Marcel Hartlage

Das Atelier des Jackson Clarke

Die Welt lag noch im Schlaf, als ich auf den Strand hinabblickte und Jacksons Gestalt wie eine Miniaturfigur seiner selbst ausmachte. Unterm pastellfarbenen Himmel stand er da, mit nackten Füßen im kalkweißen, körnigen Sand und nur einen Schritt von jenem Ungetüm entfernt, das sich mit seinen endlosen Tiefen und Geheimnissen um die halbe Erdkugel spannte. Ich seufzte, bevor ich mir die Arme um die Schultern schlang und die Holzstufen der Treppe hinabging. Die kühle, salzige Luft kroch unter mein Nachthemd und durchpflügte mein Haar.

Die Regungslosigkeit, mit der aufs Wasser hinausstarrte, beunruhigte mich weniger als die Tatsache, dass er noch immer nur Shirt und Unterhose trug. Erneut hatte es ihn direkt hierher verschlagen, ohne Zwischenstopp, ohne darüber nachzudenken, was er überhaupt tat. Während ich ihm näherkam und sich meine Zehen dabei durch den kalten Sand bohrten, wünschte ich mir – und das nicht zum ersten Mal –, ich würde gleich einfach auf jemanden treffen, der dem Schlafwandel verfallen war. Durch Schlafwandeln ließ sich dieses Verhalten zumindest im Ansatz erklären. Aber als ich neben ihn trat und eine Hand auf seinen Rücken legte, belehrten mich seine offenen Augen eines Besseren.

»Komm wieder ins Bett.« Eine Möwe kreischte, als ich ihm über die Schulterblätter strich.

Jacksons Blick verlor sich ungeniert in der Ferne. Seine Lippen waren schon leicht bläulich, die meinen zitterten in den fröstelnden Böen.

»Es ist kalt hier draußen, Schatz. Du wirst dich erkälten.«

»Ich komme gleich rein.«

Doch seine Stimme klang zu abwesend, als dass ich ihm das abgekauft hätte, und das wusste er vermutlich ebenso. »Die Sterne sind heute schön«, sagte ich, um seinen Blick in eine andere Richtung zu lenken.

Es war die Wahrheit. Dort standen wir, in der kühlen Frische eines Junimorgens, während sich vor uns die eisengraue, stilldaliegende Endlosigkeit des Pazifiks ausbreitete und über uns ein wolkenloser, noch endloserer Baldachin, an dem die Sterne strahlten wie eiskalte, unzerbrechliche Kristallfragmente, wie Splitter, die drohten, jederzeit auf uns hinabzuprasseln. Seitdem wir nicht mehr in der Stadt lebten, schien die Welt gewachsen zu sein. Jedes Mal, wenn ich auf den Ozean hinaussah, fühlte ich mich winzig, aber wenn ich in den Himmel sah, geradezu bedeutungslos. Es war, als würden beide Dinge in Wechselwirkung zueinander stehen und mich mit ihrer schieren Unendlichkeit überborden wollen.

»Geh wieder rein, Beverly.« Endlich sprach Jackson, aber seine Stimme klang ausgelaugt. »Du trägst ja selbst kaum was am Leib.«

»Das sagst du nur, weil du es sagen musst.« Ich lächelte milde. Als er nicht reagierte, lehnte ich mich an ihn, und eine Weile blickten wir schweigsam aufs Meer hinaus.

»Wieder derselbe Traum?«, fragte ich.

Er schloss die Augen. Mehr als ein Nicken schaffte er nicht.

Die dritte Nacht in Folge, in der meine Hände eine kalte, leere Betthälfte berührt hatten, in der ich über ein klammes, von Schweiß vollgesogenes Laken gestrichen hatte.

»Es wird bestimmt bald besser.«

»Ich habe das Gefühl, dass es mit jeder Nacht nur schlimmer wird.«

»Vielleicht solltest du dir was verschreiben lassen«, schlug ich vor.

Das schien ihn zu erzürnen. »Wegen solcher Lappalien werde ich bestimmt keine Medikamente zu mir nehmen, Beverly.«

»Dann mach einen Termin. Bei einem Psychologen. Es gibt bestimmt genug Experten, die sich auf dem Gebiet der Traumdeutung verstehen.«

»Noch weniger als Medikamente, brauche ich einen Seelenklempner.«

Ich seufzte und kuschelte mich an ihn, denn inzwischen schlotterten mir fürchterlich die Knie. »Erzähl mir doch endlich, was es ist.«

»Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich das nicht kann.« Mit der rechten Hand wischte er sich durchs Gesicht. Tiefe Augenringe hatten sich bis auf seine Wangen gegraben. »Ich weiß nicht, was es ist, ich weiß nur, dass es sich scheußlich anfühlt.«

Er war lauter geworden. Ich schwieg und streichelte bloß weiter seinen Rücken.

Mit einem Seufzen wandte er sich endlich vom Meer ab. »Entschuldige.« Er nahm meine Hände. »Der Schlaf … Die Müdigkeit macht mich jähzornig.«

»Du bist auch nur ein Mensch.« Ich legte ihm eine Hand um die Schulter und war froh, als er sich herumführen ließ. »Versuch noch ein wenig zu schlafen. Deinen Jähzorn kannst du später in deiner Arbeit ertränken.«

Er sagte darauf nichts, doch er sträubte sich auch nicht mehr. Zusammen gingen wir zu unserem Haus zurück, das die Strandböschung hinauf am Waldesrand lag. Den Anblick, den es mir mit seiner großen hölzernen Terrasse, den raumhohen Panoramafenstern auf beiden Etagen und der modernen, minimalistischen Fassade bot, vermochte meinen Magen selbst jetzt noch, während uns die salzgetränkten Winde in den Nacken peitschten und unsere Zähne zum Klappern brachten, mit einer Wärme zu erfüllen wie zartes, süßliches Karamell. Es war ein Traum, den wir uns erfüllt hatten, ein Ziel, für das wir über Monate hinweg hitzigste Diskussionen und langwierigste Familiengespräche hatten führen müssen, um es zu erreichen. Wir lebten jetzt bald ein halbes Jahr hier in Alaska, und jeder einzelne Tag davon kam mir noch immer vor wie ein Geschenk – zumindest bis jetzt. Als wir die Stufen zur Terrasse erreichten und ich Jackson einen unauffälligen Blick zuwarf, bekam ich fast schon Gewissensbisse, weil seine Schlafprobleme nicht das Bildnis der Idylle zerschlagen mochten, das ich mir über die Monate so mühselig erschaffen hatte.

