Irene Lichtenberg

Die Welt der Farben


Die weiße Leinwand starrte Lotta höhnisch an. Sie seufzte. Es war ein gnadenloses Gegenüber, das darauf wartete, dass Lotta endlich ihr Werk mit dem ersten Pinselstrich begann… oder aufgab. Lotta seufzte noch einmal. Ihr Kopf war leer, sie sah sich nur mit der unglaublich großen, weißen Fläche konfrontiert und herausgefordert. Was sollte sie nur tun? Wo anfangen und wie???
Lotta holte tief Luft, tauchte ihren Pinsel in das blaue Farbtöpfchen und machte einen Strich quer über die Leinwand. Dann erst ließ sie den Atem wieder langsam fließen und entspannte sich etwas. Der Anfang war gemacht, obwohl sie immer noch nicht wusste, was sie auf die Leinwand bringen wollte. Eine blaue Linie war aber schon ein Anfang und verlangte nach einer Fortsetzung. Lotta wollte jetzt nicht über das Ziel nachdenken, sie wollte in die Farben tauchen und sich in Schattierungen tummeln. Sie mischte sich ein leuchtendes Türkis und zauberte sich einen leuchtenden Strahl, der im satten Blau des ersten Striches verging. Nun gab’s kein Halten mehr. Lotta mischte, pinselte und tupfte, was das Zeug hielt. 
Sie wurde immer schneller in den Bewegungen, als ob etwas sie zur Eile antreiben würde. Ein leichter, glitzernder Schweißfilm bildete sich auf Lotta’s Stirn und an den Schläfen. In großen, energischen Bewegungen bearbeitete sie ihre Leinwand und war fokussiert auf ihr Schaffen. Sie erging sich in Farben und Formen, erarbeitete Licht und Schatten auf ihrer Leinwand. Eine Form sprang sie regelrecht an, die in dunklem Violett einen zu starken Kontrast zu dem orangenen Hintergrund bildete und damit im Widerspruch stand … wozu, hätte Lotta nicht sagen können, aber es galt, dieses Missverhältnis zu beseitigen und Harmonie herzustellen. 
Lotta wirbelte mit unterschiedlichen Pinseln und Farben über die Leinwand, bis… bis sie plötzlich stutzte, denn das satte Lila einer noch nicht definierten Form, schien sich zu bewegen. „Was zum…!?“ Lotta kniff die Augen zu und wollte grade noch einmal mit ihrem Pinsel ansetzen, da nahm sie wieder eine feine Bewegung auf der Leinwand wahr. Die lila Farbe schien zu pulsieren, wie ein Kraftwerk Energie auszusenden. „Was ist denn da los?“ Lotta hatte das Gefühl, von der Farbe angezogen zu werden. Sie ging näher an das Bild und die Farbe veränderte sich wieder etwas… sie zog sie an. Sie saugte an Lotta, als wolle sie sie in das Bild ziehen. Lotta erschrak, war aber gleichzeitig fasziniert. Sie musterte ihr Bild noch einmal, ging näher an das pulsierende Lila heran… und bevor sie überlegen konnte, was da wohl vor sich ging, fühlte sie sich von einem starken Sog erfasst und mit Schwung in einen lila-purpurnen Tunnel  gezogen. Sie wunderte sich, denn sie hatte keine Angst, sie war vielmehr überrascht und fasziniert. Sie war neugierig, was wohl mit ihr geschehen würde und schon fand sie sich in einem lila-purpur-farbenen Raum wieder. 
