Ali Yüce

Selim im Beton: Teil 1

Nicht vor dem Verkehr da draußen zum Schlafen zu kommen, bedeutete für Selim, die ganze Nacht wach zu bleiben. Es war nur eine zweispurige Straße, auf der man hinten bei der Schule sogar nur dreißig fahren durfte, aber, Herrgott, eine Autobahn hätte nicht lauter sein können. Lastwagen, Busse und Motorräder, die wie altersschwache Traktoren tuckerten und wie kastrierte Wölfe jaulten. Ab vier Uhr früh bis zwei Uhr nachts; und dazwischen alle zwanzig Minuten ein Nachtbus. Im Winter war das nicht so schlimm wie im Sommer, wenn bei geschlossenem Fenster vor Hitze nicht an Schlaf zu denken war. Aber es war nicht das Schlimmste. Selim wohnte seit sechs Jahren in dieser Wohnung, seine Ohren hatten sich an den Lärm gewöhnt. Nur wenn das Getöse der Straße verstummte, fiel ihm erst auf, wie laut es vorher gewesen war. Und dann, ja, dann ging es erst richtig los, dann hörte er nämlich plötzlich die leisen Dinge, und mit denen hatte sein Ohr Probleme, die konnte es nicht überhören.

Er war vor einem Moment noch so kurz davor gewesen, in süßen Schlummer zu fallen, da hatte ihn etwas Hässliches aufgescheucht. Selims Schlafzimmer grenzte an das Klo, und das Klo war mit einem Luftschacht mit allen Klos darüber und darunter verbunden. Was ihn geweckt hatte, war ein lauter, feuchter Furz gewesen. Als er aufgeschreckt war, hatte er geglaubt, er wäre es selber gewesen, sein Bauch fühlte sich zumindest prall genug an, aber kurz darauf tönte es wieder stotternd wie aus einem Gewehrlauf durch die Wand. Die Verdauung ist im Arsch, dachte Selim und drückte sich das Kissen auf beide Ohren. Du weißt, dass das nur der Opener war. Ja, das weiß ich. Gleich betätigt er seine Al-Bundy-Spülung. Und das tat er. Der Furz war ihm nicht unbekannt, er gehörte Schorsch aus dem Sechsten, und die Spülung hörte Selim sogar durchs Kissen. Was soll der arme Mann machen? Seit seine Frau geflüchtet ist, isst er nur noch Peperoni-Pizzen von Joey’s. Sein Arsch brennt grad sicher wie hölle. Und wieder ratterte es laut durch die Wände und auch durch das Kissen.

Wenn ich Glück habe, schlafe ich ein, bevor Gerd mit dem Husten anfängt, dachte Selim. Natürlich hatte er kein Glück. Niemand war schneller als Gerds Raucherlunge. Und niemand war lauter. Aber sein Husten war nichts gegen sein Niesen. Gerd gehörte zu den Menschen, deren Niesen man vom Husten nicht unterscheiden konnte. Nur nur die Lautstärke war anders. War das ein Erdbeben? Nein, das war Gerd. Wenn er niest, wackeln die Wände. Aber Gerd nieste nicht. Irgendwie verspürte Selim keine Dankbarkeit. Er drehte sich auf dem Bett um und sah aus dem Fenster. Rauchschwaden zogen außen an der Scheibe vorbei, sie kamen von rechts, wo Gerd wohnte. Wo er auf dem Balkon stand und rauchte. Und hustete.

Die Uhr auf Selims Schreibtisch zeigt im grellem Rot die Zahlen 0234. Selim wunderte sich, als würde die Uhr das zum ersten Mal machen. Zwei drei vier. Und als sie plötzlich 0235 zeigte, war er seltsam enttäuscht. Er drehte sich auf den Bauch und hörte, wie Gerd die Balkontür schloss. Hoffnung, dachte Selim. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ruckartig zog er die Bettdecke über den Kopf. - ...Ein Nachbar fällt ausm Fenster, zwei Nachbarn falln ausm Fenster, vier Nachbarn falln ausm Fenster und ein Omnibus hinterher... Fünf...

Platsch. Selim stöhnte.

„Welcher Wichser war das?“ kreischte jemand unten vorm Fenster.

Ich weiß es, ich weiß es, dachte Selim in zynischer Jubellaune.

„Zeig dich, du feiges Schwein!“

Selim schleuderte die Decke in einem weiten Bogen von sich, wackelte fröstelnd zum Fenster und machte es auf. Mit den Ellenbogen auf der Fensterbank und den Handflächen an den Wangen beugte er sich hinaus.

