Heinz-Walter Hoetter

Die Story von Bill und Betty Carsten

Der junge Bill Carsten schaut zufrieden vor sich hin und grinst ein wenig, als er neben der stark befahrenen Straße auf dem breiten Fußgängerweg entlang schlendert. In der rechten Brusttasche seines langen, schwarzen Ledermantels klimpern eine Anzahl altmodischer Goldmünzen, die auf allen Planeten des galaktischen Imperiums, seit Beginn ihrer Kolonisierung vor mehr als dreitausend Jahren, immer noch ein begehrtes Zahlungsmittel sind.

Eigentlich ist Bill Carsten kein reicher Mann, der sich übermäßig viel leisten kann, aber er hat ein gutes Auskommen und verdient sich sein Geld als Biofarmer auf Prime Alderon, einem erdähnlichen Planeten mit zwei Sonnen irgendwo im Andromedanebel.

Carsten ist schon am frühen Nachmittag auf seinem prächtigen Androidenpferd „Angelfire“ in die Stadt geritten, um seine Freundin Betty zu besuchen. Leider muss sie noch bis neunzehn Uhr arbeiten. Um die Wartezeit abzukürzen, hat er sein künstliches Pferd kurzerhand in eine der vielen freien Parkboxen gestellt, die es überall links und rechts der Fahrbahnen gibt, geht schließlich in die nah gelegene Kneipe „Einsteins Saloon“ und genehmigt sich dort einen Drink. Er ist zwar ein seltener Gast hier, aber trotzdem wird der Farmer herzlich von ein paar Gästen, die ihn gut kennen, ‚Willkommen’ geheißen. Das, was er sich bestellt hat, ist ein echter Prime Alderon-Whisky und er trinkt mehr davon, als er für gewöhnlich vertragen kann. Ganz hinten im Lokal, etwas versteckt an einem schwarzen Ecktisch, sitzen mehrere Kartenspieler, von denen er nur einen kennt, Ronald Blair, der in Palladium Town der Chef der Cyborg-Corporation ist und sogar auf Wunsch menschliche Klone produziert, wenn der Preis stimmt.

Bill mag diesen hinterlistigen, charakterlosen Kerl nicht, besonders seiner Arroganz und Überheblichkeit wegen. Trotzdem lässt sich der Farmer von den Männern zu einem Glücksspiel verleiten und Bill denkt sich, dass es nicht lange dauern wird, höchstens eine Stunde. Aber er gewinnt, zockt weiter und die Zeit vergeht wie im Flug. Als er endlich den Saloon verlässt, ist es bereits weit nach neunzehn Uhr und draußen beginnt es schon langsam dunkel zu werden.

Mit wackeligen Schritten strebt er auf dem Gehweg entlang, dabei stößt er unfreiwillig mit einigen entgegen kommenden Passanten zusammen. Murmelnd entschuldigt er sich bei ihnen, als sie ihn verärgert beschimpfen. Einige ältere Herrschaften nennen ihn sogar einen Trunkenbold und rufen nach der Citypolizei.

Bill biegt deshalb schnell in eine abseits gelegene Seitenstraße mit wenig Verkehr ein, um den unliebsamen Anfeindungen der dahin eilenden Fußgänger zu entgehen. Plötzlich fängt er ein Selbstgespräch an. Seine Stimme klingt ziemlich verächtlich.

„Den miesen Dreckskerlen hab’ ich’s gezeigt. Diese Trottel wollten mich reinlegen. Aber ich hatte einfach die besseren Karten und habe ihnen eine ziemliche Menge Geld abgeknöpft. Das soll ihnen eine Lehre sein. Sie haben es nicht besser verdient“, murmelt Bill Carsten grimmig halblaut vor sich hin und geht seines Weges, innerlich gegen die betäubende Wirkung des Prime Alderon-Whiskys ankämpfend, was ihm jedoch nur schwer gelingt.

Nach einiger Zeit bleibt der junge Mann plötzlich stehen und schaut sich um. Er ist fast am Ziel. Dann geht er über einen schmalen Kiesweg direkt auf ein kleines Haus zu, das am Ende des Weges liegt. Überall stehen hohe, pilzartige Bäume mit grünen Riesenkappen, deren schlanke, weiße Stämme im lauen Wind leicht hin und her schaukeln. Dazwischen wachsen Büsche mit bunten Blättern in den unterschiedlichsten Farben. Es ist ein pittoresker Anblick, der jeden Maler zu farbenfroh gemalten Bildern animieren würde.

Endlich steht Bill vor dem Eingang des Hauses. Er zögert einen Moment, dann klopft er an die hölzerne Tür. Aus dem Innern des eingeschossigen Gebäudes werden Schritte laut, dann wird ein Schlüssel knarrend ins Schloss gesteckt. Vorsichtig öffnet sich die Tür.

„Betty scheint mir nicht böse wegen der Verspätung zu sein“, denkt sich Bill und schaut erwartungsvoll durch den sich schnell öffnenden Spalt.

Doch der gute Bill hat sich mächtig geirrt. Frauen sind in vielen Dingen unberechenbare Wesen, und die junge Betty Stanfort liefert gerade wieder einmal den Beweis dafür. Denn als die Tür ganz offen steht, starrt der leicht angetrunkene Mann in dem langen, schwarzen Ledermantel in ein ziemlich verbissenes Gesicht, das von zornig funkelnden Augen beherrscht wird. Betty sieht aus, als will sie ihren Bill gleich an Ort und Stelle auffressen.

Noch bevor Bill Carsten sich von dem ungewohnten Anblick so richtig erholt hat, schimpft Betty los.

„Was suchst du denn um diese Zeit hier? Ich habe auf dich gewartet, doch du kamst nicht. Wo warst du überhaupt?“

„Drüben bei Harris. Du weist schon.“

Dann scher dich wieder in „Einsteins Saloon“ zurück, wo du dich ja offenbar wohlgefühlt hast.“

„Aber Betty, ich wollte doch nur die Zeit totschlagen, bis du von der Arbeit nach Hause kommst...“

„Wie man sieht, ist dir das ja auch gelungen“, erwidert Betty zornig, die eine wunderschöne junge Frau ist. Sie schleudert ihrem Verehrer jetzt einen giftigen Blick aus ihren sonst so sanftmütig aussehenden dunkelbraunen Augen zu.

Der junge Mann lässt resigniert die Arme herunterhängen. Die Standpauke geht ihm an die Nieren.

„Betty, so hör mir doch zu...“ stammelt Bill gereizt und macht ein paar hilflose Gesten.

„Ich habe jetzt die Nase voll von dir, Bill. Es ist aus zwischen uns beiden. Ich mache endgültig Schluss.“

Der Alkohol in Bills Blut macht ihn plötzlich mutig und rebellisch. Seine Stimme wird laut.

