verhaftet würde, nicht, wo ich weiter ansetzen konnte, um Broyer zu finden.

Vielleicht will er ja mich jetzt finden, dachte ich und machte mich gleich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen checkte ich alles durch, um sicher zu gehen, dass hier auch nichts hinterlassen wurde, was meine Anwesenheit verraten könnte. Ich fand aber keinerlei Minispione, Wanzen oder dergleichen und setzte mich an den Computer. Den ganzen Tag recherchierte ich, um auch die letzte, möglicherweise übersehene Kleinigkeit zu finden, die mir einen Hinweis geben konnte. Jedoch ohne Erfolg. Der Abend kam. Ich informierte Dieter, und bat ihn, sich bitte weiter um Henri zu kümmern, da ich die Nacht allein verbringen wollte. Man weiß ja nie.

Doch die Nacht blieb ruhig, kein Broyer, der mich zuhause überfiel und zu töten versuchte. Kein Anschlag, keine Bombe, Schlangen oder Skorpione, nichts passierte, und das war auch gut so.

Nach dem Frühstück ging ich zu meinem Wagen, startete den Motor und fuhr los. Ich kurvte durch die Straßen, hing meinen Gedanken nach und befand mich plötzlich auf der Zufahrtsstraße zur van Straalens Villa.

Ein Streifenwagen und zwei Vans standen vor dem Eingang, zu sehen war niemand. Ich wendete, fuhr ein Stück zurück und parkte meinen Wagen abseits der Straße, von wo ich einen guten Blick auf die Villa hatte. Ich aktivierte den Bordcomputer, wählte Sonderfunktionen und startete das Überwachungssystem. Von der in den Rückspiegel integrierten Kamera wurde nun das empfangene Bild auf den Monitor des Navi's projiziert. Keine Ahnung, was ich zu sehen erhoffte, aber nach einer halben Stunde kamen zwei uniformierte Beamte und mehrere Personen in Zivil aus dem Haus, stiegen in die Fahrzeuge und fuhren los.

Ich wartete.

Es verging eine gute Stunde, als ich im Rückspiegel ein Fahrzeug ausmachte. Es kam näher. Es war ein BMW. Es war Broyer.

Er fuhr zum Haus und blieb stehen.

Eine Welle des Hasses überschwemmte mich, und ich hätte am liebsten Gas gegeben, um Broyer über den Haufen zu fahren.

 

Ein paar Minuten lang rührte sich nichts. Dann stieg Broyer aus und ging entgegen meinen Erwartungen nicht ins Haus, sondern zum Garagenanbau, in dem sich van Straalens Fahrzeuge befanden. Es war eigentlich keine Garage, sondern eine kleine Halle, inklusive Werkstatt.

Ich stieg aus und ging zügig zur Villa und schlich mich die letzten Meter auf leisen Sohlen heran.

Das Tor war spaltbreit geöffnet, ich zwängte mich leise hindurch und sah van Straalens Jaguar MK 2, einen Citröen DS einen nagelneuen Mercedes- Benz

sowie einen Hummer. Von Broyer keine Spur.

Plötzlich hörte ich ein Summen und sah, wie sich eine Regalwand verschob und einen Eingang frei gab, durch den jeden Moment Broyer hinaus kommen könnte. Schnell quetschte ich mich zurück nach draußen, als Broyer mit einem großen Aluminiumkoffer erschien. Ich musste mich entscheiden, zurück zu meinem Auto dauerte zu lange, außerdem würde er mich sehen. Also blieb mir nur noch das Überraschungsmoment.

Jetzt bereute ich es, keine Schusswaffe mitgenommen zu haben. Ich konnte zwar nicht auf Menschen schießen, aber das wusste Broyer nicht, und ich hätte ihn damit in Schach halten können. Meinen Spezialgürtel mit dem Kongo hatte ich Idiot auch nicht umgeschnallt, wenig professionell, aber ein Profi auf dem Gebiet war ich ja noch nie.

Ich drückte mich rechts neben dem Ausgang ans Tor, als Broyer auch schon den Ausgang erreichte. Er drehte sich von mir weg, um das Tor zu schließen.

Diesen Moment nutzte ich und trat hinter ihm.

