Karin Unkrig

Tage, an denen Sie alles vergessen

Céline sitzt in der Wartehalle des Flughafen Kloten. Ihre Maschine wird als verspätet gemeldet. Ihr Mann vertreibt sich die Zeit in der Raucherecke (drei Stunden Flug, ohne Glimmstängel – kaum auszumalen, wie er dies überstehen würde). Zum Zeitvertreib blättert die Psychologin in einem Fachmagazin. Bei einer dicken Schlagzeile bleibt sie hängen: «Eigentlich ist die ganze Schweiz glücklich bei der Büez[1]». «Weshalb fahre ich dann in Urlaub?», murmelt sie halblaut vor sich hin. «Sie müssen ja nicht», meint unvermittelt ihr Gegenüber, ein smarter Geschäftsmann. Outfit, Krawatte, Aktenkoffer, alles passt.

Noch bevor Céline Luft holen kann, fährt er fort: «Kaum zu glauben, ich bin jeden Tag dem Glück auf der Spur! Mein Job ist derart toll. Von 7 bis 7 schwebe ich ...» Das ungläubige Staunen, welches er auslöst, quittiert der Herr mit einem weiteren Redeschwall: «Letzthin habe ich glatt vergessen, dass Freitagabend ist. Nicht viel hätte gefehlt und ich wäre am Samstag im Büro aufgewacht. Import und Export, der Markt hat 24 Stunden, die Börse schläft nie.»

Célines kritischer Geist ist geweckt. Sie wirft ein, ob dies nicht eine Ausnahme gewesen sei. Einem Flowerlebnis oder einer bestimmten Konstellation des Biorhythmus zuzuschreiben. Ferien wären wichtig, vom Gesetz her vorgeschrieben, von den Sozialpartnern unbestritten. Man brauche die vier Wochen: zwecks Regeneration, Erholung oder Ausgleich. Was denn seine Familie dazu sage? «Okay», räumt der Anzugträger ein (mittlerweile hat sich herausgestellt, dass er soeben zum Verkaufsleiter eines Grossbetriebs befördert worden ist). «Die sähen mich gerne mehr zuhause. Ab und an ist so ein Zeitfenster ja auch ganz praktisch. Ein Tag schlafen, ein Tag Sport, zwei Tage irgendwelchen Kram erledigen und die restliche Zeit fürs Business nutzen (neue Software testen, bei der Konkurrenz recherchieren).»

«Wissen Sie», fährt er fort, «es gibt Menschen, die wollen gar nicht fort. Sie sind beruflich immer unterwegs oder mögen sich einfach nicht in ein Flugzeug, Schiff oder Wohnmobil zwängen. Andere gehen das Projekt ‹Ferien› halbherzig an: brechen später auf und kommen früher zurück. Weshalb sollte man sie zu ihrem Glück zwingen?» Céline schüttelt den Kopf. «Ich vermute, dass dahinter weniger Enthusiasmus denn Furcht vor dem Stirnrunzeln des Chefs steht (‹drei Wochen River Rafting? Mitarbeiter X ist wohl doch nicht so ambitioniert?!›).» Die junge Frau gerät in Fahrt: «Dabei würde es die Arbeitsmenge zulassen – nicht aber die Idee, entbehrlich zu sein. Was ist, wenn bei der Rückkehr ein ehrgeiziger Neuling auf meinem Stuhl sitzt? Derweil ich gerade mit Nachdenken begonnen habe: welche Bücher lesen, welche Projekte angehen, welche Leute sehen? Mich am Strand auf die Kinder eingelassen und mir abends, bei Kerzenlicht, die Vorschläge der Partnerin zur Organisation des Familienmanagements angehört habe?»

Sie holt Luft: «Lieber im klimatisierten Büro ausharren, mit Bluthochdruck und Herzbeschwerden, dafür als Held der Arbeit! Merken Sie, wie gefährlich sich dies anhört?»

Kurze Verschnaufpause, der entzugsgeplagte Gatte kommt von der Qualmpause zurück, sieht seine Frau in angeregtem Gespräch, checkt die Anzeigetafel und begibt sich zur Imbissecke.

Der Verkaufsleiter stellt sich mit «Rufus Hartmann» vor. Er wartet gleich mit einem neuen Argument auf: «Verordnete Absenz ist in Zeiten der Dreischichten-Produktion passé! Weshalb entfallen vielerorts die offiziellen Betriebsferien? Weil der Rubel rollen muss …» «…und so manchen überfährt…», unterbricht ihn seine Gesprächspartnerin. «Woher wissen Sie, ob nicht einige den offiziellen Stopps nachtrauern? Nicht die Ewiggestrigen, sondern Angestellte, welche drei Wochen frei hatten. Voraussehbar, am Stück, abgestimmt auf den Urlaub der Familie. Die Aufbruchstimmung vorher und den gemeinsame Wiedereinstieg mit ihren Kollegen teilen konnten.

Hartmann nimmt den Strohhut ab, wischt sich den Schweiss von der Stirn. «Jetzt kommen sie mir gleich mit der Bedeutung kollektiver Rituale! Mal ehrlich: Urlaub heisst Vorbereitung, Packstress, Ausnahmezustand. Genervte Erwachsene, quengelnde Kids, unruhige Haustiere. Zurück von der Insel warten ein voller Briefkasten, ausgetrocknete Pflanzen, unsortierte Fotoaufnahmen und eine Mailflut. Was soll daran attraktiv sein? Weshalb überhaupt in die Ferne schweifen? Einen Sonnenbrand hole ich mir locker im Schwimmbad, für den Small Talk tut´s ein Kurzsabbatical (7 Tage, 5000 Euro, Ayurveda inklusive), für den Ehefrieden ein Wochenende in Paris. Zum gelegentlichen Auftanken reicht das Powernapping im Büro, für Abwechslung sorgt der Schlagabtausch mit einer unverbesserlichen Idealistin.»

«Warum sind Sie eigentlich hier?» entschlüpft es Céline. «Das frage ich mich auch», entgegnet die Flughafenbekanntschaft augenzwinkernd. «Unfreiwilliger Zwischenhalt. Gleich beginnt die Konferenz in London, meine Fluggesellschaft hat mich versetzt! Nun also Stippvisite in Zürich, mal sehen, unter welcher Kategorie ich dies verbuche ». Er trollt er sich von dannen, den Trolley schlenkernd hinter sich her ziehend.

Die Psychologin begibt sich zur Terminal-Bar: «Espresso, doppelt, schwarz». Ihr Mann scheint sichtlich genervt: «Sympathisch, wenn DELAYED zu einer unverhofften Begegnungen führt. Dennoch: Die professionelle Offenheit für alles und jeden könntest du für einmal canceln.» Er hat Recht. Vorerst will sie jedoch nur eins: abheben! Der First Call läuft bereits.

 

 

[1] Schweizerdeutsch für «Arbeit»

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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