„Ach so ist das. Du willst Schluss machen mit mir? Und das nur, weil ich dich ein einziges Mal versetzte. Mein Gott, was ist denn mit dir los? Willst du aus mir einen Pantoffelhelden machen...?“

Noch während Bill redet, schließt Betty demonstrativ die Tür und geht ins Haus zurück.

Im gleichen Augenblick zischt ein heller Laserstrahl durch die beginnende Dunkelheit, gleich darauf ein zweiter, der das mosaikartige Türfenster glatt durchschlägt. Glas splittert nach allen Seiten.

„Bill“, schreit Betty erschreckt aus dem Hausinnern und reißt die soeben erst geschlossene Tür wieder auf.

Im fahlen Mondlicht kniet Bill Carsten hinter einer Gartenmauer und hält in seiner rechten Hand einen gefährlichen Nadelstrahler. Eine grün leuchtende Minidiode zeigt an, dass er entsichert ist.

Betty rennt durch den kleinen Vorgarten ihres Hauses und steht im nächsten Augenblick neben dem geliebten Mann, der ruhig grinsend die Umgebung beobachtet.

„Bill, bist du verletzt? Was ist passiert?“

„Verdammt noch mal! Der Schuss hätte mich fast getroffen“, meint er grimmig, „und dieser feige Halunke wird dafür büßen. Wenn er einen Verlust nicht vertragen kann, dann soll er besser überhaupt nicht spielen“, fuhr Bill Carsten erbost fort.

„Von wem sprichst du eigentlich?“ fragt ihn Betty.

Bill wirft seinen Kopf in den Nacken und schaut sein Mädel trotzig von der Seite an.

„Du wirst es früh genug erfahren“, antwortet der Mann mit der aktivierten Laserpistole in der rechten Hand, öffnet aus der Deckung heraus vorsichtig die Pforte und macht Anstalten zu gehen. Noch einmal hält er kurz inne.

„Betty“, meint er und schaut ihr in die Augen, „liebst du mich denn überhaupt nicht mehr?“

Die Schönheit senkt ihren Blick.

„Doch, Bill“, erwidert die Gefragte schnell, „ich war etwas zu voreilig und habe es nicht so gemeint. Ich war einfach böse darüber, dass du mich ausgerechnet an meinem Geburtstag so lange hast warten lassen. Jetzt ist alles wieder gut. Komm’ endlich mit ins Haus!“

Bill Carsten greift sich mit der freien linken Hand an den Kopf und starrt seine Geliebte entsetzt an.

„Das muss ausgerechnet mir passieren. Deinen Geburtstag vergaß ich wirklich. Aber ich werde für dich gleich ein schönes Geschenk besorgen. Spätestens in einer halben Stunde bin ich wieder bei dir.“

„Mach’ mir nichts vor. Du gehst bestimmt zurück in ‚Einsteins Saloon’, wie ich dich kenne. Aber da musst du nicht hin, Bill.“

Bettys dunkelbraune Augen ruhen ängstlich auf den Lippen des jungen kräftigen Mannes, der sie um mehr als eine Kopflänge überragt.

„Es dauert wirklich nicht lange. Ich muss da noch eine Kleinigkeit erledigen. Warte auf mich im Haus. Hab’ keine Angst um mich, Betty. Ich komme wieder. Verlass dich drauf. Und ein schönes Geburtstagsgeschenk bekommst du auch noch von mir.“

„Ich will aber nicht, dass du schon wieder gehst, Bill. Das Geschenk kannst du mir auch morgen noch kaufen. Bitte bleib...! Bitte...“, fleht die junge Frau ihn an. Sie ahnt offenbar Schreckliches.

„Nein“, erwidert Bill Carsten trotzig wie ein kleiner Junge. Dann gibt er seinem hübschen Mädel einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und verschwindet mit schnellen, knirschenden Schritten den Kiesweg hinunter, der zur Straße führt.

Als Bill Carsten aus Bettys Blickfeld entschwindet, wendet sie sich zögernd um und tritt ins Haus zurück. Tränen laufen über ihre Pfirsich roten Wangen. Es sind Tränen der Angst um ihren Geliebten, dass mit ihm etwas Unvorhergesehenes passieren könnte.


***

In „Einsteins Saloon“ sind nur noch wenige Männer, die einfach nicht vom Trinken lassen können. Sie lachen herum und erzählen sich zotige Witze. Dunstige Rauchschwaden durchziehen die verbrauchte Luft des Lokals, verursacht durch Männer mit qualmenden Zigarren im Mund.

Mark Harris, der Kneipenwirt, ein dicker rundlicher Mann mit einem fetten Schweinsgesicht, steht hinter der Theke und hantiert eifrig in seinem Flaschenregal.

An zwei Tischen verteilt sitzen einige vornehm gekleidete Männer, die Bill Carsten mehr oder weniger gut kennt. Sie kommen aus der gleichen Gegend wie er und betreiben nicht unweit seiner Farm eine lukrative Uranmine in den Bergen. Auf sie hat er es nicht abgesehen. Bill Carsten erfasst die Situation mit einem einzigen Blick. Dann geht er mit schleppenden Schritten rüber zur Theke. Man sieht ihm an, dass er offenbar zu viel von dem guten Prime Alderon-Whisky getrunken hat, der immer noch seine Wirkung zeigt, da er mit Alkohol stark versetzt ist.

Aber der junge, kräftige Mann reißt sich zusammen.

Bills harter Blick ruht herausfordernd auf dem schwammigen Rücken von Mark Harris, der sichtlich nervös wird. Harris wiederum beobachtet Bill durch den Regalspiegel.

Ohne ein Wort zu sagen geht Bill Carsten langsamen Schrittes bis zum Ende der Theke weiter und nähert sich den Spielern am voll besetzten Ecktisch, der vom Eingang her nur schlecht einzusehen ist. Nun steht er fast bei den vier Männern, die gerade ein neues Kartenspiel anfangen. Anscheinend haben die Spieler ihn noch nicht bemerkt oder tun so, als wollen sie seine Anwesenheit mit Absicht nicht bemerken.

Bill schleicht wie eine Katze von hinten auf sie zu und schaut über den Rücken des Mannes, der Ronald Blair heißt. Dieser ist gerade damit beschäftigt, sein Kartenblatt zu ordnen.

OK, der Moment ist günstig, denkt sich Bill und mit einer schnellen Bewegung zieht er seine Laserpistole aus dem Halfter und richtet sie auf die vier Zocker am Tisch, aber besonders genau auf Ronald Blair.

„He, was soll das, Carsten?“ sagt Mark Harris in den Regalspiegel schauend, wendet erst jetzt den Kopf, dreht dann seinen massigen Körper herum und verlässt seinen Platz hinter der Theke. Sekunden später steht er vor Bill, der die gefürchtete Strahlenwaffe immer noch auf Blair gerichtet hat.