Wir hatten uns an der Kunstakademie in San Francisco kennengelernt. Angetrieben von kreativem Eifer und jugendlichem Idealismus, hatten wir es uns recht schnell in die Köpfe gesetzt, als freischaffende Künstler selbstständig zu werden und ein malerisches, abgelegenes Anwesen mit Meeresblick zu ersteigern, gleichgültig, ob unsere Eltern davon begeistert waren oder nicht. Beide hatten wir uns der Malerei verschrieben, Jackson noch enthusiastischer als ich, und mit einer großzügigen Finanzspritze seines Vaters, der ein ziemlich angesehener Anwalt in Neuengland war und seinem Sohn bereits im Vorfeld die volle Unterstützung zugesprochen hatte, war es uns gelungen, in einem gewissen Maß der Unabhängigkeit Aufträge an Land zu ziehen, um uns einen Namen zu machen. Mühselig und über die Jahre hinweg hatten wir die Wohlstandsleiter Sprosse um Sprosse erklommen, bis wir schließlich an dem Punkt angelangt waren, uns ein eigenes Heim endlich leisten zu können. Meinen Eltern hatte der gesamte Plan missfallen – was nicht nur an dem Plan selbst gelegen hatte, sondern auch an Jackson, denn von ihm hatten sie erwartet, als der Mann in der Beziehung einen sicheren Job auszuwählen –, und ihre Uneinsichtigkeit hatte sich so unablässig mit der meinen gekratzt, dass wir nun kaum noch Kontakt zueinander hatten. Vermutlich sollte mich das traurig stimmen und vielleicht auch mit Reue erfüllen, aber dass es ein solches Heim geworden war, an einem solchen Ort und inmitten friedliebendster Natur und herrlichster Abgeschiedenheit, machte alle Sorgen wie wett. Ich wollte mich nicht binden an den Erwartungen meiner Eltern, sondern meinen Traum in vollen Zügen ausleben.

Natürlich war es da nicht schön, wenn etwas dazwischenkam.

Jackson legte sich tatsächlich noch einmal hin, obwohl wir beide wussten, dass er sich nur hin und her wälzen und in spätestens einer Stunde wieder aufstehen würde, um in sein Atelier zu gehen und zu arbeiten. Um ihn dennoch nicht zu stören, ging ich, nachdem ich mir den Sand von den Füßen gerieben hatte, in die Küche und zündete mir eine Zigarette an; ich rauchte selten, aber wenn, dann um mich abzureagieren. Außerdem war die Nacht eh schon gelaufen. Während die Minuten dahinkrochen, stellte ich mich vors Fenster und blickte gedankenversunken auf den Ozean heraus, der allmählich ebenso aus seinem Schlaf erwachte und sich den Gezeiten hingab.

Jacksons Schlafprobleme hatten vor einer knappen Woche angefangen, ohne erkenntlichen Anlass. Zu Beginn war es ihm lediglich schwergefallen, die Augen zuzumachen – ich hatte gespürt, wie er wach neben mir lag und an die Decke starrte –, doch später, mit jeder voranschreitenden Nacht, hatte sich diese Periode hingezogen, war immer zäher und frustrierender geworden, bis sie schließlich schon in die frühen Morgenstunden hineingegangen war. Wir hatten darüber diskutiert, ob vielleicht seine Arbeit daran Schuld war, ob er sich mit den Aufträgen vielleicht ein wenig übernahm und eine Pause brauchte, und in Ermangelung eines besseren Grundes hatten wir uns darauf geeinigt, dass es so sein musste. In derselben Nacht hatten dann die Alpträume begonnen. Der Alptraum, wenn ich seine vagen Schilderungen richtig deutete.

Mit einem klobigen Gefühl im Magen drückte ich die Zigarette aus und zündete mir eine Neue an. Er behauptete, er wisse nicht, wovon er träume – alles sei zu kryptisch, alles sei zu vage, und nach dem Aufwachen zerflossen seine Erinnerungen sowieso zu einer »durchgerührten Hirnpampe«. Ein Teil von mir wollte ihm nicht glauben. In der ersten Nacht war ich von seinem Gewälze und Gestöhne wach geworden, hatte erschrocken die Nachttischlampe angeknipst und versucht ihn wachzurütteln. Mit einem unterdrückten Schrei war er emporgeschossen und hatte sich panisch umgesehen, so als hätte er gefürchtet, ein Monster verberge sich in den Schatten des Zimmers und wolle ihn attackieren. »Alles in Ordnung, Schatz«, hatte ich versucht ihn zu beruhigen und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. »Du hast nur schlecht geträumt.«

»Ich … Ich …«

»Shhh, ganz ruhig. Nur ein Alptraum. Nur ein Alptraum.« Ich hatte ihn gestreichelt und sanft an mich gedrückt, aber es war, als hätte er mich überhaupt nicht wahrgenommen.

»Es ist nicht möglich«, hatte er mit heiserer Stimme geflüstert. »Es ist nicht möglich, vollkommen unmöglich. Diese Formen gibt es nicht.«

Etwas Präziseres hatte er über seine Alpträume bisher noch nicht verlauten lassen, und als ich ihn am Morgen darauf ansprach, gab er vor, sich an diesen Zwischenfall nicht erinnern zu können. Aber mein Verdacht blieb; zumindest kleine Bruchstücke mussten doch beim Aufwachen mit an die Oberfläche spülen und in seinem Gedächtnis stecken bleiben, oder nicht? Wie sollte er sonst wissen, dass er stets von denselben Dingen träumte? Vielleicht hatte es mit einem seiner Gemälde zu tun und er wollte es mir deshalb nicht mitteilen. Vielleicht fürchtete er, dass ich ihn nicht verstand. Manche Künstler besaßen ein sehr eitles Gemüt, und Jackson gehörte zweifelsohne zu ihnen.

