Heinz-Walter Hoetter

Die letzte Fahrt des Alwin Stein

Alwin, ein etwa 28jähriger junger Mann, ging müßig im Stadtpark spazieren und spielte mit dem Gedanken, sich einfach irgendwo auf die grüne Wiese unter einen der mächtigen Kastanienbäume zu legen, die dort in voller Pracht standen, weil er ein kleines Nickerchen machen wollte.

Nicht unweit von ihm befand sich eine Haltestelle, an der die Stadtbusse der Linie 9 alle dreißig Minuten kurz anhielten, um schließlich stadtauswärts weiterzufahren. Auch Alwin hatte die Linie 9 benutzen müssen, war hier ausgestiegen und in den wunderschönen Park mit seinen herrlich grünen Wiesen gegangen.

 

Komischerweise hatte Alwin heute das seltsame Gefühl, als stünde die Zeit still, was natürlich völliger Unsinn war, dachte er so für sich, weil die Zeit gar nicht still stehen kann. Dann suchte er sich ein schönes Plätzchen aus, legte sich rücklings in das frisch duftende Gras und starrte mit weit geöffneten Augen entspannt nach oben in den blauen Himmel, der ihm zum Greifen nahe schien. Keine einzige Wolke war zu sehen. Schließlich breitete er die Arme aus und streckte die Beine weit von sich. Er lag einfach nur so da und bald übermannte ihn eine bleierne Müdigkeit. Irgendwann schlief er tief und fest ein.

 

Der Stadtpark lag direkt an einer stark befahrenen Umgehungsstraße, auf der sich in zwei gegensätzlichen Fahrtrichtungen eine nicht enden wollende Kette von Fahrzeugen mit hoher Geschwindigkeit lärmend vorbei bewegte. Für die regelmäßig verkehrenden Busse hatte man extra eigene Parkbuchten angelegt.

 

Ganz plötzlich wurde Alwin wieder wach. Irgendwas hatte ihn aufgeweckt.

 

„Ihre Fahrkarte bitte!“ sagte die spröde Männerstimme eines Fahrkartenkontrolleurs zu Alwin, der jetzt benommen die Augen aufschlug und im ersten Moment nicht wusste, wo er überhaupt war.

 

„Zeigen sie mir bitte ihre gültige Fahrkarte, mein Herr!“ hörte Alwin ein zweites Mal den Kontrolleur sagen, der sich jetzt weit zu ihm über die erste Sitzreihe gebeugt hatte, um seiner Forderung demonstrativ Nachdruck zu verleihen. Die rechte Hand bewegte sich dabei gleichzeitig nach vorne und wartete auf die Herausgabe des Tickets.

 

„Meinen Fahrschein?“ fragte Alwin verdutzt und sah sich verwundert um. Dann stellte er zu seiner großen Überraschung fest, dass er sich in einem städtischen Linienbus befand, der sich gerade anschickte, mit laut aufheulendem Motor die breite Parkbucht einer Haltestelle zu verlassen. Nur ganz hinten im Fond des Fahrzeuges saß noch ein altes Pärchen, das stumm die vorbeiziehende Umgebung betrachtete.

 

„Wenn sie nicht im Besitz eines gültigen Fahrausweises sind, muss ich leider ihre Personalien aufnehmen. Außerdem wird ein erhöhtes Beförderungsendgeld fällig.“ sagte der Fahrkartenprüfer und fuhr dann mit harscher Stimme fort: „Also..., können sie mir ein gültiges Ticket vorzeigen? Ja oder nein? Bitte beeilen sie sich etwas! Ich bin im Dienst und möchte nicht meine Zeit mit ihnen vergeuden!“

 

„Wo bin ich überhaupt und was mache ich hier?“ antwortete Alwin verwirrt dem mittlerweile etwas nervös gewordenen Kontrolleur, der davon überzeugt war, wieder einmal einen unverbesserlichen Schwarzfahrer erwischt zu haben.

