Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 28

Nobeline war starr vor Schreck. Ihr ganzes Blickfeld füllte sich in rasendem Tempo mit einer kompakten Muskelmasse voller brauner Borsten aus, die sie jeden Augenblick überrennen oder schlimmer noch, zu ihren Ahnen schicken würde. Mit echtem Bedauern dachte sie an ihre gerade begonnene Ode von dem glückselig beschwingten Liebesreigen der ausgelassenen Waldfeen, die nun in die Geschichte als „Die Unvollendete“ eingehen würde, wofür ihr posthum bestimmt der begehrte Kritzelpreis verliehen werden würde, als die heran rasende Bestie plötzlich schmerzhaft grunzte, sich mehrfach überschlug und zu Nobelines Füßen zum Stillstand kam. Die leblosen Augen schienen vorwurfsvoll zu sagen:

Nie wieder Gedichte im Wald!“

Nobline ignorierte den stummen Vorwurf und betrachtete statt dessen mit echter Verwunderung den langen Jagdpfeil, der in der linken Seite des Wildschweins steckte und geradewegs das Herz durchbohrt hatte. Der Absender des herzlichen Grußes ritt einen Herzschlag später auf seinem nachtschwarzen Rappen auf die Lichtung. Das Pferd schnaubte einmal leise, als es Nobeline entdeckte, die wie die berühmte Statue des vom Blitz getroffenen Gnoms vor dem toten Wildschwein stand, sprachlos den Reiter anstarrte und nicht fassen konnte, was sie sah.

Da saß er auf seinem Pferd!

Der Held ihrer Träume!

Der Ritter auf seinem weißen Roß (falls man eine gewisse Farbblindheit wohlwollend unterstellen mag).

Der Traumprinz, so, wie sie es in so vielen Gedichten gelesen und selber geschrieben hatte. Groß, stolz, von kräftiger Statur mit blitzenden, blauen Augen, einem herausfordernden Kinn und schulterlangen, dunklen Haaren.

Ein Bild von einem Mann.

Anbetungswürdig!

Ein Gott – bis er den Mund aufmachte.

„Sag mal, geht’s dir noch gut, hier im Drachenwald so herum zu jaulen? Deinetwegen wäre mir beinahe der Keiler abgehauen, und dann wären zwei Tage Pirsch umsonst gewesen.“

Nobeline war leicht irritiert. In den Geschichten über stolze Ritter, die unschuldige Maiden aus den Klauen von bösartigen Kreaturen befreiten, hatten die ersten Worte an die holde Gerettete in ihrer Erinnerung irgendwie anders geklungen. Aber wer wollte schon kleinlich sein, wenn einem ein solches Prachtbild von einem Mann das Leben rettete?

Selbiger schwang indes lässig sein rechtes Bein über den Riß des Pferdes und sprang leichtfüßig zu Boden. Mit federnden Schritten, den Langbogen noch immer in der Hand haltend, kam er schnurstracks auf sie zu. Nobeline bebte vor Erregung. Nun war es endlich so weit. Gleich würde der Held ihrer Träume vor ihr auf die Knie fallen und um ihre Hand anhalten.

Vor ihr auf die Knie fiel Nobelines Traumprinz tatsächlich. Allerdings nur, um sich seine Jagdbeute näher anzusehen.

„Aahh. Ein prächtiger Keiler. Sieh dir diese Hauer an. Messerscharf! Damit hätte der dich glatt zersäbelt. Wundervoll. Das gibt ein Festmahl.“

„Ja, alles ganz wunderbar. Übrigens, danke für die Rettung“, brachte sich Nobeline in Erinnerung, die allmählich ein wenig die Geduld verlor. Irgendwie schien ihr Held sich das falsche Drehbuch gegriffen zu haben. Vielleicht war er ja auch nur ein wenig kurzsichtig und hatte noch gar nicht festgestellt, welch wundervolle Maid er vor einem grausamen Schicksal bewahrt hatte. Also beugte sie sich verführerisch zu ihrem Retter hinunter, der gerade mit wachsender Begeisterung den muskulösen Rücken des zukünftigen Festmahls tätschelte.

Ich sagte, vielen Dank für meine Rettung“, wiederholte sie leicht angesäuert, worauf der Held des Waldes in seiner dunkelgrünen, eng anliegenden Lederkleidung sie betrachtete, als würde er sie zum ersten Mal wirklich richtig wahrnehmen. Nobeline jubelte innerlich. Offensichtlich war er wirklich nur kurzsichtig und stellte erst jetzt fest, welch Glück er hatte, sie vor der Bestie gerettet zu haben. Auch wenn die so nebenbei ein prächtiges Festmahl abgeben würde, wie Nobeline zugeben mußte. Den Meisterschuss hingegen, der dies alles erst ermöglicht hatte, betrachtete sie als reinen Glückstreffer, damit ihre Theorie der Kurzsichtigkeit schlüssig blieb. Schließlich kam es auch nicht auf jede Kleinigkeit an; denn nun endlich würde die Geschichte den richtigen Verlauf nehmen. Sie lächelte in freudiger Erwartung bewundernder Komplimente, die nun zweifellos kommen würden.

„Du riechst wie ‘ne Moorleiche und siehst aus, als hättest du schon ein halbes Jahr im Wald verbracht“, knurrte der Angebete und rückte mit gerümpfter Nase ein Stück zurück, worauf Nobeline wütend hochfuhr.

„Was fällt dir ein du äähh du...“, fluchte sie, während sie überlegte, wie man einen perfekten Mann beschimpfen konnte. Ihr fiel nichts ein. Dafür erinnerte sie sich an einige Erlebnisse des heutigen Tages, die sie sorgsam verdrängt hatte. War ihr Pferd nicht an einer besonders sumpfigen Stelle gescheut, gerade, als sie das Lied über die quakenden Frösche im Morgengrauen begonnen hatte und sie dadurch unsanft im stinkenden Morast gelandet war?

Wenigstens hatten sie die Mücken seitdem verschont.

Ach ja, und dann hatte sie ja noch die Idee gehabt, unbedingt die vermeintliche Abkürzung durch das Unterholz zu nehmen, was ihrem optischen Erscheinungsbild sicher nicht gut getan hatte.

„Sieh selbst“, bot der Göttliche ihr an, wobei er ein Stück blank poliertes Metall aus seiner Lederweste zog. Nach einem kurzen, dem wohlgefälligen Lächeln nach zu urteilenden durch und durch zufriedenen Blick auf sein eigenes Spiegelbild, hielt er Nobeline denselben vor die Nase, die erschrocken aufkeuchte. Die Vogelscheuche, die ihr entgegen blickte, war ihr fremd.

„Fünfzig Schritt in diese Richtung ist ein Bach“, informierte der Prächtige sie, wobei er mit dem rechten Daumen über seine Schulter deutete. Nobeline nickte nur stumm. Ihr Anblick hatte sie schlicht erschüttert. Wenn sie sich in ihrem derzeitigen Zustand als Vogelscheuche im Obstgarten ihres Vaters zur Verfügung stellen würde, brächten die Vögel die Kirschen vom letzen Jahr vermutlich vor Schreck wieder. Der Wald hatte sie definitiv geschafft.

„Und bring Feuerholz auf dem Rückweg mit“, rief der Angebetete ihr hinterher, als sie sich mit einem Bündel Reservekleidung aus einer ihrer Satteltaschen wie ein geprügelter Hund auf den Weg machte. Irgendwie war das nicht ihr Tag.

Wird fortgesetzt.....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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