„Was soll was? Ich möchte nur eine kleine Feststellung machen, Harris. Irgend jemand der Herren am Spieltisch hier hat in der letzten halben Stunde mit seiner Waffe auf mich geschossen.“

„Ich weiß wirklich nicht, worauf du hinauswillst“, zischt der korpulente Kneipenwirt.

„Schau dir den Streifschuss an meiner Schulter an. Mein Hemd ist verbrannt und völlig ruiniert. Nur gut, dass der Kerl ein schlechter Schütze ist, sonst weilte ich wohl nicht mehr unter den Lebenden. Du weist bestimmt, wer den Saloon verlassen hat. Ich will von dir wissen, wer es war.“

„Mach’ keinen Blödsinn, Carsten. Mich geht die ganze Sache doch nichts an. Ich sage kein Wort“, knurrt Mark Harris und tritt einen Schritt zurück, seine innere Unruhe nur schwer unter Kontrolle haltend.

In der verrauchten Kneipe ist es jetzt merklich still geworden. Carstens Worte haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die vier Spieler haben ihre Karten verdeckt auf den Tisch gelegt und schauen voller Erwartung zu Bill hinüber. Sie wissen, dass er eine Menge Geld von ihnen gewonnen hat. Sehr viel Geld sogar, und das meiste davon gehörte Blair, der mit ausdrucksloser Miene die angespannte Situation verfolgt.

„Wer deinen Saloon verlassen hat, der muss auch mit seiner Strahlenwaffe hinterrücks auf mich geschossen haben, Harris. Wer war dieser Kerl? Und da du offenbar nicht reden willst, möchte ich dir dafür auf jeden Fall meinen Dank aussprechen. Hier!“

Ehe sich der Kneipenwirt versieht, knallt ihm Bill seine rechte Faust in die Visage, sodass der rundliche Mann gurgelnd zu Boden geht und halb bewusstlos liegen bleibt. Blut rinnt aus seinem Mund. Dicke halten eben nicht viel aus, denkt sich Carsten und reibt seine Hand.

„Das ist für deine verdammte Feigheit, Harris. Man hat dich wohl dafür bezahlt – oder? Ich hoffe, das wird dir noch lange in Erinnerung bleiben.“

„Du fühlst dich heute wohl besonders stark“, giftet plötzlich Ronald Blair vom Tisch aus und wirft seinen übrigen Mitspielern einen vielsagenden Blick zu, die fast unauffällig zurück nicken.

„Verrat mir mal, weshalb du Harris eine geknallt hast. Der hat dir doch gar nichts getan und nur unserem Spiel zugeschaut. Warum fragst du mich nicht, wer auf dich gefeuert hat. Willst du es wissen, du lebensmüder Angeber? Ich war es. Was willst du jetzt machen? Mich vielleicht umbringen? Du hast mir mein Geld weggenommen, du Hundesohn. Wir hätten dich nicht mitspielen lassen sollen. Mit Falschspielern wie dir, die nur mit Tricks gewinnen, haben wir nichts am Hut. Sei also friedlich und verschwinde auf der Stelle! Oder soll ich dir Beine machen, Hasenfuß?“ sagt er spöttisch.

Die übrigen Männer nicken abermals mit dem Kopf und schieben den Tisch vorsichtig zur Seite. Blair steht langsam auf, drückt den Stuhl mit den Kniebeugen weg und Bill tritt sofort einige Schritte nach hinten, um in eine gute Schussposition zu kommen.

„Ich habe einen Grund und jetzt sind noch welche hinzugekommen, dir den Arsch bis zum Stehkragen aufzureißen“, antwortet Bill mit kalter Stimme und lässt seine Rechte automatisch zum Halfter sinken, wo sich der aktivierte Nadelstrahler befindet.

Ronald Blair tut es ihm nach. Plötzlich zieht er blitzschnell seine Waffe und feuert aus der Hüfte auf den keine vier Meter vor ihm stehenden Farmer, der sich ein wenig zur Seite bewegt, als ahnte dieser, was Blair vorhatte.

Der heiße, gebündelte Lichtstrahl zischt dicht am Kopf des jungen Mannes vorbei und versengt ihm das Haar. Bill hat ebenfalls fast gleichzeitig mit Blair zusammen seine Waffe gezogen, schießt besser und trifft sein Ziel mit tödlicher Genauigkeit. Noch während die Männer im Saloon aufschreien, bäumt sich Ronald Blair auf und ein markerschütternder Schrei dringt über seine Lippen, dann sackt der Getroffene mit rauchender Kleidung leblos zu Boden. Flammen züngeln im Brustbereich an ihm hoch. Es riecht nach verbranntem Fleisch.

Ein Mann namens Ron Corner meldete sich aus dem Hintergrund zu Wort.

„Das war ein verdammt guter Schuss, Bill Carsten. Aber du weißt hoffentlich, dass Ronald Blair ein Verwandter des Bürgermeisters Phillip Kain ist. Außerdem hat er noch einen Sohn, sein einziger Erbe, der ein ziemlicher Heißsporn ist. Beide werden alles daransetzten dich entweder hinter Gitter zu bringen oder töten zu lassen. Ich denke mal, dass Freddy Blair junior wohl der schlimmere ist. Sieh dich also vor! Außerdem arbeiten für Blair junior noch einige dieser komischen nachgemachten Figuren aus Kunstfleisch, die er seine Klonbrüder nennt. Ziemlich üble Kreaturen, die vor nichts zurückschrecken, auch vor Mord nicht. Sie sind abgerichtete Jäger und töten ihre Opfer auf bestialische Art und Weise. Nicht selten ziehen sie ihnen bei lebendigem Leib die Haut vom Körper.“

„Ich habe nichts Ungesetzliches getan. Ronald Blair hat selbst zugegeben, dass er auf mich geschossen hat. Er versuchte es gerade ein zweites Mal. Es war Notwehr. Ich kann von Glück sagen, dass ich noch lebe.“

„Wir sind Zeuge deiner Unschuld. Das du dich nur verteidigt hast, kann jeder der Männer hier beschwören. Trotzdem solltest du dich für eine Weile aus dem Staub machen, jedenfalls so lange, bis Gras über die Sache gewachsen ist“, sagte Ron Corner zu Bill Carsten.

