Ali Yüce

Wahnwitz: alte Dämonen

Als er in den vollen Bus stieg, stand ein kaum erwachsenes Mädchen auf, um ihm wortlos ihren Platz anzubieten. Sie lächelte. Er sah sie voll Verachtung an, dann erblickte er über dem freien Sitz den Aufkleber mit dem fetten schwarzen Kreuz. Hier bin ich wohl richtig, dachte er. Trotz Widerwillen setzte er sich und klemmte seinen Gehstock zwischen die Beine. Sie, verwundert über sein Verhalten, drehte ihm den Rücken zu und hielt sich an einer hochangebrachten Halteschlinge fest, so dass ihre kurze Jacke ihren Hintern hinaufrutschte und ihre prallen backen sich direkt neben seinem Gesicht befanden. Er starrte sie unverhohlen an. Und schob die eigene Jacke über den Schritt. Nur für den Fall.

Dabei überschlugen sich seine Gedanken, die nichts mit dem knackigen Hintern des Mädchens zu tun hatten. Er wunderte sich, wie man von einem Tag auf den nächsten ein ganz anderer Menschen werden konnte. Kein besserer Mensch. Ein anderer Mensch. Es quälten ihn plötzlich tausend und mehr Dinge, die ihn vor einer Woche nicht ansatzweise berührt hatten. Und das nur, weil seine Mutter gestorben war. Seltsam. Ihm wurden viele Dinge, die seine Einstellung zum Leben betrafen, so gnadenlos klar, dass er meinte, sich selber verabscheuen zu müssen, aber noch hielt er sich zurück. Noch konnte alles in Ordnung kommen. Er konnte allem einen Sinn geben.

Als der Bus weit ausholte, um eine Linkskurve zu nehmen, schwang das Mädchen an der Schlaufe leicht in seine Richtung, so dass er sie riechen konnte. Tief atmete er ein und ein Husten brach ohne Ankündigung aus seiner alterschwachen Lunge. Das trug ein wenig mehr dazu bei, dass das Wasser ihm im Mund zusammenlief. Er schnaufte. Sein Herz pochte ihm in den Ohren.

So ganz hatte er sich doch nicht geändert, nein. Aber früher hatte er sich nie Gedanken um den Tod gemacht, ihm war immer klar gewesen, dass er erst nach seiner Mutter sterben würde. Viel zu spät hatte er wahrgenommen, wie verdammt alt sie geworden war. So alt würde er niemals werden. Er musste mit einigen Dingen abschließen.

Wieder eine Linkskurve und der Hintern des Mädchens berührte leicht seine Wange. Ein Schauer überkam seinen Körper. Sein müdes Herz tat sich schwer mit dem schnellen Tempo, als hätte es nach Jahren des Schleichens vergessen, wo der dritte Gang war. Ja, es musste zum Abschluss gebracht werden. Das war
er sich schuldig. Er würde mit reinem Gewissen sterben.

Das Mädchen stieg mit ihm aus und eilte mit schnellen Schritten die Straße hinauf, und er schlich mit seinem Gehstock hinterher, ohne die Augen von dem Auf und Ab ihres Körpers abwenden zu können. Einmal mehr wünschte er sich, jung zu sein. Als er diese Vorstellung weiterverfolgte, ließ ihn seine Fantasie aufkeuchen. Eine dunkelhaarige Frau, die einen Kinderwagen vor sich her schob, drehte sich argwöhnisch zu ihm um, musterte ihn für eine Sekunde und ging wortlos weiter.

Plötzlich verschwand das Mädchen aus seinem Blickfeld, ohne dass er erspähen konnte wohin. Unbefriedigte Gier wütete in ihm und nahm ihm den Atem. Erschöpft musste er anhalten und sich auf den Stock stützen. Um die Gedanken auf andere Bahnen zu lenken, griff er in seine Westentasche und zog den Zettel mit der Adresse hervor, zu der er wollte. Mit bewölktem Blick verglich er die notierte Hausnummer mit denen an den Gebäuden in seiner Nähe. Weit war es nicht mehr. Weit würde er nicht laufen können.