Ich nahm einen letzten Zug und sah auf die Uhr. Kurz vor sechs. Ich drückte den Stummel im Aschenbecher aus und entschwand dann ins Bad, um zu duschen. Ich würde Jackson ein wenig Ruhe schenken und in die Stadt rausfahren, um ein paar Erledigungen zu machen, die für den heutigen Tag sowieso anstanden. Während das heiße Wasser auf meine Haut prasselte, versuchte ich mich zu entspannen und zu vergessen, was heute Morgen zum wiederholten Male geschehen war. Die dampfige Hitze tat gut und trieb meine Gedanken schnell fort vom Strand mit seiner kalten, salzgetränkten Luft und dem endlosen, schauererregenden Blick auf die ozeanische Weite. Nachdem ich fertig war, zog ich mich an und aß eine Kleinigkeit, ehe ich Jackson einen Zettel schrieb und das Haus verließ.

Der Jeep schaukelte über den Waldweg, während ich zur Landstraße rauffuhr und dabei dem Radio lauschte, in dem sich die Nachrichtensprecher mit billigem Chatgetöse abwechselten und von starken Sturmböen unweit der australischen Küste berichteten. Der nächste Ort war nur zehn Minuten entfernt, aber es gab einen Gemischtwarenladen, der seine Pforten bereits eine halbe Stunde früher für seine Stammkunden aufschlug (und es war ein nicht geringes Gefühl des Stolzes, mit dem ich mich inzwischen zu diesen Stammkunden zählen durfte). Der Hinweg führte mich an tiefes, düsteres Unterholz zu meiner linken und einer furchigen Felswand zu meiner rechten vorbei; die ersten kleinen Felsvorsprünge, die sich über die nächsten Meilen hinweg zum Gebirgsmassiv der Wrangell Mountains erhoben. Als ich den Ort endlich erreichte, herrschte bereits ein scheues, verschlafenes Treiben auf seiner Hauptstraße. Ich fühlte mich geborgen.

Zu Beginn war es uns schwer gefallen, uns hier einzuleben. Leute auf dem Land verhielten sich im Allgemeinen misstrauischer, und da wir nicht nur Städter waren, sondern auch Künstler, unterlagen wir der Voreingenommenheit zweier Klischees zugleich. Doch die Zeit, so hatte ich die Erfahrung gemacht, formte einen nach und nach zurecht, bis man schließlich ins Gesamtmosaik der Einheimischen hineinzupassen schien. Vom »befremdlichen Künstlerpaar« hatte man uns inzwischen befördert zu »diesem Pärchen, das im Künstlerhaus wohnt«, und wir verstanden uns gut mit den Leuten, wenn wir herkamen, zumindest mit den meisten. Für manche blieben Städter nun mal Städter und Künstler nun mal Künstler. Diese Kurzsichtigkeit würde dem Menschen wohl auf ewig innewohnen.

Wie erwartet, hatte der Gemischtwarenladen bereits geöffnet, und ich erledigte die Einkäufe rasch und ohne viel Gerede; es gab nur wenige Kunden, die sich zu dieser frühen Stunde bereits auf einen Plausch einließen.

Als ich eine halbe Stunde später unsere Haustür aufschloss, war aus dem Atelier Musik zu hören. Meine Kenntnisse in diesem Bereich waren nicht die größten, doch glaubte ich, eine Melodie von Liszt zu erkennen, vielleicht auch von Dvorak. Auf jeden Fall war es ein gutes Zeichen – dachte ich zumindest. Ich stellte die Einkaufstüte auf der Kücheninsel ab und schlich lächelnd die Treppe empor. Oben legte ich mein Ohr an die Tür zum Atelier und lauschte.

Es lief mir kalt den Rücken runter. Ein anderes Geräusch schwang noch unterm Klang der Klaviertöne mit, ein grummelnder, knurrend anmaßender Singsang, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte. Es glich einer dröhnenden, dunklen Stimme, die in einer mir völlig fremden Sprach vor sich hin murmelte. Entsetzt starrte ich die Tür an, bevor ich mir einen Ruck gab und anklopfte. »Jackson?« Meine Hände fuhren zur Klinke, doch wurde sie in just dem Moment betätigt, in dem ich sie herunterdrücken wollte.

»Was ist denn?« Sein Gesicht erschien im Türspalt.

Ich stand mit halboffenem Mund da und kam mir plötzlich dämlich vor. Ich lauschte erneut, doch war neben dem schwungvollen Klang der Musik nichts mehr zu hören. Drehte ich jetzt schon durch?

»Bev?« Ungeduld schwang in seiner Stimme mit.

»Ich …« Erneut überkamen mich die Schuldgefühle; ich wusste doch, wie ungern er unterbrochen wurde. »Tut mir leid, mir war nur, als hätte ich … als hätte ich so was wie Stimmen gehört. Konntest du noch ein bisschen schlafen?«

»Nein. Aber das macht nichts. Die Arbeit lenkt mich schon ab.«

Ich nickte, räusperte mich.

»Noch etwas?«, fragte er.

»Äh …« Seine distanzierte Art erschien mir seltsam unheimlich. »Kommst du voran?«

»Ja. Zum Glück.« Die unverfälschte Erleichterung, die ich in seinen Augen las, ließ sein Gesicht tatsächlich etwas wacher erscheinen.

»Okay. Gut.« Zaghaft begann ich mich zu entfernen. »Soll ich dir noch was zum Frühstück machen?«

»Danke, aber ich hab’ keinen Appetit.« Er wollte die Tür gerade schließen, als er noch einmal innehielt. »Wenn ich’s mir recht überlege: Plan mich auch zum Mittag nicht ein. Ich glaube, der Tag heute wird gut.«

»Übernimm dich nicht.«

»Nein.« Damit schlug er die Tür wieder zu und ließ mich stehen.

Ich stand noch ein paar Minuten da und lauschte, doch die seltsamen Laute, die ich vernommen hatte, kehrten nicht wieder zurück. Nur die sinnlichen, nuancierten Töne längst verstorbener Legenden. Ich begab mich wieder nach unten und machte mich ans Einräumen der Lebensmittel. Erst währenddessen fiel mir auf, dass Jackson immer noch seine Klamotten von heute Früh getragen hatte.

