Olaf Lüken

Der Ball ist rund, sagt Sepp Herberger

Kaum kam der Fußball angerollt,
haben sich Deutschlands Mimosen,
zitternd vor Angst vom Feld getrollt.
Ötzi, statt Özil auf dem Fußballfeld,
hätten wir bestanden vor dem Rest der Welt ?

 

In Russland war der Ball kaum ausgepackt, da hatten Deutschlands technisch überlegene Fußballmaiden auch schon den Abgang geprobt. Drei Spiele und zwei Niederlagen. Das war's. Trainer Jogi Löw schwieg eine kurze Zeit, wartete ab, bis auch im Land vieles gesagt, erklärt und ausdiskutiert wurde. Für den überwiegenden Rest der Nation fand ein nerviges und aberwitziges Palaver in der Medienwelt statt. Mit der Wirklichkeit hatte das gar nichts zu tun. Jogi Löw, ganz Angela Merkel, was ihren stoischen und empathielosen Umgangsstil anbelangt, will sich für Fußballdeutschland erneut ins Zeug legen und das Zepter in der Hand behalten. Vergessen ist für Jogi der unrühmliche Abgang seines Teams. Für den Fan aber war der Kurzauftritt deutscher Fußballstars ein einziges Desaster. Und wie reagiert unser Fan darauf ? Er ärgert sich, vergießt vielleicht ein paar Tränen, verzeiht anschließend und vergisst das Ganze. Er verlagert seinen Unmut  wieder einmal mehr in die dunklen Sphären seines Unterbewusstseins, solange, bis die Verdrängungsmilben sich eines Tages wieder bei ihm melden werden, er aber längst vergessen hat, wer und was für die verdrängte Wut einst verantwortlich war.

Fußball war einmal ein Sport der Arbeiterklasse, und die Stadien waren voller Menschen, wenn das Leben sonst auch wenig zu bieten hatte. Jene auf dem Platz hatten mehr Talent und waren dabei so einfach gestrickt wie der Rest. Unsere Fußballer waren unsere Jungs und unsere Helden, die nicht mehr brauchten als einen Ball. Und Fußball war ein einfaches Spiel, mit einfachen Regeln für einfache Leute. Gespielt wird der Ball mit dem ganzen Körper, wenn man Arme und Hände dabei unbeachtet lässt. Es fallen relativ wenig Tore, was den Wert eines Tores erhöht und die Spiele spannender macht. Und Schluss ist, wenn abgepfiffen wird. Fußball ist kein Ballett. Fußball darf auch mal einfach, schnell und geradeaus gespielt werden. Das Stadion war im vorigen Jahrhundert noch  ein besserer Bretterverschlag, mit einem Vereinsheim und einer Würstchenbude davor. Hier trank man ein oder auch mal zwei Bier, aß eine Bratwurst oder ein Solei, und wenn die Zeit es erlaubte, verhöhnten die Fans der Heimmannschaft lautstark ihre Gäste. Fußball war und ist für viele Menschen Freude, Spaß, Lebenssinn und bitterer Ernst. Kamen früher eher die Großväter und Väter mit ihren Söhnen zum Spiel, so rangiert der Fußballsport in unseren Tagen zwischen Event und Familienfest. Der Fan kann heute mit seiner Verlobten im Verein vor den Traualtar treten oder seine Asche in einer Urne unter den Rain am Spielfeld seines Vereins aufstellen lassen.

Mit dem Fußball, der nach Sepp Herberger rund ist, werben heute nicht nur Modemarken, die ganze Kollektionen im Programm haben, bei denen ein Teil so viel kosten kann, dass es das  Monatsgehalt manch eines Fans weit übersteigen würde. In einer Reihe stehen Hugo Boss, adidas, Versace oder Louis Vitton. Die zuletzt genannte Marke ziert einen Edelkoffer für die Aufbewahrung des Fifapokals. Unsere Jungs sollen glänzen, ob im Strickpullover oder im Anzug. Die Mannschaft ist ein Markenprodukt, da kann hinter den Kulissen sonst was geschehen. Vor dem Weltspiel in Moskau gehörte auch eine Ehrenbezeugung besonderer Art. Ob neben Despot und Sultan Erdogan oder neben Bundespräsident Steinmeier. Der Fußballhero als Extrawurst für das Politikerherz. Bis zum Hanswurst ist es nur ein kleiner Schritt. Mesut Özil weiß, warum er schweigt.

