Heinz-Walter Hoetter

Der alte Mann und das Dorf

 


 

Ein alter Mann kam in ein Dorf, das in einem schönen grünen Tal lag und sagte zu den neugierigen Bewohnern, die ihm zuhörten, dass er unterwegs einen wohlhabenden Kaufmann getroffen hätte, der auf dem Weg zu ihnen sei, um bunte Papageien für gutes Geld zu kaufen. Er gab ihnen daher den guten Rat, schon mal welche zu fangen, damit sie nicht mit leeren Händen dastünden, wenn er bald zu ihnen ins Dorf käme. Sie würden bestimmt ein gutes Geschäft mit ihm machen. Außerdem verlange er für seine Information nur eine kostenlose Mahlzeit von ihnen. Danach zöge er weiter.

 

Die Dorfbewohner waren allerdings sehr misstrauische Menschen und glaubten dem Fremden nicht. Sie vermuteten nur einen üblen Trick dahinter und dachten sich, dass er sich auf diese billige Tour nur ein kostenloses Essen erschleichen wolle. Deshalb fingen sie auch keine bunten Papageien, um sie später dem wohlhabenden Kaufmann anbieten zu können und jagten den vermeintlichen Betrüger unter wüsten Beschimpfungen zum Dorf hinaus.

 

Der Tag verging, und tatsächlich behielten die Dorfbewohner Recht. Es kam kein wohlhabender Kaufmann vorbei, der bunte Papageien von ihnen abkaufen wollte. Sie fühlten sich daher in ihrem Misstrauen bestätigt und waren froh darüber, dem Betrüger nicht auf den Leim gegangen zu sein.

 

Es dauerte eine gewisse Zeit, da kam der gleiche alte Mann wieder in ihr schönes Dorf und verkündete lautstark, dass er auf dem Weg zu ihnen diesmal einen reichen König mitsamt seinem herrlichen Gefolge angetroffen hätte, der auf dem Weg zu ihnen sei, um in ihrem Dorf zu übernachten. Er hatte außerdem in Erfahrung bringen können, dass die edlen Herrschaften besonders auf ein gutes Essen und ein ruhiges, ungestörtes Nachtlager allergrößten Wert legten. Wenn sie schon mal jetzt alles vorbereiteten, würde der König bestimmt gerne bleiben und sie machten ein gutes Geschäft mit ihm. Außerdem verlange er für seine Information nur eine kostenlose Mahlzeit von ihnen. Danach zöge er weiter.

 

Da die Dorfbewohner den Alten schon kannten, misstrauten sie ihm auch diesmal. Sie vermuteten wieder nur einen üblen Trick dahinter, glaubten ihm abermals nicht und gaben ihm auch nichts zu essen, sondern jagten ihn einfach unter wüsten Beschimpfungen zum Dorf hinaus. Einige der Leute schlugen den alten Mann sogar, weil sie ihn für einen schamlosen Betrüger hielten.

 

Aber seltsamerweise behielten die Dorfbewohner auch diesmal Recht. Es kam kein reicher König mit seinem herrlichen Gefolge zu ihnen ins Dorf, um bei ihnen zu verweilen. Und weil das so war, stärkte das natürlich ihr Misstrauen noch weiter. Sie waren froh, dem vermeintlichen Betrüger nicht auf den Leim gegangen zu sein.

 

Die Zeit ging dahin.

 

Doch eines Tages kam der gleiche alte Mann wieder zu ihnen ins Dorf und berichtete den Bewohnern davon, dass er unterwegs, weit vor der letzten Weggabelung, einer schwarz gekleideten Gestalt mit einer langen scharfen Sense begegnet sei, die ihm davon erzählt hätte, dass er die Pest zu ihnen ins Dorf bringen wolle, um reiche Seelenernte zu halten.

