Andreas Vierk

Inka und Heinrich

 

Als ich sie kennenlernte war Inka Hellthaler eine Frau Mitte dreißig. Obwohl sie sich immer ein Kind gewünscht hatte, ließ sie sich schon als junge Frau auf Wunsch eines ihrer Lebensgefährten sterilisieren – ein Schritt, den sie ihr ganzes Leben lang bereuen sollte. Beruflich erreichte sie ihr Wunschziel, Floristin zu werden. Sie war selbständig und führe ihren kleinen Blumenladen mit zwei Angestellten. Mit der Zeit wurde sie allerdings nervenkrank, und musste ihr Geschäft schließlich als schizophrene Alkoholikerin aufgeben. Als ich mich in den Neunzigern mit ihr anfreundete, erzählte sie bereits allen, sie hätte sowohl mit Gott, als auch mit dem Satan gesprochen, die ihr beide aus der Bodenvase geantwortet hätten. Sie wäre von einem der beiden schwanger und hätte nach der Geburt des Kindes vor, dieses und sich selbst zum Opfer darzubringen. Einmal klagte sie mir gegenüber, sie wäre die einzige Normale, die ganze Welt wäre hingegen völlig verrückt. Mir lief damals ein Schauer über, als ich ihr in die Augen sah, die ganz plötzlich etwas Verdrehtes und Flackerndes hatten.

Allerdings hatte auch Inka – wie jeder Schizophrene – ihre normalen Phasen, in denen sie sich völlig vernünftig verhielt, die jedoch zunehmend seltener und kürzer wurden. Es war in der Zeit eines dieser Zwischenphasen, als sie mich anrief, weil sie sich Sorgen um ihre Mutter machte, die in einem entfernten Stadtteil lebte und sich seit einiger Zeit nicht mehr gemeldet hatte. Voller böser Vorahnungen fuhren Inka und ich dorthin. Inka hatte einen Schlüssel zur Wohnung und bat mich, zunächst im Treppenflur zu warten. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann fiel sie mir brüllend in die Arme. Sie machte mir deutlich, dass ihrer Mutter etwas zugestoßen war, und zog mich am Arm in die Wohnung. Ich erwartete ernsthaft, ihre Mutter am Strick baumeln zu sehen. Die Realität war lediglich für mich nicht ganz so schlimm. Frau Hellthaler hatte sich in der Badewanne die Pulsadern geöffnet und lag bereits in ihrem eigenen Blut. Natürlich sah ich mir das nicht an, ging ins Wohnzimmer und rief Feuerwehr und Rettungswagen an. Die schreiende Frau an meiner Seite, versuchte ich die Situation zu schildern. Seit den belustigten Fragen, was die Mutter nun hätte – Nasenbluten vielleicht –, kann ich die Leute von der Notfallrettung nicht mehr leiden. Dennoch gelang es mir, sie zu uns her zu expedieren. Sie kamen eine gute Stunde später, um die Leiche in Zellophan zu hüllen und abzutransportieren. Noch an der Tür wurde ich angeblafft, den nächsten Rettungseinsatz würde ich selber bezahlen müssen. Eine einfühlsame Polizistin blieb noch etwa eine Stunde bei uns. Erst während des Gespräches fand ich ein Zettelchen, ein Schnipsel nur, auf dem Esstisch liegen. „Verzeiht mir, ihr lieben Kinder“ stand darauf zu lesen.

 

Im Nachhinein sehe ich es als schweren Fehler an, und schäme mich, Inka mit Heinrich Michaelis bekannt gemacht zu haben. Ich kannte ihn noch aus meiner Lehrzeit als Maschinenschlosser. Er half im Betrieb nur aus, war aber äußerst arbeitsam und liebenswert zu allen Kollegen, so dass man ihn als eine Art Vorarbeiter für uns Lehrlinge beschäftigt hatte, der unsere gewöhnlichen Tätigkeiten begleiten sollte. Ich hatte mich schnell mit ihm angefreundet, da zuerst nur seine helle Seite für mich sichtbar war. Heinrich gehörte der Sekte der Siebenten-Tags-Adventisten an. Diese Freikirche wurde im 19. Jahrhundert in den USA gegründet. Ihre Leute erwarteten damals, um 1844, die unmittelbare Wiederkunft Christi, deren Ausbleiben sie zunächst in eine schwere Krise stürzte. Eine „Prophetin“ wies allerdings aus der Bibel nach, Jesus wäre zu der erwarteten Zeit nicht auf der Erde, sondern in einem himmlichen Tempel erschienen. Sie selbst würden nach einer längeren Zeitspanne auf einer neuen Erde wiedergeboren werden. Heinrich wollte auch mich in seine Religionsgemeinschaft einführen, was ihm teilweise sogar gelang, da ich dort meine erste Freundin Anja kennenlernte – ein Spagat zwischen Liebe und Bibelstunden, der schwer auszuhalten war und schließlich zum Bruch zwischen Anja und mir führen musste. Immerhin konnte ich Heinrichs Sekte so auch von innen sehen. Die Adventisten sind in der Mehrzahl Veganer und trugen diesen Begriff schon im Schild, bevor er allgemein populär wurde. Sie sehen sich inzwischen nicht mehr als christlich, sondern vielmehr als biblisch an. Das ist ihre Eigenwahrnehmung. Ich habe ihre Theologie hingegen als eine Mischung aus Hexenglauben und den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in Erinnerung. Wurde einer von ihnen krank, so sagten sie, er würde von Gott für die okultistischen Machenschaften eines Vorfahren bestraft. Auch bereits in der evangelischen oder katholischen Kirche Getaufte mussten sich bei Übertritt zu den Adventisten einer Erwachsenentaufe unterziehen, ohne die man nicht auf die neue Erde gelangen konnte, sondern von Gott hingerichtet würde. Ich traf unter ihnen eine Frau, deren zwei kleine Kinder unabhängig von einander gestorben waren, und der man, statt sie über ihr schweres, trauriges Schicksal hinweg zu trösten, noch einschärfte, ihre Kinder wären den zweiten, endgültigen Tod gestorben. Sie selbst würde sie auch auf der neuen Erde nicht mehr antreffen können.