Im Verlauf der nächsten Stunden kam er nicht ein einziges Mal aus seinem Atelier heraus. Ich putzte die Wohnung und stopfte die schweißdurchtränkte Bettwäsche in die Waschmaschine, dann setzte ich mich bis zum frühen Nachmittag vor meine eigene Staffelei im Wohnzimmer und versuchte mich an einem eigenen Projekt. Weder überkam mich die Muße, noch ein gescheites Maß an Konzentration, um überhaupt den ersten Pinselstrich setzen zu können. Immerzu dachte ich daran, wie reserviert er sich verhalten hatte; wie er heute Morgen am Strand gestanden hatte und sein Blick aufs Meer hinausgegangen war, so als würde er auf irgendetwas warten. Warum vermied er es, sich mir mitzuteilen? Bisher hatte ich es hinausgezögert, akribischer nachzubohren, aber wenn es tatsächlich zum Normallfall werden sollte, dass ich von nun an jede Nacht neben einer zurückgeschlagenen Decke aufwachte und tagsüber alleine durch die Wohnung wanderte, würde ich ihn früher oder später wohl unweigerlich zur Rede stellen müssen – im Zweifelsfall mit einem Ultimatum.

Insofern du bereit bist, dich von deinem eigenen Traumbild der Idylle zu verabschieden, nicht wahr, Beverly? Denn vielleicht willst du dich auch gar nicht damit befassen. Vielleicht willst du es gar nicht drauf anlegen, dir einzugestehen, dass es ein Problem gibt. Denn dann würde alles kaputt gehen. Dann würdest du dein Traumbild verunstalten, es zerstören, die monatelange Hinarbeit mit einem einzigen Prankenhieb zerschmettern …

»Nein.« Mein Wort durchschnitt die Stille des Raumes. Blinzelnd betrachte ich den mit roter Farbe benetzten Pinsel in meiner Hand, ehe ich ihn seufzend ablegte und das Gesicht in den Händen vergrub.

Am Abend legte ich mich bereits früh zu Bett, um noch ein wenig zu lesen. Jackson war noch immer nicht aus seinem Atelier gekommen. Ich vernahm das entfernte Wellenrauschen und den unveränderten Klang der Musik; beides schien sich miteinander zu verweben und ein reißerisches Duett der Rastlosigkeit zu erzeugen, ein widerspenstiges Echo zum jeweils anderen Klang. Längst hatte ich das Licht gelöscht und mich eingekuschelt, als ich das Klacken der Tür vernahm und spürte, wie sein warmer Körper neben mir unter die Decke glitt. Er stank bestialisch nach Kohle und Graphit, nach frischem Schweiß und … Meeressalz. Aus irgendeinem Grund jagte mir das einen fürchterlichen Schrecken ein. Sein Atem ging röchelnd, wie von einem Tier, und auf perverse Art und Weise ließ mich das an den seltsamen Klang von heute Morgen denken, den ich unterm Deckmantel der Musik vermeintlich aus seinem Atelier vernommen hatte. Er schlief schnell ein – verräterisch schnell, verglichen mit den Torturen der letzten Nächte –, und als sein Atem sich beruhigt hatte, lag ich noch immer wach da und starrte aus dem Fenster.

Ich wusste, dass es falsch war. Ich wusste nicht einmal, warum ich es tat. Doch nach ein paar weiteren Minuten strich ich sacht die Bettdecke beiseite und stand auf.

Mein Herz klopfte wie wild gegen meine Rippen, während ich mich aus dem Zimmer schlich und den dunklen Flur entlangtapste. Die großen, raumhohen Fenster, die zur Terrasse rauszeigten und die eines meiner Hauptgründe gewesen waren, dieses Haus zu kaufen, erzeugten nun ein unwohles, beklommenes Gefühl in meiner Brust, so als würde dort draußen jemand stehen und meinen verbotenen Ausflug beobachten. Doch ich konnte nicht umkehren. Es schien mir beinahe, als würde eine fremde Kraft mich lenken. Ich erreichte die Treppe und tapste ihre Stufen hoch; die glatte Maserung des Eichenholzes fühlte sich warm unter meinen Sohlen an.

Dann stand ich vor der Tür zum Atelier. Noch einmal stellte ich mir die Frage, was ich hier eigentlich tat, was mich dazu bewog, nachzuschauen; doch ich fand keine Antwort. Vielleicht war eine Antwort auch nicht von Nöten. Ich legte die Hand auf die Klinke und drückte sie nach unten.

Die Tür war abgeschlossen.

Bisher war sie noch nie abgeschlossen gewesen.

Eine reuevolle Mischung aus zu viel Enttäuschung und zu wenig Erleichterung durchdrang mich. In diesem Moment schienen sich sämtliche meiner Gewissenbisse, die sich im Verlauf des Tages angesammelt hatten, zu einer einzigen schweren Kugel in meinem Magen zu kulminieren, und ich kam mir schrecklich vor, dass ich Jacksons Atelier beinahe tatsächlich hinter seinem Rücken betreten hätte. Gleichzeitig drängte ein noch immer bestehendes Verlangen, meine Neugierde ungeachtet jedweder Konsequenzen zu befriedigen, wodurch die Scham nur noch größer wurde. Was tat ich hier? So schnell ich konnte, huschte ich wieder die Treppe hinab und ins Schlafzimmer, wobei ich es trotz der Dunkelheit nicht mehr wagte, Jackson auch nur ins Gesicht zu blicken.

Wenn Schlaflosigkeit ein Virus wäre, so grassierte es in der restlichen Nacht voller Wut und Unbarmherzigkeit durch meinen Körper, denn fiel es mir nun zusehends selbst schwerer, die Augen zu schließen. Als ich am nächsten Morgen mit brummendem Kopf und trockenem Mund erwachte, registrierte ich fast schon instinktiv, dass die andere Betthälfte wieder leer war. Ich tastete über die Matratze, erfühlte diesmal aber weder Wärme noch Schweiß; dafür erblickte ich mit verschlafenen Augen verschmierte Kohlestriemen im Laken. Ich richtete mich auf und blickte durch das große Fenster nach draußen. Ein bewölkter, grauer Himmel, ein still daliegender, schlummernder Ozean, ein leichter Nieselregen, der die Scheibe besprühte. Benommen trampelte ich die Decke fort und schlurfte zur Terrassentür. Draußen musste ich angesichts der kühlen Salzluft die Zähne zusammenzubeißen, doch ungeachtet dessen trat ich weiter bis ans Geländer, um den Strand zu überblicken.

Er war nicht dort.

Und wie, um mich vollständig zu verhöhnen, vernahm ich in diesem Moment den erneuten Klang klassischer Musik aus seinem Atelier.

Mit einem Poltern schob ich die Tür wieder hinter mir zu. Sollte ich wütend sein? Entsetzt? Mehr als diese Empfindungen war es Verwirrung, die mich erfasste, Verwirrung und ein seltsames, unbestimmtes Gefühl der Furcht. Ich ging nach oben und klopfte an, und als sich nach ein paar Sekunden noch immer nichts tat, klopfte ich erneut, diesmal energischer.