 

Abermals sprach er Alwin mit den Worten an: „Ist ihnen vielleicht nicht gut, mein Herr? Sie sehen etwas blass im Gesicht aus. Ich würde mal sagen, wir beide steigen bei der nächsten Station aus und reden über die Angelegenheit lieber draußen im Freien weiter.“

 

Der Bus bog in eine ziemlich menschenleere Seitenstraße ohne Häuser ein, brauchte aber noch etwa fünf Minuten bis zum nächsten Haltepunkt, der genau gegenüber einem alten Friedhof lag, dessen eisernes Haupttor weit offen stand.

 

Als das schwere Fahrzeug endlich mit leicht schaukelnden Bewegungen zum Halten kam, öffneten sich kurz darauf laut zischend alle Türen. Die alten Leute, die beide im hinteren Abteil gesessen hatten, stiegen aus, überquerten Arm in Arm mit langsamen Schritten die einsam daliegende Straße und verschwanden schließlich irgendwo auf dem Gelände des Friedhofs zwischen den dicht zusammenstehenden Grabsteinen.

 

„Bitte folgen sie mir nach draußen und halten sie ihren Personalausweis bereit!“ sagte der Kontrolleur zu Alwin, dem im Augenblick nichts anderes übrig blieb als der Aufforderung des Uniformierten nachzukommen. Kaum waren die beiden Männer ausgestiegen, schlossen sich die pneumatisch betriebenen Türen hinter ihnen sofort wieder und der Linienbus brauste davon, als hätte er an diesem Ort nichts mehr verloren.

 

Alwin stand da und wusste eigentlich gar nicht so recht, was genau vor sich ging. Hilflos starrte er den schlanken Mann in der blauen Uniform vor sich an, der ihn jetzt von unten bis oben skeptisch musterte. Nach einer Weile sagte er zu Alwin mit nachdenklich grübelnder Stimme: „Tja, junger Mann! Warum sind sie bloß in diesen Bus gestiegen ohne einen gültigen Fahrausweis bei sich zu haben? Sie wissen doch ganz genau, dass das gegen die Beförderungsbestimmungen verstößt! Wenn es nach mir ginge, würde ich sie ja gerne wieder unbehelligt gehen lassen, aber die Vorschriften lassen mir leider in dieser Hinsicht keinen Spielraum. Strafe muss sein! Ein Fahrgast, der sich keinen gültigen Fahrausweis beschafft hat, ist nun mal zur Zahlung eines erhöhten Beförderungsendgeldes verpflichtet. So steht es nun mal in den Vorschriften. Und nach denen müssen wir uns richten.“

 

Der Kontrolleur wurde jäh unterbrochen.

 

Auf der anderen Straßenseite, dort wo das eiserne Friedhofstor weit offen stand, erschien plötzlich ein Mann im schwarzen Anzug, der mit schnellen Schritten auf sie zukam. Nur wenige Augenblicke später hatte er die Straße überquert und stand vor ihnen.

 

Zuerst wandte er sich an den Fahrkartenkontrolleur, den er mit mahnender Stimme eine Standpauke hielt.

 

„Halten sie mir die Leute nicht auf! Kommen sie endlich mit und lassen sie den Unfug! Sie wissen doch ganz genau, dass ihre Arbeit als Fahrkartenkontrolleur jetzt völlig überflüssig geworden ist. Sie weilen nicht mehr unter den Lebenden, mein Guter! Ich dachte, sie wüssten das? Die Fahrt zum Friedhof war ihre allerletzte. Es tut mir leid, ihnen das sagen zu müssen. Begreifen sie das doch endlich! Ich möchte nicht unhöflich werden, aber sie müssen jetzt unverzüglich mit ihrem Gerede aufhören und sofort mitkommen."

 

Mit traurigem Gesicht entschuldigte sich der Fahrkartenkontrolleur bei Alwin und trottete behäbigen Schrittes zum Friedhof hinüber. Auch er verschwand irgendwo hinter den Grabdenkmälern, wo er sich langsam wie ein verblassendes Bild auflöste.