Ich war zu dieser Zeit noch mit der erwähnten Freundin Anja zusammen, war von all dem gleichermaßen fasziniert und abgestoßen, als ich Heinrich und Inka miteinander bekannt machte. Heinrich war innerhalb der Adventisten als Hardliner bekannt, hatte seine menschliche und freundschaftliche Seite jedoch keineswegs abgelegt. Damals half er mir mit anderen seiner Gemeinschaft, meine Wohnung zu renovieren. Seine ständigen Mahnungen, ich sollte meine Bücher im Hof verbrennen, da sie von den Indern bis zu den Zeitgenossen allesamt von Satanisten verfasst wären, wurden mir zwar zunehmend lästiger, aber die Renovierungsarbeiten waren ein reiner Freundschaftsdienst. Ich erinnere mich, dass, als wir in einem Baumarkt Wandfarbe gekauft hatten, Heinrich die Kassiererin anging, ihre Fingerringe seien doch Sklavensymbole und daher unverzüglich abzulegen. Die Kassiererin drohte mit der Polizei, und ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken.

Unter Heinrichs Bibelstunden wurde Inka zunehmend nervöser, unsicherer und ängstlicher. Ich musste, wenn Heinrich fort war, vieles wieder zurückrudern, obwohl ich kein guter Psychologe bin, und meine Freundin Anja zu dieser Zeit Druck machte, ich solle doch endlich übertreten. Sie drohte mir mit dem Ende unserer Beziehung – eine Beziehung, die uns beiden von Heinrich zum Vorwurf gemacht wurde, da doch selbst das Küssen vor der Ehe bei den Adventisten verpönt war. So war ich selbst in einer schwierigen Situation, als ich Inka irgendwie beruhigen musste. Auch dies wurde mir, als Heinrich Wind davon bekam, zum Vorwurf gemacht, da ich damit Heinrichs Missionierungsversuche ausbremste. Allerdings machte die alkohol- und tablettensüchtige Inka nicht den Anschein, als würde sie sich den Adventisten anschließen wollen, die die sofortige und komplette Drogenabstinenz zur Bedingung machten.

Der Bruch mit meiner Freundin führte letztendlich dazu, dass mir sowohl Heinrich, als auch Inka entfremdet wurden. Ich verlor sie alle aus den Augen, Inka und Anja ganz und Heinrich teilweise. Aber auch mit ihm dünnte der Kontakt mehr und mehr aus.

 

Ich lebte längst woanders, als mich Heinrich eines Tages anrief und mir vom Tod Inkas erzählte. Auch zwischen diesen beiden hatte längst nur noch sporadischer Kontakt bestanden. Inka war natürlich keine Adventistin geworden. Sie hatte einen neuen Lebensgefährten gefunden, der es geschafft hatte, sie von ihren Süchten zu befreien, sowie ihre Schizophrenie besser in den Griff zu bekommen. Die beiden – so erzählte mir Heinrich am Telefon – wären zwar nicht mehr zusammen, Inka wäre allerdings auf dem Weg zur Gesundung gewesen, als sie einen simplen Haushaltsunfall erlitt und kurze Zeit später an den Verletzungen starb. Ich erfuhr von Heinrich, dass Inkas Bruder, der sich auch zeitlebens um sie gekümmert hatte, uns zur Beerdigungsfeier eingeladen hatte.

