Wolfgang Küssner

Aus dem Amtsgericht Teil 4 - Das Urteil

In der norddeutschen Tiefebene ist das Land sehr flach. Besonders im Norden. Hier, an der Nordsee, liegt Nordfriesland mit der Stadt Husum. Die graue Stadt am Meer hat viele Krabben, viele Krokusse und das dem Leser bekannte Amtsgericht. Es ist Dienstag, die Uhr zeigt zehn Minuten nach zwölf . Verhandelt wird immer noch die Strafsache Petersen. Im Sitzungssaal befinden sich der Richter, der Angeklagte, die Staatsanwältin, der Verteidiger, die Zeugen und ein paar ungenannte Personen. Sie lieber Leser als Zuhörer auf die Verkündung des Urteils. Zwischen den einzelnen Prozeßbeteiligten und dem Richter ergeben sich folgende Wortwechsel (auf Tüddelchen unten und... aber das weiß der Leser längst):

Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen. Jetzt hätte ich fast die Staranwältin um ihr Plädoyer gebeten. Sorry. Frau Staatsanwältin bitte: Jasper Petersen wurde angeklagt, in mindestens drei Fällen gegen Paragraph 183 StGB verstoßen zu haben. Der Angelagte hat im Prozeß die ihm zur Last gelegten Taten nicht bestritten, wohl Erinnerungslücken geltend gemacht. Die drei vernommenen Zeugen haben eindeutig die dem Täter angelasteten Straftaten bestätigt. Es gab somit nicht die geringsten Zweifel. Unter Berück-sichtigung der Tatsache, daß die dem Angelagten zur Last gelegten Straftaten im Abstand von nur wenigen Tagen begangen wurden, fordert die Staatsanwaltschaft eine Freiheitstrafe von 6 Monaten. Strafmildernd wurde bei diesem Antrag berücksichtigt, daß der Angeklagte bisher ohne Vorstrafen ist und sein Handeln am 23. und 26. März, sowie am 1. April ohne finale Masturbation vollzogen wurde. Es scheint der Staatsanwaltschaft ratsam, dem Täter eine psychologische Therapie zu empfehlen.

Danke, Frau Staatsanwältin. Herr Verteidiger, jetzt haben Sie das Wort. Bisher haben Sie sich ja zurückgehalten (und während der Verhandlung die eingegangene Tagespost erledigt). Sie haben jetzt das Wort. Danke, Herr Richter. Mein Mandant hat die ihm zur Last gelegten Straftaten nicht bestritten, wie sollte er auch, da er sich an sie nicht erinnern kann. Er wollte baden gehen und hatte sich, unter einem Umhang vor den Blicken anderer geschützt, umgezogen. Was ihm hier negativ angelastet wird. Er hat den schlafenden Krokussen im Schloßpark ein kleines i-Tüpfelchen aufsetzen wollen. Was ihm hier negativ angelastet wird. Er hatte sich einen kleinen Aprilscherz in der Schloß-Passage erlaubt, was ihm hier negativ angelastet wird. Über die Art der Verkleidung mag man streiten, daraus den Straftatbestand exhibitonistischen Verhaltens, Erregen öffentlichen Ärgernisses zu kreieren, erfordert einige Fantasie. Herr Petersen hat sich bisher nichts zu Schulden kommen lassen und das wird auch weiterhin so sein. Mein Plädoyer kann daher nur mit der Forderung nach einem Freispruch für meinen Mandanten enden.

