Ingo R. Hesse

Der Marsch der schrecklich Geliebten

Wann Elli dazu gestoßen war, wussten Bruno und Chuck nicht mehr. Sie hatten sich damals auf einer Autobahn-Raststätte kennengelernt. Seitdem waren sie gemeinsam auf Wanderschaft. Elli, die neue Gefährtin, schwatze unaufhörlich. Bruno und Chuck warfen sich verständnisvolle Blicke zu, als sie wieder anhob zu erzählen „Ja und dann, das glaubt ihr nicht, wurde ich betäubt und mir wurde die Gebärmutter heraus-operiert! Als ich wach wurde, hatte ich Schmerzen und einen Verband. Aber die Tage danach waren herrlich. Das muss ich wohl zugeben. So war ich bis dahin noch nie verwöhnt worden. Er hat mich halt geliebt!“

 

Chuck blieb sichtlich geschockt stehen. Doch Bruno trottete einfach weiter vor sich hin und dachte, ..und wenn schon, mir haben sie die Eier abgeschnitten! Chuck wollte es genauer wissen. „Einfach scho, oder gab esch einen Grund? Du hascht Doch erschählt, dasch er Dich geliebt hat. Abgöttisch schogar!“

 

Er war einfach der Meinung, ich ließe mich von jedem daher gelaufenen geilen Rüden bespringen, sobald er mich zur Tür hinaus gelassen hätte! Von wegen, ..der Hund ist treuer als Menschen ..!“ man sah Elli, der kleinen Mischlingshündin an, wie sehr sie immer noch von ihrem Herrchen enttäuscht war.

 

Bruno blieb nun doch stehen und wartete auf die beiden. Denn vor ihm hatte sich die riesige Lisa aufgebaut. Wie aus dem Nichts hatte sie plötzlich vor ihnen gestanden. „Was erzählt ihr Euch denn da? Sorry, ich konnte nicht anders als zuzuhören! Eure Menschen haben Euch geliebt?“ ihre riesigen Augen drehte sie in Richtung ihrer Hörner und sprach weiter. „Meine Mutter wurde vom rechten Arm eines Besamungstechnikers vergewaltigt. Sie haben ihr Sperma eingesetzt. Und das hatten sie meinem Vater, den ich nie kennengelernt habe, auf einem mit dem Fell meiner Großtante bezogenen Bock zwangsweise abgezapft.“

 

Meine Güte, Bruno der Siamkater und Chuck der Mops waren für einen Moment sprachlos. „Dasch habe isch nischt gewuscht!“ sabbelte Chuck „isch weisch nur, dasch schie tausende meiner Vorfahren einfach weggeschmischen haben, bisch schie mein plattesch Geschischt und meine zue Nasche hinbekommen haben. Aber dasch wasch Du erschälst ischt ja noch grauschamer!“

 

Das glaubst Du!“ Lisa die Rotbunte lief zur Hochform auf „Von wegen Liebe!“ sie blickte ins Leere und kaute auf etwas herum, das sie wohl aus ihrem Magen wieder hochgeholt hatte. Dann schluckte sie es wieder herunter. „Meine Brüder sind ein paar Wochen mit einem Milchersatz aufgebläht und dann geschlachtet worden.“ Die drei Haustiere wollten es nicht glauben.

 

Doch Lisa fuhr ungerührt fort „Was glaubt ihr denn, was sie täglich gegessen und für Euch aus den Konserven geholt haben? Na? Was glaubt ihr?“

 

Chuck, Elli und Bruno schlugen die Augen nieder. In freier Wildbahn hätten sie Lisa niemals erlegen können. Auch nicht, wenn sie es gemeinsam versucht hätten. Dann hatte also neben den vielen Streichelstunden und anderen Liebesbeweisen ihrer Besitzer, selbst das Elend von Lisas Familie für sie alle etwas Gutes gehabt.

 

Lisa schien zu ahnen, was die drei gerade dachten. Doch just als sie ihr Maul öffnete, um ihnen dazu ihre Meinung zu sagen, ließ sich ein sehr großer, bunter Papagei zwischen ihren Hörnern nieder. „Ich habe zugehört, was ihr Euch hier vorjammert. Was soll ich denn sagen? Ihr seht ja, mit einem Flügelschlag kann ich hundert Meter weit fliegen. Meine Besitzerin hat mich fünfundfünfzig Jahre in einem Käfig gehalten, in dem ich die Flügel noch nicht einmal ausbreiten konnte. Wenn ich Glück hatte, durfte ich auf einer Stange sitzen, an die eins meiner Beine gekettet war. Und wenn Besuch kam, durfte ich unanständige Worte sagen, damit alle über mich lachen konnten. Aber sie hat mich geliebt, bis zu ihrem Tod. Ihre Erben haben nicht so gut aufgepasst. Und hier bin ich nun!“

 

Lisa, Bruno, Chuck und Elli wussten im ersten Moment nicht, ob sie das glauben sollten. Dann fragte der ansonsten schweigsame Bruno „Erfrierst Du nicht, wenn jetzt die kalten Monate kommen?“

 

Lora, so hieß der Papagei obwohl er ein Mann war, schaute ihn entschlossen an. „Ich weiß, dass ich dann erfrieren werde. Aber die Wochen oder vielleicht zwei Monate, die ich bis dahin tun und lassen kann was ich will, sind es mir wert. Einmal so unbedarft fliegen, wie all die Vögel, die in den ganzen Jahren vor dem Fenster vorbei geflogen sind und mir mitleidige oder auch hämische Blicke zugeworfen haben!“

 

Die Runde schwieg für einen langen Moment. Chuck der Mops fasste sich als Erster. „Isch habe Hunger!“ fast verzweifelt schaute er die anderen an „Woher bekommen wir nun etwasch schu eschen?“

 

Tja, ..“ sinnierte Elli „Bei meinem Herrchen war das nie ein Problem!“

 

Und für den Bruchteil einer Sekunde waren sich alle einig. Sie waren von ihren Besitzern geliebt worden. Auf eine völlig unlogische Art. Aber geliebt. Vor allem aber versorgt. Chuck sogar etwas zu sehr, wie man unschwer erkennen konnt. „Tut mir leid, isch geh nischt weiter mit. Isch gehe nachhause!“ Bruno, der Siamkater lachte „Und wie willst Du das finden? Vielleicht erinnerst Du Dich. Wir wurden ausgesetzt. Am gleichen Tag, an der gleichen Stelle.“

 

Ihnen allen wurde plötzlich klar, wie gut sie es doch bei ihren Eigentümern gehabt hatten. Aber außer Chuck, der selbst mit dem Pflücken von Beeren seine Schwierigkeiten hatte, waren alle entschlossen, sich weiter in Freiheit durchzuschlagen.

 

Und ein Stück des Weges wollten sie zusammen bleiben. Vielleicht könnte Bruno ja ein paar Mäuse fangen, und Lisa könnte sie für Chuck vorkauen.

 

Ohne die Liebe ihrer Menschen, aber dafür in Freiheit.

 

Alles hat zwei Seiten. Das wurde ihnen allen jetzt klar.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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