Ali Yüce

Gottes Wink

Vorspiel:

Der neunundzwanzigste März war der Tag, an dem Gott der Welt „Hallo!“ sagte und damit wieder weltweit zum beliebtesten Gesprächsthema wurde. Er sagte natürlich nicht wörtlich „Hallo!“, vielmehr winkte er; aber auch das tat er nicht im wörtlichen Sinne. Er machte eigentlich nur etwas, das für Götter im Allgemeinen nicht sehr untypisch ist.


Erster Teil:

„Frau Mura?“ rief der Chefredakteur. „Ich würde Sie gerne ein zwei Minuten in meinem Büro sprechen, bevor Sie Feierabend machen. Es könnte sein, dass sich ein kleiner Fehler in die Todesanzeigen eingeschlichen hat.“

„Ich bin sofort bei Ihnen“, erwiderte Judith. Ein Fehler? Sie hatte bisher noch nie einen Fehler begangen, der schlimm genug gewesen war, dass er Herr Wagner aufgefallen wäre. Mehr neugierig als beunruhigt trat sie einen Augenblick später in sein verrauchtes Büro.

„Vielleicht irre ich mich, Frau Mura“, sagte Herr Wagner und schielte sie über den Rand seiner Brille an. Vor ihm lag die aktuelle Ausgabe der Zeitung, für die Judith arbeitete. “Aber Kontrolle ist ja bekanntlich besser.“ ...als Vertrauen, fügte Judith in Gedanken hinzu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es gibt eine Lücke in den Todesanzeigen“, fuhr Herr Wagner ohne Pause fort. „Kann es sein, dass Sie den neunundzwanzigsten März übersprungen haben? Unabsichtlich, meine ich natürlich.“

Judith schüttelte verwirrt den Kopf. „Nein. Nicht, wenn alle Briefe bei mir angekommen sind. Um ehrlich zu sein, ist mir diese Lücke gar nicht aufgefallen.“

„Verstehe. Sie waren wohl zu sehr in Ihre Arbeit vertieft.“ Judith wusste nicht, ob das ein Kompliment oder ein Vorwurf war. „Ist es möglich“, fuhr Herr Wagner fort, „dass Sie den einen oder anderen Auftrag übersehen haben?“

Judith fühlte, wie ihr Gesicht vor Empörung heiß wurde. „Übersehen?“ fragte sie und versuchte ihrem Ton die Schärfe zu nehmen. „Sie können sich persönlich davon überzeugen, wenn Sie mögen. Sie wissen ja, wo die Aufträge liegen. Übrigens, wer sagt denn, dass die Menschen in dieser Stadt jeden Todesfall ausgerechnet in dieser Zeitung bekannt geben müssen?“

Herr Wagner überlegte einen Moment und nickte anschließend. „Sie haben natürlich Recht“, sagte er lächelnd. „Schönen Feierabend, Frau Mura. Kommen Sie gut nach Hause.“ Judith verließ wortlos den Raum.

„Hallo, Schatz“, begrüßte Andreas Judith und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. „Ich habe den Tisch schon gedeckt. Wie war dein Tag?“

„Ach, so wie jeder andere auch. Nur mein Chef ist ein bisschen unausstehlicher geworden“, antwortete Judith als sie gemeinsam ins Esszimmer gingen.

Andreas lachte. „Wer hätte geglaubt, dass das möglich ist!“

„Ja, manchmal passieren tatsächlich noch Wunder“, erwiderte sie weniger humorvoll.

„Gab’s Ärger, oder redest du nur von seiner Grundeigenschaft?“

„Ärger gab’s nicht, aber... Ach, zum Teufel mit ihm. Jetzt hat mich der Kerl in meinem Kopf bis hierher verfolgt.“ Sie wedelte mit der Hand, als wollte sie den Gedanken verscheuchen. „Wollen wir nicht aufhören, über ihn zu reden?“

„Klar“, sagte Andreas und gab ihr einen weiteren Kuss. „Wollen wir uns die Nachrichten anschauen? Im Osten kriselt’s wieder.“

„Immer noch, meinst du.“

„Ja, so kann man das auch sehen.“

Andreas drückte auf die Fernbedienung. Während sie aßen, lauschte er aufmerksam der Nachrichtensprecherin, und Judith schaute sich abwesend die Bilder und Filme an, die zwischendurch gezeigt wurden.