Die deutsche Wirtschaft wäre nicht eine der größten Wirtschaften der Welt, hätte sie nicht auch ein Herz für deutsche Fußballfans. Kaum begonnen, schon zerronnen. Vorbei sind Produktion und Verkauf aufgedruckter Bälle, Deutschlandfahnen und die zahlreichen Hinweise mit Jogis Jungs-Sprüchen.  Zu Ende ist es mit WM-Bier, Wodka und dem "Balea Men Fankurve Duschgel". Auch Lidl lverkauft keine Fußballbrötchen mehr  oder preist seinen berühmten Fußball-Backkäse im Teigmantel an. Selbst Hakle, verantwortlich für herrlichstes Toilettenpapier, hat die Spruch-Beschriftung ihrer Papierlagen eingestellt. Dort waren die Spielzüge legendärer deutscher Fußballtore aufgedruckt. Selbst Doktor Oetker aus Bielefeld, beendete seinen philosophischen Rat an die deutsche Hausfrau. "Back Deinen Mann glücklich". Sein Tipp galt der Herstellung fußballförmiger Kuchen.

Panta rei. Es gab Zeiten, da hörten und lasen wir, was unsere Dichter und Denker zu sagen hatten. Heute staunt nicht nur die Fußballwelt über die  Ansichten, Einsichten und Aussagen eines  Podolskis, Müllers oder Schweinis, wenn sie in endlosen Fußballkonferenzen ihre Erkenntnisse darbieten. Fußball interessiert alle Schichten der Gesellschaft. Und wer behauptet das ? Natürlich die Vertreter der Medienindustrie, Abteilung Sport bzw. Fußball. Mit einem feinen, aber entscheidenden Unterschied: Fußballer möchten heute nicht mehr als emporgekommene Arbeiterkinder angesehen werden und betonen bei jeder Gelegenheit ihr ausgesprochen gutes Modebewusstsein. Modebewusstsein hat aber mit Geld zu tun. Und Geld kann kaufen, was Geld kaufen kann. Mit Geld hole ich mir einen Experten, der mir die Mode erklärt, oder ich kaufe mir  gleich einen Philosophen, der mir gleich  die ganze Welt erklärt. Modebewusstsein erklärt  rein gar nichts. Seit Jahren wissen wir, dass sich die Modedesigner weltweit von der Fankultur inspirieren lassen. Dazu gehört auch der Stadionbesucher. Ein Allerlei aus Parkas, leichten Regenjacken, Trainings anzügen, Kapuzenpullover, Poloshirts und natürlich Sneakers,dominiert das Fanoutfit. Um ein modisches Statement geht es dabei nicht, viel mehr hat es rein praktische Gründe. Eine andere Theorie stellt die aktuelle Fankultur in den Vordergrund, die sich von gewaltbereiten und gewaltfreien Hooligans unterscheiden will. Poloshirtträger glauben bessere Chancen zu haben, um am Ordner vorbei in die Arena zu kommen als schwarz vermummte Anarchos. Wie dem auch sei. Der Fußballer, der sich mit Geld, Modebewusstsein und anderen Eitelkeiten von seinen Fans unterscheiden will, sollte zumindest jenen Spruch kennen, den auch Martin Luther gern zitierte: "Wes Brot ich esse, des Lied ich singe." Und Luther musste durch den Tugend-TÜV, bevor man ihn feierte. Trotz vieler Millionen Euro: Fußballprofis und Fans haben einen gegenseitigen Nutzen, sonst steht der Fußballerprofi eines Tages ziemlich  allein auf dem Fußballfeld. Zukünftigen Generationen wird es vorbehalten bleiben, ob sie eines Tages ihren Blick vom Fußballgeschehen abwenden werden oder nicht. Und nicht ALLES ist eine Frage des Geldes. Was wir heute brauchen ist Mut, Eigentlichkeit und den Willen Wagnisse einzugehen.

Heute, lieber Jogi Löw, schreibe ich dir. Hab' Dank dafür, dass du uns eine schöne Fußballzeit  in den letzten Jahren beschert hattest. Jetzt folge   deinem Herzen und mach' Schluss. Nimm'  bitte auch Oliver Bierhoff mit. Warum ? Ihr habt uns in den letzten Wochen mehr als nur enttäuscht. Ihr habt unsere Fragen  in Fakenews verwandelt. Eure Zeit ist vorbei. Oder, um mit Loddar Matthäus zu sprechen: "Das Runde muss wieder ins Eckige." Denn Fussball ist Liebe, Leben, Leidenschaft und Leid.

(c) Olaf Lüken (5.7.2018)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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