F.M.D. Dzaack

FreiRaum

Ein paar Schritte gehen und die Tür zur freien Welt öffnen. Die lästige Vertrautheit verlassen um von neuen Einflüssen inspiriert zu werden. Dem trägen, langweiligen, farblosen Raum für eine Weile entkommen. Ach, dieser Gedanke gibt mir die Zuversicht, dass ich eines Tages wirklich den entscheidenden Schritt wagen werde. Wie oft hatte ich schon den Türgriff mit meiner rechten Hand umschlossen, die Freiheit in greifbarer Nähe, um doch wieder den Kürzeren zu ziehen und in mein Selbstmitleid zu versinken. Bis in die Tiefsee meiner Gefühle schwamm ich dann und verkroch mich hinter den Felsen, die mich für einen Augenblick verschwinden ließen, sodass ich ganz und gar unentdeckt eine gefühlte Ewigkeit lang in meiner Trauer über die verpasste Gelegenheit dahin vegetieren konnte.

Nach einer Weile tauchten absurde Wesen auf. Sie versuchten mit mir in Kontakt zu treten, mich an ihrer Welt teilhaben zu lassen. Solche seltsamen Wesen, die mir merkwürdigerweise nicht fremd waren. Jedes schien absurder und verrückter als das andere zu sein. Und sie taten alles dafür um mich aus meinem Versteck zu locken. Aber egal wie reizvoll der Köder auch war, mit dem sie mich gefügig machen wollten, ich biss nicht an. Ich biss auf die Zähne. Auch als ich einmal der irrsinnigen Überzeugung war, dass die merkwürdigen Wesen ein Teil von meinem Ursprung, ein Teil meines Inneren waren, blieb ich stark, denn mein Verstand wich nicht von meiner Seite. Er war mein treuer und zuverlässiger Gefährte.

Auf Grund dessen konnte ich früher oder später dank seiner resoluten Unterstützung wieder ans Land schwimmen, wo mich die alten Pflichten und Sorgen zeitig heimsuchten. Sie waren wie eine schwere Last, die mich mit ihrem gesamten Gewicht an meine Grenzen brachte und nur darauf wartete, dass ich aufgeben würde. Aber widerstandslos wollte ich ihnen nicht gegenüber treten und hielt so lange ich nur konnte dagegen bis es wieder von vorne anfing. In diesem endlosen Kreis bewegte ich mich nun schon mehrere Jahrzehnte lang und es war nicht abzusehen, wann und ob er jemals aufhören würde. Der Schauplatz dieses jämmerlichen Zirkels war dieser Raum, in dem ich mich gerade befinde. Dieser depressive, lieblos gestaltete Raum, der nicht von mir lassen wollte und dessen Zustand sich mit der Zeit erheblich verschlechterte.

Zuerst drang eine widerliche Feuchtigkeit in den Raum ein, die die Wände großflächig besiedelte. Der Raum färbte sich grün, jedoch nicht in ein hoffnungsvolles, nein, es war ein giftiges Grün, das meine Atemwege mit gefährlicher Luft verunreinigte. Immer wieder hatte ich Atemprobleme und rang nach reiner, gesunder Luft, die ich jedoch nie gefunden hatte. Zwar konnte ich in der Tiefsee besser atmen, jedoch wurde dort der Druck immens hoch, wodurch ich sie nicht mehr wie nach meinen Belieben erreichen konnte. Ich musste also zwangsläufig mehr und mehr Zeit in dem verpesteten Raum verbringen.

Zu meinem Elend sollte es nicht der einzige unerwünschte Besuch bleiben. Weitere Störenfriede gesellten sich nämlich kurze Zeit später zu uns. Kleine stäbchenartige Tiere machten es sich im Raum gemütlich. Am Anfang waren sie eine nicht allzu große Bedrohung, denn sie waren sehr winzig, sodass ich ihre Ankunft kaum registrierte, was sich jedoch unmittelbar änderte, da sich aus der kleinen unscheinbaren Sippschaft, eine große bedrohliche Kolonie der kleinen unangenehmen Eindringlinge bildete. Der letzte Freiraum, den ich noch hatte, wurde mir genommen. Sie umzingelten mich, besetzten den gesamten Raum, griffen mich seltsamerweise jedoch nie an. Ich schien für sie unsichtbar, wie ein Geist zu sein, der das Spektakel der Zerstörung, die sie anrichteten, friedlich beobachten konnte.

Und tatsächlich gab es wieder Hoffnung. Denn der Raum, dieser robuste, scheinbar unzerstörbare Raum, gab nach. Er war verwundbar, einnehmbar. Die giftgrünen Wände , die endlose Decke; sie konnten ihn nicht mehr vor seinem Schicksal bewahren, sodass meine Augen die längst überfällige Befreiung aus meiner Gefangenschaft erblicken durften. Endlich, ja endlich war er gestorben und meine Knechtschaft beendet. Ich war frei, konnte wieder durch die Gegend fliegen und mich am Blick der unendlichen Weite ergötzen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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