Wolfgang Küssner

Die tollkühne Ameise

Die Luft war geschwängert von Essensdüften, Bier und Wein. Die Stimmung im Restaurant eines großen Hamburger Kaufhauses schien sich dem Siedepunkt zu nähern. Es war Mittagszeit, kaum ein freier Platz, geschweige ein freier Tisch. Die ersten Gäste standen auf den Stühlen, neigten dazu, auf die Tische zu steigen. Dabei spielt der Karneval bei den Norddeutschen eine eher unter-geordnete Rolle. Waren die Gäste nur närrisch oder waren sie gar tollkühn, ganz einfach aus dem Häuschen? Von Tisch zu Tisch ging, einer La Ola gleich, ein Juchen durch das Restaurant. Kaum hatten sich die einen wieder gesetzt, stiegen andere weibliche Gäste auf die Stühle. Sie trugen keine Narrenkappen, Pappnasen, waren nicht kostümiert. Ausgelassene Stimmung bei den sonst als reserviert geltenden Hamburgern. Was war passiert? Eine kleine – nein, nicht Ameise - sondern graue Maus hatte zu dieser Zeit offensichtlich auch Appetit und irrte auf der Suche nach Nahrung von Tisch zu Tisch. Viele Gäste juchten, fanden die Situation im Nachhinein amüsant, einige vielleicht sogar lächerlich, peinlich.

Diese kleine Geschichte möchte aus der Maus keinen Elefanten machen, obwohl die Reaktion der Gäste so etwas rechtfertigen würde. Es soll aus einem Rüsseltier auch keine Ameise werden. Wie sollte das auch gelingen? Doch von einer Ameise, zudem einer recht tollkühnen, soll hier schon erzählt werden.

Der Leser wird es kennen: In Friedhofsnähe gibt es Gärtnereien und Anbieter von Grabsteinen, Cafés für den Umtrunk danach. Vor Krankenhäusern sind häufig Blumen oder Obst käuflich zu erwerben. Beides soll bekanntlich zur Rekonvaleszenz der Patienten beitragen. Früchte als auch Blüten strahlen Düfte aus und locken nicht nur Käufer, sondern auch Ameisen an. So oder so ähnlich muß es wohl gewesen sein, als Max auf das Ergebnis seiner Blutuntersuchung wartend, im Krankenhaus saß. Die zur Unterhaltung, zur Überbrückung der Zeit offerierten Magazine waren entweder recht alt, oder er hatte sie bereits durchgeblättert. Sein Tablet bot kein ergänzendes Unterhaltungsprogramm. Und die Follower-Pflichten – I like it! - lagen hinter ihm. Mit permanent kleiner werdenden Augen schaute er vor sich hin und sah auf dem Tisch, zwischen all den Magazinen – eine Ameise krabbeln. Ja, wie ist denn das möglich? In dieser doch so cleanen, fast sterilen Atmosphäre.

Offensichtlich hatte die Ameise den auf sie gerichteten stutzigen, erstaunten Blick bemerkt. Sie blieb stehen und es hatte den Anschein, als würde sie den Blick erwidern. Nicht nur das. Sofort ging sie frech und provozierend mit der Frage in die Offensive: „Hey! Ist was? Hast Du ein Problem? Hihi.“ Max war im ersten Moment ein wenig perplex. „Sorry, wie kommst Du denn hier her?“ „Ganz einfach. Genau wie Du, durch den Eingang. Hihi.“ „Aber Du mußt doch närrisch, tollkühn sein, zu glauben, in dieser klinischen, sterilen Umgebung überleben zu können? Hier, wo Menschen gesunden sollen, riskierst Du den Tod.“ „Ja, so ähnlich hat es mein Bruder auch formuliert. Der Feigling. Hihi. Er sprang noch schnell von der süßen Mango, bevor die Verkäuferin sie dem Mädchen in die Tüte steckte. Ich blieb sitzen und habe die Göre beim Krankenbesuch begleitet. In der Zeit natürlich immer ein wenig von der süßen Frucht genascht. Lecker. Hihi.“

„Ist Dir eigentlich bewußt, wo Du hier bist? Natürlich nicht, Du hast ja kein Bewußtsein.“ „Das ist aber ganz schön überheblich vor Dir.“ „Das hier ist ein Krankenhaus. Hier kommen täglich und rund um die Uhr hunderte von Putzteufelchen, um den Laden sauber und steril zu halten. Deine Entdeckung ist nur eine Frage der Zeit. Das kann für Dich kein gutes Ende bedeuten.“

„Mein Freund, wie immer Du auch heißen magst, Du glaubst gar nicht, was ich schon alles erlebt habe. Hihi.“ „Max ist mein Name. Bitte, was gibt es hier zu erleben?“ „Als Ameise bist Du hier quasi im Paradies. Da gibt es keine Nahrungskonkurrenten, wenn wir mal von den meist angeschlagenen Patienten absehen. Und Vögel, Geckos, Bären und ähnliche Ameisen-Mörder sind hier bisher unbekannt. Bis auf die Menschen, die angeblich ein Bewußtsein und etliche meiner Brüder und Schwestern auf dem Gewissen haben. Und nun kommt Max, der Mahner und Retter der Ameisen. Haha.“

