Inge Hoppe-Grabinger

Der Umweg und der Zufall


Klein ist die polnische Stadt und heisst so ähnlich wie "Lowitsch".
Ein Fest steht bevor - noch heute. Gesperrt sind die Straßen,
die ins Zentrum führen, eine Umleitung ist unumgänglich.
Der Umweg führt vorbei an einem Fluss, und der Fluss heisst
so ähnlich wie "Zurra". Der Reiseleiter erwähnt das so nebenbei,
nur um die Zeit zu überbrücken, die eigentlich den Sehenswürdigkeiten
gewidmet sein sollte.
Ich horche auf. Das Wort "Zurra" hat in mir in der vergrabenen und 
vergessenen Schublade der Kindheit etwas bewegt.
Ich fange an zu grübeln.  Und plötzlich steigt es auf,
aus den Tiefen der Vergangenheit. Mein Vater hat mich so genannt!
Zärtlich! Nur in frühester Kindheit konnte ich polnisch sprechen, habe
aber fast alles verlernt. Und ich frage den Reiseleiter: "Was bedeutet
Zurra?" "Wie buchstabiert man das," fragt er zurück, aber das weiß ich
natürlich nicht. Er überlegt kurz und dann sagt er: ""Tochter", das heisst
"Tochter"!

Was für ein Moment! Ich fühle mich unendlich beschenkt. Ein Schatz,
der mir, völlig unerwartet, aus dem Nichts heraus, sozusagen beiläufig,
überreicht wurde.
Ich werde diesen Schatz hüten. Niemand wird ihn mir stehlen wollen.
Immer wenn ich traurig bin, kann ich das kleine Wort hervorholen...
"Zurra!"

ihg, 27. Juni 2o18

 

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Die Autorin, geboren 1960, wohnt im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen/Hessen/Rheinland-Pfalz. Erst spät hat sie ihr Talent zum Dichten entdeckt und ihre Gedanken und Erfahrungen zusammengetragen. So entstand eine Gedichtsammlung, an der die Autorin gerne andere Menschen teilhaben lassen möchte, und daher wurde der vorliegende Band zusammengestellt.

Das Leben ist zu kurz, um es mit Nichtigkeiten zu vergeuden oder um sich über die Schlechtigkeit der Welt allzu viele Gedanken zu machen. Wichtig ist, dass man sich selbst nicht vergiften lässt und so lebt, dass man jederzeit in den Spiegel schauen kann.

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