F.M.D. Dzaack

Die Abenteuerreise

Etwas drückte fest an seinem Hals, ja es drückte ihm den Sauerstoff aus dem Körper. Es war der Gurt, der ihm in eine unkomfortable Position zwängte, sodass er nur für eine kurze Weile zur Ruhe gekommen war. Es wurde ihm schließlich so unbehaglich, dass er sich von diesem befreite. Frei wie ein Vogel, dachte er. Allerdings hielt diese neu gewonnene Euphorie nur kurz an, da sich die Tür nicht öffnen ließ. Und auch die anderen waren verschlossen. Er schlug auf die schwarzen Lederpolster, hämmerte mit seinen Fäusten gegen die beschlagenen Scheiben; es half alles nichts. Tatsächlich saß er in einem kleinen verschmutzten Auto; der Aschenbecher überquoll, im Fußraum des Beifahrers stapelten sich Zigarettenschachteln unterschiedlichster Marken, auf dem Sitz neben ihm lag all möglicher nutzloser Krimskrams wie leere Feuerzeuge, Plastikmüll, alte Zeitungsprospekte. Darüber hinaus roch es nach verdorbenen Lebensmitteln, die er jedoch nicht ausfindig machen konnte. Wem gehörte dieses Auto? Und warum wurde er hier eingesperrt? Hatte sie endlich genug von seinen Schandtaten und wurde er dafür jetzt bestraft und in ein …? Es ergab einfach keinen Sinn, egal wie lange er auch darüber nachdachte. Zu weiteren Theorien konnte er sich nicht verleiten lassen, da nun eine dunkle Gestalt sich dem Auto näherte. Dieselbe Gestalt, die ihn schon in anderen Träumen aufgesucht hatte. Sie kam näher, näher immer näher. Er bewegte sich panisch von der einen zur anderen Tür und versuchte sie mit all seinen Mitteln zu öffnen, aber er blieb erfolglos. Sein Herz raste. Er schlug sich gegen die Wange. Doch es half alles nichts. Er schlief tief und fest, war gleichzeitig aber hellwach und in diesem Albtraum gefangen. Wie ein angeschossenes Reh, das auf den Gnadenstoß des Jägers wartet, saß er dort wehrlos und ängstlich im Auto. Als die Gestalt dann schon fast an seiner Tür angekommen war und diese hätte öffnen können, wachte er auf.

