Angie Pfeiffer

Seide auf der Haut

Sie steht auf dem Balkon des Hotels und blickt verträumt auf die Lichter der Stadt. Unter ihr glitzert und glimmert das schnurgerade Band der Avenue, umgeben von einem Geflecht kleinerer, weniger erleuchteter Straßen. Bunte Leuchtreklamen flirren an den Fassaden der prachtvollen alten Häuser. Das alles kommt ihr sehr romantisch vor. Hier oben weht ein angenehmer Wind. Sie öffnet ihren seidenen Mantel, lässt sich von der warmen Brise umschmeicheln.
Sie hebt die Flasche an. Ja, für ein Glas ist noch genug Champagner vorhanden. Vorsichtig schüttet sie die perlende Köstlichkeit in den Kelch. Der Augenblick scheint ihr perfekt, doch es fehlt noch etwas. Genussvoll zündet sie sich eine Zigarette an, atmet den Rauch ein, denkt an die letzten Tage.

Das Geld war ihr schneller ausgegangen, als sie es gedacht hatte. Doch das war egal, sie hatte alles gehabt, das ganze Programm.

Einen traumhaften Flug in die Stadt der Liebe. Ihr Premiere in der First Class: eine Einzelkabine mit Ledersitzen und Edelholzvertäfelung, dazu ein Service vom Feinsten. Der Flug hätte von ihr aus ewig dauern können.
In Paris ließ sie sich in einem Taxi zum Place de la Concorde fahren, denn sie hatte eine Suite im Hotel de Crillon gebucht. Sie ließ sich Austern aufs Zimmer servieren, natürlich mit Champagner. Nach diesem Genuss zündete sie sich eine Zigarette an. Die erste seit Jahren, aber was wäre Paris ohne Gauloises.
Später machte sie einen kleinen Einkaufsbummel durch das Kaufhaus Galeries Lafayette, hier erstand sie zum ersten Mal in ihrem Leben hauchzarte Seidenwäsche, einen seidenen Morgenmantel. Sie ließ den Stoff durch ihre Finger gleiten, schloss die Augen, genoss das Gefühl von kühler Glätte und anschmiegsamer Sinnlichkeit.
Zurück im Hotel nahm sie ein ausgiebiges Bad. Anschließend ließ sie sich verwöhnen: Massage, Maniküre, Pediküre, eine Gesichtsbehandlung mit anschließender Kosmetik und ein neuer Haarschnitt. Ihr letztes Geld ging für das üppige Trinkgeld drauf, doch das war es ihr wert. Jetzt konnte es geschehen.

Die Zigarette ist zu Ende geraucht, sie drückt sie auf der Brüstung aus. Noch ein letzter Schluck Champagner, dann ist der richtige Augenblick gekommen. „Maximal ein halbes Jahr“, murmelt sie. Diese Entscheidung wird sie nicht hinnehmen, wird nicht vor sich hin siechen, zu schwach sein, um den letzten Schritt zu machen.

Die Seide umschmeichelt sie zärtlich, sanft, während sie über die Brüstung kippt.

© by Angie

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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