Eveline Horvath

Schröders fahren ans Meer.

Liebevoll verpackt Wilhelm Schröder ein hübsch gerahmtes Urlaubsfoto in Geschenkpapier. Es zeigt ihn und seine Frau Hilde vor einer mittelalterlichen Basilika mit steinernem Glockenturm in einem kleinen italienischen Dörfchen an der Ligurischen Küste. 25 war sie damals und er knapp 28, in ihrem ersten gemeinsamen Urlaub in Italien. Nun, vierzig Jahre später, wollte Wilhelm seine Frau zum 40. Jahrestag mit einem Urlaub überraschen – einer Reise in die Vergangenheit. Nach all den Jahren mit vielen Auf und Abs, zwei Kinder hatten sie großgezogen und ins Leben entlassen, ein Haus gebaut und wieder verloren – damals als die Firma in Konkurs ging – beide Eltern bereits begraben, ebenso Arno, ihren geliebten Retriever, der mehr als 12 Jahre ihr ständiger Begleiter war. Nun also hatte sich Hilde, die seit wenigen Monaten wie auch er selbst im Ruhestand war, ihren Urlaub wohlverdient. 

Es sollte etwas Besonderes werden anlässlich des runden Jubiläums. Und Wilhelm erinnerte sich an ihren ersten gemeinsamen Urlaub in Ligurien. Sie waren so glücklich damals, jung und unbeschwert, den Kopf voller Pläne; der Geldbeutel weniger voll; aber da war die Zuversicht, dass alles gut würde, wenn man nur zusammenbliebe. Und beim Betrachten des Fotos aus längst vergangenen Zeiten war ihm dann die Idee gekommen, genau diesen Ort wieder zu besuchen. In den drei Jahren seit seiner Pensionierung hatte er als Spätberufener gelernt, mit Internet und PC umzugehen. Nun würde er also das erste Mal über „so eine Internet-Plattform“ buchen. Wie hieß der Ort nochmal, in der Nähe von Genua am Ligurischen Meer? 

San Lorenzo. Das also sollte es wieder sein. Schneller als gedacht hatte Wilhelm die verfügbaren Hotels und Ferienwohnungen aufgelistet. Strandnähe wäre gut, so wie damals, und ein nicht allzu großes Haus. Seine Wahl fiel auf ein Agriturismo, wo ein Olivenöl-Produzent Räumlichkeiten seiner Betriebsstätten zu Ferienwohnungen umgebaut hatte. In der Villa Giulia des ‚Antico Borgo’ war alsbald ein Appartement samt Terrasse für eine Woche reserviert. Wilhelm hing seinen Tagträumen nach und war ob der Aufregung bald eingeschlafen. 

Bei km 80 auf der Landstraße Richtung Genua wurde Hilde aufgeregt: „Sieh‘ doch nur, die Olivenbäume und dort - alle Wiesen voller Blumen“. Die Blumenriviera machte ihrem Namen alle Ehre. „Wie lange fahren wir noch, Wilhelm?“, fragte sie unruhig. „Wir sind bald da“, „warte nur, bis du unsere Wohnung siehst“, entgegnete er. 