Schweißgebadet lag er erschöpft auf seinem nassen Bett. Der Traum wirkte nach. Diesmal war es aber anders. Seine Angst war noch präsent, denn er konnte sie spüren, diese Gestalt, diese dunkle Gestalt. Sie war ihm in die Realität gefolgt, sodass er jeden Augenblick damit rechnete, dass sie in sein Zimmer stürmen und ihn angreifen würde. Er versteckte sich unter seiner Decke, hielt sich seine Hand vor den Mund, gab überhaupt kein Geräusch mehr von sich und dann, als er sich allmählich in Sicherheit wog, zog etwas an der Decke. Es zog schließlich so stark, dass er von seinem Schutzmantel getrennt wurde und in das Gesicht seiner Mutter sah. Von seinen Gefühlen überwältigt fiel er in ihre Arme. Er drückte sich fest an ihren Leib. Er war gerettet, der Albtraum vorbei. Seine Mutter strich liebevoll durch sein blondes Haar, sah ihn aber anschließend besorgt an. »Was ist passiert, mein Spatz?«, fragte sie ihn. »Mama, ich hatte einen Albtraum. Die dunkle Gestalt kam wieder darin vor. Diesmal saß ich in einem Auto. Die Türen waren verschlossen und dann tauchte plötzlich die Gestalt aus dem Nichts auf. Sie bewegte sich ganz langsam auf das Auto zu. Ich versuchte vergeblich die Türen zu öffnen. Sie kam immer näher, ich hatte solch große Angst. Mein Herz raste. Sie hatte mich fast, aber zum Glück wachte ich genau in diesem Moment auf.«-»Hast du etwa wieder einen dieser Gruselfilme geguckt? Ich habe dich gewarnt. Du sollst solche Filme nicht gucken! Letztes Mal musstest du drei Nächte bei mir im Bett schlafen, weil du so eine große Angst hattest.«-»Ich habe keinen Gruselfilm geguckt! Ich schwöre es! Diese Gestalt Mama«, er konnte sich kaum beruhigen, »sie verfolgt mich.«-»Wie meinst du das? Siehst du sie auch außerhalb deiner Träume?«-»Es ist irgendwie komisch, aber wenn ich an Papa denke, dann sehe ich sie manchmal kurze Zeit später. Glaubst du die Gestalt könnte Papa sein?« Man sah es seiner Mutter an, dass sie den Tod ihres Mannes noch nicht ganz verkraftet hatte und deswegen eine Weile benötigte, um ihrem Sohn zu antworten:»Dein Vater würde dir niemals so einen Schrecken einjagen. Die Gestalt wird bald aus deinen Träumen verschwinden, das verspreche ich dir. Aber nun versuche bitte zu schlafen. Es ist schon spät.«-»Kannst du mir noch eine Geschichte vorlesen?«, fragte er seine Mutter. »Na gut, aber nur eine, es ist wirklich schon spät.«, antwortete sie ihm. Sie nahm ein Buch aus dem Bücherregal und las eine Geschichte über einen Ritter und dessen Kampf mit einem Drachen vor. Ihre warme, vertraute Stimme beruhigte ihn letztendlich und er schlief wenige Minuten später ein. Sie deckte ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor sie sein Zimmer verließ.

Es bewegte sich etwas; die Motoren arbeiteten, das Auto fuhr. Er schaute aus seinem Fenster, sah die Bäume an sich vorbei rasen. Es beschleunigte und fuhr nun zügig die Straße entlang. Für eine Weile wirkte er wie hypnotisiert, unbekümmert und friedlich, bevor er schließlich zurück zur Besinnung kam und ängstlich den Augen der dunklen Gestalt im Rückspiegel begegnete. Allerdings wich seine Angst, als er die Gestalt nach wochenlanger Ungewissheit endlich identifizieren konnte; es war sein Vater. Seine Vermutung hatte sich bestätigt. Es ist die ganze Zeit über sein Vater gewesen, der zu ihm Kontakt aufnehmen wollte. »Papa … ich … Papa … warum?«, es fiel ihm schwer mit seinem totgeglaubten Vater zu reden. »Felix, es ist alles gut. Lass dir Zeit.«, sagte sein Vater, der seinen Sohn gerne in seine Arme genommen hätte, sich aber seiner Verantwortung als Fahrer bewusst war und es deswegen unterließ. Sie fuhren ein ganzes Stück weiter, bevor er seinen Vater fragte:»Papa, wo fahren wir hin?«-»Ach, Felix, hast du alles schon wieder vergessen? Wir befinden uns auf unserer kleinen Abenteuerreise.« Abenteuerreise? Was für eine Abenteuerreise? Wie lange sind wir wohl schon unterwegs. Und wo ist Mama? »Papa, ich verstehe nicht was du meinst. Und wo ist eigentlich - « Er wurde von einem monotonen Dröhnen unterbrochen. Derweil sagte sein Vater etwas, aber er verstand nichts davon, denn das Dröhnen übertonte jegliche anderen Geräusche. Zudem blendete ihn ein grelles Licht, welches zuerst nur auf seiner Seite, dann aber von allen Seiten auf ihn schien. Allmählich gewöhnten sich seine Augen ans Licht, sodass er verwundert neben sich eine Schülerin aus seiner Klasse erblickte und als er danach nach vorne sah, saß da nicht mehr sein Vater am Lenkrad, sondern sein Mathelehrer stand vor der Klasse und schrieb gerade eine Aufgabe an die Tafel.