„Was, ich soll feige kneifen? Ich habe vor diesem Gesindel keine Angst. Die Klone mögen uns Menschen hassen und grausame Jäger sein, doch sie sind genauso verletzbar wie wir.“

„Aber viele Hunde sind des Hasen Tod“, gibt Corner zur Antwort. „Nimm den guten Rat eines erfahrenen Mannes an, Bill, und verdufte in die Berge, wo du erst mal in Sicherheit bist. Wir helfen dir alle, so gut es geht.“

„Ich danke dir für deinen guten Rat und weiß die Hilfe zu schätzen, Corner“, ein hartes, grimmiges Lächeln umspielt Bill Carstens bebende Lippen, als er jetzt eine kleine Goldmünze auf die Theke wirft, den wie versteinert da stehenden Gästen einen Runde spendiert, kurz grüßt und schnell den Saloon wieder verlässt. Stumm folgen ihm die Blicke der Zurückbleibenden.

***

Mit weit aufgerissenen Augen rennt Betty voller Entsetzen auf ihren verletzten Geliebten zu und bringt ihn ins sichere Haus. Bill setzt sich an den Küchentisch, spricht mit leiser Stimme darüber, was im Saloon geschehen ist, während Betty ihm fürsorglich durchs verbrannte Haar kämt. Er scheint sich zu schämen, weil er das Geburtstagsgeschenk nicht dabei hat und starrt geistesabwesend die ganze Zeit auf den blankpolierten Fußboden der Küche.

Betty hört sich seine übel ausgegangene Geschichte an. Sie ist sichtlich verzweifelt.

„Du musst unbedingt fliehen, Bill“, sagte sie mit energischer Stimme. Ihre Lippen beben vor Erregung, denn die Angst vor Blairs Klonbrüdern geht in ganz Palladium Town um.

„Wenn ich vor Blairs Klonbrüdern fliehe, käme ich mir auf ewig wie ein dreckiger Feigling vor. Du weißt doch, dass ich es keine zwei Wochen da oben in den Bergen ohne dich aushalten würde. Ich liebe dich einfach zu sehr, Betty. Nein, ohne dich gehe ich nirgendwo hin. Und da du nicht mitkommen kannst oder nicht mitkommen willst, bliebe ich hier. Ich werde mich der Gefahr stellen und, wenn man mich angreift, verkaufe ich mein Leben so teuer wie möglich.“

Seiner großen Liebe kollern auf einmal Tränen über ihre Wangen. Wieder fleht Betty den jungen Mann an, er soll in die nah gelegenen Berge Zuflucht suchen. Dort oben gibt es eine versteckte Hütte, in der man eine zeitlang komfortabel überleben kann. Der Gedanke, dass Bill jeden Tag, jede Stunde und jede Minute in Gefahr schwebt, von blutrünstigen Cyborgs umgebracht zu werden, ist für Betty unerträglich. Sie würde die Nachricht vom Tod ihres Geliebten nicht überleben.

Trotzdem lehnt Bill energisch ab, greift plötzlich in die rechte Brusttasche und legt ein Bündel Geldscheine auf den Tisch.

„Das habe ich von den Typen im Saloon gewonnen. Blair konnte seinen Verlust nicht verwinden, wollte offenbar sein Geld wiederhaben und schoss auf mich. Glücklicherweise daneben, denn seine Sinne waren vom Alkohol benebelt. Ich habe nachgezählt. Es sind mehr als 20.000 Alderons in Scheinen. Dazu kommen noch fünfzehn Goldmünzen. Insgesamt habe ich ein kleines Vermögen, das ich in meine Farm investieren werden, Betty. Allein deshalb kann ich nicht von hier weg.“

„Weshalb nicht? Du hast doch Leute auf deiner Biofarm, die für dich die Arbeit erledigen, Bill. Außerdem könnte ich in deine Farm einziehen, mein eigenes Haus hier verkaufen und die Arbeit in der Stadt aufgeben. Hauptsache unser gemeinsames Glück wird nicht bedroht.“

Betty versuchte dem Geliebten Mut einzuflößen.

„Du würdest zu mir ziehen und die Biofarm in Schuss halten? Ist das wirklich dein Ernst, Betty?“

Bills Augen fingen an zu leuchten.

„Unser beider Zukunft ist mir mehr Wert als alle Reichtümer des Kolonistenplaneten Prime Alderon. Mein Vorschlag ist die beste Lösung für uns zwei, Bill.“

„Du bist wirklich ein kleines Genie, Betty. Ich liebe dich dafür. Mir kommt da übrigens eine Idee.“

Der junge Mann nimmt seine Geliebte zärtlich in die Arme, streichelt ihre geröteten Wangen und küsst sie spontan. Dann redet er konzentriert weiter.

„Wir gehen noch heute nacht zu Pater Brown und lassen uns trauen. Er ist eine Vertrauensperson und wird deine geschäftlichen Angelegenheit für dich erledigen. Sobald die Trauung beendet ist, packen wir unsere Sachen, verschwinden von hier und reiten mit ‚Angelfire’ zu meiner Farm. Wenn wir dort sind, besprechen wir alles weitere. – Einverstanden?“

Betty lachte über das ganze Gesicht, nickt bejahend mit dem Kopf und küsst Bill stürmisch auf die Lippen. Sie kann von dem jungen, starken Mann nicht genug bekommen. Plötzlich setzt sie eine ernste Miene auf.

„Also gut, wir gehen zu Pater Brown und lassen uns in seiner kleinen Kirche trauen. Nimm die Ringe mit, Bill! Sie liegen in der kleinen Kommode rechts neben der Schlafzimmertür. Ich mache mich so schnell wie möglich fertig.“

Die Zeremonie ist kurz, und als die beiden jungen Menschen etwa eine Stunde später auf die nächtliche, trübe ausgeleuchtete Straße treten, sind sie Mann und Frau. Beide lächeln sich überglücklich an, klettern in den ledergepolsterten Sattel des wartenden Androidenpferdes ‚Angelfire’, verlassen die Stadt auf Schleichwegen und sprengen nach einiger Zeit hinaus auf die weite Ebene, genau in die Richtung, wo hinter dem fernen Horizont Bills „Sonnenscheinfarm“ liegt, um dort den Fluchtplan zu schmieden.

***

„Wir suchen einen Mr. und eine Mrs. Carsten. Wir hörten vom örtlichen Bürgermeister, dass sie hier auf der Biofarm wohnen. Stimmt das?“

Der Agrargehilfe Tom Davis steht vor einem der zahlreichen solarbetriebenen Gewächshäuser und schaut zu dem Mann hinüber, der in einem protzigen Geländewagen sitzt. Wegen der Hitze hat er beide Seitenfenster herunter gelassen. Die Lüftung der Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Im Fond des Wagens nimmt Davis zwei weitere Männer gewahr, die aussehen wie Klonbrüder. Ihre düsteren Blicke starren durch die rückwärtigen Seitenscheiben des sechsrädrigen Jeeps und fixieren den Arbeiter im grünen Kittel, als wäre es ihr nächstes Opfer.

