Heinz-Walter Hoetter

Der Zauberer

Es war einmal ein armer Handwerksmann, der zwar sehr fleißig war, aber trotzdem in seinem Leben nicht so richtig vorwärts kam.

Als er eines Tages nach einem langen und harten Arbeitstag wieder einmal auf dem Weg nach Hause war, begegnete er einem bärtigen, alten Bettler, der auf dem harten Boden einer Steintreppe saß und ihn um etwas Geld bat, weil er Hunger hatte.

Da der Handwerksmann ein gutes Herz besaß, blieb er stehen, zog seine Geldbörse hervor und warf dem alten Mann einen Groschen in den verdreckten Filzhut, der zu seinen Füßen lag. Der Bettler hob sogleich den Hut auf, schaute hinein, nahm die Münze heraus und bedankte sich freundlich dafür.

"Du gabst mir einen Groschen. Das ist sehr großzügig von dir, obwohl du doch selbst nicht viel hast. Also höre mir gut zu, was ich dir jetzt zu sagen habe, auch wenn es ein wenig merkwürdig für dich klingen mag. Ich bin in Wirklichkeit ein Zauberer und möchte jedem, der gut zu mir war, drei Wünsche erfüllen", sagte der Alte plötzlich mit leiser aber deutlicher Stimme zu dem völlig verblüfften Handwerker, der gerade wieder gehen wollte.

Ungläubig starrte dieser den Alten jetzt an und erwiderte mitleidig: "Ich habe also drei Wünsche frei, nur weil ich dir einen Groschen in den Hut geworfen habe? Und ein Zauberer willst du obendrein auch noch sein? Das gibt es doch nur in schönen Märchen. Ich glaube aber nicht an Märchen. Die sind doch nur etwas für Kinder, weil die an alles glauben, was man ihnen erzählt."

"Probiere es doch einfach mal aus! Ehrlich, ich lüge dich nicht an. Sag' mir einfach deine drei Wünsche, und ich werde sie für dich wahr werden lassen."

"Jetzt höre mir mal gut zu, alter Mann! Ich habe dir einen Groschen in den Hut geworfen, damit du dir davon etwas zu essen kaufen kannst. Und was ist der Dank dafür? Du gibst dich als Zauberer aus, der mir drei Wünsche erfüllen möchte. Nun, wenn ich darauf wirklich eingehen würde, dann mache ich mich doch nur selbst zum Narren. Versteh' doch! Nein, ich mache dieses verrückte Spielchen nicht mit. Ich arbeite jeden Tag lange und hart, um für meine Familie und mich das tägliche Brot zu verdienen. Da gibt es keinen Spielraum für Zauberei oder ähnlichen Firlefanz. Für deinen Hokuspokus kann ich mich nicht begeistern. So, damit habe ich alles gesagt. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag, aber lass' mich mit diesem Unfug bitte in Ruhe."

Nach diesen Worten ging der Handwerksmann etwas erbost weiter und ließ den alten Bettler allein auf der Steintreppe zurück, der traurig den Kopf schüttelte.

"So sind die Menschen eben. Sie glauben nicht daran, dass es noch Wunder gibt. Auch dieser Handwerksmann nicht. Er hat ein hartes Schicksal, das sein ganzes Leben bestimmt. Er hätte es ändern können. Leider verhalten sich viele Menschen so wie er. Sie glauben einfach nicht mehr an uns Zauberer, die über geheimnisvolle Kräfte verfügen. Es gab mal eine Zeit, da standen wir hoch im Kurs. Aber das ist schon lange her. Schade, ich hätte ihm so gerne geholfen und jeden seiner drei Wünsche erfüllt."

Eine Weile saß der alte Bettler mit dem langen Bart tief in Gedanken versunken noch so da, stand schließlich auf, nahm den Hut vom Boden, schwenkte ihn dreimal hin und her und war plötzlich von einer Sekunde auf die andere verschwunden.



ENDE



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