Lotta sah sich um und fühlte sich wie unter Strom stehend. „Hallo!?“ rief sie und ihre Stimme hallte in ihrem Kopf wider. Zu laut. Sie versuchte es noch einmal. „Hallo? Wo bin ich hier?“ Bevor sie ihre Frage noch zu Ende denken konnte, erhielt sie die Antwort – als Stimme in ihrem Kopf. „In der Welt der Farben. Willkommen Lotta! Du bist in der Welt der Farben und des Lichts.“ Lotta war überrascht. „Wie kommt’s dass Sie meinen Namen kennen?“ Wieder kam die Antwort, noch bevor Lotta den Satz zu Ende gesprochen hatte. „Weil ich Du bin, ich bin ein Teil von Dir, ich bin der lila-purpurne Teil.“ 
Lotta musste noch nicht einmal fragen. Das riesige Fragezeichen in ihrem Kopf reichte. Vielleicht war es auch ihr überraschter, nicht besonders intelligenter Gesichtsausdruck. „Alles in dieser Welt besteht aus Farben, alles ist eine bestimmte Mischung aus den Farben des Universums. Deine Persönlichkeit… Unsere Persönlichkeit besteht wie alles aus unterschiedlichen Farben und Farbnuancen. Das macht den Menschen aus: er besteht aus hellen und dunklen Farben und sämtliche Abstufungen dazwischen. Du hast aktuell eine besondere Affinität zu dieser Farbe Deiner Persönlichkeit. Das muss der Grund sein, weshalb Du hier bist.“ Nun war selbst die Stimme in Lotta’s Kopf etwas ratlos. Genau wie Lotta. „Farbe? Wieso Farbe? Wie soll ich das denn verstehen?“ 
„Ganz einfach,“ war die Antwort in ihrem Kopf. „Alles im Universum ist nichts anderes als Energie und Energie ist Schwingung. Genauso wie Licht. Es kommt auf die Frequenz an, in der man grade schwingt, dann  ergibt sich daraus die Fabe, bzw. die Farbmischung. Manche Menschen können sie sehen und nennen sie Aura. Farbe Ist aber alles, alles im Universum ist Schwingung und Farbe.“
Lotta stand da und versuchte diese wichtige, ihr völlig neue Information irgendwo in ihren Gehirnwindungen unter zu bringen. Immerhin: dass jede Farbe Schwingung war und eine bestimmte Frequenz hatte, war ihr geläufig, nur hatte sie diese Dinge noch nie mit sich selbst in Verbindung gebracht. Bevor sich die Frage in ihr formulieren konnte, kam die Antwort: „Du bist in der Farbe der Transformation hier her gekommen. Die Energie war sehr stark, offenbar ist es wichtig, dass Du Dein Denken veränderst, damit sich Deine Welt verändern kann.“   Noch immer etwas ratlos, musste Lotta nicht lange warten, bis ihre nächste Frage beantwortet wurde. 
„Jede Farbe steht für einen bestimmten Aspekt Deiner Persönlichkeit. Du bist so vielfältig wie das Universum selbst, denn Du bist letztendlich ein Abbild davon. Nur wenn alle Farben vorhanden sind und den Platz einnehmen, der ihnen zusteht, ist alles im Einklang.“ 
„Aber das ist kaum jemals der Fall, hab‘ ich recht?“ meinte Lotta. „Oh ja, die meisten Menschen hadern mit ihren Eigenschaften und Qualitäten. Erinnerst Du Dich? Du hast mit der Farbe blau angefangen und hattest sofort Stress.“ Lotta nickte, genauso hatte sie es empfunden. „Blau steht unter anderen Dingen für den Glauben. Es geht darum, dass die Menschen oft nicht genug an sich selbst glauben, dafür aber an Dinge, die gar nicht real sind.“ An der Stelle musste Lotta lachen. „Stimmt!“ prustete sie. „Ungefähr so wie jetzt, da ich in der Farbe Lila stehe und nicht nur Stimmen höre, ich unterhalte mich sogar mit ihnen.“ Lotta wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. „Einzahl, bitte. Stimme. Und gerade das Hier und Jetzt ist so real, wie es nur sein kann“ meinte die Stimme ungerührt. Während Lotta sich bemühte, wieder ernst zu  werden, erklärte die Stimme weiter: „Aus unterschiedlichen Gründen glauben die Menschen nicht mehr an ihre Stärke und noch weniger an ihre n Wert. Sie glauben nicht daran, dass sie richtig sind, genauso, wie sie sind. Stattdessen versuchen wir immer, so zu werden, wie wir glauben, sein zu müssen, oder wie andere Leute es von uns erwarten. Cooler, cleverer, schöner, fleißiger, intelligenter… die Liste ist lang. Auf diesem Weg in die Irre verstecken sich die Menschen hinter ihrer vermeintlichen Kleinheit. Es ist Zeit, diesen falschen Glauben zu beenden. Es ist wichtig, dass Du verstehst, wie wertvoll Du bist und wie wichtig es ist, dass Du genauso bist, wie Du erdacht wurdest.“ 
Lotta machte große Augen. „Wow!... Das ist… ziemlich besonders…“ stammelte sie. Was hätte sie auch sagen sollen. Die Stimme fuhr fort. „Ja, genau. Es gilt, herauszufinden, wer bzw. wie Du wirklich bist. Du musst lernen, Dich über Deine Qualitäten zu freuen und sie zu kultivieren. Deine Schattenseiten gilt es zu sehen und zu akzeptieren. Das ist vielleicht der schwerste Teil.“ 
Lotta schüttelte etwas den Kopf. „Du hast leicht reden. Was macht man denn, wenn es ausgerechnet Qualitäten sind, die kein Mensch brauchen kann? Sie wusste genau, wovon sie sprach. Während ihrer Schulzeit war sie weniger durch gute Noten aufgefallen, als durch ihre etwas zu lebhafte Fantasie, die ihre Tagträume befeuerte und ihr so manchen Tadel eingebracht hatte. Als ob die Stimme ihre Gedanken gelesen hätte, kam prompt ein Kommentar dazu: „Fantasie ist wichtig in dieser Welt, auch wenn die Institutionen ein anderes Bild malen möchten. Erfreue Dich Deiner Fantasie und der Welten, die sie zu erschaffen vermag. Orientiere Dich nicht an den Werten, die man Dir beigebracht hat.“
Das gefiel Lotta. Sie grinste breit und merkte, wie sich die Farbe um sie herum veränderte. Das satte Lila verblasste immer mehr und ein warmer Orangeton setzte sich immer mehr durch. Lotta sah sich um und wieder einmal kam die Antwort, noch bevor sie ihre Frage äußern konnte. „Es hat eine Transformation stattgefunden. Das ist schön. Dieser warme Orangeton steht für Zuversicht und Freude. Du erkennst Deine Farben bald selbst, je mehr Du Dich selbst kennenlernst und bei Dir bist.“ Bei diesen Worten wurde das Orange immer kräftiger und Lotta sah ihr inneres Befinden in der Farbe widergespiegelt.  „Oh… das ist ja toll!“ Lotta war begeistert.