Die Tür öffnete sich, aber nur einen Spalt. »Beverly, du störst.«

Seine Stimme klang verkratzt und rau, doch das kümmerte mich nicht. »Was machst du schon so früh da drin?«

»Arbeiten.« Und ohne ein weiteres Wort schlug er die Tür wieder zu und drehte den Schlüssel. Ich stand mit offenem Mund da und wusste nicht, ob ich zornig oder fassungslos sein sollte.

Es ließ mir keine Ruhe. Vermutlich sollte ich dankbar sein oder erfreut – der Wille zur Produktivität war in diesem Geschäft von höchstem Wert –, doch ich kam nicht umhin, mich ausgegrenzt zu fühlen. Ausgegrenzt und missverstanden und gekränkt. Was taten seine Träume, dass sie ihn mir nicht mehr wiedergaben? Was tat er, dass er nicht mehr aus diesem Zimmer kam? Und seine Stimme, sein Gesicht! Wüst und kohleverschmiert hatte sich sein Antlitz im Türspalt abgezeichnet, mit stoppeligem Bart und strubbeligem Haar; ich hatte nicht darauf geachtet, doch vermutlich war auch seine Kleidung noch immer die von gestern. Frust und Wissensdrang trugen mich fort auf einen Pfad der Ungeduld und Hast – das Wort Verzweiflung vermochte ich noch nicht in meinen Mund zu nehmen –, und ich verbrachte die kommenden Stunden damit, im Wohnzimmer auf und ab zu gehen, auf das Meer hinauszustarren, eine komplette Schachtel Zigaretten zu verschlingen. Und unnachahmlich, wie ein angestimmtes Hohngelächter auf meinen Kummer, schallten die Klänge von Klavier und Chor und Kontrabass zu mir hinab. Draußen formierte sich der Nieseldunst zu einem seichten Regen und mischte sein Prasseln hinzu wie eine Prise Salz zu einem Gericht.

Welches Kunstwerk formte er, dass er derartig besessen war?

In dieser Nacht – und es erfüllte mich weder mit Überraschung noch mit Kummer –, kam er gar nicht erst ins Bett. Er blieb dort oben wie in einer selbsterbauten Zelle, und nicht einmal die Musik drehte er noch leiser, ganz im Gegenteil; die stürmischen Klänge von Carl Orffs Carmina Burana wehten die ganze Nacht durchs Haus, und hätte ich mich bis dahin der Hoffnung hingegeben, Jackson möge vielleicht auf seiner Couch für ein paar Stunden Ruhe finden, machten die ansteigende Lautstärke und die fast schon dissonante Schnelligkeit des Stücks mir diese endgültig zunichte. Es schien mir, als würde er überhaupt nicht mehr schlafen wollen. Ich war überrascht, wie kühl und gleichgültig ich das hinnahm; zumindest dachte ich das, bis ich mich auf die Seite drehte und spürte, wie eine Träne meine Wange hinabglitt. Ich war es wohl leid, jede Nacht ins Leere zu greifen, und die Aussicht, es noch länger zu tun, erfüllte mich mit tiefem, vergrämtem Schmerz.

Auch am nächsten Tag blieb er in seinem Atelier, genauso wie in der anschließenden Nacht und an dem Tag darauf. Eine grausige Routine nahm ihren Lauf. Ich gab es auf, an seine Tür zu klopfen, denn entweder ignorierte er es nun komplett oder überhörte es schlicht und ergreifend; die Musik befeuerte seine Ohren im Dauerschall, während sich das Wetter draußen in beängstigender Dichotomie verschlechterte und der Regen immer heftiger wurde. Manche Stücke ließ er fast ein Dutzend Mal hintereinander abspielen, so als befände er sich in solch tiefem Schaffensrausch, dass er schlicht vergaß, sie zu wechseln. Meine Neugierde war noch immer da und sogar stärker denn je, aber vermochte sie meinem Trübsal nicht ausreichend entgegenzuwirken, als dass sie die Oberhand über mein Gemütszustand bekam. Ich hatte wohl beschlossen, einfach der Zeit den Ball in die Hand zu drücken; ich war mir nicht sicher, denn allmählich verformten sich auch meine Gedanken zu einer zähen, zusammenhangslosen Masse, über die ich die Kontrolle zu verlieren drohte.

Es war der Nachmittag des nächsten Tages, als sich die Dinge plötzlich überschlugen. Ich war gerade dabei, mich mit dem Putzen unserer Vitrinenschränke abzulenken, da vernahm ich erneut jenen brummenden, unterschwelligen Ton, jenes dunkle Geräusch, das die Melodie der Musik untergrub und sie zersetzte wie Säure. Diesmal jedoch schwang es nicht nur mit – diesmal vibrierte es, so stark, dass sich jäh die Härchen auf meinen Armen aufrichteten. Mit dem Staubwedel in der Hand wandte ich mich in Richtung Treppe, blickte dem Geräusch wie einem unsichtbaren, atmenden Pesthauch entgegen. Von der einen auf der anderen Sekunde begann ich zu frösteln. Ich schlang mir die Arme um den Körper und wurde von einem überwältigenden Gefühl der Ohnmacht erfasst, von der dunklen, niederschmetternden Ahnung, absolut nichts ausrichten zu können. Es hörte sich an, als würde der Flügelschlag eines vogelähnlichen, längst ausgestorbenen prähistorischen Ungeheuers einen Wirbelwind erzeugen, einen blechernen, grollenden Tornado, dessen Reißen und Fetzen die Noten zerschlug.

Formen, die es nicht gibt …

»Klänge, die nicht existieren.« Mir war nicht ganz klar, weshalb ich diese Worte aussprach, doch schienen sie dahinter zu passen wie die fortsetzende Zeile in einem Gedicht.

Einer Eingebung folgend, ging ich nach draußen. Es regnete noch immer, doch das kümmerte mich nicht. Von der Auffahrt aus blickte ich an der Gebäudefront empor, auf die nach Norden gerichteten Schrägfenster des Ateliers. Es mochte am Wetter liegen oder an der Reflektion, aber ich erkannte nichts, nicht einmal die Andeutung einer Bewegung. An einem solch grauen Tag bediente sich Jackson für gewöhnlich der Zimmerlichter an der Decke – ohne ausreichendes Licht war das Arbeiten in einem Atelier unmöglich, deshalb ja auch die Fenster –, aber als ich dort im Regen stand und hinaufblickte, brannte kein einziges. Der Raum war dunkel, und nur die grauenerregende Mixtur aus Musik und Dröhnen schien ihn mit Leben zu erfüllen – eine Mixtur, die mit gnadenloser Kontinuität anschwoll und plötzlich ohrenbetäubend laut zu sein schien.