Am zweiten Tag ihres Urlaubs, nach dem sie erst mal entspannt und die nähere Umgebung inspiziert hatten, stand ein Ausflug nach Santa Margherita Ligure, der ‚Santa’, wie sie von den Italienern ehrfürchtig genannt wurde, am Programm. ‚Die Heilige’ – eine kleine, lebhafte Hafenstadt mit vielen religiösen Architekturen wie der Basilika von Santa Margherita d’Antiochia, einem mittelalterlichen Schloss, wunderschön positioniert hoch oben über den Hügeln des antiken Hafens, in dem bunte Fischerboote ebenso lagen wie protzige Yachten. Nicht umsonst war die ‚Santa’ in den 1970er und 80er-Jahren Filmdrehort und –kulisse für zahlreiche Kinofilme. „Es ist noch genauso schön wie damals“, schwärmte Hilde. Obwohl - wenn sie genau nachdachte, hatte sie nur mehr ein sehr verschwommenes Bild der Orte von damals in Erinnerung. Sie konnte sich an so manches nicht mehr erinnern, ihr Gedächtnis hatte sie ein wenig im Stich gelassen in den letzten Jahren. Aber das wollte sie ihrem Wilhelm nicht zeigen, nicht solange er es nicht von selbst merken würde. Überhaupt wäre sie lieber nach Norwegen gefahren, mit den ‚Hurtigruten’, die klassische Postschiffroute von Bergen über den Polarkreis bis nach Kirkenes. Doch Wilhelm war so beseelt gewesen sie zu überraschen; sie wollte seine Freude keinesfalls trüben. 

Alte pastellfarbene Häuser, Fischrestaurants, Osterias neben chicen Boutiquen, die die Piazzetta säumen. Ein kleiner kopfsteingepflasterter Platz mit Blick auf den Hafen, wo Fischerboote und auch Luxusyachten vor Anker liegen: Portofino. Am 5. Tag ihres Urlaubs besuchten die Schröders das kleine Fischerdorf, das längst nicht mehr als verschwiegenes Kleinod herhalten konnte. Es hatte sich gemausert zum mondänen Treffpunkt für gut betuchtes Publikum, das in den edlen 5-Stern-Häusern gut und gern ein Monatsgehalt zurückließ. Sie hatten einen Spaziergang von der Kirche San Giorgio bis zum Leuchtturm gemacht, hinauf zum Castello Brown, einer Festung aus dem 16.Jahrhundert, waren durch eine imposante Kunstausstellung des anliegenden Museums gegangen und saßen nun im Ristorante Castello, das einen eindrucksvollen Panoramablick auf Portofino und das Ligurische Meer bot. 

Wilhelm war zufrieden und glücklich mit sich und der Welt. Die Schönheit der Umgebung hatte ihn vollends eingenommen. Seine Hilde ahnte ja nicht, dass er dennoch viel lieber in die Berge gefahren wäre, zum Wandern nach Südtirol; in den Vinschgau, von Reschen zur Etschquelle, hinauf auf die Schöntaufspitze oder auf die Alm zu urigen Berghütten im Ortlergebiet. Aber Hilde war nicht mehr so gut zu Fuß, konnte keine stundenlangen Märsche mit Rucksack mehr absolvieren...... und sie hatte sich doch so gefreut auf den Urlaub am Meer! Wilhelm wollte ihr das keinesfalls nehmen. Dieser Urlaub sollte eine Erinnerung an ihren ersten Besuch in Italien sein – Ein wenig seltsam nur, dass Wilhelm sich an das pittoreske Fischerdorf so gar nicht mehr erinnern konnte. Sein Gedächtnis ließ ihn doch sonst nicht im Stich. 

Zurück in der Villa Giulia. Am vorletzten Urlaubstag aßen Wilhelm und Hilde im Garten des ‚Antico Borgo“ zu Abend: Man servierte Focaccette mit Käse, Trenette Genovese, danach Buridda, einen wohlschmeckenden Meeresfrüchte-Eintopf, gefolgt von Latte dolce. Der Wein, Pigato, eine kräftige weiße Rebsorte aus den umliegenden Provinzen. Ermattet vom üppigen Essen und wohl auch von den vielen Eindrücken der vergangenen Tage hingen sie ihren Gedanken nach. Hilde versuchte, sich Plätze oder Situationen ihres ersten Italien-Urlaubs in Erinnerung zu rufen. Vieles fehlte schon, aber sie erinnerte sich an ein altes Dorf, das nach einem Erdbeben von Künstlern und Freigeistern besetzt und wieder einigermaßen instandgesetzt worden war. Die Ruinen waren nicht restauriert worden, sie blieben bestehen, so wie sie waren. Das alles war von wildem Grün bewachsen. Es gab Künstlerateliers, Nippes-Läden und Kneipen, und über dem Ganzen, das spürte sie noch heute, lag ein Hauch von Skurrilität und Grusel. 