Wie so häufig in den letzten Wochen war er im Unterricht eingeschlafen. Manche Lehrer tolerierten seine neue Gewohnheit, aber der Mathelehrer sah es als große Respektlosigkeit gegenüber seiner Person, wodurch er aufgefordert wurde nach vorne zur Tafel zu kommen und die Aufgabe vor der gesamten Klasse zu lösen. Mathe, er verstand nichts von Mathe. Außerdem war er mit seinen Gedanken noch bei seinem Vater. Zu seinen Gunsten verlor der Mathelehrer schnell die Geduld mit ihm und holte einen anderen Schüler nach vorne. Die Stunde verging nur sehr schleppend und dabei wusste er noch nicht, was ihn als nächstes erwarten würde. Als es zur Pause klingelte, kam die Schulsekretärin ins Klassenzimmer und bat ihn mit zum Schulrektoren zu kommen. Aber ich habe doch gar nichts gemacht, dachte er. Draußen vor dem Büro des Schulrektoren hörte er, dass sich zwei Personen unterhielten. Mehr als ein unverständliches Gebrabbel konnte er jedoch nicht verstehen. Reden sie über mich? Über meine mögliche Bestrafung? Ich sollte… Was sollte ich? Reden sie überhaupt über mich? Was ist nur los mit mir? Ich… Die Tür öffnete sich und seine Mutter trat heraus. »Mama, was machst du denn hier?«, fragte er seine Mutter entgeistert. »Beruhige dich. Der Rektor und ich haben nur über eine mögliche Lösung gesprochen.«-»Lösung? Für was?«-»Für dein Schlafproblem. Natürlich ist es nicht akzeptabel, dass du im Unterricht einschläfst. Darum habe ich den Rektoren von dem Unfall deines Vaters erzählt.« Er riss ungläubig die Augen auf.»Aber… aber… Mama, warum? Wir wollten es doch niemanden sagen.«-»Es ging nicht mehr anders, mein Spatz. Es nimmt zu großen Einfluss auf dein Leben, um es noch länger geheim halten zu können. Wir müssen handeln. Wir müssen dir helfen.« Ein Mann kam in dem Moment aus dem Büro des Rektoren. Es stand jedoch nicht der Schulrektor jetzt vor ihm, sondern sein Vater, sein toter Vater, der näher an seine Mutter trat und sie letztendlich küsste. »Papa, bist du es wirklich?«

»Wer sollte ich denn sonst sein?«, fragte ihn sein Vater, der immer noch das Auto fuhr. »Ich verstehe das nicht. Waren wir nicht gerade eben noch in meiner Schule?«-»Felix, du hast wieder geträumt. Ich wollte dich nicht wecken, da ich gehofft hatte, dass du dich ein wenig erholen wirst. Vorhin warst du ja ganz aufgelöst, als ich dir von der Abenteuerreise erzählt habe. Aber keine Sorge, Felix, es ist nicht mehr weit bis zum Bauernhof.«-»Wieso fahren wir zu einem Bauernhof? Und wo ist eigentlich Mama?«-»Wir fahren zum Bauernhof deiner Großeltern. Sie haben dich lange nicht mehr gesehen und ich dachte mir du könntest eine Pause von der Schule gebrauchen.«-»Wo ist Mama?« Sein Vater ging jedoch weiterhin nicht auf die Frage ein, sodass er ihn erneut fragte:»Wo ist Mama? Papa, wo ist Mama? Warum sagst du mir nicht, wo Mama ist?« Der Vater wusste, dass er seinen Sohn nicht länger vor der Wahrheit bewahren konnte und antwortete:»Sie ist gestorben, Felix. Letzten Monat kam sie bei einem Autounfall ums Leben. Es tut mir so leid, mein Sohn.« Wem sollte er nur glauben? Was für ein perfides Spiel wurde mit ihm gespielt? Und machte es noch einen Unterschied? So schlief er wieder ein und als er erwachte sah er in die großen, braunen Augen, die nicht weniger lebendig als tot waren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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