Hey, Drecksack!“ sagte ich und sah wie Broyer den Koffer fallen ließ und seine Waffe aus dem Halfter zog. Noch bevor er sie auf mich richten konnte, hatte ich sein Handgelenk gepackt und verdreht, so dass sich sein Oberkörper vorbeugte. Mit einem Aufschrei ließ er die Waffe fallen und spürte sogleich mein Knie in seiner Leber. Ein Sekunde später brach er zusammen und hielt sich die Seite. Er hatte starke Schmerzen, das wusste ich. Die nächsten paar Sekunden war er kampfunfähig. Ich ließ ihn liegen und schnappte mir seine Waffe.

Und jetzt Broyer, will ich ein paar Antworten.“

Fick dich!“, quetschte er die Antwort schmerzverzerrt aus seinem Mund.

Nein, mache ich nicht. Ich sorge dafür, dass du gefickt wirst, im Knast. Bis dein Arschloch nur noch flattert, wenn du furzt. Du weißt sicher schon, dass die Jungs dort auf Frischfleisch stehen, oder? Also, erzähl mir was!“ Um meiner Forderung Ausdruck zu verleihen, zielte ich auf sein Knie.

Brauchst du das noch?“, fragte ich.

Ja, Mann. Ich rede. Was willst du wissen.“

Warum hast du meinen Vater getötet?“

Warum, warum? Weil es mein Job war. Van Straalen ist mein Boss, er bezahlt gut, sehr gut. Ich hinterfrage nichts. Van Straalen erteilt den Auftrag, ich führe ihn aus. So einfach ist das.“

Das ist nicht das, was ich wissen will, rede endlich!“ Ich drückte den Lauf der Pistole an Broyers Knie.

Und Broyer redete wie ein Wasserfall.

 

Nun wusste ich es. Es war wie Coleman und Mantell vermuteten. Mein Vater wurde ausgenutzt, um über seine Firma illegale Geschäfte mit dem Iran zu machen. Als mein Vater Aslan Export von Hoyt überprüfen ließ, wurde seine Vermutung zur Erkenntnis, und er wandte sich an das BKA. Aber da war es schon zu spät. Sein Todesurteil war bereits gesprochen und wurde von Broyer ausgeführt. Ich war tatsächlich nur ein Kollateralschaden.

Broyer schaute mich an und fragte: „Zufrieden? Was willst du jetzt machen? Mich erschießen?“

Ächzend und sich die schmerzende Seite haltend richtete er sich auf.

Ich hob die Waffe und ging einen Schritt zurück, während ich auf Broyers Gesicht zielte.

Er starrte mich an und grinste verächtlich.

Du wirst mich nicht erschießen.“

Sei dir da mal nicht so sicher, Broyer.“

Jetzt wo wir uns so gut kennen, darfst du Dirk zu mir sagen“, sagte Broyer und machte einen Schritt auf mich zu.

Bleib stehen, sonst knall ich dich ab!“

Ich sagte doch, du wirst mich nicht erschießen, du kannst es nicht. Ich weiß nämlich noch etwas, das du nicht weißt.“

Und was soll da sein?“, fragte ich.

Du hast die Pistole nicht entsichert!“, schrie er und sprang auf mich zu. Es machte nur Klick, kein Schuss fiel. Dafür fiel die Waffe... mir aus der Hand, weil Broyer blitzschnell die Situation erkannt hatte und ich zu blöd war die Pistole zu entsichern. Er schlug sie mir aus der Hand und die Pistole flog im hohen Bogen mehrere Meter weit weg.

Ein Faustschlag traf mein Gesicht, und Tränen schossen mir aus den Augen. Ich konnte Broyer nur noch undeutlich erkennen, als ein Tritt mich zurückschleuderte.

Ich rollte mich nach hinten ab, sprang hoch, wischte mir mit dem Ärmel die

Tränen aus den Augen und kassierte einen heftigen Treffer in die Magengrube, einen weiteren ins Gesicht und wurde mit einem Hüftwurf zu Boden

geschleudert.

Sofort rappelte ich mich auf, steppte ein paar Schritte zurück. Ich atmete tief ein und sah wie Broyer auf mich zu kam. Die Arme erhoben, die Fäuste geballt.

Ein Fauststoß nach vorn, ich wich zurück. Kein Treffer.

