Heinz-Walter Hoetter

Der nächtliche Besucher

Draußen war es stockdunkel. Ein heftiges Gewitter zog auf. Ich lag im Bett und beobachtete das Flackern der hellen Blitze durch die Ritzen der halb geschlossenen Fensterläden. Ich konnte nicht einschlafen und nach einer Weile stand ich auf, ging durchs Zimmer und öffnete einen Fensterflügel. Ein dröhnender Donner ließ das Haus erbeben. Reflexartig zuckte ich zusammen. Der Regen setzte ein und prasselte wie ein ohrenbetäubender Trommelwirbel aufs Dach.

 

Schließlich ging ich zur Tür, machte sie auf und überquerte den Flur, und da stand sie mitten im Raum – eine reglos dastehende Gestalt in einem eng anliegenden Raumanzug. Dunkelheit umhüllte uns beide, sekundenlang nur vom schwachen Licht sporadisch zuckender Blitze erhellt. Undeutlich wie einen verwischten Fleck sah ich ein altes, grauweißes Gesicht durch das offene Visier des Druckhelmes schimmern, als der unbekannte Fremde sich mir zuwandte und langsam näher kam.

 

Ich erschrak bis ins Knochenmark und bekam es mit der Angst zu tun. Einen absurden Moment lang glaubte ich mich in einen dieser altmodischen Science Fiktion Filme versetzt, wo Menschen von außerirdischen Monstern besucht werden. Aber vielleicht spielte mir die Phantasie einen Streich, die mir die Gegenwart eines Besuchers aus dem All nur vorgaukelte.

 

War ich nur in einem bösen Wachtraum gefangen? Ich konnte diese Frage im Augenblick selbst nicht beantworten, weil mir schwindelig wurde.

 

Ich streckte den Arm aus und tastete an der Wand nach dem Schalter, bis mir einfiel, dass dieser sich ja auf der anderen Seite des Zimmers befand. Der Tisch stand mir im Weg, und ich stolperte fast über einen Sessel, als ich wie blind hinüber tappte.

 

Endlich..., der Türrahmen! Aber wo war bloß der Schalter? Ich fingerte mit der linken Hand hastig an der tapezierten Wand auf und ab.

 

Klick.

 

Die Lichter des vierarmigen Deckenleuchters erhellten schlagartig den Raum. Niemand war da. Ich wirbelte herum, weil ich dachte, die Gestalt sei eventuell hinter mich geschlichen, um sich mit mir einen dummen Streich zu erlauben.

 

Sekunden vorher hatte ich sie noch gesehen, doch jetzt war sie verschwunden. Ich eilte in Panik zum Fenster und stieß es auf. Ich schnappte gierig nach der frischen Luft, wie jemand, der am Ertrinken war. Der warme Regen spritzte herein und klatschte mir ins Gesicht.

 

Ich begann, an meinen Verstand zu zweifeln, doch dann siegte die Vernunft. Nein und nochmals nein, ich glaubte verdammt noch mal nicht an Geister oder außerirdische Wesen, die sich in fremde Leute Häuser schleichen, um diese durch ihre plötzliche Gegenwart zu erschrecken.

 

Erregt und ohne auf den Regen zu achten, beugte ich mich noch weiter aus dem Fenster. Irgendetwas stimmte mit mir auf einmal nicht. Mir wurde kotzübel.

 

Ich fühlte plötzlich einen kalten Hauch im Nacken, der mich erschaudern ließ und mein Bewusstsein trübte. Es dauerte einige Sekunden, bis ich wieder zu einem vernünftigen Handeln fähig war. Ich schloss hastig das Fenster, zog den Vorhang zu und verließ das Wohnzimmer. Als ich den Flur betrat, kam ich zufällig am Garderobenspiegel vorbei und sah hinein.

 

Erstarrt blieb ich stehen, denn ich hatte mich verändert.

 

Ungläubig schweigend betrachtete ich mein menschliches Gesicht, das mir aus dem offenen Visier meines Druckhelmes schwach entgegen schimmerte.

 

Ich schloss für einen Moment die Augen und kämpfte mit den Tränen. Ich hatte mir eigentlich eingebildet, nicht leiden zu können – aber diesmal wäre ich beinahe drauf gegangen, weil der Körper des DANWIL vom Planeten SCYSER II plötzlich und unerwartet zu altern begann, wobei dieser Vorgang höllische Schmerzen verursachte und langsam in sich zusammenfiel, wie ein Ballon, der seine Luft verlor. Er hätte eigentlich wesentlich älter als dreihundert Jahre alt werden sollen, denn ein DANWIL wird normalerweise doppelt so alt. Irgendwas muss da schiefgegangen sein.

 

Zum Glück war ich mit meinem Raumschiff zufällig in der Nähe dieses Planeten, den seine intelligenten Bewohner ERDE nennen. Ich erzeugte ein künstliches Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen, materialisierte in diesem Haus und wechselte hinüber in den noch ziemlich jungen Körper dieser männlichen Kreatur, in dessen Gesicht ich jetzt sah. Die ausgetrocknete Körperhülle des DANWIL lag einsam und verlassen am geschlossenen Wohnzimmerfenster.

 

Ich muss zugeben, dass sich der neue Körper nicht schlecht anfühlt. Mein intelligenter Raumanzug wird ihn hoffentlich lange genug am Leben erhalten können, bis ich auf meine weite Reise durchs All auf eine andere intelligente Rasse stoße, die über einen Körper verfügt, der eine höhere Lebenserwartung hat, als die des Menschen.

 

***

 

Ich konzentrierte mich auf die Eingabe meiner Transportkoordinaten für den Transmitter meines Raumschiffes und ließ mich an Bord beamen. Etwas später erreichte ich die Steuerkanzel meines Schiffes, ließ mich im Kompensationssitz automatisch festzurren und gab am Sensor gesteuerten Schaltpult die Startsequenz für den Lichtantrieb ein.

 

Als mein gewaltiger Kugelraumer zum Hypersprung ansetzte und in die unendliche Weite des Alls hinausschoss, sah ich noch ein letztes Mal die Erde des Menschen, die für wenige Zeitquanten wie eine blaue Murmel auf meinem Bordmonitor hell aufleuchtete, bis sie im flimmernden Hintergrund eines Sternen übersäten Universums verschwand und bald nicht mehr zu sehen war.

 

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Adina - Mein Freund, der Baum von Margit Marion Mädel



Diese Geschichte erzählt von einem kleinem Mädchen, welches durch ihre Ängste eine ganze Stadt bewegen kann, um Schäden an der Natur, die von Menschen verursacht wurden, wieder gut zu machen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Bruno und Karla auf gefährliche Entdeckungsreise von Heinz-Walter Hoetter (Tiergeschichten)
Gläserrücken von Katja Ruhland (Unheimliche Geschichten)
Gedanken nach einem Erlebnis von Margit Farwig (Tiergeschichten)