Angie Pfeiffer

Die Terrorkatze

„Wir müssen uns durchsetzen“, Alan versuchte, trotz seiner offensichtlichen Müdigkeit, männlich - markig zu klingen. „Deshalb dürfen wir nicht nachgeben“, fügte er hinzu.
„Ach Alan“, ich vergrub meinen Kopf verzweifelt in den Kissen, wissend, dass ich in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden würde.
„Krawumm, krrr.“ Es rumpelte gegen die Schlafzimmertür. Für einen Augenblick lang fühlte ich mich in einen Horrorfilm versetzt: Das Alien tat alles, um die letzte Zuflucht der Überlebenden der Nostromo zu erobern. Es versucht mit aller Macht, sich Eintritt zu verschaffen, um...
„Bong“, wieder warf sich die Katze mit aller Gewalt gegen die Tür.

Zwei Wochen früher:
„Ich weiß, dass du noch immer um unsere Lisa trauerst, doch vielleicht sollten wir uns trotzdem nach einer anderen Katze umsehen.“ Ich strich meinem Liebsten sanft über den Rücken. Vor einiger Zeit war unser Kätzchen Lisa von einem Auto überfahren worden und an den Folgen dieses Unfalls gestorben. Alan hatte, im Gegensatz zu mir, sehr an dem Tier gehangen. Mir tat es leid, doch trauerte ich nicht so sehr wie meine bessere Hälfte.
Alan schaute mich einen Augenblick verwundert an. „Ich dachte du möchtest keine Katze mehr haben? Das hast du doch groß und breit erklärt.“
„Ach Schatz, ich sehe doch, wie du das Tier vermisst. Klar habe ich öfter über die Katze geschimpft, doch im Grunde meines Herzens hatte ich sie gern. Irgendwie fehlt in unserem Haushalt jemand der schnurrend um die Ecke streicht, mir andauernd tote Mäuse schenkt, sich lauthals beschwert, weil der Futternapf schon wieder leer ist und seine Krallen an meinem Lieblingssessel schärft. Wenn du also möchtest ...“
„Na gut, wir können ja mal gucken, wahrscheinlich findet sich sowieso kein Kätzchen, dass unsere Lisa ersetzen kann“, seufzte Alan. So machten wir uns auf den Weg um im örtlichen Tierheim das Katzenhaus zu besuchen.

„Sie interessieren sich also für eine Katze, dann kommen sie mal mit“, mit einem energischen Winken bedeutete die freundliche, doch resolute Mitarbeiterin im Tierheim uns, ihr zu folgen. Im Katzenhaus angekommen hielt sie vor der ersten Tür an. „Hier ist Crazy, sie ist schon länger hier, denn sie ist ein sehr selbstbewusstes Tier, dass sich mit keiner anderen Katze verträgt.“ Nach einem kurzen Blick in unsere ratlosen Gesichter fügte sie hinzu: „Aber sie kann sehr lieb und anschmiegsam sein. Wollen sie ihr eine Chance geben?“
Ja - ha, zögernd betraten wir das Zimmer, in dem uns eine furchtbar dicke Katze von ihrem Kratzbaum aus misstrauisch fixierte.
„Boh ist die fett“, entfuhr es mir.
„Nun, Crazy hat ein wenig zugelegt, doch wenn sie bei ihnen den nötigen Auslauf bekommt wird sie wieder dünner.“
Zweifelnd musterte ich das Tier. Der Kopf erschien im Gegensatz zum Körper winzig, der kugelrunde Leib sah aus wie aufgepumpt. Mit einem erstaunlich eleganten Sprung landete Crazy vor unseren Füßen, wo sie sich niederließ und uns weiterhin mit starrem Blick beobachtete.
„Ich lasse sie einen Moment allein, vielleicht möchten sie sich ungestört miteinander vertraut machen!“ Mit diesen Worten wurden wir allein gelassen. Während Crazy uns weiterhin fixierte, ging Alan vor ihr in die Hocke. „Na du“, murmelte er sanft und steckte die Hand vorsichtig aus um die Katze zu kraulen.
„Aua!“
Schnell zog er die Hand, auf der sich jetzt ein blutiger Kratzer befand, zurück. Crazy hatte sich kaum bewegt, nur einmal mit der Vorderpfote ausgeholt und Alan so ihre Meinung über plötzliche Streicheleinheiten kundgetan. Anschließend drehte sie sich hoheitsvoll um, setzte zum Sprung an und verschwand in ihrem Katzenkorb, um uns aus der Öffnung heraus weiter missmutig zu beobachten.
„Also wirklich, Lisa hat mich nie gekratzt“, erklärte Alan empört, während er den immer noch blutenden Kratzer mit einem Taschentuch abtupfte.
„Na? Wie sieht es aus?“, erkundigte sich die Mitarbeiterin des Tierheimbetriebes. Alan zeigte ihr anklagend und wortlos seine verletzte Hand.
„Ja, ich sehe schon, sie wollen Crazy keine Chance geben!“
„Nein, vielleicht gibt es ja noch eine Katze, die weniger dick und selbstbewusst ist“, erklärte ich energisch. „Crazy passt ganz bestimmt nicht zu uns, leider.“
Die Dame zuckte die Schultern. „Sie können ja mal weiter schauen, vielleicht finden sie das richtige Tier für sich.“ Mit dieser spitzen Bemerkung ließ sie uns allein.
So schlenderten wir den langen Gang entlang, schauten rechts und links in die mit Katzen bevölkerten Räume, bis Alan abrupt stehen blieb. Ich folgte seinem Blick und schaute in ein Paar große, hellgrüne Augen, die lustig aus einem schwarzen Fellknäul hervor funkelten. Das Knäul entwirrte sich und vor uns stand ein kleines schwarzes Kätzchen, das uns mutwillig anblitzte. Anschließend hob das Tier die Pfote, leckte sie ab und fuhr sich anmutig über den komischen kleinen weißen Schnurrbart, der sich über den rosigen Maul befand.
„Das ist sie“, murmelte Alan fasziniert und betrat das Zimmer. Die kleine Katze schien ihn anzugrinsen, ließ sich sein Streicheln mit Wohlbehagen gefallen, schnurrte wie verrückt und zwinkerte mir zu.

