Monika Litschko

Jackman

 

Wie heiß ist ein einzelner Tropfen der Sonne? Ist er heißer als das Feuer, welches ich kenne? Wie schwer ist eine kleine Sternschnuppe? Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an? Und wenn ich in ihr wäre, herrschte dann Stille um mich? Gedankenverloren folgte ich Jack. „Hey, Jack“, flüsterte ich. „Wirst du mir diese Fragen beantworten können? Wenn du wieder zurück bist, erzählst du mir dann alle Geheimnisse?“ Aber Jack antwortete mir nicht. Diese Fragen hatte er mir gestellt. Immer und immerzu. Jeden Tag und jeden Abend. Aber ich wusste nie eine Antwort. Heute quälten mich diese Fragen, auf die ich nie eine Antwort gewusst hatte. Ich ging zu Jack und streichelte seine blondes Haar. Sein bleiches Gesicht, welches auf blütenweißen Kissen ruhte, ließ mich verzweifeln. Ich streichelte seine schmalen Hände und küsste seine Wangen. „Wir werden die Antworten finden, das verspreche ich dir“, hauchte ich.

Ich erinnerte mich plötzlich an die letzten Wochen, die ich mit Jack verbracht hatte.

„Happy Birthday, Jack!Nun bist du zehn Jahre alt und erwachsen!“, rief ich an einem sonnigen Frühlingsmorgen munter und stellte eine kleine, selbst gebackene Torte vor ihm auf den Tisch. Jack strahlte mich an.
„Danke Melly“, sagte er aufgeregt. „Du hast versprochen, dass wir uns heute den Mond anschauen werden, und was man verspricht, das muss man halten.“
Ich lächelte. „Das werden wir auch“, beruhigte ich ihn. „Aber der Tag ist doch gerade erst angebrochen. Wir sollten erst einmal deinen Geburtstag feiern, und dann sehen wir uns den Mond an.“ Jacks Gesichtszüge entspannten sich. „Mit Daddys Teleskop?“

Ich nickte. „Mit Daddys Teleskop“, antwortete ich und legte uns ein dickes Stück Torte auf die Teller. „Los, hau weg das Zeug“, sagte ich wie ein General. „Hau rein, es könnte dein Letztes sein.“ Hätte ich auch nur im entferntesten geahnt, dass es sein letztes Stück Torte sein würde, ich………

Meine Tränen kullerten die Wangen herunter und tropften auf Jacks Lieblingsstofftier, das ich in meinen Händen hielt. Jackman, ein kleiner zerrupfter Waschbär, Jacks liebstes Knuddeltier. Zwar landete er irgendwann auf einem Regal in Jacks Zimmer, da dieser neue Interessen entwickelt hatte, aber er trennte sich nie ganz von ihm. „Hallo Jackman, willst du dich zu ihm legen?“, flüsterte ich und vergrub mein Gesicht, in seinem nach Jack riechenden Fell. „Du bist sein bester Freund.“ Behutsam legte ich ihn in Jacks Arme. „So ist es gut, tröste und wärme ihn.“ Ein Windhauch streifte mich und ich wusste, dass es Jack gewesen war. „Lebewohl Jack.“

Irgendwann hatte Jack begonnen, mir seltsame Fragen zu stellen. „Treffen sich die Menschen nach ihrem Tod wieder?“, fragte er einmal, während ich das Abendbrot machte. „Wir sehen uns alle im Himmel wieder“, antwortete ich. „Da wirst du deine Mum und deinen Dad irgendwann einmal, so in hundert Jahren etwa, wiedersehen.“ Jack überlegte nicht lange. „Das denken wir, aber stimmt es auch?“ Was sollte ich anderes tun, als die Schultern zu heben. Jede weitere Antwort wäre eine Lüge gewesen. Ich dachte an Mark und Jenny, die so früh auf tragische Weise ihr Leben verloren hatten. Zwei Menschen, ein Kind, ein Brand und zurück blieb eine Waise, der wie durch ein Wunder überlebt hatte. Jack. Als Jennys ältere Schwester war es für mich selbstverständlich gewesen, den kleinen Kerl zu mir zu nehmen. Und ganz langsam lernte ich ihn zu lieben wie eine Mutter. Diese Tragödie geschah 1960 und lag nun schon sieben Jahre zurück. Doch war es mir, als wäre sie gestern erst geschehen. Ich hatte Jack seine Eltern nie vergessen lassen. Erzählte ihm von ihnen und bestand darauf, dass er mich Melly nannte. Er sollte wissen, dass seine Eltern ihn unendlich geliebt hatten. Und so wurden Mark und Jenny ein wichtiger Teil in Jacks Leben.