Herr Petersen, Sie haben die Staatsanwaltschaft und Ihren Verteidiger gehört. Vor der Urteilsverkündung sollen Sie das letzte Wort haben. Eine Bemerkung vielleicht vorab: Es hatte den Anschein, als wollten Sie den Eindruck hier erwecken, doch lädiert, nur bedingt zurechnungsfähig zu sein. Der Plan ist nicht aufgegangen. Das Gericht hat sich von Ihren sprachlichen Kapriolen weder beeindrucken, noch in die Irre führen lassen. As Sie menen. Doch nun, bitte, Sie haben das Wort. Ich kann mich, wie schon gesagt, nur rudimentär an die mir angelasteten Taten erinnern. Am 1. April sollte es ein Scherz sein, der offensichtlich nicht verstanden wurde. Mit dem Tod des Hundes habe ich nichts zu tun. Ich habe gegenüber der Frau sofort ondoliert. Ich gebe es auf. Sie meinten sicherlich kondoliert, oder gar o.........? As Sie menen. Am Strand war es mein erster Versuch, im März ein Bad in der Nordsee zu nehmen. Ich war sehr aufgeregt. Erst als ich mich umgezogen hatte, mußte ich sehen, daß Ebbe war. Und im Schloßpark hatten wir schon als Kinder hinter den Bäumen das Spiel „Eins, zwei, drei, vier Eckstein...“ gespielt. Bitte beachten Sie Herr Richter, ich habe nirgendwo markiert. Wie bitte? Naja, ich habe nirgendwo Hand angelegt. Ach so, Sie meinten masturbiert. As Sie menen.

Nein, ich bin kein Exhibitionist. Lebende Schaufensterpuppen mögen Exibitionisten sein, doch sie werden nicht angeklagt. Die Models auf den Laufstegen mögen Exibitionisten sein, doch auch sie werden nicht angeklagt. Porno-Darsteller sind generell Exibitionisten, doch ohne Anklage. Herr Petersen, es ist nicht der Exibitionist, der angeklagt wird, sondern die eventuelle Stratftat. As Sie menen. Ich habe jedenfalls keine Straftaten begangen und sollten Sie mich jetzt für 6 Monate ins Gefängnis schicken, ich werde es auf der linken Arschbacke absitzen, Herr Richter. Nun gut, Herr Petersen. Das Land ist flach, übertroffen nur noch durch Ihre abschließenden Worte.

Wir kommen zur Urteilsverkündung: Der Angeklagte Jasper Petersen, wohnhaft in Husum, Theodor-Storm-Straße wird für schuldig befunden, die ihm zur Last gelegten Straftaten nach Paragraph 183 StGB am 23. März, am 26. März und am 1. April begangen zu haben. Der Angeklagte hat die Taten nicht bestritten, macht allerdings Erinnerungslücken geltend. Die gehörten Zeugen haben ihn eindeutig als Täter wiedererkannt. Herr Petersen wird zu einer Haft von zwölf Monaten ohne Bewährung verurteilt. Da er sechs Monate auf der linken Arsch-backe absitzen könne, wollten wir mit diesem Urteil späteren Haltungsschäden vorbeugen. Strafmildernd wurde berücksichtigt, daß Herr Petersen bisher ein unbescholtenes Blatt war und die Handlungen nicht mit einer strafverschärfenden Masturbation endeten. Gegen dieses Urteil kann innerhalb von 4 Wochen Berufung eingelegt werden. Die Sitzung ist geschlossen. (Blick auf die Uhr: Zwölf Uhr fünfundfünfzig.)

Und was ist mit meinem Fiedsche Puper? (So ist die ältere Zeugin enttäuscht zu hören. Doch der Richter hat dafür kein Ohr, er hat einen anderen, dringenden Termin und eilt davon.)

Ein detailliertes Protokoll hätte mehrfach leichte Heiterkeit im Zuhörerraum verzeichnen können. Doch es gab ein solches Protokoll nicht. Es gab gar keinen Gerichtstermin. Diese Geschichte ist reine Erfindung. Jede Ähnllichkeit mit lebenden oder auch nicht mehr lebenden Personen wäre also rein zufällig. Das waren die kleinen Geschichten aus dem Amtsgericht. Vielleicht schauen Sie, lieber Leser, mal wieder rein. Doch bitte nur als Zuhörer bzw. Zuleser.

Juli 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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