„Warst du das, Arschloch?“ brüllte eine von oben bis unten durchnässte Gossentussi breitbeinig zu Selim hoch. Der schüttelte den Kopf: “Nein, Schlampe. Der hier.“ Er zeigte verschmitzt zum Balkon links über ihm.


Sie stutzte, als wüsste sie nicht, wie ernst sie Selim nehmen sollte. Dann schien sie es drauf ankommen lassen zu wollen und brüllte zum Balkon hoch: „Zeig dich, du gottverdammter, feiger Sohn einer dreckigen Hure!“

„Niemand nennt meine Mama eine Hure“, quiekte es von oben.

Hah! Selim hatte es gewusst, der bartlose Bengel aus dem Fünften. Selim hasste ihn. Neuerdings fand das Biest es cool, Wasserbomben aus Alditüten nach Leuten zu werfen. Aber noch letztes Jahr hatte er einen Einkaufswagen aus dem Balkon geschmissen. Einen verdammten Einkaufswagen! Selim mochte gar nicht daran denken, was alles hätte passieren können. Dieser junge war ein Psychopath, es war ganz gut, dass ihm jemand mal die Meinung sagte. Oh, und genau das tat das kleine Mannsweib da unten. Oh ja, das tat sie. Als Selim grinsend das Fenster schloss, war sie in voller Fahrt. Und dann machte das Gör auf dem Balkon einen großen Fehler: er warf eine weitere Wasserbombe. Selim konnte noch sehen, wie die Tussi wutentbrannt zum Hauseingang rannte. Der war natürlich zu, aber Selim fühlte sich Gentleman genug, um zur Wohnungstür zu tänzeln und der Dame per Knopfdruck Einlass zu gewähren. „Willkommen, du feuchte Maus. Zeig ihm, wer der Mann im Hause ist“, flüsterte er durch die Sprechanlage.

„Fick dich“, keifte sie zurück, und auch wenn zu dem Zeitpunkt jemand im Haus noch schlief, eine Minute später schlief niemand mehr.

Selim exte als Schlafmittel ein Bier, rülpste, legte Biohazard in den CD-Player ein, stellte die Lautstärke gerade so hoch, dass das Gebrüll draußen nur noch als kaum wahrnehmbare Geräuschkulisse zu der Musik zu hören war. Bei lauter, aggressiver Musik einzuschlafen, war seine Spezialität; und auch wenn ihm sonst alles den Schlaf versauen mochte, Brooklyn-Hardcore hatte ihn immer eingelullt. Früher, als er noch öfter im Kaiserkeller war, hatte er dort mehr Zeit mit Schnarchen als mit Tanzen verbracht. Nicht einmal der dröhnende Bass, der alle Härchen am Körper zum Vibrieren brachte, hatte ihn wach halten können. Und, oh Wunder, es funtktionierte; Selim hörte gerade noch das Ende des ersten Songs, als er lächelnd wegdöste. Irgend etwas mit: we will never found it if we’re boiling in sin.

What made us tiiiiiiiiiiiiiick?!

Er hatte es schon etwas länger klingeln hören, aber er hatte sich eingeredet, es wäre nicht die Klingel seiner Wohnung gewesen, und irgendwie hatte er es geschafft, nicht ganz wach zu werden. Aber dieses donnernde Klopfen an der Tür machte ihn wahnsinnig und er meinte, Gift kotzen zu müssen.

What made us tiiiiiiiiiiiiiick! Ja, Mann! New-York-Hardcore ist gute Hintergrundmusik für Massaker. Er zog sich mit entschlossenen Bewegungen seine Jeans an. Während er zur Tür ging, riss er weit den Mund auf und tat so, als würde den Song mitsingen, dabei spielte er Luftgitarre auf dem nackten, haarigen Bauchnabel. Während eines kurzen Blicks in den Spiegel sah er vom Kissen zerwühlte Haare und dunkelumringte Augen. Gut, dachte er, ein perfektes Bild, um einen nächtlichen Türklopfer mit reichlich schlechtem Gewissen zu versorgen. Er öffnete die Tür.

„Schorsch, alter Knabe.“ Selim lächelte beherrscht. „Was kann ich für dich tun? Kurz vor drei. Nachts. Wo alle schlafen sollten. Hast du Bauchschmerzen?“

„Tu mal nicht so, Kanake. Als könnte bei dem Krach jemand schlafen.“

„Was?“

„Deine scheiß Musik meine ich. Ich habe die Bullen gerufen, also mach leiser.“

Ja, kein Problem, ich mach sie aus, wollte Selim sagen, aber dann wiederholte er im Kopf noch einmal, was er eben gehört hatte. „Habe ich das richtig verstanden, du hast die Bullen gerufen, weil die Musik zu laut ist?“

„Ja, Ka-na-ke!“


„Ich dachte, das macht man umgekehrt. Du weißt schon, man geht hin, bittet, dass die Musik leiser gemacht wird, und wenn das Arschloch sie nicht leiser macht, dann ruft man vielleicht die Bullen.“

„Dann mach sie endlich leiser, Arschloch, sonst...“

„Sonst was?“ höhnte Selim.