Broyer drehte seinen linken Fuß nach innen, und mit Schwung aus der Hüfte trat er mit seinem rechten Bein in Richtung meines Solar Plexus.

So ein Sidekick ist nicht leicht abzuwehren, außer man deutet die vorherige Fußdrehung richtig und ist dadurch vorbereitet. Und das war ich.

Ich machte eine Vierteldrehung nach links, sein Tritt verfehlte mich, und ich ergriff nun sein Fußgelenk mit beiden Händen. Mein linker Fuß traf Broyer in die Kniekehle, und er knickte ein, während ich sein rechtes Fußgelenk kräftig drehte.

Broyer wurde einmal um die eigene Achse gewirbelt und prallte mit dem Rücken heftig auf. Er zog aber seinen Fuß aus der Umklammerung, rutschte auf seinem Arsch zurück und stand auf.

Langsam umkreisten wir uns, die Hände in Abwehrhaltung, bereit zu reagieren.

Wieder ein gerader Fauststoß von Broyer. Ich wehrte ihn ab.

Noch einer, wieder daneben.

Mein Schlag traf Broyers Oberlippe. Sie platzte und fing an zu bluten.

Nun begann Broyer zu tänzeln, wie Muhamed Ali hüpfte er von einem Bein aufs andere und traktierte mich mit Boxhieben.

Was du kannst, kann ich schon lange, dachte ich und begann meinerseits zu tänzeln und landete ein paar Treffer erfolgreich in Broyers Gesicht... und wieder einen auf seine Leber, bekannte Stelle. Das saß.

Broyer atmete tief und schmerzhaft ein.

Dann änderte ich meine Beinposition. Aus dem Linksausleger wurde plötzlich ein Rechtsausleger, was Broyer aber nicht sofort begriff.

Zwei Jap's mit der Rechten. Ein Schwinger mit der Linken, ließ seine Deckung leicht nach rechts gehen. Sofort landete ich einen heftigen Schwinger mit der Rechten auf seinem Jochbein, und ein harter Treffer mit links brach seine Nase.

Boyer blutete wie ein abgestochenes Schwein, aber er hatte noch nicht genug.

Er stürmte blind auf mich zu und wollte mich mit beiden Händen packen.

Ich wich aus, und mein Knie traf wieder seine bereits lädierte Leber. Das reichte, Broyer brach zusammen und blieb bäuchlings liegen.

Mein Magen revoltierte. Ich musste kotzen.

Ich wischte mit einem Taschentuch meinen Mund ab, als ich ein gefährliches Klicken vernahm.

Broyer stand mit seiner Pistole, auf der er gelegen hatte, vor mir und grinste.

War wohl nichts“, sagte er und legte auf mich an.

Waffe weg! Sofort!“ Das war eine andere Stimme.

Kriminalhauptkommissar Mantel kam mit gezogener Waffe auf uns zu.

Broyers Gesicht erstarrte, und verwirrt ging sein Blick zu mir und dann wieder zu Mantell.

Waffe weg, auf den Boden, Broyer oder ich schie...“

Ein Schuss, ein Einschlag in die Brust und Mantell stürzte zu Boden.

Keine Sekunde später schlug ein Kugelhagel in Broyer ein. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug hatten ihn dutzende MP- Projektile durchsiebt.

 

Das SEK- Einsatzteam hatte sofort reagiert und ganze Arbeit geleistet.

Ich drehte mich zu Mantell um und sah wie er sich stöhnend aufrichtete und mit dem Zeigefinger im Loch seiner Kevlarweste herumpuhlte.

Verdammt praktisch diese Dinger“, murmelte er und blickte mich an.

Tja, Herr Siebe, da waren wir wohl doch rechtzeitig zur Stelle.“

Woher wussten Sie, dass ich hier war?“, fragte ich ihn.

Herr Siebe, wir wissen schon lange, wann, mit wem und wo Sie sind.“

Sie haben mich überwacht?“

Sagen wir, wir haben Sie beschützt“, erklärte Mantell, nach meinem Empfinden klang es ein wenig süffisant in meinen Ohren.

