Ingo R. Hesse

Advent ist auch keine Lösung

Es war einmal ein Mann, der genau so alleine lebte wie ich jetzt. Und ich meine mich zu erinnern, dass er damals genau so alt war, wie ich jetzt.

 

Jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit kaufte er sich einen Adventskalender. Ansonsten eher sparsam, nahm er stets den besten, den er bekommen konnte. Dafür spielte Geld keine Rolle. Und in jedem Jahr, nachdem er mit einer Nadel das erste Türchen vorsichtig geöffnet hatte, holte er die erste Leckerei heraus, lehnte sich zurück und ließ sie sich ganz langsam auf der Zunge zergehen.

 

Doch dann, nachdem nur noch ein minimaler Restnebel aus Zartbitter-Schokolade und Speichel auf seiner Zunge lag, passierte in jedem Jahr das Gleiche. So wie damals, bevor seine alte Tante Josephine ihn so schrecklich verhauen hatte. Dann griff er nämlich mit beiden Fäusten das gediegen bedruckte und mit Goldglitter verzierte Objekt, und riss es mit irrem Blick und einem gnadenlosen Ruck in der Mitte auseinander.

 

All die kleinen Nikolause, Englein und Sternlein aus Schokolade, Lebkuchen und Zuckerguss fielen herunter. Auf Tisch, Boden und auf seinem Schoß lagen sie nun. Er warf dann die Hülle einfach hinter sich, wohl ahnend, dass ihm nun keine Zeit mehr bleiben würde, sie ordnungsgemäß in den dafür vorgesehenen Behälter zu legen.

 

Und dann begann in jedem Jahr zu Anfang der ansonsten so friedlichen Adventszeit etwas, das niemand sehen, geschweige denn davon erfahren sollte. Von Schoß und Tisch riss er zuerst die süßen Suchtmittel an sich und stopfte sie sich beidhändig so in den Mund, dass er fast daran erstickte. Und dann, noch in Schlucken und Würgen begriffen, warf er sich auf die Knie und aß, nein fraß den Rest, teilweise vom Boden aufleckend und aufschlabbernd.

 

Es folgten in jedem Jahr endlos lange Minuten der Unerreichbarkeit für ihn. Er konnte weder sein Hirn, noch seine Extremitäten, und schon gar nicht Gaumen und Zunge erreichen. Er war einfach nur eins mit sich, der Schokolade, dem Lebkuchen und dem Zuckerguss. Er war in seinem persönlichen Paradies.

 

Einmal, es war kurz nach Pfingsten, riet ihm ein Freund, sich doch aufgrund seines Alters einmal nach einer passenden Partnerin umzusehen. Da er ein glücklicher Mann war, hatte dieser Gedanke ihn bis dahin verschont. Doch jetzt, einmal gedacht, wurde er ihn nicht wieder los. Selbst der Gedanke an Advent, holte ihn nicht wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

 

So kam es dann, wie es bei vielen Männern seines Alters und in seiner Situation kommt, … . Er landete im Internet. In Foren, Plattformen, Communities für alte Männer. Und Frauen.

 

Die ersten Fotos von interessierten Damen, die er sah, machten ihm Angst. Doch einige der Grazien milderten das, indem sie darunter kluge Sinnsprüche und Lebenshilfe-Angebote veröffentlichten.

Und jedes Mal wenn dieser Mann einen solchen Spruch gelesen hatte, durchflutete ihn ein Gefühl. Zunächst konnte er es nicht beschreiben. Noch nicht einmal richtig fühlen. Aber irgendwo zwischen dem vierundachtzigsten „Carpe diem!“ und dem sechsundfünfzigsten „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ befiel ihn die Erkenntnis.

 

Ja, das war es! Diese Sprüche waren so süß wie Schokolade. So wie Zuckerguss und Lebkuchen. Vergessen die Fotos der Damen, die sie eingestellt hatten. Vergessen der Rat seines Freundes. Vergessen, dass es noch lange hin war bis Weihnachten.

 

Dieser Mann wusste jetzt, wie er ohne Schokolade glücklich werden konnte. Und wie er den Fluch, mit dem Tante Josephine ihn damals belegt hatte, loswerden würde. Er würde nicht nur gerettet werden. In diesem Moment war er schon gerettet, dieser Mann!

 

Von wegen, ..in jedem Jahr zur Weihnachtszeit wirst Du Deinen Adventskalender mit beiden Fäusten .. , von wegen Tante Josephine!

 

Als er wie in Trance den Buchladen betrat, ließ er die Angebotstische links und rechts unbeachtet und steuerte auf die einzige Buchhändlerin zu, die gerade erreichbar war. „Abreißkalender!“ stammelte er ehrfürchtig bettelnd. Und als sich die attraktive Händlerin zum betreffenden Regal bewegen wollte, fügte er noch wie ein Verdurstender in der Wüste hinzu „Einen kirchlichen bitte!“ Schließlich wollte er auf der sicheren Seite sein.

 

Wie er danach nachhause gekommen war, wusste er nicht mehr. Schnell entfernte er das bunte, sinnigerweise mit vielen kleinen Büchern bedruckte, Packpapier.

 

Und dann riss er das erste Blatt ab. Das Deckblatt. Für einen Moment war er ganz ruhig. Eine 1 wurde sichtbar. Eine dezent bordeauxrote 1. Tränen traten in seine Augen. Nur jetzt nicht weinen! Er wollte doch lesen.

 

Dann riss er das Blatt für den ersten Januar ab und las den Spruch, der auf der Rückseite in antik anmutenden Buchstaben zu lesen war, „Und nun sprich der Herr, der ..“. Er las den Anfang dreimal ganz langsam. Dann den restlichen Teil. Und dann lehnte er sich zurück und ließ sich diesen Spruch ganz langsam auf seiner inneren Zunge zergehen. Ja, DAS war es!

 

Doch schon als nur noch ein Nebel von „der Dich erschaffen hat“ und Lebkuchen in seinem Hirn zu schmecken war, ging ein Ruck durch seinen Körper. Und dann geschah etwas, das niemand je sehen, geschweige denn davon erfahren sollte. So wie damals, bevor seine alte Tante Josephine ihn so schrecklich verhauen hatte.

 

Dann griff er nämlich mit beiden Fäusten das gediegen bedruckte und mit einem sakralen Bild verzierte Objekt, und riss es mit irrem Blick und einem gnadenlosen Ruck auseinander. Seine Hände zitterten, sein Hirn zitterte. Nur ja kein Blatt zerstören und doch alle abreißen, so dass er sie lesen können würde. Er schaffte es nicht.

 

Und so wurde er eines Tages, nachdem ein seltsamer Geruch aus seiner Wohnung geströmt war, inmitten all dieser kleinen Blätter gefunden. Etliche ganz oder nur Reste in den verkrampften Händen. Und aus seinem Mund ragte eins, mit der kaum noch lesbaren Aufschrift „Selig sind, ..“

 

Nun war dieser Mann nicht mehr erreichbar. Aber sicher in seinem ganz persönlichen Paradies.

 

 

..Ich hingegen, ..seit dieser Zeit reagiere ich ziemlich panisch auf solche Sprüche. Einmal gesehen, wohin sie führen können, erwarte ich nichts Gutes von ihnen und vermeide sie zu lesen, wo immer sie mir begegnen.

 

Kann man es mir verdenken?

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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