 

Er gab ihnen daher den weisen Rat, das Dorf rechtzeitig zu verlassen, um sich vor dem Schwarzen Tod in Sicherheit zu bringen. Wenn dann alles vorbei ist, könnten sie wieder unbeschadet zurück kehren. Außerdem verlange er nur eine warme Mahlzeit für seine Information, was ja nicht besonders viel sei, da er ihnen mit seiner rechtzeitigen Warnung doch allen das Leben rette. Dann zöge er auf jeden Fall weiter.

 

Aber auch jetzt glaubten die Bewohner aus dem schönen Dorf dem alten Mann nicht, denn er hatte sie schon vorher zweimal schamlos betrogen, wie sie dachten.

 

Sie beschimpften ihn deshalb aufs Übelste, denn sie waren der Annahme, dass er sie nur mit seinem bösen Trick in Angst und Schrecken versetzen wollte, um an eine kostenlose Mahlzeit zu gelangen. Die Dorfbewohner wurden wütend. Aus lauter Ärger über seine angeblich dreisten Lügen traten sie ihn mit den Füßen, schlugen ihm ins Gesicht und stießen ihn brutal zu Boden. Zum Schluss warfen sie den Alten blutend zum Dorf hinaus.

 

Es war noch am gleichen Tag, spät abends in finsterer, mondloser Nacht, als eine schwarz gekleidete Gestalt das einsam daliegende Dorf betrat und von einer Tür zur anderen huschte. Fürchterliche Schreie drangen bald darauf aus jedem einzelnen Haus. Die erschreckten Dorfbewohner liefen hinaus auf die Dorfstraße und riefen in panischer Angst: „Der Schwarze Tod ist da! Die Pest ist unter uns! Flieht, flieht, solange ihr noch könnt!“

 

Doch es war zu spät. Einer nach dem anderen raffte der Schwarze Tod dahin, bis alle Dorfbewohner an der Pest elendig zugrunde gegangen waren.

 

 

***

 

Viele, viele Jahre später.

 

Ein alter Mann mit einem krümmen Rücken kam in ein Dorf, das in einem schönen grünen Tal lag. Er traf auf keine Menschenseele. Alles war wie ausgestorben. Die meisten Häuser waren verfallen und eingestürzt, manche sogar bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der ganze Ort war mit Bäumen und Büschen, Gras, Moos und anderen Wildpflanzen überwuchert. So auch die Dorfstraße, die jetzt fast wie eine langgezogene Wiese aussah.

 

Der Alte sah sich nachdenklich um und murmelt halblaut vor sich hin.

 

Ich sagte ihnen stets die Wahrheit. Wenn sie mir doch wenigstens geglaubt hätten, wäre der wohlhabende Kaufmann und der reiche König mit seiner Gefolgschaft zu ihnen gekommen. Aber sie behandelten mich schlecht, gaben mir nichts zu essen, schlugen mich sogar und hielten mich obendrein noch für einen Lügner. Ich berichtete dem Kaufmann und dem König davon, was mir bei den Dorfbewohnern an üblem Unrecht widerfahren war und siehe da, beide mieden das Dorf. Und den Schwarzen Tod? Ja, ich hätte für sie sogar gelogen, gegen alle meine Prinzipien der Liebe zur Wahrheit verstoßen und diesen schrecklichen Gesellen an der Weggabelung in die falsche Richtung geschickt, um das Leben der Dorfbewohner zu retten. Aber nachdem die Leute mich so schlecht und unmenschlich behandelt hatten, wies ich ihm kurzerhand den rechten Weg zu ihrem Ort in finsterer Nacht. Ich sagte ihm nichts weiter, als die Wahrheit.“

 

Der alte Mann setzte sich mit schlurfenden Schritten langsam in Bewegung und ging gebeugt über die mit hohem Gras bewachsene Wiese, die einmal eine Dorfstraße war. Er sah kein einziges Mal zurück. Dann war er plötzlich wie im Nichts verschwunden.

 

Nur die hohen Bäume des verfallenen Dorfes rauschten sanft wie stumme Zeugen leise im Wind.

 

 

ENDE

 

 

© Heinz-Walter Hoetter


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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