Tom Davis weiß genau, was in dieser gefährlichen Situation jetzt zu tun ist.

„Dann hat der Bürgermeister euch recht unterrichtet. Die Herrschaften wohnen hier. Ich werde euch anmelden. Ich bitte um etwas Geduld und bin gleich wieder da.“

„Anmelden? Willst du uns verarschen? Erzähl’ mir keinen Quatsch. Du willst sie warnen. Aber das ist nicht nötig. Wir sind alte Bekannte. Sag uns nur, wo sich die beiden aufhalten. Alles andere erledigen wir.“

„Mrs. Carsten sitzt wohl in ihrem Arbeitszimmer. Wo sich Mr. Carsten zur Zeit aufhält, weiß ich nicht, äh Mr...,“

„Was, du kennst mich nicht? Ich bin Freddy Blair junior. Der neue Inhaber der Cyborg Corporation in Palladium Town. Und das sind meine beiden Brüder Sam und Terence. Sie tun immer genau das, was ich von ihnen verlange. Also, verschwinde! Oder willst du Bekanntschaft mit meinen Kettenhunden machen?“

Freddy Blair steigt plötzlich aus dem Wagen, geht höhnisch grinsend an dem wie versteinert da stehenden Tom Davis vorbei und stampft ohne weitere Umstände die Treppe hoch zum Obergeschoss des weitläufigen Farmgebäudes. Genau gegenüber dem Treppenaufgang befindet sich in dem schmalen Gang das genannte Zimmer. Freddy Blair tritt dicht an die Tür und legt das Ohr lauschend gegen die Füllung. Von irgendwo her hört er die Stimme einer Frau, die offenbar gerade einen Text laut abliest.

Mittlerweile sind die beiden anderen Gestalten ebenfalls aus dem Fahrzeug gestiegen und stehen jetzt dicht hinter ihrem Chef. Blair redet leise.

„Ich denke, Jungs, in weniger als fünf Minuten ist alles erledigt. Haltet eure Laserwaffen bereit und stellt sie vorläufig auf Betäubung“, meint Blair und drückt mit einem kräftigen Ruck gegen die Tür, sodass sie mit einem lauten Geräusch aufgeht.

„Bill?“ fragt eine helle Frauenstimme aus dem Nebenzimmer. „bist du es, Schatz?“

„Aber natürlich. Den suchen wir ebenfalls“, lacht Freddy Blair und stürmt mit den Klonbrüdern ins Zimmer.

Betty Carsten stößt einen Schreckensschrei aus, als sie die Kerle erkennt. Gerade erst aufgestanden, sinkt sie taumelnd in den weichen Lederstuhl zurück und starrt die Eindringlinge mit entsetztem Gesichtsausdruck an.

„Nein, flüstert sie verstört. Das kann nicht wahr sein!“

„Ist das nicht eine Freude, Mrs. Carsten. Oder soll ich Betty Stanfort sagen? Na ja, soll mir auch egal sein. Damit hast du wohl nicht gerechnet, dass ich hier auftauche, was? – Wo ist übrigens dein werter Gatte?“

„Er ist nicht hier, Mr. Blair junior. Er ist heute morgen fortgefahren um wichtige Besorgungen zu machen. Vor einer Woche wird er nicht zurückkommen.“

„Du lügst verdammt schlecht, Betty. So kenne ich dich ja gar nicht“, sagt Freddy Blair und lacht dabei böse. „Dein Bill treibt sich hier bestimmt irgendwo in der Nähe herum. Da bin ich mir ganz sicher. Der hängt doch an deiner Schürze, wie eine Klette. Wir werden deshalb auf ihn warten, bis er kommt.“

„Ihr wollt ihn töten, ihr Dreckskerle“, schreit Betty die wartenden Männer an und ruckt aus dem Lederstuhl hoch, doch einer der Klonbrüder ist schon bei ihr. Hart reißt er sie zurück.

„Aber, aber Betty. Was ist denn mit dir los? Wir suchen doch nur deinen Mann. Dir wird nichts geschehen. Sei also friedlich und benimm dich anständig, sonst könnte ich unter Umständen doch noch sehr ungemütlich werden. Und das wollen wir beide auf jeden Fall vermeiden..., nicht wahr?“

Freddy Blair grinste wieder höhnisch und zwinkerte mit dem rechten Augen.

„Ich werde es nicht zulassen, dass ihr meinem Bill etwas antut. Er hat deinen Vater aus Notwehr erschossen. Dafür gibt es Zeugen. Und wenn es dir noch keiner erzählt hat, dann sage ich’s dir jetzt. Dein Vater wollte Bill umbringen, weil Bill einen Haufen Geld von ihm gewonnen hat. Der Sheriff wird euch verhaften.“

„Den soll der Teufel holen. Der interessiert mich nicht. Außerdem wird er von mir bezahlt. Wir wollen ja nur deinen Mann. Und wenn wir ihn haben, verschwinden wir sofort wieder.“

Plötzlich fing Betty an zu schreien.

„Hilfe!“ gellt ihre schrille Stimme durch das stille Gebäude.

„Stopft ihr das Maul“, knurrt Blair und gibt einem der Klonbrüder ein deutliches Handzeichen.

Wenige Minuten später sitzt Betty Carsten als hilfloses Bündel gefesselt und mit zugeklebtem Mund auf ihrem Schreibtischstuhl. Sie starrt mit weit aufgerissenen Augen zur Tür. Sie weiß, dass sie gelogen hat, denn ihr Bill wird gleich nach Hause und in ihr Arbeitszimmer kommen. Deshalb hat sie geschrien, um ihn zu warnen. Hoffentlich hat er meine Hilfeschreie gehört, denkt Betty und schließt vor Verzweiflung die Augen. Wie schrecklich ist ihr der Gedanke, dass Bill ahnungslos durch die Tür tritt und vor ihren Augen von diesen elendigen Verbrechern erschossen wird.

Plötzlich werden Schritte laut. Jemand kommt die Treppe hoch.

Betty zuckt zusammen.

Ist es Bill?

Mit aller Kraft versucht die schöne Frau sich vom Stuhl zu erheben. Aber sie hat keine Chance. Die Fesseln zerschneiden ihre Handgelenke und von hinten erhält sie plötzlich einen Schlag auf den Kopf, sodass ihr augenblicklich die Sinne schwinden. Kraftlos fällt Betty in sich zusammen. Sie kann sich nicht mehr rühren.

In diesem Moment springt knarrend die Zimmertür auf.

