Enno Ahrens

Traumatisiert

Sie hatte den Schwerpunkt zu frontal
gelegt; in ihrem frigidem Gelände schwebte 
das Rätselhafte ausgeklammert 
über ihrer mathematischen Formel.
Das Geheimnisvolle nannte sie Unwissen,
ihren Blick unvermögend, verstellt
auf das vermeintlich Verlässliche, fühlte sie 
sich seßhaft auf dem Kopf des Tigers, von
dortaus wollte sie die Welt beherrschen, 
hatte ihrem Sohn ein Mastermind-Spiel 
gekauft, damit sollte er alle großen 
Nachbarjungen schlagen. Ich war einer 
davon und wir waren zum zweiten 
Geburtstag des Jungen zu Gast.
Seine Mutter hatte das Spiel auf den 
Tisch gestellt, jedoch fehlte die Hälfte.
Kurz darauf kam der Knabe mit 
seinem Nachttöpfchen daher, zeigte 
uns sein kunterbuntes Geschäft,
mit sämtlichen Kleinteilen darin.
“Dummheit frisst!” platzte es heraus aus 
dem gefräßigen Maul von Max Schulze.
Es wurde hämisch gelacht; auch der 
kleine Mann grinste, sah sehr zufrieden 
aus, ein Lächeln wie immer, wenn ich ihm 
begegnet war im Supermarkt beim 
Einkauf mit seiner Mama.

Und nun fühlte die sich gedemütigt,
war enttäuscht, in ihrem Ehrgefühl verletzt,
schlug dem Kleinen unvermittelt ins Gesicht,
während wir uns feige davon stahlen, 
allerdings mit betretenen Mienen,
voller Empathie für den Jungen.

Im Supermarkt sah ich ihn mit 
der Haushälterin, zwei Tage nach dem 
fatalen Geschehen. Nie hatte ich ihn 
Herumnörgeln hören wie viele der 
anderen Kinder, die Süßigkeiten 
aus den Regalen einforderten. Auch 
dieses Mal war er ruhig, aber ohne 
sein Schönwetterleuchten in den Augen,
wie es nur aufsteigen konnte aus 
der Tiefe des Unbewussten. Es
war erloschen; fortan sah ich ihn 
nur noch entleert, wie in einem 
emotionalen Schützengraben kauernd.

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