 

Dann wandte sich der Mann in Schwarz an den sprachlos gewordenen Alwin, der sein Gegenüber die ganze Zeit nur mit weit aufgerissenen Augen ungläubig und fassungslos anstarrte.

 

Die Stimme des Mannes klang sanft als er sagte: „Mein lieber Alwin! Bitte habe keine Angst vor mir! Wirklich, das musst du nicht, weil ich dein Freund bin! Ich begleite dich jetzt auf eine langen Reise in eine neue Welt. Leider hat sich ein furchtbares Unglück ereignet. Nun, ich hätte dir die Wahrheit spätestens auf dem weiten Weg ins Jenseits vorsichtig und schonend beigebracht. Soviel kann ich dir aber schon jetzt sagen: Du bist auf einer Wiese im Park eingeschlafen und keine 20 Minuten später von einem Linienbus überrollt worden, der mit hoher Geschwindigkeit von der Straße abgekommen war, weil sein Fahrer einen Herzinfarkt erlitten hatte. Er raste direkt in den Park hinein, schleuderte über die gesamte Grünanlage und tötete dich dabei. Es tut mir ja so leid für dich, Alwin! So etwas sollte keinem Menschen passieren. Aber ich kann es auch nicht mehr ändern. Darüber habe ich keine Macht.“

 

Der Unbekannte nahm den völlig verstörten Alwin auf einmal an die Hand, ging zusammen mit ihm über die einsam da liegende Straße, blieb vor dem Eingang des Friedhofs kurz stehen und sprach mit trauriger Stimme weiter: „Der Fahrkartenkontrolleur war erst zwei Stationen vorher zugestiegen und wurde beim Aufprall des Busses auf einen großen Kastanienbaum im Park mit aller Wucht gegen die innere Frontscheibe geschleudert. Er verblutete noch an Ort und Stelle. Es gab keine Rettung mehr für ihn.“


 

Seufzend redete er weiter: „Auch das ältere Ehepaar, welches du beim Aussteigen gesehen hast, fand bei diesem schrecklichen Unglück ebenfalls den Tod. Der Fahrer liegt übrigens im Krankenhaus. Er ist auf dem Weg der Besserung und hat sowohl seinen Herzinfarkt, als auch den Unfall wie durch ein Wunder überlebt. Er hat wirklich großes Glück gehabt. Ich hätte euch das gleiche gewünscht. Leider ist es anders gekommen!“

 

Mittlerweile ging die Sonne langsam unter und ihre milden Strahlen leuchteten schwach durch den rauschenden Blätterwald der umstehenden Bäume. Die Schatten der Grabdenkmäler wurden länger.

 

Der Mann in Schwarz hielt immer noch Alwins Hand, dem jetzt dicke Tränen über die Wangen kullerten. Wortlos betraten beide den alten Friedhof und verschwanden irgendwo hinter einem mächtigen Grabdenkmal aus weißem Marmor. Ihre beiden Körper lösten sich gerade in dem Moment auf, als die letzten späten Sonnenstrahlen dieses Tages über die goldene Inschrift des marmornen, weißen Grabsteines huschten, wo weiter unten am rechten Rand geschrieben stand:

 

 

Ruhestätte der Familie STEIN

 

 

Alwin Stein * 01.01.1978 + 01.05.2006

 

***


 

ENDE


 

©Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Dicke Enden von Volker König



Ein Adventskalender mit 358 Türchen, ein Prost in die Weiten des Universums und ein Pfirsich, der nach dem Sinn in seinem Leben sucht...24 Prosa und Lyrik Texte werfen einen haarsträubend besinnlichen Blick auf das, was wir die Wirklichkeit nennen. Man ist gut beraten, einen Schritt neben sich zu stehen, um den dicken Enden gelassen entgegenblicken zu können.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Trauriges / Verzweiflung" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Jäger von Heinz-Walter Hoetter (Horror)
Abschiedsbrief von Klaus-D. Heid (Trauriges / Verzweiflung)
Wir sind ihm nicht egal! von Heidemarie Rottermanner (Schule)