Heinz-Walter Hoetter

Der Pfarrer und der Dieb

Ein Dieb schlich sich in der Nacht in das abgelegene Haus eines Pfarrers. Der Geistliche schlief tief und fest, so dass der freche Einbrecher glaubte, er könne in aller Ruhe ungestört jedes Zimmer betreten, um sie nach lohnender Beute zu durchsuchen.

Im Wohnzimmer jedoch stolperte der Dieb über einen dicken Teppich und stürzte augenblicklich laut polternd hin, wobei er mit dem Kopf hart gegen die Holzkante eines dort abgestellten Eichentisches schlug. Bewusstlos blieb er auf dem Boden liegen.

Durch den verursachten Lärm wurde der Pfarrer jäh aus seinem Schlaf gerissen. Er verließ sofort erschrocken das Bett, schlich leise aus seinem Schlafzimmer, schaltete überall das Licht ein und fand schließlich den bewusstlosen Einbrecher im Wohnzimmer mit einer klaffenden Kopfwunde wie tot vor dem hölzernen Eichentisch liegend vor.

Der Geistliche kümmerte sich sofort um den arg verletzten Mann, der stark aus einer schlimmen Wunde oberhalb der Stirn blutete. Er schleppte den immer noch halb bewusstlosen Dieb hinüber ins Badezimmer, wo er die Wunde so gut er konnte notdürftig versorgte, sie reinigte und zum Schluss noch einen sterilen Kopfverband anlegte.

Langsam kam der Einbrecher schließlich wieder zu Bewusstsein und der Pfarrer fragte ihn eine Weile später, ob er sich stark genug fühle mit ihm zusammen in die Küche zu gehen, wo er ihm einen heißen Tee zubereiten wolle, der ihm in seinem Zustand jetzt bestimmt gut tun würde.

Verwirrt über dieses ungewöhnliche Angebot nahm der Einbrecher die Einladung des Pfarrers an. Etwas später saßen sie gemeinsam am Küchentisch, sprachen miteinander und tranken zwischendurch ihren heißen Tee.

Trotzdem war der Mann noch misstrauisch: „Und sie holen nicht die Polizei? Ich bin doch ein Dieb, der in ihr Haus eingedrungen ist und was stehlen wollte“, sagte er tief beschämt und schaute dabei mit Tränen in den Augen hinüber zum Pfarrer.

„Gewiss, du hättest sicherlich eine Strafe verdient, aber ich weiß einen besseren Weg, um dir zu helfen“, antwortete der Geistliche dem erstaunten Mann und fuhr fort: „Ich möchte, dass du den Rest der Nacht bei mir bleibst und mit mir zusammen die Heilige Schrift studierst. Tust du das, dann werde ich dich dafür morgen früh auch großzügig belohnen, damit du mein gastfreundschaftliches Haus nicht mit leeren Händen verlassen musst.“

Der Mann willigte ein und verbrachte die ganze Nacht im Haus des Pfarrers. Zusammen studierten sie die Heilige Schrift, bis der Morgen anbrach. Bald warf die Sonne ihre ersten goldenen Strahlen über die weite Landschaft.

Nachdem sie gefrühstückt hatten, klingelte es plötzlich draußen an der Tür. Der Dieb wurde unruhig, weil er sich verraten glaubte. Der Pfarrer beruhigte den Mann aber, öffnete die Haustür und herein trat ein örtlicher Polizist, der dem Geistlichen eine große Ledertasche mit den Worten übergab: „Bitte entschuldigen Sie mein frühes Erscheinen Herr Pfarrer, aber Sie haben uns darum gebeten, Ihre verlorene Tasche, die gestern von einem ehrlichen Finder bei uns abgegeben wurde, doch so früh wie möglich vorbei zu bringen. Hier ist sie! Wir haben Ihren telefonischen Angaben zufolge den Inhalt überprüft. Es ist alles noch da, nichts wurde entwendet.“

„Oh, vielen Dank! Da habe ich ja noch mal richtiges Glück gehabt. Nochmals ein herzliches Dankeschön für ihre Mühe. Auf unsere Polizei ist eben Verlass, wie man sieht“, sagte der Geistliche hoch erfreut. Nach einem kurzen Gespräch verabschiedete sich der Polizist von dem Pfarrer und verließ das Haus.

In der Küche angekommen, ging er sofort wieder zu seinem völlig verängstigten Gast, griff in die große Ledertasche und holte eine stabile Schachtel mit Goldmünzen daraus hervor. Einige wertvolle Stücke davon übergab er dem völlig verdutzten Mann.

„Hier, die sind für dich, mein Freund! Nimm sie und werde ein besserer Mensch. Denke darüber nach, was ich dir in der Nacht ans Herz gelegt habe.“

„Aber ich habe ein so großzügiges Geschenk nicht verdient, nach dem was ich Ihnen angetan habe, Herr Pfarrer“, sagte der Mann mit leiser Stimme und errötete vor lauter Scham.

„Das mag wohl aus deiner Sicht stimmen“, antwortete der Geistliche, „aber das ist der Lohn für deine Gebete in der Nacht, die du mit mir zusammen so inbrünstig gebetet hast. Ich möchte es dabei belassen.“


 

ENDE


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