 

Jack hatte gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert, als er hohes Fieber und starken Husten bekam. Besorgt steckte ihn ins Bett, machte ihm Wadenwickeln und gab ihm von dem Hustensaft, den ich immer im Hause hatte. Aber sein Fieber stieg und die Hustenanfälle wurden immer schlimmer. So rief ich unseren alten Doc Miller an, der am Nachmittag bei uns vorbei schaute. Er untersuchte Jack gründlich und stellte anschließend ein Rezept für ihn aus. „Den hat es aber ganz schön erwischt“, sagte er vor Jacks Tür zu mir. „Ich schicke Josef zu dir, er soll das Rezept einlösen und die Medikamente zu euch bringen. Du kannst hier jetzt nicht weg.“ Ich musste ihn so fassungslos angesehen haben, dass er seinen Arm um meine Schulter legte. „Keine Angst, Jack hat nur eine anständige Grippe. Mehr nicht. Das kriegen wir wieder hin“, beruhigte er mich. „Im Frühjahr passiert das oft. Ich habe heute schon einige Rezepte ausgestellt.“ Erleichtert atmete ich aus. „Sicher, das bekommen wir schon wieder hin“, sagte ich und bedankte mich bei Doc Miller.

Aber es dauerte und dauerte, bis die Medikamente bei Jack anschlugen. Als es langsam mit ihm bergauf ging, fiel ein Stein von meinem Herzen. Ich fütterte ihn mit Hühnersuppe und kochte seinen Lieblingspudding, den er zufrieden wegputzte. Auch Doc Miller war zufrieden, und schaute nur noch einmal die Woche nach Jack.

Ein paar Tage später wurde ich nachts wach, weil ich Musik hörte, die aus Jacks Zimmer kam. Ich zog meinen Morgenmantel über, um nachzusehen. Jack saß auf seinem Fensterbrett und blickte hoch zu den Sternen. Are you lonesome tonight, spielte im Radio und Jack sang leise mit. Elvis Presley war sein Lieblingssänger und „Are you lonesome Tonight“ sein Lieblingslied. Warum es gerade in diesem Augenblick spielte, ist mir bis heute ein Rätsel. „Jack, warum liegst du nicht in deinem Bett?“, fragte ich ihn leise. „Geht es dir nicht gut?“

Jack drehte sich zu mir und lächelte mich an. „Mir geht es gut, keine Angst Melly“, antwortete er und blickte wieder hoch zu den Sternen. „Aber warum sitzt du mitten in der Nacht auf dem Fensterbrett und starrst die Sterne an?“, fragte ich müde. Jack gab mir darauf keine Antwort und fragte mich: „Melly, wie schwer ist eine kleine Sternschnuppe? Und wie fühlt sich wohl die Schwerelosigkeit an? Wenn ich in ihr wäre, herrschte dann Stille um mich?“ Ich stellte mich neben ihn und blickte auch zu den Sternen. „Jack, das Weiß ich nicht“, antwortete ich ehrlich. „Niemand kann das wissen. Warum fragst du?“ Jack lehnte sich an mich und antwortete: „Hast du schon einmal Sehnsucht nach den Sternen gehabt? Oder ein Verlangen verspürt, durch das Universum zu reisen?“ Ich drückte einen Kuss in sein Haar. „Manchmal schon“, gab ich zu. „Aber nur manchmal, denn ich gehöre, genau wie du, hier unten hin. Und nun, ab ins Bett.“ Jack hüpfte vom Fensterbrett und atmete dabei schwer.