Ich traf mich mit Heinrich vor dem Tor des weitläufigen Friedhofs, und wir gingen zusammen zur Kapelle. Währenddessen erzählte mir Heinrich eine Geschichte, die er aus Inkas Mund gehört haben wollte. Inka hätte in der Zeit, als sie noch ihr Blumengeschäft führte, von der Schwangerschaft einer Kollegin erfahren, und um deren Ausfall gefürchtet. Sie hätte die Kollegin damals mit einem Hexenfluch belegt, den sie in der evangelischen Kirche gelernt hätte, und so eine Fehlgeburt herbeigeführt. Als mir Heinrich diese Geschichte im Brustton der Überzeugung erzählte, hätte ich ihn am liebsten verprügelt. Ich schwieg aber verbissen, und schließlich langten wir vor der Kapelle an.

Inkas Bruder Bodo war ein nüchterner Mensch und Familienvater, stand mit beiden Beinen im Leben und leitete ein kleines Möbelgeschäft. Nur der traurige Anlass hielt mich davon ab, mich mit ihm über meine Liebe zu Designermöbeln auszutauschen. Es stellte sich heraus, dass Inka kaum noch Bekannte gehabt hatte. Wir waren insgesamt nur vielleicht zehn Leute. Bodo machte seine Sache gut. Er hielt selbst die Trauerrede, beschönigte nichts an Inkas Leben, hob aber ihre Vorzüge, ihre Herzlichkeit und Offenheit, hervor. Obwohl seine Stimme mehrmals stockte und er sichtbar mit den Tränen kämpfte, hielt er doch an sich. Ich hatte großes Mitleid aber auch Hochachtung für ihn. Es folgte der Urnengang und anschließend das obligatorische Essen. Wir waren zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Der Veganer Heinrich enthielt sich natürlich der Speisen und Getränke. Bodo ließ Fotos seiner Schwester herumgehen, auf denen manchmal auch ich zu sehen war. Es stellte sich auch heraus, dass sich Bodo gut an mich erinnern, mit Heinrich allerdings kaum etwas anfangen konnte. Irgendwie musste Heinrich doch aber den Tod Inkas in Erfahrung gebracht haben. Über wen kam er in die Trauergemeinschaft? Ich weiß es bis heute nicht. Ich staunte nur, dass Heinrich so lange in dieser Gemeinschaft sitzen blieb, obwohl er sich doch unter Heiden und Satanisten fühlen musste. Als zuletzt belegte Brote gereicht wurden, tat sich Heinrich an den trockenen Kanten gütlich. Schließlich wurde es auch mir zuviel, und ich fragte Heinrich, wann wir denn nun gehen wollten.

„Geh ruhig schon.“, sagte er, „Ich werde noch ein bisschen bleiben.“

Ich starrte ihn an und entschloss mich dann, ebenfalls noch auszuharren. Dann ging mir plötzlich ein Licht auf.

„Sag mal“, flüsterte ich Heinrich ins Ohr, „du willst doch nicht etwa Bodo erzählen, seine Schwester wäre eine Hexe gewesen, die Totgeburten auslösen kann? Bist du denn wahnsinnig? Er hat seine Schwester eben erst unter die Erde gebracht!“

Heinrich grinste nur und war offensichtlich nicht von seinem Vorhaben abzubringen. So stand ich denn auf, drückte Bodo herzlich die Hand und verabschiedete mich, nicht ohne ihn vor Heinrich zu warnen. Aber er winkte nur ab. So ging ich allein nach Hause.

Etwas später erfuhr ich von Bekannten, Heinrich hätte geheiratet und wäre im Begriff, mit seiner Frau nach Meklenburg-Vorpommern zu ziehen.

 

Vor Kurzem hatte ich einen epileptischen Anfall erlitten und musste zwei Wochen in einem Krankenhaus verbringen. Einer Freundin hatte ich meine Schlüssel gegeben, damit sie meine Kleidung austauschen und nach der Post sehen konnte.

„Dieses kleine Päckchen hier war in deinem Briefkasten.“, sagte sie, als wir meine Sachen in den Schrank räumten. „Da steht jedenfalls dein Name und deine Adresse drauf.“

Etwas skeptisch riss ich das Geschenkpapier auf. Es war eine Tafel Schokolade darin. Auf der Pappe standen liebe Grußworte von Heinrich. Ich freute mich sehr darüber. Heinrich konnte nicht wissen, dass ich gesundheitlich angeschlagen war. Er hatte keine Telefonnummer hinterlassen, so dass es mir nicht möglich war, ihm zu danken. Heinrich, der Veganer, hatte mir diese Tafel aus der Schweiz gesandt, wo er auf Hochzeitsreise war. – Er wusste noch von früher, wie sehr ich diese Schokolade liebte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Andreas Vierk:

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Septemberstrand: Gedichte Taschenbuch von Andreas Vierk



Andreas Vierk schreibt seit seinem zehnten Lebensjahr Prosa und Lyrik. Er verfasste die meisten der Gedichte des „Septemberstrands“ in den Jahren 2013 und 2014.

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