Die Bundeskanzlerin machte ein heiteres Gesicht und redete. Manche Bundestagsabgeordnete applaudierten, andere nicht. Der Gesundheitsminister hatte dunkle Ringe unter den Augen. Panzer fuhren durch verstaubte Strassen. Menschen, die mit dreckigen und blutigen Mullbinden verbunden waren, schauten mit einem seltsamen Blick in die Kamera. Der Papst winkte einigen tausend Südamerikanern. Die Südamerikaner Jubelten. Madonna winkte ihrem Publikum, das Publikum jubelte. Georg Lucas hielt den Oscar so, wie der Oscar sein Schwert hielt, redete so, wie die Bundeskanzlerin redete, hatte die Augenringe des Gesundheitsministers, winkte schließlich wie der Papst, und das Publikum jubelte, als hätte es Madonna gesehen. Morgen würde es regnen.

Judith seufzte.

„Mir wäre Sonne auch lieber gewesen“, sagte Andreas.

Judith schüttelte den Kopf, als erwachte sie aus einem Traum. „Ach, das Wetter beschäftigt mich grad nicht so sehr.“

„Und was beschäftigt dich?“

„Wagner hat mich heute ins Büro gerufen, weil es für den neunundzwanzigsten März keine Aufträge für Todesanzeigen gab. Er dachte, ich hätte einige Aufträge übersehen“, antwortete Judith.

„Und? Hast du?“ Judith schüttelte den Kopf. „Dann ist doch alles gut“, sagte Andreas. „So sind Chefs nun mal. Wieso beschäftigt dich das?“

„Ich habe mir eben ausgemalt, wie es wäre, wenn an dem Tag wirklich niemand gestorben wäre. Über zwei Millionen Einwohner, und keiner von ihnen stirbt am neunundzwanzigsten März; versuch mal, dir das vorzustellen. Wäre das nicht verrückt?“

„Das wäre mehr als verrückt“, sagte Andreas und starrte Judith verdutzt an. „Das wäre ein Wunder.“

Sie saßen einen Augenblick schweigend da, bis Judith aufstand und das Geschirr vom Tisch sammelte. „Ach, weißt du“, sagte sie mehr zu sich als zu Andreas, „als ich vorhin gesagt habe, dass Wunder manchmal passieren... Ich habe es zwar nicht ernst gemeint, aber... Ich wollte sagen: Wunder passieren nicht, oder?“ Sie ging in die Küche und füllte Wasser in die Spüle. Sie erhielt keine Antwort, aber da sie keine erwartet hatte, bemerkte sie es nicht.

Zwischenspiel:

Unklar blieb, was Gott dazu getrieben hatte, so mir nichts dir nichts aufzukreuzen, ohne erkenntlichen Grund ein Wunder zu vollbringen und sich ungesehen wieder davonzuschleichen, ohne ein Paar - durchaus berechtigte - Fragen zu beantworten.

Es gab unzählige Spekulationen aus unzähligen Mündern unzähliger Religionsrepräsentanten. Und es gab unzählige Erklärungen unzähliger Wissenschaftler, die behaupteten, Gott hätte damit nichts zu tun gehabt, es sei 
nur ein Zufall gewesen. Die Religiösen schlugen den Wissenschaftlern vor, sie sollten doch ausrechnen, wie groß die Möglichkeit für einen derartigen Zufall sei. Die Wissenschaftler begannen zu rechnen. Es entstanden unzählige Ergebnisse von unzähligen Wissenschaftlern und unzählige Diskussionen über die Richtigkeit ihrer Schlussfolgerungen, so dass die Wissenschaftler nach einigen Tagen untereinander total zerstritten waren und die Religiösen endlich ihre Ruhe hatten.


Es gab einen einzigen Menschen, der nach Kompromissen suchte. Er sagte: „Ist es nicht möglich, dass wir es tatsächlich mit einem Wunder Gottes zu tun haben, dass es aber aus Zufall entstanden sein könnte? Aus Versehen sozusagen....?“ Er wurde von beiden Parteien schlichtweg ignoriert.

Zweiter Teil:

Als Judith nach dem Abwasch ins Wohnzimmer ging, um Andreas eine Moralpredigt über Hilfsbereitschaft gegenüber schwer arbeitenden Frauen zu halten, entdeckte sie ihn mit einem Stapel Zeitungen auf dem Schoß und einem Gesichtsausdruck, den sie zum ersten Mal an ihm sah.