 

Erschrocken griff ich nach seinem Arm. „Jack, was ist los mit dir?“, fragte ich ängstlich. „Ich glaube meine Grippe ist noch nicht ganz weg“, antwortete er zögernd. „Ich muss oft husten und das Atmen fällt mir heute schwer. Am besten wäre es, wenn ich noch etwas von dem Hustensaft nehmen würde.“ Besorgt legte ich meine Hand auf seine Stirn, die aber normal warm war. „Warte, ich hole ihn“, sagte ich und verabreichte ihm einen Löffel. „Und nun schlaf gut. Morgen wird es dir besser gehen.“ In diesem Moment glaubte ich selber daran, weil ich auf den Saft, den ich ihm gegeben hatte, vertraute.

Am anderen Tag ging es ihm wirklich besser und ich belästigte Doc Miller nicht. Hätte ich geahnt, dass er so ein guter Schauspieler war, hätte ich es doch getan. Es wunderte mich nur, dass Jack viel Zeit in seinem Zimmer verbrachte und Musik hörte. Ab jener Nacht fragte er mich oft nach dem Sinn des Lebens. Redete von den Sternen und der Schwerelosigkeit. Von Stille und Sehnsucht. „Jack, du bist jetzt zehn Jahre alt. Hast du da nicht andere Sachen in deinem Kopf?“, fragte ich ihn, als er mir wieder die gleichen Fragen stellte. „Ich weiß nicht“, antwortete er. „Ich muss in letzter Zeit immer daran denken. Auch an Mum und Dad.“ Die Pubertät beginnt, dachte ich und seufzte leise. „Ich gehe auf mein Zimmer und höre Musik, das gefällt mir zurzeit auch ganz gut.“ Ich nickte. „Okay tu das. Heute Abend soll ein Sturm kommen, ich schließe die Fensterläden und verriegle die Türen, dann lese ich noch mein Buch zu Ende“, antwortete ich und wünschte ihm eine gute Nacht.

Gegen Mitternacht wurde ich wach. Mein Buch war auf den Boden gefallen und draußen tobte ein schlimmer Sturm. Die Fensterläden klapperten laut und der Wind jaulte erbärmlich, als er um unser Haus fegte. Müde erhob ich mich und ging nach oben. An Jacks Tür verharrte ich und lauschte. Dann öffnete ich heftig die Tür und stürmte zu Jack, der schwer atmend in seinem Bett lag und mich mit glasigen Augen anstarrte. „Jack!“, schrie ich. „Was ist mit dir? Ich hole Doc Miller!“ Aber Jack griff nach meiner Hand und hielt mich fest. „Angst“, hauchte er. „Nicht alleine …, bleib bei mir. Luft …, ich bekomme schlecht Luft.“ Während der Sturm weiter seine Arbeit tat, war mir klar, dass Jack mich nun verlassen würde. Auch, dass wir Doc Miller nicht mehr brauchen würden. In Jacks Augen las ich Wissen und sah Weisheit. Ein sonderbares Gefühl in mir ließ mich nicht von seiner Seite gehen. Und so stieg ich zu ihm ins Bett, setzte mich hinter Jack und lagerte seinen Kopf auf meinem Schoss. „Wenn du bei den Sternen angekommen bist, gib mir ein Zeichen“, flüsterte ich unter Tränen. „Lasse mich wissen, wie schwer eine Sternschnuppe ist und wie die Schwerelosigkeit sich anfühlt. Jack, du wirst wieder zurückkommen, ich weiß es. Vielleicht heißt Wiedergeburt auch, dass wir mit einem anderen Bewusstsein neu erwachen. Vielleicht verbindet sich unsere Seele auch mit der eines lebenden Menschen. Und wenn wir ein Déjà-vu haben, erinnern wir uns an eine Begebenheit aus unserem alten Leben.“ Jack wurde auf einmal ganz ruhig. „Jackman“, hauchte er. Ich griff nach seinem Waschbären und legte ihn auf seine Brust. Im Radio spielten sie wieder Jacks Lieblingslied und ich stimmte darin ein.

 

Are you lonesome tonight?
Do you miss me tonight?
Are you sorry we drifted apart?......

