Heinz-Walter Hoetter

Das Wasser der Erde

Ich sah auf meine Armbanduhr. Es war kurz vor Mittag. Draußen war es sehr heiß, so um die +50 Grad oder mehr. Ich quälte mich den Hang zum Kettenfahrzeug hinauf, das verlassen auf dem staubigen Felsenboden des Plateaus stand. Ich wusste nicht, ob ich noch genug Kraft besaß, um mich aus dem tiefen Flussbecken hochzuziehen, in dem ich eine kleine Wasserstelle gefunden hatte. So konnte ich wenigstens meinen zur Neige gehenden Wasservorrat wieder auffüllen, der nur noch für maximal ein oder zwei Tage gereicht hätte.

 

Die glutheiße Sonne tauchte das hinter mir liegende Tal in eine flimmernde, gespenstisch aussehende Gerölllandschaft. Die meisten Bäume und Sträucher waren verdorrt. Man hörte kein anderes Geräusch als den leicht säuselnden Wind, der die ausgedörrten Gräser und Blätter erzittern ließ. In der Mitte des Tals befand sich das riesige ausgetrocknete Flussbett, wo früher einmal träge ein breiter Streifen sauberen Wassers dahinkroch. Das ist aber schon lange her.

 

Nur in den ausgeschwemmten Senken, tief auf dem ehemaligen Flussgrund, befanden sich hier und da noch kleinere Ansammlungen von Wasserpfützen über denen riesige Fliegen- und Stechmückenschwärme schwirrten, die in dem flachen Brackwasser in einem verzweifelten Überlebenskampf Milliarden ihrer Eier ablegten.

 

Dort, wo sich einmal das Flussufer befunden haben muss, stand ein Häuschen aus vertrocknetem Holz, das die unregelmäßigen Stöße des Windes klappernd abfing. Seine vordere Fassade, mit zwei offenen Fenstern und einem Eingang ohne Tür, loderte Orangen farbig unter der Glut des hoch am Himmel stehenden Gestirns auf. Drinnen, in dem einzigen Raum, befand sich ein menschliches Skelett. Auf einem vermoderten Flugzeugsitz halb ausgestreckt, grinste mich ein Pilot mit seinen Zähnen ohne Lippen und ohne Zahnfleisch an, den Knochenschädel in der Höhlung seines Helmes ruhend. Sein altes Wasserflugzeug war mit dem sinkenden Wasserpegel bis auf den Grund des ehemaligen Flussbodens abgesackt, wo es schon seit vielen Jahren stark beschädigt langsam verrottete.

 

Aber selbst ein Leichnam kann noch sprechen, wenn man die Umstände seines Todes kannte.

 

Helft mir doch! Helft! Ich verdurste!“

 

Der Donnerschlag krachte durch die trockene Gegend, keine hundert Meter vom Haus entfernt. Aber ich dachte nicht länger darüber nach, obwohl deshalb in mir ein unangenehmes Gefühl hochkam. Ich kannte diese scheußliche Wettererscheinung, die es früher, als die Welt noch in Ordnung gewesen war, so nicht gegeben hatte. Ein heißer Sandsturm kam auf, gefolgt von heftigen Blitzen, die sich spontan entluden und die umliegende Umgebung in ein höllisches Inferno verwandelten.

 

Trotz der Gefahr riss ich mich zusammen und beeilte mich mein Kettenfahrzeug zu erreichen, einen Koffer ähnlichen Behälter auf zwei kleinen Rädern hinter mir herziehend, in dem sich mein aufbereitetes Trinkwasser befand.

 

***

 

Sie waren von weit her gekommen, von einem anderen Sonnensystem, vielleicht sogar aus einer anderen Galaxie. Kommt es überhaupt noch darauf an? Schließlich gab es ja fast niemanden mehr, der sie kommen sah, weil die meisten Menschen tot waren. Alle elendig verdurstet.

 

Die Außerirdischen hatten mit einer gewaltigen Armada von Raumschiffen die Erde überfallen, die Menschheit nicht einmal mit ihren überlegenen Waffen bekämpft, sondern im Verlauf ihrer jahrzehntelangen Besetzung einfach über 90 Prozent des vorhandenen planetarischen Wassers in eine endlosen Kette heran fliegender Transportschiffe hoch gebeamt und mitgenommen. Und so schnell wie sie gekommen waren, so schnell verschwanden sie dann auch wieder irgendwo in den unendlichen Weiten des Alls. Zurück blieb eine sterbende Menschheit, deren Bestand nach dem Raub des Wassers innerhalb weniger Jahre von acht Milliarden Menschen auf weniger als Hunderttausend zusammenschrumpfte.

 

Einer von diesen letzten Überlebenden war ich.

 

Ich habe sie gesehen, diese Fremden aus dem All.