„Hier, schau dir das an“, rief er beinahe außer sich. „Und das Hier! Und das!“ Er schlug mehrere Zeitungen auf. „Nirgendwo gibt es Todesanzeigen vom neunundzwanzigsten März!“

Judith runzelte die Stirn, kniete sich hin und las.

Sie verbrachten mehrere Stunden mit Telefonieren, um ihre verrückte Vermutung durch mehr Beweise zu untermauern. Sie suchten die Telefonnummern jeder Einrichtung heraus, bei der die kleinste Möglichkeit bestand, dass sie die Todeszeiten von Menschen aufzeichnete. Zuerst riefen sie die Polizei an, aber die genervte Beamtin schenkte ihnen wenig Aufmerksamkeit und bat die Beiden, nicht länger die Leitung zu besetzen. Schließlich erfuhren sie nach etlichen Telefonaten und durch Bitten und Flehen bei sechs verschiedenen Bestattungsunternehmen und vier Krankenhäusern, dass keine Informationen über Todesfälle am neunundzwanzigsten März vorlagen. Andreas begann schon hysterisch zu kreischen, und Judith konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen und bekam bereits Krämpfe im Gesicht.

Der letzte Anruf galt Herrn Wagner. Judith biss sich in die Hand, um nicht laut zu lachen, als Wagner sich für sein Benehmen im Büro entschuldigte. Falls sie deswegen angerufen habe, würde er sich sehr freuen, wenn sie die Sache einfach begraben könnten. Er sei im großen Stress, seine Frau Helga wolle die Scheidung und... “Hören Sie zu, Herr Wagner“, fuhr ihm Judith zwischen die Lebenskrise. „Kümmern Sie sich nicht weiter um unser Gespräch von heute Nachmittag. Ich habe etwas viel Besseres, worüber Sie sich Gedanken machen können.“ Als sie ausgeredet hatte, war Wagner derselben Meinung. „Kommen Sie sofort in die Redaktion!“ rief er. „Ich will, dass Sie einen Artikel für mich schreiben.“

Judith umarmte Andreas und tanzte mit ihm im Kreis, bevor sie hinausrannte und mit einem Tempo zur Redaktion raste, das ihr zwei recht nette und teure Fotos einbrachte. Als Andreas einige Jahre später das Fotoalbum aufschlug, stellte er fest, dass er Judith noch nie glücklicher gesehen hatte.

Am nächsten Tag verbreitete sich die Nachricht vom Wunder des neunundzwanzigsten März wie ein Lauffeuer um die Welt. Es stellte sich heraus, dass an jenem Tag auf der ganzen Welt kein einziger Mensch gestorben war. Die Zahl von Verkehrsunfällen, Kriegen, Herzinfarkten, Raubüberfällen und abgeschossenen Patronen war durchschnittlich gewesen, aber gestorben war niemand. Diese Nachricht versetzte alle Menschen außer einigen, die Besseres zu tun hatten, in größte Verzückung. Wären Außerirdische in der Erdumlaufbahn gewesen, hätten sie mit ihren Sensoren höchstwahrscheinlich ein globales Raunen empfangen.

Der nächste Tag war auch der Tag, an dem Bestattungsunternehmer zweihundertvierundneunzig Mal sooft zu Talkshows eingeladen wurden als es sonst üblich war.

Und der nächste Tag war auch der Tag, als ein Briefträger mit einem äußerst verschlafenem Gesichtsausdruck und vom Regen durchnässter Kleidung vor Judiths und Andreas Briefkasten stand und einen Brief einwarf, in dem stand: „Sehr geehrte Frau Mura, ich teile Ihnen in tiefster Trauer mit, dass Ihre Mutter gestern im Schlaf verschieden ist. Ich habe versucht, Sie telefonisch zu erreichen, doch die Leitung war besetzt.“

Nachspiel:

Jede Frage, die sich den Religiösen und auch den Wissenschaftlern stellte, blieb unbeantwortet. Irgendwann
hörten sie auf, sich überhaupt etwas zu fragen, und gaben sich dem Schicksal/Zufall hin, da sie ja doch nur Wunder statt Antworten bekamen; und das auch nur in Zeitabständen, in denen man kein vernünftiges Gespräch führen konnte. Doch im Großen und Ganzen fanden die meisten Menschen es ganz beruhigend zu wissen, dass das Schicksal - oder der Zufall - es hin und wieder gut mit Ihnen meinte.

 

2003. Damals hielt jeder die Möglichkeit eines derartigen Wunders für wahrscheinlicher als eine Frau an der Spitze der Bundesregierung.Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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