So endete für uns die glückliche Zeit des ungestörten Schlafes.
Wir hatten das Kätzchen sofort mitgenommen und es gewöhnte sich problemlos an unseren Haushalt. Eigentlich gab es nur eine Schwierigkeit: Lilly schloss uns beide uneingeschränkt ins Herz und bestand darauf nachts in unserem Bett zu schlafen. Alan hatte das, trotz meiner Bedenken, in der ersten Woche toleriert. Wenn Lilly ihn anlächelte, so schmolz er wie Butter in der Sonne, ließ sie auf seiner Seite des Bettes schlafen und kuscheln. Als die Kleine beschloss, meine Seite zu erobern regte sich der erste Wiederstand. Ich hob sie unzählige Male zurück zu Alan, redete ihr gut zu, boxte sie verzweifelt von der Bettkante; Lilly blieb hartnäckig. Jede Gegenwehr schien sie weiter anzuspornen. Ich warf sie rechts aus dem Bett und sie schlich sich von links wieder an. Ich schief erschöpft von den Grabenkämpfen mit der Katze ein, um unvermittelt aufzuwachen und in ein grinsendes schwarzes Gesicht mit einem schiefen weißen Schnurrbart zu gucken.
In der zweiten Woche bestand ich darauf, das Tier vollkommen aus dem Schafzimmer auszusperren. Alan fügte sich murrend und setzte Lilly vor die Tür, um diese schnellstmöglich zu schließen. In den ersten Nächten herrschte eine himmlische Ruhe, nur davon getrübt, dass Lilly es immer schaffte irgendwann doch noch ins Bett zu schlüpfen, denn die Gelegenheit ergab sich zwangsläufig.
Dann allerdings beschloss sie uns ein für alle Mal klar zu machen, wer in diesem Hauhalt das Sagen haben würde und so begann der Terror:
Wie gewohnt verbannte Alan die Katze aus dem Schlafzimmer, doch anstatt auf ihre nächtliche Chance zu warten begann Lilly vor die Schlafzimmertür zu springen. Anscheinend versuchte sie die Klinke zu erreichen um sich die Tür zu öffnen, was ihr einige Male tatsächlich gelang. Nach diesem Kunststück stolzierte sie mit erhobenem Schwanz in das Zimmer und legte sich hoheitsvoll auf ‚ihr‘ Kissen.
Wir beschlossen also die Tür abzuschließen, was zur Folge hatte, dass die Terroristenkatze in regelmäßigen Abständen vor die Tür sprang und so jegliche Nachruhe verhinderte.

Heute schien Lilly unermüdlich zu sein. Ohne Unterlass warf sie sich gegen die Schlafzimmertür und traf mit fast jedem Sprung die Klinke, doch da die Tür abgeschlossen war blieb diese Aktivität ohne Folgen. Trotzdem versuchte das Tier es immer wieder.
„Mir reicht es!“ Schlaftrunken torkelte ich zur Tür und öffnete sie weit. „Pass mal auf, du Terrorist, wenn du uns endlich in Ruhe schlafen lässt, dann ist mir alles egal.“
Lilly schaute mich einen Augenblick prüfend an, stolzierte dann mit hoch erhobenem Schwanz an mir vorbei. Ich hätte wetten kö
nnen, dass sie Alan triumphierend zuzwinkerte...
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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