„Legt die Waffen nieder“, sagt da auch schon eine harte Männerstimme, deren Person allerdings unsichtbar bleibt, „oder ich mache aus jedem von euch ein Sieb, so wahr ich Bill Carsten heiße. Und was dich anbelangt, Freddy Blair, mach’ es nicht deinem Vater nach. Ich will nicht, dass du draufgehst. Sei nicht leichtsinnig und lass die Hände von meiner Frau. Niemand von euch kommt hier lebend raus, wenn man ihr auch nur ein Haar krümmt. Hab’ ich mich klar genug ausgedrückt, Blair junior?“

Das ist eine teuflische Überraschung für die Gauner.

Freddy Blair ist wütend. Der Überraschungseffekt ist verpufft. Nur mühsam kann er sich beherrschen, nicht doch noch sein Versteck hinter der Tür zu verlassen, um seinen verhassten Gegner niederzustrecken. Aber das wäre reiner Selbstmord, denn er weiß nur zu gut, dass Bill Carsten der beste und gefährlichste Schütze in der Gegend rund um Palladium Town ist.

Auch seine beiden Klonbrüder, Sam und Terence, die sich auf der anderen Wandseite hinter der Tür versteckt halten, sind sauer. Auch sie möchten gerne aus der Deckung wirbeln, möchten ihre fürchterlichen Strahlenwaffen sprechen lassen. Aber Bill Carsten hat alle Trümpfe in der Hand. Sie können das Zimmer nur einzeln durch die Tür verlassen und möglicherweise hat Carsten noch ein Strahlengewehr dabei, das im Dauerfeuer eine kleine Armee aufhalten kann.

Im nächsten Moment fallen polternd Waffen zu Boden, begleitet von unterdrückten Flüchen.

„Na also, so ist recht, meine Herren“, sagt die harte, unsichtbare Stimme, „und nun mit dem Gesicht zur Wand, wenn ich bitten darf. Aber schön langsam und zwei Schritte voneinander Abstand halten. Ja, so gefällt mir das. Am liebsten möchte ich euch einzeln nacheinander verdampfen. Ich habe langsam die Nase voll von den Blairs und ihren minderwertigen Klonbrüdern.“

Bill steht plötzlich im Raum und tritt mit hoch gehaltenem Strahlengewehr an Bettys Stuhl. Mit geschickten Handgriffen löst er die Fesseln und reist den breiten Klebestreifen von ihrem Mund. Sie ist von dem Schlag immer noch ganz benommen.

Dabei fährt Bill in seinem Gespräch ununterbrochen fort.

„Weist du Freddy, wenn du nicht so jung wärst, würde ich dich für diese Schweinerei hier auf der Stelle erschießen. Dass du meine Frau so behandelt hast, werde ich dir nie vergessen. Das nächste Mal werde ich keine Rücksicht auf dein junges Leben nehmen. Da kannst du dich drauf verlassen.“

Als Betty wieder voll bei Bewusstsein ist und alle Fessel gefallen sind schaut sie mit verzweifeltem Blick zu ihrem Mann auf.

„Oh, Bill, es waren die schrecklichsten Minuten meines Lebens“, flüstert sie unter Tränen und lässt sich von ihm sanft in den Arm nehmen.

„Später, mein Liebes. Halte das Strahlengewehr und richte es auf die drei Männer an der Wand. Falls einer von den Schweinen nur die kleinste falsche Bewegung macht, drückst du ab.

Betty übernimmt das Gewehr und nickt energisch mit dem Kopf.

Bill fesselt alle drei. Es dauert nur wenige Minuten, dann hocken sie zusammengebunden im Zimmer. Noch einmal prüft der junge Farmer die elektronischen Handfesseln und nickt dann zufrieden.

„Wir werden dich schon noch erwischen, Bill. Früher oder später“, zischelt Freddy Blair voller Hass.

„Verlass dich nicht auf deine Klonbrüder. Das nächste Mal bringe ich dich und alle deine perversen Gestalten um, damit endlich Ruhe in dieser Gegend ist. Und dein korrupter Sheriff wandert ins Gefängnis, wenn ich dem Marshall von seiner schmutzigen Arbeit berichte. Also, sei schön friedlich, sonst liegst du bald als Leiche mit deinen Klonbrüdern zusammen im feuchten Humus von Prime Alderon, und die Würmer werden eure verfaulenden Körper fressen, mein Junge.“

Freddy Blair verzieht das Gesicht und spuckt Bill vor die Füße.

„Du kannst mich mal, Carsten. Die Sache läuft genau umgekehrt ab. Du wirst schon sehen!“

Bill schaut Freddy Blair mit stechendem Blick an, sagt kein Wort, dreht sich um und geht.
Zusammen mit seiner Frau Betty verlässt er das Farmgebäude. Tom Davis, der draußen auf sie wartet, erhält Anweisung, den Vorarbeiter der Farm Bescheid zu geben, damit die drei Halunken abtransportiert werden. Die Sache wird von Davis sofort erledigt. Er hätte die Kerle gerne selbst in die Stadt gebracht, weil er dem Vorarbeiter nicht über den Weg traut. Er ist ein durchtriebener Hund, dem alles zuzumuten ist.
Dann übergibt Bill ihm einen Umschlag, den er so schnell wie möglich an Pater Brown aushändigen soll. Darin steht, dass er in die nah gelegenen Berge will, um sich dort für einige Zeit zu verstecken, bis Gras über die ganze Sache gewachsen ist, die sich in ‚Einsteins Saloon’ zugetragen hat. Pater Brown möge sich während seiner Abwesenheit um Betty kümmern sodass ihr nichts geschieht. Sie wird ihn bis zur Berghütte begleiten, aber später heimlich zur Farm zurückkehren. Einer muss ja die Geschäfte weiterführen.
Tom Davis lässt sich nicht lange bitten, schnappt sich einen der herumstehenden Düsenbiker und rast damit nach Palladium Town, wo Pater Brown wohnt.
Etwas später.
Bill und Betty Carsten wählen als Fluchtweg die nördliche Richtung. Dort führt ein Weg direkt in die Berge zu einer abgelegenen Hütte mit allem Komfort. Auch Waffen sind dort versteckt. Aber vorher müssen sie noch eine endlos erscheinende Ebene überwinden, die viele Gefahren in sich birgt. Doch auch das wollen die beiden gemeinsam überstehen. Dann geht es los.

Die beiden jungen Menschen ahnen nicht, dass sie beim Ritt in die weite Ebene auf ihren schwer bewaffneten Androidenpferden von vier dunklen Gestalten mit starken Feldstechern beobachtet werden. Einer von ihnen gibt ein vorher vereinbartes Handzeichen an alle vier Männer weiter. Dann steigen sie auf die wartenden Androidenpferde, die etwas abseits versteckt hinter einem kleinen Hügel stehen und reiten nacheinander los.

