Angie Pfeiffer

Alles wegen des Apfels

Ich glaube der Boss hatte neulich einen rabenschwarzen Tag. Er war schon länger nicht gut drauf, vielleicht gab es oben Probleme. Davon kriegt man hier unten nicht so viel mit. Jedenfalls finde ich es nicht gut was er da getan hat. Alles wegen eines verschrumpelten Apfels. Das nächste Mal schmeißt er wahrscheinlich alle Vögel raus, wegen Lärmbelästigung durch Gezwitscher!
Warum hat der Boss überhaupt so komische Regeln aufgestellt? Von allen Früchten durften sie essen, von allem Bäumen Obst pflücken, auch von allen Apfelbäumen. Warum also sollten es die Früchte von dem einen Baum nicht sein. Die Äpfel sahen nicht einmal besonders lecker aus. Doch kann ich nicht viel dazu sagen, denn ich esse keine vegetarische Kost. Ich habe ja auch keine Extremitäten, wie sollte ich also Obst pflücken?
Eva war jedenfalls eine gute Freundin. Wir hatten so viel Spaß miteinander, denn sie ist ein wirklich nettes Geschöpf, immer freundlich und lustig. Wir haben uns oft getroffen, wenn sie mit ihrer Liste unterwegs war. Sie hat immer genau das gesammelt, was auf der Liste stand. Manchmal fand ich das schon etwas anstrengend und ziemlich überorganisiert, aber was soll’s. Jedenfalls haben wir uns jedes Mal super gut unterhalten. Manchmal haben wir gerastet, wenn sie ihre Liste abgearbeitet hatte. Doch zum Nachmittag hin ist sie nervös geworden. Dann kam Adam von der Jagd und sie haben zum Abend gekocht.
Was die Menschen doch für ein Theater machen. Wenn mir was Leckeres über den Weg läuft, dann schlucke ich es einfach runter. Anschließend lege ich mich gemütlich hin und verdaue. Na gut, das macht mich nicht besonders beliebt.
Eva und ich hatten vor dem Rauswurf eine nette Unterhaltung. Es ging um Apfelkuchen. Sie wollte säuerliche Äpfel verbacken. Da wies ich sie darauf hin, dass die kleinen, verschrumpelten Äpfel an dem einzelnen Baum, der so ziemlich in der Mitte wächst, sehr sauer aussehen. Erst wollte sie nichts davon wissen, weil Adam gesagt hatte, dass der Boss gesagt hatte, dass der Baum verboten sei. Ich erklärte ihr, dass Adam sich bestimmt verhört hatte. Warum sollten die Äpfel von dem einen Baum tabu sein, wenn sie doch alle anderen Äpfel essen durften. Der Boss meinte sicher, dass diese kleinen Dinger nicht besonders lecker sind, wenn man sie roh isst. Wahrscheinlich sind es Kochäpfel. Das überzeugte sie. Die Gute ist ein wenig schlicht, erwähnte ich das?
So hat sie sich erst einmal einen Apfel abgepflückt, zum Probieren. In dem Moment ist Adam vorbeigekommen. Er hatte ein Wildschwein über der Schulter und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich schlug vor, ihn abbeißen zu lassen, als zweites Urteil, wegen der Säuerlichkeit. Ich hoffte, dass er vielleicht das Schwein ablegen würde, dann hätte ich die Gelegenheit gehabt ... Doch leider behielt er sein Essen über der Schulter und grinste mich gutmütig an. Eva reichte ihm den Apfel, er biss tüchtig hinein und verzog den Mund. Die Frucht muss verdammt sauer gewesen sein. Ich glaube er hatte gar nicht mitgekriegt, dass es sich um eine Frucht vom verbotenen Baum handelte. Kaum hatte er runtergeschluckt, haben beide angefangen, sich ganz komisch anzugucken. Als würden sie zum ersten Mal bemerken, dass sie nichts anhatten außer ihrem mickerigen Fell.
Adam hielt sich das Wildschwein vorne vor, Eva hatte bloß ihre Hände, um sich zu bedecken. Gleichzeitig wurde es ziemlich windig. Die Äste der Bäume peitschten hin und her, so als würden sie wütend drohen.
Weil ich ja nur eine arm- und beinlose Schlange bin, habe ich mich vorsichtshalber in Sicherheit gebracht. Kaum war ich im Unterholz, so hörte ich, wie der Boss durch den Urwald brach. Was der für ein Gezeter gemacht hat, wegen des einen mickerigen Apfels! Ich glaube er ist ein Choleriker, so wie er geschrien hat.
Nun sind Adam und Eva weg und seitdem ist es total langweilig hier. Ich glaube, ich werde mich auf den Weg machen. Irgendwo muss doch der verflixte Ausgang aus diesem langweiligen Paradies sein.
© by Angie


Leseprobe aus dem "Buch des Lebens".
 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angie Pfeiffer).
Der Beitrag wurde von Angie Pfeiffer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Wir Kinder aus dem JWH von Annett Reinboth



Mein Buch "Wir Kinder aus dem JWH", erzählt von meinen ersten 18 Lebensjahren. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Mein Elternhaus war ein kaputtes und krankes dazu.
Es war nur eine Frage der Zeit bis ich in einen JWH eingewiesen wurde. Viele glaubten damals das so ein Jugendwerkhof für Verbrecher sei. In meinem Buch geht es nicht darum, das ich nach dem Mitleid der Menschen schreie. Ich stelle nur in Frage, ob das was man uns damals angetan hat noch in einem gesunden Maße gerechtfertigt werden kann...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Humor" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angie Pfeiffer

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Erdbeermund - Verheißung von Angie Pfeiffer (Leidenschaft)
Chinesischer Richter von Margit Kvarda (Humor)
Menschen im Hotel IV von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)