 

Jack zog noch einmal nach Luft und schlief in meinen Armen ein. Draußen tobte weiterhin der Sturm, nicht achtend, dass ich gerade das Liebste auf der Welt verloren hatte. Ich blieb bis zum Morgengrauen bei ihm und wiegte ihn wie ein Baby, dann rief ich Doc Miller an. Der vermutete, dass Jacks Lungen vorgeschädigt waren. Der schlimme grippale Effekt hatte sein Übriges getan. Seine Lungen waren voll Wasser gelaufen. Kein schneller Anruf hätte Jack mehr retten können. Wir beließen es dabei, denn ich wollte nicht, dass sie meinen Jack obduzierten. Und so stand auf Jacks Totenschein Lungenentzündung. Jack hatte, obwohl er noch so jung war, geahnt, dass etwas mit ihm geschehen würde.

Wie heiß ist ein einzelner Tropfen der Sonne? Ist er heißer als das Feuer, welches ich kenne? Wie schwer ist eine kleine Sternschnuppe? Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an? Und wenn ich in ihr wäre, herrschte dann Stille um mich? Gedankenverloren folgte ich Jack. „Hey, Jack“, flüsterte ich. „Wirst du mir diese Fragen beantworten können? Wenn du wieder zurück bist, sagst du mir dann die Wahrheit?“ Aber Jack antwortete mir nicht. Diese Fragen hatte er mir gestellt. Immer und immerzu. Jeden Tag und jeden Abend. Aber ich wusste nie eine Antwort. Heute quälten mich diese Fragen, auf die ich nie eine Antwort gewusst hatte. Ich ging zu Jack und streichelte seine blonden Haare. Sein bleiches Gesicht, welches auf blütenweißen Kissen ruhte, ließ mich verzweifeln. Ich streichelte seine schmalen Hände und küsste seine Wangen. „Wir werden die Antworten finden, das verspreche ich dir“, hauchte ich ihm ins Ohr.

Ich hatte darauf bestanden, dass sie Jacks Sarg offen aus unserem Haus trugen. Er sollte noch einmal die wärmenden Strahlen der Sonne auf seiner Haut spüren. Erst dann durften sie seinen Sarg schließen. „Leb` wohl, Jack“, flüsterte ich und richtete meinen Blick zum Himmel.

Ich weinte viel in den Tagen nach seiner Beerdigung. Mir war elend zumute und mein Herz verkrampfte sich vor Schmerzen. Als ich gar nicht mehr ein und aus wusste, fand ich Jackman. Er lag auf Jacks Kopfkissen und ich wusste, dass es ein Zeichen von Jack war. Unmöglich und doch wahr. Ich legte ihn in eine Schachtel und wann immer ich wollte, betrachtete ich Jacks Wunder und dachte an ihn. Hatte er Antworten auf seine Fragen gefunden? Gab es ein letztes großes Geheimnis, welches uns nur nach unserem Ableben offenbart wird? Aber es musste eines geben, denn Jackman war der Beweis. Er hatte zwei Welten miteinander verbunden.

Die Jahre vergingen und Jack blieb weiterhin tief in meinem Herzen. Ich hatte nie geheiratet und keine eigenen Kinder bekommen. Dieser Zug war an mir vorbei gefahren. Am 8 Mai 2011 schlossen sich meine Augen im Alter von 83 Jahren für immer. Es war Jack, der mich auf der anderen Seite empfing und mir das letzte große Geheimnis zeigte. Jack blieb, doch ich kehrte zurück und erwachte mit einem neuen Bewusstsein, in einem jungen Körper. Meine Déjà-vus sind Erinnerungen aus einem vergangenen Leben, das weiß ich genau. Auf einem Trödel entdeckte ich ein Stofftier. Einen kleinen Waschbären. Obwohl er sehr abgegriffen und schmuddelig war, verliebte ich mich sofort in ihn. Ich zahlte einen Dollar, nahm ihn mit nach Hause und setzte ihn auf meinen Nachttisch. „Du heißt Jackman!“, sagte ich und lachte ihn an. „Dieser Name passt zu dir!“ Dann schaute ich auf meine Uhr. „Hilfe, schon fast halb acht. Ich muss mich fertigmachen, Jeffs Party steigt um halb neun.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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