Ali Yüce

Ihr ganz persönliches Problem

Achim Tiedmann blätterte in den Prospekten, die verstreut auf dem kleinen Tisch lagen. Er hob einen auf, hielt ihn sich vor die Nase und las das Kleingedruckte auf der letzten Seite. Achim las immer das Kleingedruckte zuerst. Dabei erfuhr er meistens, ob es sich lohnte, auch den Rest zu lesen. „Da wir jedem Kunden die Möglichkeit bieten, die eigene Qual persönlich auszusuchen, ist die Rückerstattung der Gebühren ausgeschlossen“, stand da in freundlichen Buchstaben geschrieben. Und weiter unten, aber in viel kleinerer Schrift: „Gutscheine können nicht zurückgenommen und ausgezahlt werden. Wenn Sie unsere Dienste nicht in Anspruch nehmen möchten, seien Sie bitte umweltfreundlich. Wenn Sie den Gutschein in einer Altpapierannahmestelle entsorgen, erhalten wenigstens den Papierpfand.“ Achim ließ die Broschüre wieder fallen. Also gut, dachte er und rückte sich die Krawatte zurecht, dann muss ich da wohl durch.

Die Frau, die ihn vor wenigen Minuten willkommen geheißen und sich als Anke Kramer vorgestellt hatte, brachte Achim eine Tasse und schenkte Kaffee ein. Noch bevor er dazu kam, sich zu bedanken, sagte sie mitfühlend: „Es wird nicht mehr lange dauern. Ich schätze, sobald Sie ausgetrunken haben, wird Herr Herzog Sie hineinbitten.“ Achim plapperte sein „danke“ runter, das sich schon seit sechs Sekunden an seinen Lippen staute. Sie lächelte, als sie ihrerseits ihr „gern geschehen“ runterplapperte und sich abwandte. Er lächelte ihr hinterher und warf einen verträumten Blick auf ihren Hintern. Er hatte nicht damit gerechnet, so nett empfangen zu werden. Ganz und gar nicht. Wenn man mit den Worten „Ihre Sorge ist das Ergebnis unserer Arbeit“ eingeladen wird, erwartet man alles Mögliche, nur nicht das.

Die Tür zum Büro ging genau in dem Moment auf, als Achim seine geleerte Tasse neben den Prospekten abstellte. Ein kleiner Mann mit Halbglatze, einem teuren Anzug und einem erleichterten Lächeln trat aus ihr hinaus, gefolgt von einem Riesen ohne Halbglatze, aber mit einem noch teureren Anzug und dem Grinsen eines Menschen, der weiß, dass er seine Aufgabe hervorragend erledigt hat.

„Ich danke Ihnen vielmals“, sagte der kleine Mann und verabschiedete sich von dem Riesen in dem er ihm die Hand reichte. Achim musste ein Kichern zurückhalten, weil er im Geiste plötzlich das Bild eines Hundes sah, der seinem Herrchen die Pfote entgegenstreckte.

„Ich freue mich, dass wir alles zu Ihrer Zufriedenheit geregelt haben“, sagte der Riese dem kleinen Mann. „Genießen Sie es.“

„Danke. Vielen Dank“. Als der kleine Mann den Flur entlang zum Ausgang schritt, wunderte sich Achim, wie viel Dankbarkeit in der Stimme des kleinen Mannes tatsächlich mitgeschwungen hatte.

Der Riese schlenderte gutgelaunt zum Schreibtische von Anke Kramer und gab ihr leise einige Anweisungen, bevor er Achim begrüßte. „Herr Tiedmann, nehme ich an. Mein Name ist Kurt Herzog.“

„Angenehm. Sehr angenehm“, sagte Achim. Und nachdem sie sich die Hände geschüttelt hatten, folgte er Kurt Herzog ins Büro. Herzog bot ihm einen bequemen Sessel an und setzte sich an den Schreibtisch. Ein Flachbildmonitor und eine Sprechanlage mit Telefon waren die einzigen Gegenstände, die vermuten ließen, dass der Tisch überhaupt benutzt wurde. Keine Stifte, kein Papier, keine Büroklammern. Nichts. Aus dem großen Fenster schien vom Südwesten die Sonne herein und beleuchtete ein halbes Dutzend Zimmergewächse, ohne die der Raum ziemlich leer gewirkt hätte.

„Also“, sagte Herzog und sah Achim erwatungsvoll an. „Was kann ich Ihnen antun?“

„Ein guter Spruch“, bemerkte Achim und brachte ein nicht sehr überzeugtes und auch kein sehr überzeugendes Lachen zustande.