Sie kamen von weit her, von einem anderen Sonnensystem, vielleicht sogar aus einer anderen Galaxie.

 

Niemand konnte sie aufhalten.

 

Die Wesen kannten keine Gefühle, kein Mitleid. Sie weinten auch nicht. Und auch das Wort Wahnsinn war ihnen fremd. Sie sahen die Menschheit vor ihren eigenen Augen qualvoll in gewaltigen Massen dahin sterben, und wie auf allen Kontinenten der blanke Horror ausbrach, als das vorhandene Trinkwasser immer weniger wurde. Grauenvolle Szenen ereigneten sich unter den Menschen, aber die Okkupanten aus dem All interessierte das nicht. Ihnen war nur das lebenswichtige Wasser des Planeten Erde wichtig, das sie für ihre weitere Reise durchs Universum brauchten.

 

Dann wurde es still auf Terra.

 

Die Erde bestand danach fast nur noch aus wasserlosen, ausgetrockneten Flussbecken und ebenso ausgetrockneten Meeresgründen. Ein Planet der Wüsten, ein Planet der Hölle. Reste von Wasser waren zwar noch vorhandenen, aber die lagerten tief und unerreicht in ihrem Innern. Und dort, wo es zutage trat, verdunstete es meistens sehr schnell und war den Insekten und Bakterien wehrlos ausgeliefert, die es ungenießbar für die letzten Überlebenden der Menschheit werden ließen.

 

Ich stieg matt und geschwächt in mein Kettenfahrzeug und fuhr langsam los. Ganz in der Nähe gab es eine kleine menschliche Siedlung am Rande einer ausgestorbenen Riesenstadt, die früher mal eine schillernde Metropole gewesen sein soll und sich New York nannte. Sie lag jetzt an einem riesigen, ausgetrockneten Kontinentalhang, der von tiefen Gräben und Schluchten durchzogen war. Man hätte von hier zu Fuß nach Europa gehen können.

 

Ich starrte nach vorne durch die verschmutzte Frontscheibe des Fahrzeuges in eine völlig ausgetrocknete Landschaft und dachte während der Fahrt an eine längst vergangenen Zeit.

 

Ich stellte mir vor, ich würde wieder im grünen Gras liegen, lauschte hingebungsvoll dem gleichmäßigen Plätschern eines vorbeifließenden Baches und labte mich an seinem frischen Wasser. Das muntere Zwitschern unzähliger Vögel erfüllte mein zufriedenes Herz.

Ach, das ist schon so lange her. Ich habe manchmal das komische Gefühl, alles nur geträumt zu haben. Aber ich erinnerte mich gerne daran, solang ich noch konnte.

 

Tränen liefen mir jetzt über meine knochigen Wangen, als ich die trostlos aussehende Siedlung erreichte, die nur aus einigen verrosteten Eisenbahnwaggons bestand.

 

Wie lange würde ich dieses schreckliche Leben noch aushalten?

 

***


Eine halbe Stunde später.

 

Schweigend starrte ich finster ins Glas.

Dann, nach einer langen Pause trank ich mit Genuss den Rest meines Drinks aus und verließ die Holothek, wo ich mir eines dieser real wirkenden Weltuntergangsvisionen reingezogen hatte, die unsere mächtige Raumflotte von ihren vielen Streifzügen durchs grenzenlose All auf der Suche nach neuen Wasserplaneten als Holographie abgespeicherte 3D-Realdokumentation mitgebracht hatte.

Man konnte dabei auf raffinierte Art und Weise in die Rolle eines der Lebewesen schlüpfen, die in ihrer langsam austrocknenden Welt verzweifelt ums Überleben gekämpft hatten.

Der Unterhaltungswert der holographischen Darstellungen war schlichtweg atemberaubend und jedes mal der reinste Nervenkitzel, weil man den Eindruck von absoluter, selbst erlebter Realität vermittelt bekam.


Als ich durch den zuckenden Energievorhang nach draußen ins Freie trat, war der künstliche Himmel über mir mit grauen, weißen und an einigen Stellen auch mit schwarzen Wolken überzogen, die am weiten Firmament dahinzogen. Hier und da schütteten sie Regen aus, den ich wohltuend feucht und frisch auf meiner grünen Schuppenhaut spürte.

 

Ob es das Wasser von diesem sterbenden Planeten Erde war, das da von oben herunter regnete?

 

Im Prinzip war mir das egal.


Ich genoss einfach das kühle Nass wie immer. Ich wünschte mir, dass es nie versiegen würde.

Aber deswegen brauchte ich mir bestimmt keine Sorgen machen. Auf unsere mächtige Raumflotte war stets Verlass. Sie hat immer noch irgendwo in den unendlichen Weiten des All einen Planeten mit Wasser gefunden.



 

ENDE

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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