Aylin

Wenn der deutsche Amtsschimmel wiehert

Wenn der deutsche Amtsschimmel wiehert

 

Ich war ein Immi - eingewandert und brauchte deshalb neue Papiere. Man hatte mich angeschrieben, dass ich meinen neuen Personalausweis abholen könne. Als ich ihn vor zwei Wochen beantragt hatte, hatte man mir versichert, das würde dann ganz schnell gehen. Nur an die Anmeldung und schwupps.

Nicht wieder vier Stunden warten.

Die Luft war stickig und der Raum im Bürgerbüro einer namhaften westdeutschen Großstadt heillos überfüllt. Die ungefähr hundertfünfzig Stühle waren besetzt, Menschen standen in Dreierschlangen davor, wie vor zwei Wochen auch, und soeben wurde Nummer 5863 aufgerufen. Ich warf mich auf den frei werdenden Stuhl, denn die Anmeldung hatte mir wieder mit den Worten „Geht ganz schnell“ eine Wartemarke gegeben. Diesmal für Platz 12, den eine schlecht blondierte Schimmelin mit Amtswürde füllte. Allerdings sehr langsam.

Ich bewunderte ein Baby in einer strassbestickten Kinderdecke mit Eltern aus dem Kosovo. Ein alter Mann, auf dessen Papieren der Geburtstort Nefril stand, wo auch immer das sein mag auf dieser Welt, hustete sich neben mir die Lunge aus dem Leib, und die Schimmelin verließ Platz 12. Aus welchen Gründen auch immer.

Ich drehte mein Abholungsberechtigungsformular in den Händen, und die Zeit ging dahin. Nach über einer Stunde blinkte meine Nummer auf und ich begab mich zu Platz 12. Brav, wie es sich für einen deutschen Bürger geziemt, legte ich mein Abholungsberechtigungsschreiben vor. „Damit kann ich nix anfangen,“ raunzte die Schimmelin mich an, „ wie heißen Sie? . „ Steht doch da drauf: Schneider-Wüller!. “Ihren Ausweis bitte.!“. „Den haben Sie!“ höhnte ich. „Wie - ich, Frau Müller?“. Und sie tippte in ihren PC, als hinge ihr Leben davon ab. „Tja,“ sagte ich, “ vielleicht hätten Sie mal doch besser aufs Papier geguckt. Dann hätten Sie festgestellt, dass ich gar nicht Müller heiße.“.

Es war heiß, die Klimaanlage mit den vielen atmenden Menschen überfordert..

Diese Art von Humor teilte die Schimmelin nicht und schnitt mir das Wort ab: „Ihren Ausweis!“.

Ich amtete tief durch, was überhaupt nichts nützte, und hörte mich recht laut sagen:

„Wollen Sie mich vergackeiern? Ich komme, um meinem Personalausweis abzuholen. Hätt ich einen, wäre ich nicht hier!“ Der Kosovo-Vater schaute interessiert herüber, dass sich eine ältere Dame so ungebührlich mit einer deutschen Amtsschimmelin streitet. Das war in diesem Raum, wo Menschen aller Herren Länder um ihre Existenz bangten, irgendwie nicht eingeplant. Einige Urdeutsche schüttelten den Kopf. Zwei Migrantenjugendliche grinsten und nickten mir ermunternd zu, grade so, als würden sie mein Problem kennen.

Angenervt forderte die Schimmelin nun von mir meinen Führerschein. Den hatte ich Gott sei Dank nicht dabei, denn sonst hätte sie festgestellt, dass der noch auf meinen polnischen Mädchennamen lief und vierzig Jahre alt war.

„Also können Sie sich jetzt nicht ausweisen?“ fragte die Schimmelin mit einem siegesgewissen, süffisanten Unterton. Da platzte mir der Kragen und aus mir heraus: „Sagen Sie mal, haben Sie irgendwie einen Vogel? Sie schicken mir ein Abholungsschreiben für meinen Personalausweis, zu dessen Beantragung ich hier in dem Loch vier Stunden ausharren musste und wo ich von Geburtsurkunde bis Kirchenaustritt alle Unterlagen dabei hatte, die ich besitze. Mein alter, abgelaufener Ersatz-Ausweis wurde von Ihnen eingescannt. Nun lege ich hier noch den Vorgängerausweis vor, Sie lassen mich eine Stunde warten, um mir nun zu sagen, dass Sie mir den neuen Personalausweis nicht geben können, weil ich kein Ausweisdokument dabei habe?“.

Mein Mann zog mahnend an meiner sündhaft teuren Blazerjacke. Ich musste wohl recht laut sein, denn zweihundert von den dreihundert Menschen im Raum verfolgten den Schimmelritt hochinteressiert, auch wenn die meisten davon nichts verstanden.

Dies wiederum setzte die Schimmelin scheinbar in ihrer Autorität herab und sie wieherte: „Wenn Sie nicht aufhören, hier rumzubrüllen, rufe ich den Sicherheitsdienst!“. Jou, das war lange her, dass mir das jemand angedroht hatte, sicherlich vierzig Jahre. Ich glaube, es war bei meiner letzten Studentendemo für die Freiheit von Palästina. Weiß es nicht mehr so genau.

Mein Mann wusste, dass die Dinge nun unabänderlich ihren Lauf nehmen würden und hatte sich auf einen weit entfernten Stuhl gesetzt.

Ich, nichts dazu gelernt in all diesen Jahren, schnauzte zurück: „Dann tun Sie das doch und dann tackern Sie sich ihren Scheißperso doch unter ihren Schreibtisch! Wie behandeln Sie denn eigentlich Migranten?“

 

„ Ach,“ fragte die Schimmelin nun wieder sachlich interessiert, derweil Sie offenbar unbemerkt den Wachdienst alarmiert hatte, „ von wo sind Sie denn immigriert? Sind Sie gar keine Deutsche?“.

Ich konnte gerade noch antworten: „ Puh, Mädschen von wo bin isch immigriert? Von Kölle noch he. Kennste : Kölle, dä Stadt do met demm Dom do…“, da tippten mir schon zwei grau Uniformierte mit dem Aufnäher „Security“ auf die Schulter. „ Junge, Frau, kommen Sie doch mal zur Seite, wir besprechen das jetzt mal freundlich.“. „ Klar, warum nicht! Gerne…“. Die beiden jungen Migranten hoben den Daumen in meine Richtung und der Security sagte: „ Dann zeigen Sie mir doch jetzt erst mal ganz in Ruhe Ihren Personalausweis.“…

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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