Ali Yüce

Der hellste Fleck ist weiß

Auf dieser Seite gibt es keine Fenster. Dreizehn Etagen weiße Wand. Sie soll mit dem Sonnenstand die Farbe verändern. Ein Fotoapparat, dessen Weißabgleich nicht angepasst wird, würde es erkennen, das Gehirn begeht lieber Selbstbetrug. Es behauptet, dass der hellste Fleck, den das Auge wahrnimmt, weiß sein muss, und versucht die Wahrnehmung darauf auszurichten. Ein ständiger innerer Weißabgleich. Ja, ja, geh googeln, wenn es sein muss, ich warte solange.

Aber warum muss ich wissen, was weiß ist?

Dreizehn Etagen weiße Wand, und irgendwo zwischen der achten und neunten ein dunkler Fleck. Von hier unten ist seine Größe schwer einzuschätzen. So groß wie ein Hühnerei vielleicht. Schwarz oder braun. Ich kann es nicht erkennen. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie dort, wo nichts und niemand herankommt, ein Fleck entstanden sein sollte. Ein Vogel übersieht das weiße Hochhaus, bamm!, erst ein roter Fleck und nach drei Tagen in der Sonne ist er braun. Vielleicht. Albern.

Ich weiß, dass das auf nichts hinausläuft. Mal ehrlich, niemand zwingt Dich hierzu. Ich bin nur hier, weil ich verabredet bin. Sie hätte genau vor einer Minute auch hier sein sollen. Da hast Du angefangen, das, was immer es auch ist, zu lesen. Wäre sie pünktlich gewesen, hätte diese Geschichte mit uns beiden begonnen, also ihr und mir. Dich hatte ich gar nicht auf der Reihe.

Sie wohnt in der dritten. Als wir fünf waren, hat sie mich vom Balkon aus mit Wasserbomben beschmissen. Dumme Kuh. Heute macht sie das nicht mehr. Ich vermisse diese Zeit. Wirklich. Genau diese Zeit, als wir fünf waren. Noch nicht in der Schule, ganz viel Langeweile und den Kopf voller Scheiße. Die weiße Wand, war damals nicht weiß, sie war grau. Beton eben. Nicht hübsch aber ehrlich. Nein, das ist keine Ghetto-Romantik, Ehrlichkeit bewahrt niemanden vor einem miesen Charakter. Und Hässlichkeit lässt überhaupt nicht auf den Charakter schließen. Warum rede ich bei einem Hochhaus von Charakter? Nein, es geht mir um Schein und Scheinheil. Vielleicht wollte ich unterbewusst Chrisi beschreiben. Nicht hübsch, aber ehrlich. So ist sie aber immer noch. Kein weißer Anstrich. Sie hat es mal versucht, aber sie kann nicht aus ihrer Haut. Sie war verliebt, wollte sich für ihn ändern. Er war nicht verliebt. Irgendwann hatte sie die Schnauze voll davon, sich eleganter zu geben, als sie war. Er hat ihre Bemühungen gar nicht wahrgenommen. Auf den Schein muss erst mal jemand anspringen, Chrisi war niemals beharrlich genug.

Hast Du nichts zu tun? Merkst Du nicht, dass hier gar nichts passiert ist? Hörst Du das Bettlakengestell aus der vierten rufen? „Ayatullah!“- Nein, die ist keine Islamistin, nur doof. Sie ruft nach ihrem Sohn. Er heißt wirklich so. Ein kleiner Giftzwerg, der ins Treppenhaus scheißt. Was für einen Sohn hat sich seine Mutter wohl bei diesem Namen erhofft? Ich glaube, jedes Kind aus diesem Haus hat mal ins Treppenhaus geschissen. Als ich fünf war, gab es hier mal einen Ali, er war das genaue Gegenteil von Ayatullah. An mehr kann ich mich nicht erinnern, nur dass er Ali hieß. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Ich glaube, jeder hat einen Ali, an den er sich nicht genau erinnert. Was guckst Du mich so an? Deiner heißt bestimmt Kevin.

An Chrisi habe ich viele Erinnerungen. Nein, vergiss es, das geht Dich alles gar nicht an, immerhin geht es auch um sie. Wer sagt denn, dass ihr gefällt, dass ich Dir von uns erzähle. Warte bis sie da ist, vielleicht erzählt sie selber. Wenn sie was gekifft hat, dann ganz sicher. Aus ihrem Gekiffe hat sie nie ein Geheimnis gemacht.

Was sagt die Uhr? Drei Minuten zu spät. In zehn müsste sie da sein. Ich kenne sie gut, jedenfalls ihr Verhalten. Sie redet nicht oft über persönliche Dinge mit mir. Als ich die Uni geschmissen habe, hat sie sich einen ganzen Tag mein Geheule angehört. Ich habe sie niemals heulen sehen. Sie lacht viel. Immer fröhlich.
Keine weiße Fröhlichkeit. Eher grün. Warum grün? Grün ist gut, oder? Mann, Du bist so durchschaubar.

Nochmal die Frage: Warum muss ich wissen, was weiß ist?


Chrisi ist die einzige aus der alten Clique, die nie aufgehört hat zu Kiffen. Keine einzige Woche und vielleicht sogar keinen einzigen Tag. Sascha kokst inzwischen, Ramona ist Alkoholikerin, aber niemand kifft mehr. Chrisi ist unsere Kons-Tante. (Was, echt jetzt? Konstante, Mann! Die Geschichte ist langweilig genug, muss ich jetzt auch noch auf Wortspiele verzichten? ) Nur sie ist hier geblieben, alle anderen sind weg. Ich wohne in Marmstorf. Spießiger Ort, aber immerhin haben wir eine Half-Pipe. Und ganz viel Grün. Für meinen Kleinen ist der Ort ideal. Chrisi hat keine Kinder. Mann, sie hatte bisher noch nicht mal einen Freund. Soweit ich weiß. Aber was weiß ich schon.

Mir reicht’s. Ich geh’ mal gucken, wo sie bleibt. Probier Du mal solange was aus. Du schließt die Augen. Für eine Minute oder so. Dann machst Du sie auf und schaust die Wand an. Mit so vielen Wolken am Himmel wird sie zuerst blau sein. Du starrst solange auf die Wand, bis sie weiß ist. Mal sehen, wie lange es dauert. Und wenn ich mit Chrisi wieder da bin, kannst Du uns dann erklären, warum Du wissen musst, was weiß ist.

2017Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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