Ernster fuhr er fort: „Herr Siebe, unser Profiler war sicher, dass Sie Rache nehmen wollen. Wir mussten also auf Sie aufpassen. Hätten Sie Broyer umgebracht, müssten Sie in den Knast. Und das wollte ich ihrem Vater nicht antun, schließlich war ich ihm noch einen Gefallen schuldig.“

Das kam mir jetzt aber sehr bekannt vor. Mantell also auch. Wer war meinem Vater eigentlich keinen Gefallen schuldig?

Ich hörte die Sirene des herannahenden Rettungswagens. Für die Retter gab es allerdings wenig zu tun, was ein Blick auf Broyers Leiche nur bestätigte.

Es war vorbei. Broyer war tot.

Seltsame Gefühle brachen in mir durch. Ich sah sie wieder, diese schreckliche Fratze des Zornes und des Hasses, aber ich sah auch wie sie langsam verblasste und einem Gefühl der Erleichterung wich. Es war vorbei. Broyer war endlich tot. Und van Straalen?

Haben Sie van Straalen?“, fragte ich Mantell.

Der schaute auf die Uhr, lächelte und sagte: „Der wird gerade dem Haftrichter vorgeführt.“

Dann gab er ein Zeichen, und ein Beamter stieg aus einem Wagen und ging zu Broyers Koffer. Er nahm in auf und verstaute ihn im Kofferraum.

Wollen Sie ihn nicht öffnen?“, wollte ich wissen.

Wissen Sie was drin ist? Nein, der wird erst im Labor geröntgt und überprüft.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir darin die Tatwaffe und Bargeld, sowie diverse falsche Pässe finden.“

Tja, dann war es das wohl“, meinte ich und wollte Mantell die Hand geben.

Für einen Abschied ist es noch zu früh, Herr Siebe. Wir sehen uns noch bei Ihrer Vernehmung zum Fall Broyer und als Zeugen, bei van Straalens Verhandlung. Aber bis dahin dauert es noch ein paar Monate. Heute sollten Sie erst einmal Ihre Wunden versorgen lassen, morgen werden Sie von einem meiner Beamten abgeholt und zur Aussage ins Dortmunder Polizeipräsidium gebracht. Also bis dann.“

Das war es nun. Game Over. Jetzt konnte ich meine eigene Zukunft planen und einen neuen Weg einschlagen. Wohin?

Nun, das wird sich ergeben.

 

 

 

Sie waren alle da. Dieter und Marion, Katrin, Hoyt, Tosh, Cheng Li, Wei Tsu Han, Erika, Ingo, Henri und Dieters Bikergang.

Als Ingo nach seiner Genesung Henri bei mir abholte, wären mir fast die Tränen gekommen. Henri freute sich überschwänglich, sein Herrchen wieder bei sich zu haben, er sprang an Ingo hoch, bellte, fiepste und sein Schwanz hörte nicht auf zu wedeln. Es war einfach rührend, diese natürliche Freude mit anzusehen. Für Ingo hatte ich aber auch noch eine Überraschung.

Schau mal aus dem Fenster“, forderte ich Ingo auf.

Ja, ich sehe dein Auto“, sagte Ingo.

Falsch, Ingo. Dein Auto. Ich habe den Vertrag verlängert, du kannst dir schon bald das neueste Modell abholen. Jedes Jahr ein neues Modell. Für die nächsten fünf Jahre.“

Ingo blickte mich an, als könne er es nicht fassen, aber dann dämmerte ihm die Erkenntnis, dass ich es ernst gemeint hatte und er jetzt stolzer Besitzer einer Nobelkarosse war.

Nun saßen wir im Haus meines Vaters, das zwar jetzt mein Haus war, aber immer das Haus meines Vaters bleiben würde.

Ich hatte für diesen Anlass einen Sternekoch engagiert, der uns mit seinem Team lukullisch verwöhnen sollte. Er hatte seinen freien Tag, und ich zahlte besser als der Römische…

 

Die Speisen wurden gereicht und ließen uns das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Dann kam es zum Höhepunkt der Veranstaltung: Der Koch höchstpersönlich kredenzte einen Teller mit allerfeinster... Linsensuppe für Henri. Der Duft dieser Suppe war so köstlich, dass man direkt in Versuchung geriet, mal daran zu naschen.

Aber das hätte Henri wahrscheinlich übelgenommen…

 

Ende

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