Wilhelm hatte dem Pigato zu viel zugesprochen. Er fühlte eine Mischung aus Glückseligkeit und leichtem Schwindel in sich hochsteigen. Welch wunderbarer Erfolg, diese Reise in die Vergangenheit! Seine Hilde war glücklich, und auch er konnte zufrieden mit sich als Reiseorganisator sein. Möge der Ortler auf ihn warten. Er würde die Wanderschuhe nächstes Jahr auspacken, vielleicht Albert, seinen Jugendfreund, mitnehmen. Mit ihm könnte er auch anspruchsvollere Routen in Angriff nehmen. „Lass uns schlafen gehen, meine Liebe“, sagte er leise. Und sie marschierten die Stufen zu ihrer Villa hoch. 

Am letzten Tag ihres Urlaubs machten Wilhelm und Hilde eine kleine Wanderung in den ‚Parco Naturale di Portofino‘. Über viele Kilometer erstreckte sich der Naturpark durch die mediterrane Landschaft, teils steil bergauf in die Felsen mit einer phantastischen Aussicht über die Bucht und die umliegenden Dörfer; teils entlang der Küste, vorbei an Olivenhainen, Pinien und blühenden Wiesen. Sie wählten eine leichtere Route entlang des Meers von Ruta bis Fruttuoso. Als krönenden Abschluss statteten sie der ‚Abbazia di San Fruttuoso‘ einen Besuch ab. Die Benediktinerabtei, ein beeindruckendes Sakralgebäude aus dem 10. Jahrhundert, über viele Jahre lang im Besitz der mächtigen genuesischen Familie Doria, hat eine wechselhafte Geschichte vorzuweisen, war sie doch Kloster, Piratenhöhle wie auch- bedingt durch ihren Standort nah an der Bucht - ein Heim für Fischer. Der Italienische Umweltfonds hat sie vor rund 40 Jahren für Besucher geöffnet. 

Die müden Wanderer waren in ihr Heim zurückgekehrt. Nun ging’s ans Einpacken, der Tag der Abreise kündigte sich an. Während Hilde bereits ihre Sachen im Koffer verstaute, drehte Wilhelm den Fernseher an. Es gab nur italienische Sender in der Villa. „Telegiornale attuale“, schnatterte die Nachrichtensprecherin aufgeregt. Hilde starrte zum Fernsehgerät. „Un terremoto!“ Was sie da hörten, brauchte keine Übersetzung. Der Sender zeigte Bilder einer nach einem Erdbeben zerstörten italienischen Kleinstadt, überall Trümmer, Chaos und Verletzte; Rettungsmannschaften, Notärzte und Feuerwehren waren vor Ort. Aus einem riesigen Berg an Geröll und Mauerklötzen ragte die Spitze eines Glockenturms mit einem steinernen Kreuz hervor – nahezu alle historischen Bauten der Altstadt waren der schrecklichen Katastrophe anheimgefallen. „Terremoto forte“, zeigte das Insert nun. Hilde wurde kreidebleich. WO war denn das? „Terremoto forte a San Lorenzo al Mare“, verkündete die Sprecherin nun. Auch Wilhelm konnte nicht fassen, was er hier sah. Gibt es denn noch ein San Lorenzo in Italien? Hatte er sich so irren können? Wie ferngesteuert ging Hilde plötzlich zu ihrem Koffer, zog das gerahmte Urlaubsbild zwischen ihren Kleidern hervor. Es zeigte sie mit Wilhelm vor der Basilika mit dem Glockenturm und dem steinernen Kreuz – jene Basilika, die nun in Schutt und Asche vor ihnen lag.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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