„Die Damen und Herren von der Geschäftsleitung sind der Meinung, dass wir jeden Kunden mit diesem Satz begrüßen sollen, um die Atmosphäre ein wenig zu lockern. Außerdem wüsste so der Kunde sofort, was er von uns zu erwarten hat.“

„Nun ja“, sagte Achim mit unsicherem Grinsen, „mir hat der Satz dabei nicht sehr geholfen.“

Herzog lachte. „Das haben alle anderen Kunden vor Ihnen auch gesagt.“ Achim lachte mit, diesmal weniger gezwungen als zuvor, aber noch immer nicht sehr überzeugt. „Sie haben einen Gutschein erhalten, nicht wahr?“ fuhr Herzog fort. „Ich hoffe, es ist nicht sehr unhöflich, wenn ich frage von wem?“

„Von meiner Frau“, antwortete Achim. „Zum Geburtstag. Sie sagte, ein wenig Abwechslung würde mir bestimmt sehr gut tun.“

„Sie haben eine sehr aufmerksame Gattin.“
„Sie haben Recht“, sagte Achim in einem zweifelnden Ton.

„Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie Sie unsere Dienste in Anspruch nehmen möchten?“

Achim seufzte. „Herr Herzog, ich möchte ganz offen zu Ihnen sein. Ich bin nicht besonders begeistert von der Idee, mir freiwillig Probleme bereiten zu lassen. Hätte ich diesen Gutschein nicht bekommen, hätten mich keine zwanzig Pferde herschleifen können.“

„Wie Sie möchten, Herr Tiedmann. Es ist zwar sehr schade, dass wir Ihnen nichts antun... dass wir nichts für Sie tun können, aber es ist Ihre eigene Entscheidung.“

„Nein, das ist es eben nicht“, sagte Achim mit leiser Stimme und gequältem Blick. Kurt Herzog schien äußerst verblüfft. „Ich möchte meiner Frau nicht sagen müssen, dass ich ihr Geschenk nicht annehme“, erklärte Achim. „Sie hat sehr viel Geld ausgegeben, um mir

diese Freude zu machen. Da kann ich doch nicht einfach sagen: Nein, Schatz, da habe ich nun wirklich nicht die geringste Lust drauf.“

Herzog nickte verständnisvoll. „Das ist sehr verständlich. Und das ist keine sehr gute Ausgangsposition, weder für Sie, noch für mich“, stellte er fest. „Ich schlage vor, dass Sie sich etwas Harmloses aussuchen, damit wir dieses Problem schnell aus der Welt schaffen. Wie wär’s mit Migräne, oder ein Paar depressiven Anfällen?“

„Nein, Migräne habe ich schon. Danke. Und mit Depressionen komme ich überhaupt nicht klar. Das...
Moment mal! So etwas können Sie wirklich machen?“

„Natürlich!“ Herzog schien beleidigt zu sein. „Wie gut wären wir in unserem Job, wenn wir unseren Kunden nicht einmal Migräne oder psychische Probleme bieten könnten? Wir sind Profis auf unserem Gebiet, Herr Tiedmann.“

„Beeindruckend!“

„Migräne ist eine Kleinigkeit, Herr Tiedmann. Unser Repertoire an Problemen, Schmerzen und Sorgen, die wir Ihnen bereiten können, ist beinahe grenzenlos. Auch für Sie werden wir das Passende finden, davon bin ich überzeugt.“

„Ich bin erleichtert“, sagte Achim aufrichtig.

„Wir sollten erst einmal versuchen, die Möglichkeiten nach Ihren Interessen zu reduzieren. Also, was halten Sie von meinem Vorschlag? Etwas Kleines, Alltägliches?“

„Nun ja, es sollte mindestens schon das Geld wert sein, das meine Frau für den Gutschein ausgegeben hat, meinen Sie nicht? Und ich glaube nicht, dass meine Frau begeistert wäre, wenn ich ihn für etwas Alltägliches vergeude.“

„Hmmm“, überlegte Herzog. „Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher, das wissen Sie doch?“ Achim zuckte schuldbewusst mit den Schultern. Herzog blickte nachdenklich auf den Bildschirm und zauberte eine Tastatur hervor. Er tippte einen Augenblick lang wild auf den Tasten rum und drückte mit einer abschließenden Bewegung auf Enter. „Also gut. Überlegen wir weiter. Sie möchten etwas, das den Gutschein wert ist. Das hätten wir. Und es soll nicht alltäglich sein. Jetzt sind wir schon sehr weit, aber die Auswahl ist immer noch enorm.“

„Ob Sie mir ein Paar Dinge vorlesen könnten?“ bat Achim. „Damit ich mir ein ungefähres Bild von all dem machen kann.“

„Gern. Eine unglückliche Liebesaffäre mit einer Popsängerin? Die Pointe können Sie sich aussuchen. Ihre Gattin könnte Sie zum Beispiel mit ihr hinter der Bühne erwischen. Als Bonus bekämen Sie sogar noch eine Familienkrise.“