Träge kam er vor einem kleinen Einfamilienhaus zum stehen, schritt schließlich langsam zu der Haustür und unwillkürlich setzte er sich auf die Stufen, die zur Tür hinaufführten. Er musste bei Kräften sein, wenn er das durchziehen wollte, was ihn hierher geführt hatte. Trotzig versuchte er der Kälte des Betons zu widerstehen, die seinen knochigen Hintern annagte. Er schaute auf das Namensschild hoch und nickte zufrieden. Er hatte sich alles perfekt ausgemalt. Mit einer Mischung aus Wehmut und Verbissenheit lehnte er sich ans
Treppengeländer und betrachte das Haus, in dem er seinen Sünden gegenüberstehen würde.

Es war ein Schock, dass in diesem Moment die Tür aufging. „Oh, Gott“, rief die Frau, die sie geöffnet hatte. „Alles in Ordnung? Geht es Ihnen gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

Zu verblüfft, um ihr eine Antwort zu geben, schaute er sie an und erstarrte. Sie hatte sich verändert. Beinahe hatte er sie nicht wiedererkannt. Sehr viel von ihrer Schönheit hatte sie eingebüßt, und ihre Nase sah ganz anders aus als damals. Sie hatte ihre Figur verloren, die Haut hing ihr schlaff und blass vom Hals. Das Leben hat sie mitgenommen, dachte er. Und zum ersten mal zweifelte er daran, dass alles richtig war, was er tat. Er hatte geglaubt, sich auf bekanntem Terrain zu befinden, und jetzt fragte er sich, wie viel er über diese Frau überhaupt wusste. Was hatte er überhaupt jemals von ihr gewusst?

Sie beugte sich hinab und schüttelte ihn an der Schulter. „Hören Sie mich? Geht es Ihnen gut?“

„Ja“, sagte er atemlos. „Ja. Nur schwach.“ Von den eigenen Gedanken verwirrt, wusste er plötzlich nicht mehr, wie er sich verhalten sollte, so beschloss er, an seinem ursprünglichen Plan festzuhalten, damit dieses Theater endlich in Fahrt kam. „Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“

„Natürlich. Kommen Sie.“ Sie half ihm auf und führte ihn hinein. „Sind Sie ganz sicher, dass Sie keinen Krankenwagen brauchen?“

„Ein Glas Wasser nur. Danke.“

Er achtete nicht auf die Einrichtung, achtete nicht auf Fotos, die jemand überall in den Flur gehängt hatte, achtete nicht auf Gerüche; um nicht zusammenzubrechen, achtete er nur auf die Rollen, die er sich und ihr zugedachte hatte, achtete auf den Text, den er im Kopf verfasst hatte, achtete darauf, dass er sich nun nicht tatsächlich änderte. Nicht ausgerechnet jetzt!

Sie half ihm bis zur Couch im Wohnzimmer und eilte in die Küche, um kurz darauf mit einem Glas und einer Wasserflasche wieder aufzutauchen. Unbeweglich wie Stein konnte er ihr nur dabei zuschauen, wie sie das Glas füllte und ihm in die Hand drückte. Als er keine Anstalten machte, es zu heben, half sie ihm dabei, nahm seine Hand und führte es an seinen Mund.

„Besser jetzt?“ fragte sie.

Er antwortete nicht.

„Hören Sie, ich mache mir wirklich Sorgen. Lassen Sie mich einen Krankenwagen rufen, ja?“

Während sie aufstand und zum Telefon ging, versuchte er sich zu sammeln, um den letzten Schritt zu wagen. Er hörte nicht zu, als sie hastig am Telefon sprach und ihm dabei besorgte Blicke zuwarf. Wort für Wort reihte er im Kopf seinen eigenen Text aneinander, der gleich unweigerlich aus seinem Mund sprudeln würden. Es war nicht mehr zu vermeiden.