Hatte ich mich bis hierhin geweigert, mir meine Verzweiflung einzugestehen, so erfüllte sie mich in diesem Moment mit einer solchen Wucht, dass sie mich fast von den Füßen riss. Die Klänge umschlugen mich wie schepperndes Metall. Ich rannte zurück ins Haus, aber nur, um es zu durchqueren, rannte vorbei an der Treppe, von der die wilden und ansteigenden Klänge der Kakophonie herunterwehten, rannte hinaus auf die Terrasse und hinab auf den Strand, und selbst dort schienen die Winde, obwohl sie vom Meer her kamen, mir die kratzenden und trällernden Töne in die Ohren zu rammen wie kalte, dicke Nadelspitzen. Ich hielt mir die Ohren zu und fiel auf die Knie. Ich wollte vergessen, was hier geschah, wollte die Klänge aus meinem Kopf vertreiben und aufwachen, endlich aufwachen. Ich träume, ich träume, ich träume, versuchte ich mir einzureden, doch zerbrach dieses Schild der Rationalität mit jeder neuen Welle, die der Pazifik mir entgegenspuckte.

Ich schlief dort ein, am Strand, und als ich aufwachte, war es tiefste Nacht und bitterkalt. Stöhnend rollte ich mich zu einer Kugel zusammen, durchnässt und sandverklebt wie ein angespültes Tier. Für einen kurzen, süßen Augenblick wusste ich nicht, wo ich mich befand oder was geschehen war, und wimmernd versuchte ich die Orientierungslosigkeit selbst dann noch aufrechtzuerhalten, als die Erinnerungen längst zurückgesickert waren. Mit bibbernden Zähnen blickte ich zum Haus empor, auf seine schwarze, lichterlose Silhouette. Schwankend kam ich auf die Beine und torkelte dann auf die Holztreppe zu, die mich zur Terrasse emporbrachte. Ich bestieg sie mit allen Vieren, angetrieben von den Böen des Ozeans und etwas, das aus meinem Innern kam, etwas, das sich widerlich und wundervoll zugleich anfühlte. Hinter mir, weit entfernt am Horizont, grollte eine Gewitterfront, mit Blitzen, die den gesamten Himmel durchzuckten.

Im Haus empfing mich Stille. In der Luft lag ein Geschmack von Kupfer. Meine Beine lenkten mich zur Treppe, an deren Fuß ich verharrte und nach oben blickte. Ein gähnendes Loch der Finsternis starrte zurück. Vermutlich hätte ich einfach umkehren und durch die Haustür nach draußen verschwinden sollen, hätte in den Jeep steigen und davonfahren sollen – doch so, wie jene fremden Klänge angeschwollen waren, stieg auch meine Neugierde ins Unermessliche. Ich konnte mich nicht bändigen. Ein Teil von mir wollte sich gar nicht bändigen. Ich stieg die Treppe empor, Stufe um Stufe um Stufe, und oben erblickte ich die geschlossene Tür zum Atelier und berührte sie mit einer steifgefrorenen, unterkühlten Hand.

Noch immer verschlossen. Doch diesmal würde mich das nicht zurückhalten.

In der Garage fand ich das Brecheisen, und als ich zurückkehrte und die Tür aufhebelte, tat ich es, ohne bewusst darüber nachzudenken. Die Worte Durchgerührte Hirnpampe kamen mir in den Sinn, und beinahe hätte ich aufgelacht, hätte ich vor Anstrengung nicht das Gesicht verzogen. Schweiß rann an meinen Achseln hinab. Meine Finger und Zehen schmerzten, weil die Kälte aus ihnen schwand und das Blut in Wallung geriet. Mein Herz klopfte schmerzend gegen meine Brust und mein Atem ging so keuchend, dass er die Tür befeuchtete. Bald schon waren meine Finger so nassgeschwitzt, dass das Brecheisen mir aus den Händen zu glitschen drohte.

Dann schepperte die Tür mit einem Krachen auf. Holz splitterte, das Brecheisen fiel aus meiner Hand und klapperte zu Boden. Mit trockenem Mund blickte ich durch den offenen Türspalt in eine stille, vollkommen anmutende Dunkelheit.

Der Geruch von Salzwasser schlug mir entgegen.

Ich sah über die Schulter – warum, wusste ich nicht –, bevor ich zaghaft einen ersten Schritt über die Schwelle setzte. »Jackson?« Ich stupste die Tür an, sodass sie knarrend aufschwang, dann machte ich, ohne großartig zu zögern, einen zweiten Schritt hinterher. Das sagst du nur, weil du es sagen musst, fielen mir dabei meine Worte ein. Zumindest glaubte ich, dass es meine Worte waren. Wann und wo hatte ich sie gesagt? Hatte ich sie überhaupt gesagt?

Ich betrat das Atelier vollends. Zum Geruch des Wassers mischte sich der Gestank von Fäulnis und von Algen, und noch während ich das Gesicht verzog und ein Würgen unterdrückte, vernahm ich aus der Dunkelheit ein Tropfen. Der kristallene, klare Klang hallte von den Wänden wider wie in einer Höhle voller Stalaktite, und sein Echo brauchte mehrere Sekunden, um zu verklingen. Als ich wieder aufsah, hatten sich meine Augen ein bisschen an die Dunkelheit gewöhnt. Zumindest glaubte ich, dass es so war, denn gleichermaßen schien von irgendwo ein Licht zu kommen, das farblos war und ohne zuordenbare Quelle. Mein Blick klärte sich und ich machte die Wände des Ateliers aus – Wände, die keine Wände waren.

Formen, die es nicht gab.