„Warte nur ab, die werden dir schon zeigen, wie der Hase läuft.“

Selim beobachtete mit leicht verwirrtem Gesicht, wie Schorsch mit zusammengekniffenen Arschbacken die Treppe hochdackelte.

Die Polizei kam tatsächlich einige Minuten später. Selim lauschte noch der Musik und wippte so konzentriert mit dem Kopf mit, dass er wieder erst das Klopfen hörte.

Ein gro0ßer Mann und eine blonde Frau standen vor der Tür. Beide natürlich in Uniform.

„Guten Abend, Herr To...pal...ogg...lu?“ sprach der Mann.

„Guten Morgen, Herr Po...li...zei...be...amter“, spottete Selim.

„Kein Grund für Albernheiten, ich kann Ihren Namen nun mal nicht aussprechen. Ihre Nachbarn haben sich über laute Musik beschwert.“

„Ja, Schorsch war schon hier.“

„Dann drehen Sie die Musik doch bitte auf Zimmerlautstärke, damit die Nachbarn schlafen können.“

„Meinen Sie die Musik?“ fragte Selim und deutete mit dem Daumen über die Schulter in die Wohnung. Aus dem Schlafzimmer waren leise und gedämpft einige aggressive Rockakkorde zu hören.

„Biohazard“, bemerkte die Polizistin anerkennend.

Ihr Kollege schien sie nicht zu hören. „Na, dann scheint es keine Probleme zu geben. Gute Nacht.“

„Wie, keine Probleme?“ protestierte Schorsch vom Treppenhaus herab.

Beide Polizisten schauten am Geländer hoch. „Ganz recht“, rief die Frau hoch, „das ist nun wirklich nicht besonders laut.“

„Regine, pssst. Hier schlafen doch alle“, zischte ihr Kollege so heftig ins Ohr, dass sie die Hand vor den
Mund hielt.

„Ach, ja?“ bellte Schorsch. „Und warum höre ich die Musik durch die Wände?“

Auf einen fragenden Blick der Polzisten zuckte Selim mit den Schultern.

In diesem Moment nieste Gerd nebenan so heftig, dass seine Wohnungstür wackelte. „Scheiße“, murmelte er durch die Tür. „Entschuldigung, ich wollte nicht lauschen.“

„Das“, sagte Selim, „ist Gerd, ich glaube er hat Lungenkrebs, aber wenn er niest, dann wackeln Wände.“

Keine Sekunde später kam Geschrei aus einer anderen Wohnung, über ihnen. „Das“, sagte Selim, „ist Mustafa. Ich glaube er verprügelt grad sein Gör, weil es nachts Wasserbomben vom Balkon schmeißt.“

Die Polizisten sahen einander an, als würden sie über Augenkontakt miteinander eine Krisenkonferenz abhalten.

„Es ist nach drei, Herrgott nochmal!“ brummte Gerd durch die Tür. „Kann er sich dafür nicht irgendeinen Nachmittag aussuchen? Immer muss das nachts passieren.“ Schorsch furzte im Hintergrund.


Gleich, nachdem die Polizisten mit grimmigen Gesichtern nach oben gegangen waren, um dem kleinen Bastard zu helfen, klingelte es. Es klingelte nicht nur in Selims Wohnung, es klingelte in allen Wohnungen. Noch ein Irrer, dachte Selim. Er irrte sich, es waren drei Irre: die Gossenschlampe und ihre Brüder. Während Mustafa oben die Polizisten anbrüllte, schritt sie protzig an Selim vorbei, und ihre monsterartigen Bodyguards folgten ihr artig. „Merkt euch sein Gesicht“, trällerte sie wobei sie in Selims Richtung deutete. „Er kommt auch noch dran. Er hat mich Schlampe genannt.“ Ihre Brüder warfen ihm einen finsteren Blick zu.

Bevor das, was folgen würde, im Begriff war zu beginnen, schloss Selim grinsend die Wohnungstür, ging ins Schlafzimmer, tauschte Biohazard gegen Fear Factory aus, drückte auf PLAY und stellte die Musik lauter, gerade so, dass das Gebrüll und Gepolter draußen nur noch als kaum wahrnehmbare Geräuschkulisse zu der Musik zu hören war. Welcome to my world, hörte Selim den Sänger grunzen und schlief mit einem seligen Lächeln ein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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