„Und was hast Du nun erlebt?“ Die Ameise machte es sich nun bequem, schlug einige ihrer sechs Beinchen übereinander und versuchte, die Frage zu beanworten. „Mit der Fruchttüte des Mädchens war ich zunächst bei ihrem Vater in der Orthopädie. Hihi. Dem waren beide Beine eingegipst, nur seine nackten Füße schauten heraus. Als ich über seinen rechten Fuß kletterte, hat es ihn offensichtlich sehr gekitzelt. Hihi. Am liebsten hätte er mich wohl vertrieben, vielleicht gar getötet. Ging aber nicht. Wie ich sehen konnte, waren seine Arme auch in Gips verpackt. Nun, da bekam ich irgendwie Mitleid. Hihi.“ „Oh, sieh mal an, eine Ameise zeigt Gefühle.“ „Das hättest Du uns wohl nicht zugetraut, was? Ihr könntet uns gegenüber auch ruhig mal Gefühle zeigen. Hihi. Uns Ameisen gibt es immerhin schon seit 100 Millionen Jahren. Da hatte die Evolution vom Menschen noch keine Notiz genommen.“

„Und dann, wie ging es bei Dir weiter?“ „Och, da lag das frische Obst, total unangetastet. Ich habe ein wenig genascht. Hihi. Habe ein paar positive, einladende  Signale an meine Gemeinde geschickt. Doch von denen wollte niemand kommen. Kranken-haus, das sei ihnen viel zu riskant, ließen sie mich wissen. Nichts Gutes sei von dort zu hören. Da müsse man schon lebensmüde, zumindest recht tollkühn sein. – Nun gut. Wer nicht will. Hihi. Mir gefiel es bisher gut. Ich bin dann ein wenig weiter gewandert. Kam zur Intensiv-Station.“ „Wie bitte?“ „ Angeblich Hochsicher-heitstrackt. Betreten verboten. Hihi. Und es geht doch. Ich bin einfach unter der Tür hindurch gekrabbelt. Total unbemerkt. Doch die vielen Drähte, Schläuche und Kabel ließen mich eher an einen Dschungel denken. Dann diese permamenten Geräusche, Pieptöne, dieses Tickern und Tropfen. Mir wurde ehrlich gesagt ganz unheimlich. An solchen Orten gibt es bestimmt Ameisenfeinde. Das sagt mein Instinkt. Nee, da bin ich mir nichts, dir nichts schnell wieder raus. Hihi.“ Die Ameise wechselte die Sitzposition, schlug jetzt andere Beinchen übereinander. Sie hat bekanntlich mehrere zur Auswahl.

„Und niemand hat Dich bemerkt?“ „Ich bitte Dich, Max. Die dort liegenden Patienten merken eh nichts, Besuch gibt es dort nicht, folglich auch keine Früchte, und das Personal ist total mit anderen Dingen beschäftigt. Hihi. Nee, ich bin gleich weiter zur Kinderab-teilung. Die Kleinen waren echt gut drauf. Für sie war ich eine willkommene Abwechslung. Die haben sofort mit mir gespielt. Da konnte ich herumklettern, bekam von den Naschereien zu kosten und sobald Gefahr drohte, haben die Kinder mich blitzschnell versteckt. Hihi. Da könntet Ihr Erwachsenen Euch mal ein Beispiel dran nehmen, als uns mit heißem Wasser zu verbrühen, oder über Klebebänder laufen zu lassen.“

„Und jetzt kletterst Du hier im Labor herum und suchst neue Freunde, oder wie darf ich das verstehen?“ „Oh prima Max, Du willst mein Freund sein, reichst mir Dein Bein? Äh, Deine Hand?“ „Wie stellst Du Dir das weiter vor?“ „Naja, ehrlich gesagt, ich habe ein wenig Heimweh nach meinen Brüdern und Schwestern. Ich bin zwar satt, doch allein. Und ob ich ohne fremde Hilfe jemals aus diesem Labyrinth wieder herausfinden würde? Hihi.“ „Verläßt Dich Deine Tollkühnheit langsam? Kommt da so etwas wie Angst auf?“ „Ach, hör auf. Ich könnte mich einfach unbemerkt an Dein Hosenbein klammern und mit Dir nach draussen gehen. Aber ich will erhobenen Hauptes die Klinik verlassen. Kannst Du das verstehen? Hihi.“ „Okay. Komm her, klettere hier in meine Jacken-tasche. Ich muß aber zunächst noch zum Arzt.“ „Ich wußte, daß Du ein Kumpel bist. Danke Max. Hihi.“

„Herr Jansen, der Doktor möchte jetzt gern das Blutbild mit Ihnen besprechen. Folgen Sie mir bitte.“ Max folgte der Schwester ins Sprechzimmer und nahm, mit der Ameise in der Tasche, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Arztes Platz. „Herr Jansen,..........“ und Max hörte gar nicht weiter hin. Er mußte permanent an die Ameise denken. Irgendwie war ihm dieses kleine, pfiffige, freche, tollkühne Insekt ans Herz gewachsen. Und als Max etwas später, erleichtert, ohne negativen Befund bezüglich des Blutbildes, aber mit einer Ameise in der Tasche, wieder auf der Straße stand, da hieß es Abschied zu nehmen. Direkt vor dem Obstladen. Er versprach, der tollkühnen Ameise beide Daumen zu drücken. Toi. Toi. Toi. Und das nächste Mal sollte sie in ein Restaurant gehen, er hätte da einen Tipp - mit hohem Unterhaltungswert.

Juli 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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