Mein ganzer Kopf drehte sich, als er zu verarbeiten versuchte, was ich sah. Der Raum war da, in seinen gewohnten Proportionen und der vertrauten Architektur des Hauses, und gleichermaßen war er es nicht. Wilde, schwarze Pinselstriche überzogen Wände und Boden und Decke, ordneten sich an zu einer einzigen, allesumfassenden optischen Täuschung, die den Eindruck erweckte, in eine dunkle, glitschige, von Algen und Seetang befallenen Grotte zu schauen. Das Zimmer selbst war zu einem Gemälde korrumpiert. Es war das scheußlichste, abartigste, verdorbendste Gemälde, das ich jemals gesehen hatte; die Winkel erzeugten ein Schwindelgefühl wie starker Wellengang auf hoher See, die schwarze Farbe schien zu glänzen und zu pochen und zu wabern, und die Formen – oh, welch alptraumhafte Formen, in ihrer Beschaffenheit zu konturlos und wahnwitzig und chaotisch, um sie auch nur ansatzweise zu beschreiben – erzeugten ein unwirkliches Gefühl des Ekels, ja beinahe schon der Panik, als wäre mein Geist plötzlich von der niederträchtigsten Form der Tripophobie befallen. Je länger ich mich auf einen Punkt oder eine Ecke konzentrierte, desto weiter schien sich diese Stelle zu entfernen, desto plastischer schien sie zu werden. Schatten drangen von allen Richtungen auf die Szenerie ein, und ich bemerkte einen seltsam trüben, smaragdgrünen Schimmer, der von irgendwo oben kam, als würde Licht durch eine Wasserfläche brechen und über die abscheulichen Felsreliefs tänzeln. Mir war klar, er hatte seinen Alptraum aufgemalt.

Entgegen aller Vernunft trat ich weiter ein, trat in das Bildnis dieser nautischen Hölle. Der Gestank wurde so bestialisch, dass ich Galle spuckte, um dem Brechreiz zu unterdrücken, doch es kümmerte mich nicht; meine Organe konnten sich quälen, wie sie wollten, sie waren mir egal. Jenseits der Schwärze breitete sich der Raum noch weiter aus, schien sich ein Gemälde an das andere zu reihen und dadurch ein endloses, schachtartiges Gewölbe zu kreieren. Das Schwindelgefühl, das mich beim Anblick dieser Sinnestäuschung erfüllte, machte es mir unmöglich zu sagen, ob der Schacht nach oben führte oder nach unten oder ob er groß genug war, dass ich ihn passieren konnte. Ich wollte ihn passieren. Auf dem Weg zu ihm ließ ich meinen Blick erneut über die kruden Felsen gleiten, über ihre unbeständige, umherschwankende Maserung, und der Anblick der Zeichnungen, die ich auf ihnen sah, erzeugten ein wildes Rauschen in meinem Kopf, so als würde in meinem Schädel ein Gewitter losbrechen. Verschnörkelte Linien, blasphemische Zeichen und Symbole, Abbilder von monsterhaften Statuetten, die mir Übelkeit und Unwohlsein bereiteten und gleichermaßen ein überbordendes Gefühl der Lust. Sie waren mit Kohle und Graphit gezeichnet, während sie im nächsten Moment wieder aussahen, als seien sie in den reflektierenden, massiv wirkenden Fels hineingeschlagen worden; das Material der Steine strotzte, wie mir schien, jeglicher Bekanntheit und Entdeckung, so als würde es den mageren Wissenstand der Menschheit geradezu verpönen. Eine widerwillige Faszination übernahm von mir Besitz, als ich noch weiter in das Zimmer ging und eine der Zeichnungen berührte. Sie fühlte sich fein und straff an, wie auf Zeichenpapier gemalt, dann wieder glitschig und feucht und abstoßend und rau. Als ich meine komplette Hand ausstreckte, um sie vollends zu erfühlen, tat ich es wie in Zeitraffer. Aus der Ferne vernahm ich ein Geräusch, das wie das verzerrte Singen eines Wales klang.

Dann ein Grollen, das von irgendwo jenseits des Schachtes kam.

Ich wandte mich von der Statuette ab und hielt auf das Ende des Raumes, auf das Ende der Grotte, zu. Inzwischen war ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch stand oder längst schwebte oder fiel oder flog, aber es war auch nicht von Belang. Ich erreichte den Schacht und übergab mich seiner Führung, drehte mich kein einziges Mal mehr um. Gluckernde Geräusche umgaben mich, sowie eine Finsternis, die immer schwärzer wurde. Ich betrachtete die Felsen zu meiner linken und rechten und versuchte mir ihre Formen und Winkel einzuprägen, doch ich scheiterte, weil sie weder Formen noch Winkel zu besitzen schienen. Ich wurde vorangetrieben und immer weiter hinabgezogen – längst berührten meine Füße nicht mehr den Boden –, und die Verlockung war zu groß und mein Geist zu malträtiert, als dass ich auch nur noch eine Sekunde daran verschwendet hätte, übers Umkehren nachzudenken. Grünlicher, feiner Sand wurde von meinen Bewegungen aufgewirbelt und umsäuselte mich wie ein Kosmos lauter Staubpartikel.

Falls Zeit verstrich, entging es mir. Zeit schien kleinlich zu sein und hatte keine Bedeutung mehr an diesem Ort. Immer tiefer drang ich in die Dunkelheit vor, bis sich der Schacht irgendwann zu einer weiten Fläche auftat, deren Ausmaße und Struktur sich jeglicher Beschreibungskunst entzogen. Ich war wie gelähmt, und mein Kopf fühlte sich an, als würde er beim Anblick dieser fremden Welt zerplatzen.

Unzählige schwarze Monolithen ragten in die trübe Finsternis eines unterseeischen Himmels empor - so schien es mir jedenfalls, bis sie sich auf den zweiten Blick wiederrum in unmöglichen Winkeln zueinander krümmten und nach unten zu ragen schienen. Ihre Erscheinung wechselte mit jedem Blinzeln, meinem Hirn war es unmöglich, ihr tatsächliches Aussehen zu erfassen. Zerklüftete Felsplateaus und Klippenreliefs drängten sich aufeinander wie verrutschte Kontinentalplatten, und zwischen ihnen unzählige Spalten und Risse und Höhlen – eine entfernte Stimme flüsterte mir zu, dass ich selbst aus ebensolcher entstiegen war. Ihre Architektur war die der Idiotie, und ihre Geometrie war so schwarz und unbeständig wie die Tiefen, in denen sie ruhten.