Als sie auflegte, ging sein Vorhang auf.

„Du erkennst mich nicht“, sagte er. „Ich habe es nicht anders erwartet.“

Sie stutzte.

„Vielleicht hast du gedacht, ich wäre schon tot. Aber ich bin es nicht. Noch nicht.“

Auf der Suche nach etwas, das ihr bekannt vorkam, wanderten ihre Blicke aufmerksam und skeptisch über sein ausdruckloses Gesicht.

„Es ist zu lange her“, sagte er. „Aber ich weiß, dass du schnell erraten wirst, wer ich bin.“

Sie holte zischend Atem und wankte, als wären ihre Knie weich geworden. „Nein“, sagte sie kopfschüttelnd und machte einen Schritt zurück.


Etwas erregte ihn. Erinnerungen. Gedanken. Bilder. Und auch seine Stimme wurde erregter.

„Wehr dich, du Hure, wehr dich!“ lachte er. „Das habe ich dir gesagt. Aber du hast dich nicht gewehrt. Meine Hände waren ganz glitschig von deinem Blut, ich konnte dich gar nicht richtig festhalten. Trotzdem hast du dich nicht gewehrt. Willst du dich heute wehren?“

Er zog eine Pistole aus der Jacke und warf es ihr vor die Füße. „Erkennst du es wieder?“

Sie fiel auf die Knie. Ihr Gesichtsausdruck sah so dämlich aus. Kein wunder, dass es damals so leicht gewesen war. So eine dummes, schwaches Schaf. Aber sehr bald würde sie sich erholen, wütend werden. Er würde sie bedrängen. Wie damals. Sie würde sich wehren. Die Kontrolle verlieren. Töten. So würde er hier für seine Sünden büßen und sie in der Hölle schmoren. Er brüllte sie an, wie er sie damals angebrüllt hatte, als sie blutend vor ihm gekniet hatte. Es würde nicht mehr lange dauern. Seine Erregung hatte ihren Höhepunkt erreicht und sein Herz schob mit aller Kraft das Blut in seinen verdorrten Körper. Er versuchte, sich an seinem Stock auf die Beine zu ziehen.

Jemand stürmte ins Wohnzimmer. „Mama?“ schrie das Mädchen verzweifelt und rannte zu der Frau am Boden. „Mama, was ist los?“

Das Blut pochte in seinen Genitalien und schlug sich durch sein Gehirn wie eine Machete. Es war das Mädchen aus dem Bus. Die Haare hingen ihr nass ins Gesicht und sie war nackt bis auf den Slip. Ihre Brüste wogten hin und her, während sie ihre Mutter durchschüttelte und versuchte, sie aus der Lethargie zu wecken. Wasser, Seifenschaum und Schweiß vermischten sich, rannen ihr wie Regen an einer Fensterscheibe die makellose Haut hinab, sammelten sich zwischen ihren Beinen und tropften auf den Boden. Er keuchte. Er lechzte. Seine Stirn wollte bersten.

Das Mädchen sah ihm mit aufgerissenen Augen ins Gesicht, dann entsetzt auf seine Hände. Er senkte den Kopf, bemerkte, wie Rotes aus seiner Nase tropfte. Nein, es floss. Benetzte nass seine Finger.

Ich bin noch nicht fertig, dachte er wütend, und etwas riss in seinem Kopf.

Es dauerte nicht lange und zwei große Männer mit roten Jacken trugen seine Leiche aus dem Haus. Mutter und Tochter standen in der Tür und sahen zu, wie er in den Krankenwagen geschoben wurde.

„Was wollte er, Mama?“, fragte das Mädchen.

Ihre Mutter öffnete fassungslos den Mund: „Sterben. Irgendwie.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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