„Ääääh... Nein, bitte nicht. Ich bin treu. Und bitte keine Beziehungsprobleme.“

„Oh! Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr das die Auswahl eingrenzt.“ Herzog tippte zwei Sekunden lang. „Wir könnten Ihnen mit Krieg drohen und Atombomben und chemische Waffen gegen Sie... Vergessen Sie das, bitte.“ Er tippte. „Wie wär’s mit Haarausfall? Die Form der kahlen Fläche überlassen wir Ihnen.“

„Bitte nichts Bleibendes. Und auch keine Krankheiten.“

„Natürlich.“ Herzog tippte. „Sooo“, sagte Herzog. „Übrig bleiben immer noch zweitausendsechshundertdrei Möglichkeiten.“

„Außerdem sollte die Sache nach ein bis zwei Wochen erledigt sein“, fügte Achim hinzu.

„Sie sind offensichtlich ein sehr beschäftigter Mensch, Herr Tiedmann.“ Herzog tippte. „Jetzt sind wir bei zweitausendsechshundertzwei angelangt. Fällt Ihnen noch etwas ein, das wir berücksichtigen müssen?“ Achim überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Gut“, sagte Herzog. „Nun würde ich vorschlagen, dass Sie sich etwas aus dieser Liste aussuchen. Dann können wir gemeinsam einige Änderungen vornehmen und das Problem ihrem Geschmack angleichen.“

„Herr Herzog, ich...“ Achim rutschte auf dem Sessel hin und her. „Ich kann das nicht. Alles in mir widerstrebt sich, eine solche Wahl zu treffen.“

„Herr Tiedmann, ich bitte Sie... Ich versuche mein Bestes, um Sie zufrieden zu stellen, doch ich wäre wirklich sehr erfreut, wenn Sie mir ein wenig entgegenkommen würden.“

„Es tut mir sehr leid“, sagte Achim und fühlte sich dabei so mies, wie schon lange nicht mehr. „Ich kann mich einfach nicht überwinden. Wie wär’s, wenn Sie für mich etwas aussuchen würden? Ich habe das Gefühl, dass Sie meine Situation verstehen. Sie haben sich so sehr für mich bemüht... Ihnen vertraue ich mehr als diesem Computer.“ Oder meiner Entscheidungskraft, dachte er.

Herzog nickte. „Wie Sie meinen, Herr Tiedmann. Wenn es denn nun nicht anders geht. Aber woher weiß ich, dass ich die richtige Wahl getroffen habe? Es würde mich zutiefst betrüben, wenn ich etwas wählen würde, das Ihnen nicht gefällt.“

„Ich bin mir sicher, Sie werden eine bessere Wahl treffen, als ich jemals könnte, Herr Herzog. Das ist mein Ernst. Und ich möchte nichts davon wissen, bevor es soweit ist. Vielleicht kann ich mir die Illusion aufbauen, es gehöre zum Leben dazu. Verstehen Sie?“

„Sie sind raffiniert, Herr Tiedmann. Sehr raffiniert. Sie haben meine Bewunderung. Nun, gut. Ich werde mir größte Mühe geben.“ Herzog drückte einen Knopf an der Sprechanlage. Eine halbe Minute später klopfte Anke Kramer an die Tür. Sie hatte ein bedrucktes Blatt Papier und einen Kugelschreiber bei sich. „Unterschreiben Sie bitte diese Einverständniserklärung“, sagte Herzog. „Wie Sie sehen, sind alle Kriterien, die Sie genannt haben, aufgezählt.“

Achim folgte der Bitte. „Ich danke Ihnen vielmals“, sagte er, bevor er sich von Herzog und Kramer verabschiedete.

„Ich freue mich, dass wir alles zu Ihrer Zufriedenheit geregelt haben“, sagte Herzog freundlich. „Genießen Sie es.“

„Schreiben Sie“, befahl Herzog. Kramer brachte ihre Finger in Startposition. Herzog hüstelte.

Sehr geehrter Herr Tiedmann,

die von Ihnen genannten Kriterien berücksichtigend bereiten wir Ihnen folgendes Problem:

Überweisen Sie auf das persönliche Bankkonto von Kurt Herzog 150.000, 32 .

Benutzen Sie dafür bitte den vorgedruckten Überweisungsschein.

Sie werden feststellen, dass dieses Problem mindestens dem Wert ihres Gutscheins entspricht und durchaus nichts Alltägliches ist. Ihrem eigenen Wusch zufolge haben Sie ein bis zwei Wochen Zeit, um der Aufforderung nachzukommen, ansonsten werden wir Sie juristisch dabei unterstützen.

Ob Sie sich die Illusion aufbauen können, dass dieses Problem zum Leben dazugehört, hängt ganz von Ihrer Fantasie ab. Falls Ihnen daran mangeln sollte, können Sie sich gerne an unsere Tochterfirma Fantast wenden.

Mit freundlichen Grüßen

“So! Jetzt können Sie Feierabend machen.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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