***

„Bill“, ruft Betty Carsten über Funk, die ein rückwärtiges Bewegungssignal vom Geländemonitor ihres Androidenpferdes erhalten hat, „es folgen uns vier Androidenpferde mit Reiter.“

Sofort verlangsamt Bill sein künstliches Pferd, dreht sich um, holt seinen elektronischen Feldstecher hervor und mustert mit prüfendem Blick die Reitergruppe, die mehr als zehn Kilometer ihrem eigenen Weg folgt. Sie scheinen schnell näher zu kommen. Trotz der Entfernung kann er sie gut erkennen, aber nichts Auffälliges an ihnen feststellen. Trotzdem ist er sich nicht sicher.

Bill stellt sich eine stumme Frage. Wer sind die Reiter und was wollen sie? Sind es nur Männer aus der Stadt, die sich zufällig auf den gleichen Weg befinden? Oder? Plötzlich ist der junge Mann etwas beunruhigt. Wurde ihr Plan wohlmöglich verraten?

„Vielleicht sind es Touristen, die mit einem Führer zusammen in die Ebene hinausreiten“, sagt Bill gelassen, nur um seine Frau nicht zu beunruhigen.

Aber Betty ist eine Frau mit wachen Augen, der so schnell nichts entgeht. Außerdem ist ihr nicht entgangen, dass Bill plötzlich das Tempo seines Androidenpferdes forciert und sogar den starken Störsender eingeschaltet hat, um ihre gegenwärtige Position zu verschleiern. Es scheint, als will er den mächtigen Berg, der noch etliche Meilen vor ihnen liegt, so schnell wie möglich erreichen.

Betty erhöht ebenfalls den Lauftakt ihres künstlichen Pferdes. Als sie gleichauf mit Bill ist schaut sie ihn von der Seite an und redet über Intercom mit ihm.

„Es sind Blair und seine verfluchten Klonbrüder“, meint sie schließlich, „sie verfolgen uns.“

Ihr Mann schweigt verbissen. Sein Gesicht wird hart, die Lippen bilden einen blutleeren Strich, und die blauen Augen ruhen starr auf dem mächtigen Felsengebirge, wo sich die sichere Hütte befindet. Dort würde ihn niemand besiegen können, weil nur ein einziger, steiler und sehr schmaler Pfad nach oben hinauf führt.

„Ja Betty, du hast Recht. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit Freddy Blair und seine geklonten Schurken. Der Teufel möge diese Brut holen.“

Betty erbleicht. Trotzdem bleibt sie gefasst.

„Ich dachte es mir. Was hast du nun vor?“

„Ich muss die Hütte in den Bergen erreichen. Dort will ich sie erwarten. Ich habe es satt, dauernd von ihnen gehetzt zu werden. Ich werde mich ihnen stellen und gegen sie kämpfen. Die sollen mich kennen lernen. Weit unterhalb der Hütte, direkt am beginnenden Felsenpfad, habe ich vor einiger Zeit eine kleine Laserkanone versteckt. Mit der werde ich ihnen den Appetit auf mich gründlich verderben.“

„Überlege, was du sagst. Es sind vier, Bill. Vier gegen zwei. Die Kerle sind bestimmt mindestens so gut bewaffnet wie wir, weil sie wissen, mit wem sie es hier zu tun haben.“

Bill Carsten wirft seiner Frau einen kurzen Blick zu.

„Einer gegen vier“, berichtigt er, und Betty erschauert unter dem gnadenlos harten Blick ihre Mannes, der trotz seines jungen Alters von 28 Jahren die Ausstrahlung eines kampferprobten Planetenkolonisten hat.

„Wir gehören zusammen, Bill. Auf Leben und Tod. Ich werde dich nicht im Stich lassen, niemals“, widerspricht ihm sie ihm.

„Wir müssen den Lauftakt erhöhen, Betty. Der Näherungsalarm hat festgestellt, dass unsere Feinde nur noch ein paar Meilen von uns entfernt sind. Offenbar sind sie schneller, als ich dachte.“

Seite an Seite stoben die beiden mit ihren elegant aussehenden Androidenpferden über die freie Ebene. Die sensibel hydraulisch gesteuerten Metallhufe wirbeln den Boden hinter ihnen auf. Eine sorgenvolle Falte liegt dennoch auf Bills Stirn. Mit zunehmendem Schrecken erkennt er nämlich auf dem Geländemonitor, dass seine Gegner schneller sind und immer näher aufrücken.

„Aktiviere deinen vollautomatischen Hecklaser, auch wenn dadurch unsere Geschwindigkeit beeinträchtigt wird, Betty.“

Die Frau schaut mit großen Augen zu ihrem Mann hinüber, dann befolgt sie seine Anweisungen.

Näher und näher schiebt sich das rettende Felsmassiv, doch unmerklich fällt plötzlich Bills Androidenpferd etwas zurück und Bettys Vorsprung wird größer und größer.

Abrupt verlangsamt sie ihre eigenes und wendet sich um. Bill winkt heftig mit der Hand, zum Zeichen, sie möge mit der hohen Geschwindigkeit weiter reiten.

Bitter beißt die Frau auf ihre vollen Lippen und Tränen der Hoffnungslosigkeit rollen über ihre Wangen, die vom Luftzug erfasst und weggetragen werden.

Bills Androidenpferd hat offenbar wegen der Aktivierung des Hecklasers Schwierigkeiten damit, die Laufenergie konstant zu halten und liegt jetzt schon mehr als einhundert Meter hinter Betty zurück. Die Lage wird für ihren Mann immer brenzliger. Schon erreicht die junge Frau den rettenden Pfad, an dessen Ende die einsam gelegene Hütte liegt. Um ihren Mann zu helfen, eröffnet sie viel zu früh das Feuer auf die immer näher kommende Reitergruppe und der Hecklaser des Androidenpferdes schießt daneben, auch deshalb, weil der Beginn des Felsenpfades stark zerklüftet ist wie eine alte Kraterlandschaft und deshalb ein sicheres Zielschießen unmöglich macht.

Für Bill Carsten sieht es verdammt böse aus. Es scheint, als wenn der rachsüchtige Freddy Blair und seine Klonbrüder diesmal die Jagd gewinnen würden.

Plötzlich wird sein Androidenpferd von einem Laserschuss getroffen und stürzt krachend zu Boden. In letzter Sekunde gelingt es Bill noch, sich aus der Steigbügelhalterung zu befreien und fällt dich neben dem künstlichen Pferd auf den harten Felsenboden.

Freddy Blair und seine Halunken sind schon fast an ihm heran. Endlich haben sie ihren Mann in der Zange. Ihr höhnisches Lachen aber bringt Bill schnell wieder auf die Beine und steht hoch aufgerichtet neben dem beschädigten Androidenpferd, das seine meisten Funktion aus Sicherheitsgründen vollautomatisch abgeschaltet hat und nun regungslos daliegt.