„Kann ich das jetzt immer so haben?“ Die Frage war noch nicht ganz ausgesprochen, da hörte Lotta ein kleines Seufzen. „Das ist leider noch nicht so weit. Abgesehen davon vereinigst Du alle Farben in Dir, da wäre es doch reine Verschwendung, immer in nur einer einzigen Schwingung zu sein. Abgesehen davon gibt es viele Störfaktoren, die Deine hellen Farben trüben können. 
„Ok, und welche wären das?“ wollte Lotta wissen. „Selbstzweifel zum Beispiel“. Sie kommen immer wieder durch und hindern Dich, Dein Potential zu leben.“  Das Orange verblasste ein wenig. „Was kann ich tun, wenn die Selbstzweifel mich wieder klein machen?“ 
„Es gibt viele Methoden. Eine gute Möglichkeit für Dich scheinen Farben zu sein. Male! Mal‘ ein Bild und denke nicht nach, welche Farbe oder Form es bekommen soll. Dann übernimmt Deine Intuition die Führung und bringt Dich zielsicher dorthin, wo Du etwas verändern kannst, bzw. solltest“. 
Lotta war jedoch noch nicht zufrieden. „Ok, aber was mach ich dann? Wie kann ich wissen, was ich tun soll?“ „Vertraue Dir und mir. Ich bin Deine innere Stimme und leite Dich. Du hörst mich leider selten so wie jetzt, weil die Energie mich verstärkt, aber Du wirst mich immer spüren. Du musst Dir und mir nur vertrauen. Du kannst nämlich selbst die Farbe wählen, in der Du schwingen willst. Wo für Dein Empfinden die Form oder die Farbe nicht stimmt, da mal einfach drüber, solange, bis es sich für Dich stimmig anfühlt. Der Schlüssel ist, den Entschluss zu fassen, die Dinge zu ändern. Nicht nur im Kopf, sondern so, dass es mit aktivem Handeln einhergeht, im Falle des Malens also mit der Wahl der Farbe und der Aktion mit dem Pinsel. Sobald Du deinen Willen in Deinem Bild umsetzt, wird sich auch in Dir etwas ändern. Sobald Du Dich veränderst, verändert sich die Welt um Dich herum.“ Die Stimme wurde leiser. „Vertrau mir. Vertrau Dir!“… Am Ende war nur noch der leise Hauch eines Flüsterns zu hören. Lotta schloss die Augen um sich besser auf die Stimme konzentrieren zu können.
Als sie nichts mehr hören konnte, öffnete sie die Augen wieder und stand prompt vor ihrem Bild, als ob nichts geschehen wäre. Lotta sah sich um. Alles war wie immer, nur auf der Leinwand war ein wildes Durcheinander von Blau-, Purpur-,  und Orangetönen. Lotta drehte sich um und sah sich um. Alles war so unglaublich normal, dass sie am Ende ihren Kittel auszog um mit dem Aufräumen anzufangen. „Pfff…“ dachte sie bei sich. „Man kann sich ja ganz schön viel einbilden…“ langsam seufzte sie.
„Und man kann auch noch viel mehr erleben, als man jemals glauben könnte. Beinahe…“ raunte ihr plötzlich eine Stimme zu. Ein Lächeln breitete sich auf Lotta’s Gesicht aus. Sie griff nach einem Pinsel, tauchte ihn tief in die Farbe und malte eine leuchtend orangene Kugel in die Mitte ihres Bildes…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Als junges Mädchen erfand ich schon lustige Geschichten, die ich meiner Nichte erzählte. Meine Dichterei geriet in Vergessenheit, erst meine Kinder Walter und Beatrix gaben mir, durch ihren herzigen Kindermund die Idee wieder zu schreiben.
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