Noch einmal drang ein Grollen durch die See. Ich hatte meinen Blick inzwischen auf einen Felskoloss gerichtet, der sich mit seinen titanischen Ausmaßen förmlich bis in die schwarze Endlosigkeit über mich erstreckte und mit seinen unmöglichen Winkeln und widerspenstigen Strukturen jedwedem Naturgesetz zu spotten schien. Erst beim Näherkommen wurde mir klar, dass die gesamte Front aus einer einzigen, zweiflügligen Pforte bestand, die sich auf den ersten Blick nach innen krümmte, auf den zweiten jedoch nach außen wölbte. Ich vermochte nicht zu sagen, wo ihre Seiten begannen oder endeten.

Mit dem nächsten jähen Grollen schoss ein kompletter Pulsschlag durch die See. Ich wurde zurückgeschleudert, dass ich an einen Felsen donnerte, während von überall aus den zerklüfteten, labyrinthartigen Hohlräumen Luftblassen emporschossen, deren Druck womöglich ein komplettes Schiff zersprengt hätten. So sah die Geburt von Tsunamis und Orkanen aus, dachte ich, von Seebeben, die ganze Kontinente spalteten. Etwas atmete in den Tiefen dieser Stätte, und die Atemstöße kamen von hinter der Pforte und durchdrangen den gesamten Ozean, die gesamte halbe Erdkugel. Es folgte ein langgezogener, verzerrter Heulton, wie von einem übergroßen Wal, der sang. Auch dieses Geräusch kam von hinter der Pforte.

Und vor der Pforte, erneut wie eine Miniatur seiner selbst, sah ich Jackson. Träge paddelte er durch das Wasser, noch immer nur in Shirt und Unterhose. Wie lächerlich klein seine Erscheinung doch wirkte, wie geradezu unbedeutend! Er näherte sich der linken Flügeltür, so als wolle er sie präziser in Augenschein nehmen. Ich schwamm ihm entgegen und versuchte mich bemerkbar zu machen. Im selben Moment schoss etwas an mir vorbei.

Es war zu schnell, zu membrangleich, um es zu erkennen; ich sah nur noch, wie Jackson aufblickte und in meine Richtung sah und seine Augen das letzte Mal die meinen trafen – Überraschung und Entsetzen zugleich blitzte ihn ihnen auf. Dann wurde er von etwas gepackt, das wie ein schwarzer Nebel aussah, und so schnell in eine Felsspalte gezogen, dass meine Augen es kaum registrierten. Blasen stiegen auf – winzige, kaum erkennbare Blasen, nichts im Vergleich zu jenen, die eben emporgestiegen waren -, doch ich wusste, dass sie einem lautlosen Schrei entstammten. Ein Klammergriff der Angst umschloss mich. Sofort wollte ich ihm hinterher, als im selben Moment ein erneutes Grollen erklang, das heftigste von allen, und ich die Orientierung verlor.

Ich wurde umhergewirbelt, dass ich glaubte, mit Schallgeschwindigkeit an den Monolithen und Steingemäuern vorbeizurasen. Schmerz durchzuckte mich, Seelenqual, wahnwitzigster Irrsinn. Ich lachte. Der unheilvolle, dröhnende, alles einnehmende Klang des Dings hinter der Pforte grollte durch die Schwärze und attackierte meine Sinne mit der zerstörerischen Kraft der Unvorstellbarkeit; sein Echo verfolgte mich, wie es mich schon daheim verfolgt hatte, verfolgte mich ins Delirium und in meine Träume, und dort setzte es sich fest und hallte wider, unnachahmlich und unaufhörlich, und mit jedem weiteren Ruf zermarterte es meinen Kopf und zertrat es mein Gehirn, und im Paukenschlag seines blasphemischen Orchesters erstarb mein Verstand unter den blechernen Klängen des Chaos und des Schreckens, während die Bilder dunkelster Visionen meine Seele brandmarkten und mir den kalten Glanz der Sterne zeigten, der sich durch das gnadenlose Nichts des Weltraums auf die Erde ergoss; ein letztes, namenloses Gefühl des Grauens packte mich – denn in diesem verbliebenen Augenblick der Geistesgegenwart schien es mir, als würden Augen von jedem einzelnen Stern auf mich zurückstarren.

Dann verklang alles unter einem letzten, tiefen Heulen, und die Dunkelheit des Ortes umhüllte mich und trug mich fort.

 

***

 

Das nächste, woran ich mich erinnerte, war, dass ich am Strand erwachte. Es war früher Morgen. Der Pazifik lag still und reglos zu meinen Füßen da, die Oberfläche so eisengrau und glatt wie Schnee.

Durchnässt von Kopf bis Fuß, schlotterte ich am ganzen Leib. Mir war eisig kalt. Das Haar klebte mir an der Stirn, und der Geruch von Salzwasser haftete so stark an meinem Körper, dass ich fürchtete, gleich zu ersticken.

Nur mühselig kam ich auf die Beine. Dann stand ich schwankend da und blickte reglos auf das Meer hinaus. Vom Osten her stahl sich ein scheuer, glutroter Sonnenstrahl über das Wasser. Möwen kreischten, und der Wind liebkoste meine nasse Haut und ließ mich frösteln.

Ich wusste nicht, wie lange ich dort stand. Ich wusste nur, dass ich irgendwann umkehrte und auf das Haus zuging – unverändert ruhte es jenseits der Böschung zwischen Waldesrand und Strand, in seiner unendlich einsamen, malerischen Schönheit. Drinnen nahm ich meinen Pinsel zur Hand und drehte die Musik auf. Liszt, vielleicht auch Dvorak. Ich kenne mich auf diesem Gebiet nicht aus.

Doch die Musik half. Half, die Klänge aus meinem Kopf fernzuhalten, während ich mich daran machte, die Bilder meiner Alpträume auf die Leinwand zu projizieren, bevor mein Geist in ihnen ertrank.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Marcel Hartlage).
Der Beitrag wurde von Marcel Hartlage auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Das Museum der Wahrheit, Band I -Die Gedichte- von Doris Ambrosius



Außergewöhnliche Gedichte über Liebe, Leidenschaft, Religiöses, Spirituelles und Wissen. Eine ungewöhnliche spirituelle Erfahrung war Anregung für die Autorin diesen Gedichteband und ein Buch zu schreiben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Horror" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Marcel Hartlage

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Fels von Marcel Hartlage (Horror)
Ein ganz normaler Schultag... von Carrie Winter (Horror)
Viel zu wenig Kommentare! von Jürgen Berndt-Lüders (Fragen)