Christa Astl

Begegnung mit dem Bären

 

 

Seit diesem Frühjahr zieht es mich wieder in die Berge. Nicht mehr die hohen, blanken Felsengipfel locken mich, die Zeit ist vorbei. Eher bewege ich mich bis knapp oberhalb der Waldgrenze. So auch letzten Sonntag. Es war ein langer Weg durch den Wald, quer zum steilen Hang. Ich kämpfte mich durch abgeschnittene Bäume und Äste, die über dem Weg lagen, manchmal standen noch einen Meter hohe abgerissene Baumstümpfe, die grotesk in den Himmel ragten. Müde war ich von der Bergtour und freute mich aufs Bett.

 

Doch ich ging weiter, diesmal allerdings an einem kalten Spätherbsttag, Nebelfetzen zogen gespenstisch zwischen den Baumstämmen, legten sich in Bodennähe fest. Die vom Wind gebrochenen Baumstümpfe ragten unheimlich auf, erinnerten an wilde Tiere. Ich glaubte darin einen Bären zu erkennen, es soll sich ja hin und wieder einer herum treiben. Kein Laut war zu hören. Dafür bewegte sich plötzlich etwas. Schreck durchzuckte mich: es war kein Trugbild! Dieser vermeintliche Bär war echt!! Wo ich ihn zuerst als sitzendes Gebilde sah, stellte er sich nun auf die Hinterbeine. Er schüttelte den mächtigen Kopf, streckte sich zu seiner ganzen Größe empor, schaute rundum. Lieber Gott, lass ihn nicht zu mir schauen! Gott erhörte mein Stoßgebet nicht, der Bär sah mich. Er ging wieder nieder, blickte unverwandt zu mir herüber, gute 10 Meter entfernt. Vor Schrecken unfähig was anderes zu tun, blickte auch ich ihn starr an. In meinem Hirn tobte es: Lieber Gott, hilf mir, schütze mich vor diesem Untier, wenn du willst, dass ich noch auf Erden bleibe. Hört er mich wieder nicht?

Der Bär macht einen Schritt, noch einen - auf mich zu. Was tun? Davon laufen? Zu spät. Auf einen Baum klettern? Erstens gab es in diesem Windbruch keine hohen Bäume mehr, und zweitens wäre der Bär sicher der bessere Kletterer gewesen. Tot stellen? Noch nicht, da ich ohnehin schon zur Salzsäule erstarrt bin. Näher und näher kommt das Untier, ich kann es bereits riechen. Ich möchte laut schreien, ihn erschrecken, vielleicht läuft er davon – doch ich bringe keinen Ton heraus. Drei Schritte noch, zwei, einen – Lasse ich mich fallen? Die Entscheidung wird mir abgenommen, als der Bär mich betastet. Die Pranke fällt schwer auf meine Schulter, ich verliere das Gleichgewicht, falle, liege, rolle mich auf den Bauch. Soweit konnte ich mich noch retten, der Rücken ist teilweise vom Rucksack geschützt. Die Hände unter dem Körper, den Kopf tief ins Erdreich gedrückt, warte ich atemlos. Er atmet laut, brummt. Wieder spüre ich seine Pranke die sich nun am Rucksack zu schaffen macht. Will er die Reste meiner Jause? Die hätte ich ihm auch freiwillig gegeben!

Wo wird er mich als erstes beißen? Denn dass der Bär um diese Jahreszeit noch hungrig ist, war mit Sicherheit anzunehmen. Immer noch ist er an meinem Rucksack beschäftigt, jetzt nimmt er wohl das zweite Vorderbein zu Hilfe, das ich nun auf meinem Rücken spüre. Nur gut, dass ich einen dicken Anorak anhabe, wenn ich an die Krallen denke! Jetzt lässt er sich nieder, auf mir!! Hilfe, er erdrückt mich! – schreie ich mit aller Kraft, leider ohne Stimme. Ja, der Bär lässt sich auf meinem Rücken nieder. Ich liege, er sitzt. Wie lange? Eine wohlige Ohnmacht muss mich eingelullt haben. Plötzlich gelingt es mir, mich durch eine Drehung zu befreien, einen markerschütternden Schrei auszustoßen, der den Bären so erschreckt, dass er das Weite sucht.

Schweißbedeckt stoße ich die Bettdecke, in die ich mich heillos verwickelt hatte, von mir. War ich von meinem Schrei wach geworden? Habe ich überhaupt geschrien? Ich weiß es nicht. Ich bin nur froh, dass ich allein im warmen, weichen Bett liege. 

 

ChA 02.07.18

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christa Astl).
Der Beitrag wurde von Christa Astl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Christa Astl:

cover

Heimgeschichten - Leben im Altenheim von Christa Astl



32 kurze Geschichten, denen praktische Erfahrungen zugrunde liegen, begleiten eine Frau durch ihr erstes Jahr in einem Seniorenheim.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (4)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christa Astl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

WEEKEND von Christa Astl (Lebensgeschichten & Schicksale)
Du böser, böser Junge..., Teil I. von Klaus-D. Heid (Unheimliche Geschichten)
Eine Episode aus dem Biologieunterricht von Christina Wolf (Schule)