Dort kommen sie, von allen Seiten gleichzeitig. Rechts der junge Freddy Blair und auf den übrigen Seiten die anderen blutrünstig aussehenden drei Klonbrüder. Das scheint es gewesen zu sein, denkt sich Bill Carsten. Trotzdem wird er es ihnen zeigen, dass er kämpfen kann und niemals aufgibt. Der eine oder der andere wird ihm bestimmt auf der Fahrt in die Hölle begleiten. Dann zieht er seine Laserpistole und feuert damit, was das Zeug hält.

Jetzt sind Freddy Blair und seine Klonbrüder bis auf zehn oder zwanzig Schritte heran. Ihre Frontschutzschirme leuchten hell auf, sodass Bills Laserbeschuss wirkungslos bleibt.

Da erhält Bill unvermutet Hilfe.

Drüben auf dem Felsen, der etwa fünfhundert Schritte entfernt ist, bellt auf einmal eine Strahlenkanone im gleichmäßigen Takt auf. Die abgefeuerten Energiebündel klingen wie das langgezogene Heulen eines Coyoten. Dann folgen mehrere schwere Einschläge. Freddy Blair und seine Reiter werden einer nach dem anderen von den glutheißen Blitzen des permanent schießenden Lasergeschützes getroffen, stürzen brennend von ihren Kunstpferden und bleiben tot liegen. Auch die Schutzschirme der Androidenpferde können die aufzunehmende Energiemenge nicht kompensieren, kollabieren und werden zerstört. Der ungleiche Kampf gleicht einem Massaker, das schnell und gnadenlos vorbei ist. Dann kehrt abrupt wieder Ruhe ein.

Keine fünf Minuten später kommen zwei Männer auf einem Düsenbiker auf Bill zugerast, der erschöpft auf seinem bewegungslos da liegendem Androidenpferd sitzt.

Mit Staunen stellt er fest, dass es Pater Brown und Tom Davis sind.

„Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende“, sagt Pater Brown, als er den wartenden Bill erreicht hat und schließlich vor ihm steht. Die Männer begrüßen sich herzlich.
„Ich habe deinen Brief von Davis erhalten und von ihm erfahren, dass er auf dem Weg zu mir vier Reiter entdeckt hat, die euch gefolgt sind. Dein Vorarbeiter ist offenbar ein Verräter. Er hat Freddy Blair und seine Klonbrüder kurz hinter eurer Farm wieder laufen lassen und sich sogar an der Jagd auf euch beide beteiligt. Er muss unter den Toten sein, die hier herumliegen. Tom wusste auch, wo du die Laserkanone installiert hast. Wir haben die genaue Position des Geschützes in den Geländecomputer eingegeben, sind mit dem Düsenbiker sofort wieder los, weil wir dir und Betty Rückendeckung geben wollten und haben auf Freddy Blair und seine Klonbrüder gewartet. Der Plan ging auf. Jetzt sind sie tot. Diese Halunken haben es nicht besser verdient.“

„Mich laust der Affe. Die ganze Sache klingt unglaublich“, kopfschüttelnd kratzt sich der junge Farmer im Nacken und schielt zu Pater Brown hinüber. „Soviel Mut hätte ich Ihnen und Davis nicht zugetraut“, sagt er lächelnd.

Pater Brown ist mit seiner Schilderung noch nicht fertig.

„Als ich dann von einigen Gemeindemitgliedern erfuhr, dass unser Sheriff die ganze Zeit nichts gegen Freddy Blair und seine verfluchten Klonbrüder unternommen hat, ja sogar noch auf Blairs Gehaltsliste steht, ist mir der Kragen geplatzt. Ich musste dir und Betty einfach helfen. Der Marshall ist übrigens auch schon unterwegs. Der Sheriff wird seinen Job verlieren. Einen korrupten Gesetzeshüter können wir uns in Palladium Town nicht leisten. Der Mann erhält seine gerechte Strafe.“

Als Betty auf ihrem Androidenpferd angeritten kommt, steuert sie direkt auf ihren Mann zu, springt in hohem Bogen wie eine Tigerin aus dem Sattel und fällt ihm sofort in die Arme.

„Endlich ist alles vorbei, Bill. Vor Freddy Blair und seinen brutalen Klonbrüdern müssen wir nie wieder Angst haben. Sie sind alle tot.“

Dann geht sie auf Pater Brown zu, der sie die ganze Zeit mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht beobachtet hat.

„Sie haben uns erst getraut, dann unser Leben und unsere Zukunft gerettet und obendrein auch noch ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht. Wie können wir Ihnen dafür nur danken, Pater Brown?“

Nach diesen Worten fiel Betty dem Geistlichen schluchzend in die Arme. Tröstend klopft er auf ihre zarte Schulter.

„Es wird alles wieder gut, Betty. Ich habe nur das getan, was meine verdammte Pflicht war.“

Die schroffen Wände der hohen Berge scheinen in diesem Augenblick zu glühen. Selbst über die weite Ebene ist plötzlich eine seltsame Ruhe eingekehrt.

Bill, seine Frau Betty, Pater Brown und Tom Davis machen sich gemeinsam auf den Rückweg. Bald ist die kleine Gruppe am Horizont verschwunden.


***

„Sonnenscheinfarm“

Zufrieden betrachtet der junge Farmer das breite Schild über der neuen Toreinfahrt, das soeben von Tom Davis aufgehängt worden ist. Auch er hat sich eine dicke Prämie verdient, denn ohne seinen mutigen Einsatz stünden Bill und Betty heute nicht hier.

„Sonnenschein“, werde ich dich immer nennen, Betty und Sonnenschein soll immer über dem Anwesen der Carstens liegen.“

Dicht nebeneinander stehend schauen die beiden Jungvermählten zum fernen Horizont hinüber und blicken über das weite, unendlich schöne Land ihrer neuen Heimat auf dem Planeten Prime Alderon, der für sie zu einer neuen, friedlichen Heimat geworden ist.

Als sie sich ansehen, treffen sich ihre nach Zärtlichkeit sehnenden Lippen zu einem innigen Kuss.

„Komm, wir reiten hinaus in die weite Ebene, Betty. Es ist für mich jedes Mal ein Gefühl von Freiheit. Außerdem kenne ich am Fuße der Berge eine einsam gelegene Stelle mit einer sprudelnden Quelle und einem kleinen See. Das Wasser ist dort so warm, dass man darin baden kann.“

Sie nickt schweigend mit dem Kopf. Dann gehen beide zusammen zum wartenden Androidenpferd ‚Angelfire’. Bill steigt als erster in den gepolsterten Sattel und zieht Betty zu sich hoch.

Beide reiten sie hinunter in die endlose Weite, wo am fernen Horizont zwei helle Sonnen am blauen Himmel leuchten.
 

ENDE


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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